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Veröffentlicht am 24.07.2020

Weggesperrt und für verrückt erklärt

Die Tanzenden
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Den Roman "Själarnas Ö" von Johanna Holmström, in deutscher Übersetzung als "Die Frauen von Själö" erschienen, habe ich 2019 mit großer Anteilnahme gelesen. Darin geht es um eine Insel im äußeren Schärengürtel ...


Den Roman "Själarnas Ö" von Johanna Holmström, in deutscher Übersetzung als "Die Frauen von Själö" erschienen, habe ich 2019 mit großer Anteilnahme gelesen. Darin geht es um eine Insel im äußeren Schärengürtel vor Turku, auf der es bis 1962 eine Nervenheilanstalt für Frauen gab. Meist wurden sie von ihren Angehörigen eingewiesen, häufig nicht mit einer psychiatrischen Diagnose, sondern wegen Rebellion gegen gesellschaftliche Konventionen.

Eine ganze Reihe von Parallelen, aber auch grundlegende Unterschiede dazu, weist das preisgekrönte Debüt "Die Tanzenden" der 1987 geborenen Französin Victoria Mas auf, das im Hôpital de la Salpêtrière in Paris spielt. In beiden Romanen stehen je zwei Patientinnen und eine Krankenschwester im Zentrum, beide beschäftigen sich mit den Einweisungsgründen und dem Klinikalltag und in beiden leben nur wenige Patientinnen freiwillig, weil ihnen die Einrichtung Schutz vor meist männlicher Gewalt bietet. Doch während die Handlung in "Själarnas Ö" von 1891 bis in die 1930er-Jahre spielt, umfasst sie in "Die Tanzenden" lediglich zwei Wochen im Februar und März 1885 mit einem Epilog 1890. Abgeschottet lebten die Patientinnen hier wie dort, doch gab es in der Salpêtrière zahlreiche Ärzte, an der Spitze 1885 der berühmte Professor Charcot mit seiner Hypnosetherapie, der mit ausgewählten Patientinnen wöchentliche öffentliche Lehrvorstellungen gab. Höhepunkt des Jahres für die Salpêtriere wie für die Pariser Bourgeoisie war der jährliche zu Mittfasten abgehaltene Kostümball, der „Bal des folles“, bei dem man die „Hysterikerinnen“ einem sensationsgierigen Publikum präsentierte.

Zwei Patientinnen, eine Krankenschwester
Während Sigrid, die Krankenschwester auf Själö, ihre Patientinnen empathisch umsorgt und die Grenzen zwischen krank und gesund ständig infrage stellt, ist Geneviève, die ehrgeizige Oberaufseherin der Salpêtrière, distanziert und zweifelt nicht am Konzept ihrer Klinik. Louise, eine 16-jährige Waise, wurde drei Jahre zuvor von ihrer Tante eingeliefert, nachdem ihr Onkel sie missbraucht hatte. Ebenfalls Opfer ihrer Familie ist die rebellische 19-jährige Eugénie aus bürgerlichem Hause, die mit ihrer Geisterseherei eine Bedrohung darstellt:

"Dass sie Verstorbene sah, war ein untrügliches Anzeichen von Wahnsinn. Derlei Symptome führten eine Frau, das wusste Eugénie, nicht zum Arzt, sondern geradewegs in die Salpêtrière. Wer solche Dinge öffentlich erwähnte, dem war die Zwangseinweisung sicher." (S. 54)

Als Eugénie sich trotzdem ihrer Großmutter anvertraute, brachte ihr Vater sie umgehend in die berüchtigte Klinik. Nicht nur für Eugénie ein dramatischer Einschnitt, sondern auch für Geneviève, die durch die Geisterseherin in ihren Grundfesten erschüttert wird:

"Seit einer Woche, seit Eugénie da ist, entgleitet ihr alles, was sie im Griff zu haben meinte. Ein bedrückendes Gefühl, doch sie wehrt sich nicht mehr dagegen. Sie hat versucht, standhaft zu bleiben – umsonst." (S. 136)

Ein zwiespältiges Fazit
Einerseits ist die Geschichte äußerst spannend, gut recherchiert, die Ausrichtung auf den dramaturgischen Höhepunkt in der Ballnacht gelungen. Man merkt, wie sehr die Autorin für ihr Thema und die unterdrückten Frauen brennt. Der Erzählstil ist einfach und liest sich dank des fast konsequent chronologischen Aufbaus leicht, das Cover wunderschön. Leider hat mir aber das Abgleiten ins Okkulte und Spiritistische überhaupt nicht gefallen, weil es einer ansonsten realistischen Handlung die Glaubwürdigkeit raubt. Von der Lektüre abraten möchte ich trotzdem nicht, dazu hat mich der historische Hintergrund zu sehr gefesselt und das Geschehen abseits der Geistergeschichte zu gut unterhalten.

Veröffentlicht am 31.05.2019

Familienterror

Der Zopf meiner Großmutter
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Großmütter gelten gemeinhin als eher lieb, fürsorglich und verständnisvoll. Genau das Gegenteil ist Alina Bronskys Protagonistin Margarita, denn sie terrorisiert nicht nur ihren gutmütigen Mann Tschingis, ...

Großmütter gelten gemeinhin als eher lieb, fürsorglich und verständnisvoll. Genau das Gegenteil ist Alina Bronskys Protagonistin Margarita, denn sie terrorisiert nicht nur ihren gutmütigen Mann Tschingis, sondern auch den Enkel Maxim, genannt Mäxchen. Dass sie ihm grundlos Krankheiten andichtet, ihn mit pürierter Kost traktiert, mit einem wahren Desinfektionswahn gegen Keime ankämpft und ein Schulfest für ebenso gefährlich hält wie eine Grippeepidemie, könnte man noch unter dem Schlagwort „Überbehütung“ verbuchen. Beschimpfungen wie „Du bist ein Idiot“ oder „formloser Rotz“ passen dazu jedoch definitiv nicht, und dass sie ihm eintrichtert, „körperlich schwach und geistig minderbemittelt“ zu sein, entspricht mit Sicherheit nicht dem Erziehungsideal der Stärkung von Kindern. „Ein Klotz am Bein“ sei er, versichert sie ihm beständig, und schuld daran, dass für sie „jedes Lebensjahr für zwei“ zählt. „Niemand auf der ganzen Welt würde sich jemals so für mich interessieren wie sie“ versichert sie dem Ich-Erzähler Maxim, der zu Beginn fünf Jahre alt und gerade mit den Großeltern als Kontingentflüchtling nach Deutschland übergesiedelt ist. Zunächst wehrt sich der intellektuell überlegene Enkel nicht, denn: „Ich käme ja sonst zu nichts anderem mehr“, aber allmählich durchschaut er sie doch und beginnt „am Wahrheitsgehalt ihrer Aussagen zu zweifeln“ – ein erster Schritt auf dem Weg zur Emanzipation.

Einen anderen Ausweg aus der Unterdrückung findet der Großvater mit den asiatischen Gesichtszügen. Zwar kann Margarita ihn mit Schuldzuweisungen an sich binden, doch verliebt er sich kurz nach der Ankunft in Deutschland. Maxim, der die Situation instinktiv erfasst, deckt ihn, und so ist ausgerechnet die alles kontrollierende Margarita lange ahnungslos. Umso erstaunlicher reagiert sie, als sie mit der Wahrheit konfrontiert wird: Sie gründet kurzerhand eine Patchwork-Familie. Am Krankenbett des Großvaters ergibt sich deshalb ein verwirrendes Bild: „Wenn ich auf Station war, riefen mich die Schwestern … und fragten, wer die beiden Frauen an Großvaters Bett seien und wer von ihnen mich und meinen kleinen Bruder aus Korea adoptiert habe.“

Leider hat der Humor in der stark 200 Seiten umfassenden Geschichte selten so wie an dieser Stelle bei mir gezündet. Obwohl ich skurrile Protagonisten prinzipiell mag, war mir die Egozentrik Margaritas einfach zu viel. Erklärungsansätze für ihr Verhalten werden zwar im Laufe der Geschichte sichtbar, ihre Einsamkeit, die Entwurzelung, ihre Angst, nicht gebraucht zu werden, und ihre Schuldgefühle, trotzdem kam kein Mitgefühl bei mir auf. Durch die Ich-Perspektive Maxims – es blieb mir unklar, ob er rückblickend aus der Erwachsenenperspektive oder zeitnah erzählt – konnte ich außerdem nicht einschätzen, inwieweit er diese traumatische Kindheit tatsächlich so locker wegsteckt, wie er uns glauben machen will. Darüber hinaus kam das Ende relativ plötzlich, unspektakulär und mit größeren Zeitsprüngen im letzten Drittel des Romans.

Für mich reicht Alina Bronskys neuer Roman "Der Zopf meiner Großmutter" nicht an "Baba Dunjas letzte Liebe" heran. Unterhaltsam, kraftvoll geschrieben und gut zu lesen ist er jedoch allemal.

Veröffentlicht am 23.05.2019

Ein beispielloser Fall

Mörderisches Lavandou (Ein-Leon-Ritter-Krimi 5)
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Mit Beginn des Herbstes kehrt normalerweise in Le Lavandou Ruhe ein. Die Bar „Chez Miou“ gehört wieder den Einheimischen und traditionell gibt es bei der Polizei und im rechtsmedizinischen Institut mit ...

Mit Beginn des Herbstes kehrt normalerweise in Le Lavandou Ruhe ein. Die Bar „Chez Miou“ gehört wieder den Einheimischen und traditionell gibt es bei der Polizei und im rechtsmedizinischen Institut mit der Abreise der letzten Touristen weniger Arbeit. Nicht so in diesem Jahr. Was mit der Vermisstenanzeige einer jungen Frau beginnt, führt kurz darauf zu einem makabren Fund: Ein abgetrennter Fuß mit Schuh taucht auf, kurz danach der Rest der Leiche. Laut dem Befund von Dr. Leon Ritter, Gerichtsmediziner am rechtmedizinischen Institut von Saint-Sulpice, deutscher Abstammung und Lebenspartner von Capitaine Isabelle Morell, verblutete das Opfer infolge der dilettantisch durchgeführten Verstümmelung. Offensichtlich hatte der Täter es darauf angelegt, dem Opfer ein Höchstmaß an Schmerzen zuzufügen: „Allerdings liegt in diesem Fall ein Maß an Aggressivität vor, wie ich es in meiner fünfundzwanzigjährigen Berufspraxis nur selten gesehen habe.“ Kurz nach der ersten verschwindet eine weitere Frau. Frankreichweit erregen die Vorgänge in Le Lavandou Aufsehen: „Dieser Fall war ohne Beispiel und darum eine Sensation“ und „lockt die Medien an wie reife Beeren die Wespen“, dabei möchte der Polizeichef, „dass Le Lavandou für seine Blumenpracht bekannt wird und nicht für seine abgesägten Füße“.

Wie immer schickt die Staatsanwaltschaft Toulon bei Kapitalverbrechen eine Kommissarin nach Le Lavandou, sehr zum Ärger von Polizeichef Zerna. Begeistert ist auch niemand über die Psychologin Dr. Claire Leblanc, die die Kommunikationsstruktur der Gendarmerie national verbessern soll – außer dem médecin légiste, der prompt einen Flirt mit der attraktiven Frau beginnt.

Dr. Leon Ritter steht noch mehr als gewöhnlich im Mittelpunkt dieses fünften Falls. Nicht nur, dass alle Opfer bei ihm in der Gerichtsmedizin landen, scheint der Täter ihn ganz persönlich herausfordern zu wollen. Trotz seiner Beteuerungen, dass er nur für die Fakten, die Polizei dagegen für die Schlüsse zuständig sei, kann er das Ermitteln wieder einmal nicht lassen und stellt die Ergebnisse der Polizei immer wieder in Frage. Doch plötzlich ist Leon noch viel mehr in den Fall involviert, als er es sich hätte träumen lassen, und zu den beruflichen Problemen kommen nun auch noch private.

Remy Eyssens Provence-Krimis gehören zu einer der wenigen Reihen, von denen ich mir keinen Band entgehen lasse. Trotz der schaurigen Mordfälle sind es „Wohlfühlbücher“ in herrlicher Umgebung, mit französischem Flair und sehr sympathischen Protagonisten. Allerdings habe ich auch bei „Mörderisches Lavandou“, genau wie beim Vorgängerband „Das Grab unter Zedern“, den Täter vorzeitig entlarvt, dieses Mal nach etwa zwei Dritteln des Buches. Etwas weniger blutige Details hätten für meinen Geschmack genügt und der Showdown war, wenn man die Vorgängerbände kennt, nicht besonders originell, aber ansonsten hat mich der leicht lesbare Krimi wieder gut unterhalten und ich freue mich auf meinen nächsten Besuch in Le Lavandou, wenn vielleicht sogar Hochzeitsglocken läuten.

Veröffentlicht am 04.03.2019

Der verlorene Sohn

Worauf wir hoffen
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Worauf wir hoffen
Worauf wir hoffen
Fatima Farheen Mirza
Rezension vom 04.03.2019 (0)

Hadia ist die erste in ihrer Familie indisch-schiitischer US-Einwanderer, die ihren Ehemann selbst auswählt. Als ...


Worauf wir hoffen
Worauf wir hoffen
Fatima Farheen Mirza
Rezension vom 04.03.2019 (0)

Hadia ist die erste in ihrer Familie indisch-schiitischer US-Einwanderer, die ihren Ehemann selbst auswählt. Als sie heiratet, ist die Familie bereits auseinandergebrochen, doch kehrt der jüngere Bruder Amar auf ihren Wunsch zum ersten Mal nach drei Jahren zurück. Anders als seine angepassten älteren Schwestern Hadia und Huda war er von Geburt an schwierig. Von der Mutter Laila nachsichtig verwöhnt, gab es mit dem Vater Rafik ständig Streit: „So wie in anderen Familien gelacht wurde, so steuerte bei ihnen alles immer auf eine Auseinandersetzung zu.“ Schulschwierigkeiten, Ablehnung der islamischen Gesetze zur Geschlechtertrennung und der Moscheefeste, Alkohol- und Drogenprobleme säumen seinen Weg. Amar fühlt sich nicht zugehörig, empfindet Wut und steht sich selbst im Weg.

Die 1991 in den USA geborene Fatima Farheen Mirza erzählt in ihrem Debütroman „Worauf wir hoffen“ vom Leben einer Einwandererfamilie. Rafik hat in der neuen Heimat alles erreicht: guter Job, eigenes Haus, eine Frau aus seiner Heimat Haiderabad, drei in den USA geborene Kinder und Respekt in der Moscheegemeinde. Während Laila tief gläubig ist, empfindet er die Religion eher als Gewohnheit und Ordnungsprinzip, an der er um der Familie willen festhält. Für die Kinder ist das Leben zwischen zwei Kulturen ein Spagat. Mit neun Jahren hat Hadia, die älteste, zwar die Wahl, ob sie als einzige in ihrer Grundschulklasse einen Hijab tragen will oder nicht, doch wie sich dagegen entscheiden, wenn die Ablehnung den Eltern als Sünde gilt? Freunde lehnen die Eltern generell ab, das andere Geschlecht ist tabu, genau wie laute Musik oder T-Shirts mit Band-Namen. Während die Töchter sich arrangieren, gute Leistungen zeigen und schließlich studieren, wird Amar zum verlorenen Sohn.

Sprachlich eher einfach, verzichtet der Roman auf jegliche Chronologie in der Erzählweise, doch fällt die Orientierung nicht schwer. Im ersten und dritten Teil steht Hadias Hochzeit im Mittelpunkt, der zweite führt zurück bis zur Kindheit der Eltern, im vierten erzählt ausführlich Rafik, der nicht über die Entfremdung von Amar hinwegkommt. Wer wird einst die Totenwaschung vornehmen und die erste Handvoll Erde in sein Grab werfen, beides Frauen nicht erlaubt?

Sehr interessant ist die Innenansicht einer schiitischen Familie, deren starre Lebensweise so inkompatibel zum US-amerikanischen Freiheitsideal scheint, obwohl viele der genannten Konfliktpunkte in Nicht-Einwandererfamilien genauso vorkommen. Rafik und Laila sind nicht ultrakonservativ, Hadia und Huda legen ihr Kopftuch nach 9/11 auf Wunsch des Vaters vorsichtshalber ab, Hadia studiert fünf Fahrtstunden entfernt, der von ihr ausgewählte Ehemann wird akzeptiert, obwohl er weder Schiit ist noch Urdu spricht, doch darf sie keineswegs zeigen, dass es sich um Liebesheirat handelt. Alles dies ist mit viel Herzblut beschrieben, doch verliert sich die Autorin in zu vielen Wiederholungen, sodass sich bei mir ein gewisser Überdruss einstellte. Ein strenges Lektorat mit starken Kürzungen, eine schärfere Fokussierung auf die kulturell bedingten Konfliktpunkte und ein Glossar für die kursiv gedruckten religiösen oder kulinarischen Begriffe hätte ich mir gewünscht.

Trotz dieser Kritik werde ich auch dem nächsten Buch von Fatima Farheen Mirza eine Chance geben, denn die Autorin hat viel zu erzählen.

Veröffentlicht am 14.02.2026

Lange Schatten

Ich möchte zurückgehen in der Zeit
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Das überaus stimmige Cover der familienbiografischen Spurensuche "Ich möchte zurückgehen in der Zeit" von Judith Hermann stimmt hervorragend auf den Inhalt ein: Hinter der offenen Tür sieht man eine verschlossene, ...

Das überaus stimmige Cover der familienbiografischen Spurensuche "Ich möchte zurückgehen in der Zeit" von Judith Hermann stimmt hervorragend auf den Inhalt ein: Hinter der offenen Tür sieht man eine verschlossene, die Sicht in die Vergangenheit ist versperrt. Wie viele Türen mögen sich dahinter noch verbergen?

Die 1970 geborene Autorin begann mit etwa 50 Jahren, sich für die Kriegserlebnisse ihres Großvaters zu interessieren:

"Die SS-Vergangenheit meines Großvaters ist ein offenes Geheimnis, sie existiert und wird zugleich geleugnet." (S. 10)

Weder die 1990 verstorbene Großmutter, noch die im November 1945 geborene Mutter oder deren ältere Brüder haben, abgesehen von harmlosen Anekdoten, jemals über den 1904 geborenen Großvater gesprochen, der 1932 in die NSDAP eintrat und mit der Waffen-SS in der südostpolnischen Kleinstadt Radom stationiert war. Dort wurde im Frühjahr 1941 ein Ghetto für 33.000 Menschen errichtet, im August 1942 binnen zweier Tage mit äußerster Brutalität wieder aufgelöst und die Bewohnerinnen und Bewohner erschossen oder nach Treblinka bzw. Auschwitz deportierten. Ein Foto zeigt den Großvaters in SS-Uniform in Radom im Juli 1941, eine Beteiligung an den Verbrechen ist sehr wahrscheinlich.

Das große Schweigen
Nachdem die Mutter bei ihrer Weigerung, über ihren Vater zu reden, blieb, reiste Judith Hermann im Februar 2024 nach Radom und verbrachte einige Wochen in der eisigen, abweisenden Stadt, ohne mehr als den Ort zu finden, an dem das Foto aufgenommen wurde. Telefonate mit ihrer Mutter glichen immer mehr Verhören durch eine zunehmend empörte Tochter:

"Wie konnten die Geschwister, wie konnte meine Mutter darauf bestehen, diesen Vater nicht gekannt zu haben." (S. 19)

Von Radom fuhr Judith Hermann weiter nach Neapel zu ihrer als Archäologin tätigen Schwester und deren Familie. Zwar wich die Isolation und Schwermut von Radom einem lebhaften Familienleben in Süditalien, doch zeigte die Schwester keinerlei Interesse an ihren Nachforschungen und die Distanz blieb beidseitig:

"Ich wollte sagen, diesen Fund der Skelette nennt man einen geschlossenen Fund. Wir sehen davon aus, dass das Ereignis abgeschlossen gewesen, dass nichts mehr dazu gekommen ist. […]
Ich sagte, diese Sache mit unserem Großvater ist demzufolge kein geschlossener Fund.
Meine Schwester sagte, o.k. Ist kein geschlossener Fund." (S. 129)

Im kürzeren dritten Abschnitt geht es um das kurzzeitige Verschwinden der Schwiegereltern während einer Urlaubsreise, auch dies eine "beeindruckende Leerstelle, die bis heute Leerstelle geblieben ist; ein geschlossener, zugleich offener Fall“ (S. 148).

Zu viele Leerstellen
"Ich möchte zurückgehen in der Zeit" war mein erstes Buch von Judith Hermann und formal wie sprachlich so gekonnt, wie ich es von dieser häufig ausgezeichneten Autorin erwartet habe. Inhaltlich war ich dagegen enttäuscht. Zwar können Leerstellen eine Geschichte durchaus interessant machen, wenn es aber nur Leerstellen gibt, bleibt wenig übrig. Ich hätte gerne mehr über die Motivation für ihre Recherche erfahren als den Hinweis auf die inzwischen wissenschaftlich belegte, hinlänglich bekannte Tatsache, „dass sich das Leben der Großeltern über die Eltern hinweg in den Lebenswegen der Enkel aufzeigt“ (S. 87). Auch die Beweggründe für die Neapelreise blieben unscharf. Schade außerdem, dass es Judith Hermann ausschließlich um eigene Befindlichkeiten geht und fast keine Auseinandersetzung stattfindet mit den Gründen für das mütterliche Verhalten, deren Loyalitätskonflikt, ihre Angst vor dem Schulderbe und dem diese Verdrängung begünstigenden politisch-gesellschaftlichen Klima nach dem Krieg. Wer darüber mehr erfahren möchte, dem empfehle ich "Am Beispiel meines Bruders" von Uwe Timm, der zwar nicht der Enkelgeneration angehört, aber bei der Recherche zur Kriegsgeschichte seines deutlich älteren Bruders nach dem Tod seiner Eltern genau diese Aspekte beleuchtet.

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