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Veröffentlicht am 28.10.2020

Familienbande

Marigolds Töchter
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Santa Montefiore (So lautet der richtige Name von Julia Woolf) hat mit „Marigolds Töchter“ eine berührende Familiengeschichte vorgelegt. Der Autorin gelingt es, eine anrührende story frei von ...

Santa Montefiore (So lautet der richtige Name von Julia Woolf) hat mit „Marigolds Töchter“ eine berührende Familiengeschichte vorgelegt. Der Autorin gelingt es, eine anrührende story frei von Kitsch zu erzählen – dies ist zumindest mein Empfinden, andere Leser werden das Ganze vielleicht rührselig finden.

Worum geht’s?

- Im Mittelpunkt steht die 66jährige Britin Marigold, die im Dorfladen eines kleinen Ortes in England arbeitet und auch sonst alles im Griff hat. Zu ihrem Haushalt gehören ihr Ehemann, ihre alte Mutter, ihre Influencer-Tochter, die immer noch zuhause wohnt, obwohl sie schon Mitte zwanzig ist. Immobilienpreise! Tochter Daisy, eine Kunsthistorikerin, hat es scheinbar geschafft, sie arbeitet in Italien und sie ist mit dem Künstler Luca liiert. Marigold ist erstaunt, als Daisy ihre Rückkehr in das Elternhaus ankündigt, mit Luca ist es aus, also wird sie sich ein Zimmer mit Schwester Suze teilen müssen. Mir gefiel es, dass die Autorin mehrere Generationen in einem Haus leben lässt, in Zeiten wie diesen, in denen eine große Ungewißheit herrscht, in denen die Wirtschaft weltweit schwächelt, ist eine solche Konstellation nicht wirklich unrealistisch. Realistisch ist auch das Verhalten der Figuren, und obwohl Marigolds Mutter Nan nicht Unrecht mit manchen ihrer Analysen hat (ihre Generation hatte es nach dem Zweiten Weltkrieg tatsächlich schwerer als heutige Influencer), ist sie doch auch eine etwas zänkische Frau, die nicht mit der Zeit gehen kann. Marigold ist der Fels in der Brandung, sie hat für alle ein offenes Ohr, als sie jedoch an Demenz erkrankt, verschiebt sich das Kräftegleichgewicht in der Familie…

Gesundheit ist nicht selbstverständlich, auch Kranksein gehört zum Leben. Mich fasziniert überhaupt die Beobachtungsgabe der Autorin, sie ordnet Generationenkonflikte richtig ein, hat auch einen Blick für Klassenunterschiede in Großbritannien. Marigold wird von der Tochter eines "Gutsbesitzers" zwar freundlich, aber nicht gleichberechtigt behandelt, da ihr Vater nur "Tischler" war. Marigolds Familie bemerkt nur langsam, dass es mit den geistigen Kräften der Matriarchin bergab geht. Doch der Mensch ist mehr als sein Intellekt, auch wenn ein Mensch sich verändert, hat er doch ein lebenswertes Leben verdient, dies veranschaulicht die Autorin auf sensible Art und Weise.

Fazit:

„Marigolds Töchter“ ist meines Erachtens mehr als eine Geschichte über Demenz. Der Roman ist vielschichtig und gehaltvoll, und ich bin froh, dass ich ihn gelesen habe, obwohl das Cover auf den ersten Blick abschreckend auf mich wirkte. Aber wie heißt es doch so schön: “ Don`t judge a book by ist cover.“


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Veröffentlicht am 07.09.2020

Dystopie

Zugvögel
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„Zugvögel“ ist in seinem Kern ein dystopischer Roman. Eine Ich- Erzählerin führt durch das Geschehen. Die Protagonistin ist ein ruheloser Mensch, eine getriebene Seele. Franny ist den Küstenseeschwalben ...

„Zugvögel“ ist in seinem Kern ein dystopischer Roman. Eine Ich- Erzählerin führt durch das Geschehen. Die Protagonistin ist ein ruheloser Mensch, eine getriebene Seele. Franny ist den Küstenseeschwalben auf der Spur, sind sie die letzten ihrer Art? Hier spiegelt die Natur teilweise das Innenleben der Protagonisten wider. Obwohl das Ganze in der Zukunft spielt, gibt es doch auch Zeitsprünge. Fanny scheint ein schwieriger Charakter zu sein, was es anfangs nicht leicht macht, sie zu verstehen. Die Entwicklung der Figur ist jedoch spannend. Wie fast jede Dystopie ist auch „Zugvögel“ eigentlich eine Art Parabel, die auf die menschlichen Verfehlungen der Gegenwart hinweist. Dies muss man als Leser mögen, da auch unangenehme Wahrheiten angedeutet, wenn nicht gar explizit deutlich gemacht werden.

Fazit: „Zugvögel“ ist eine Dystopie am Puls der Zeit. Eine unkonventionelle Ornithologin führt durch das Geschehen. Wenn man sich für das Genre begeistern kann, wird man das Buch nicht mehr aus der Hand legen können!

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Veröffentlicht am 26.08.2020

Ironischer Erzählton

Omama
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Was darf Satire?
Die Autorin kannte ich bereits, ihre Sketche zum Thema Menstruation finde ich genial, ihre Scherze über Genitalien erinnern mich eher an Pennälerhumor. Ihr Programm hält linken und rechten ...

Was darf Satire?
Die Autorin kannte ich bereits, ihre Sketche zum Thema Menstruation finde ich genial, ihre Scherze über Genitalien erinnern mich eher an Pennälerhumor. Ihr Programm hält linken und rechten Spießbürgern den Spiegel vor; der Zeitgeist wird durch den Kakao gezogen, vorauseilender Gehorsam aka Political Correctness karikiert. Das Wichtigste ist Anstand (nicht unbedingt ‚Anständig essen‘).
Lisa Lasselsberger (besser bekannt unter ihrem Künstlernamen Lisa Eckhart) legt mit „Omama“ ihr Romandebüt vor. Es ist die fiktionalisierte Lebensgeschichte ihrer Oma Helga. Nach Ende des Zweiten Weltkriegs standen die Türken vor Wien, nein, pardon, die Russen vor Österreich. Oma Helga stand als junges Mädchen im Schatten ihrer bildschönen Schwester Inge (diese war nicht die Hellste). Helgas Eltern waren nicht zimperlich – der Vater ein Säufer, die Mutter wurde gerne mal handgreiflich. Für die Generation nichts Ungewöhnliches. Bei der Österreicherin Lisa Eckhart gibt es kein Alpenglühen und keinen Heimatkitsch, aber Satire in Reinkultur – mal schwarzhumorig und bitterböse, mal brüllend komisch. Die Autorin ist studierte Germanistin und die Lust an der deutschen Sprache merkt man dem Roman auch an; besonders toll finde ich die Austriazismen und den ironischen Erzählton. Eckhart zeigt auch auf, dass Erinnerungen trügerisch sein können – Oral History lässt grüßen.
Romane über Großmütter gibt es viele. Auch Saša Stanišić beschäftigt sich in „Herkunft“ unter anderem mit (der Demenz) seiner Oma Kristina. Das Genre ist populär und trendy. Glücklicherweise gelingt es Eckhart, keinen Aufguss von bereits Erzähltem zu präsentieren. In „Omama“ sind die Frauen stark, die Männer schwach, die Menschen sündhaft beziehungsweise menschlich. Das Ganze wird überspitzt dargestellt, es gibt Wortspielereien, kluge Sätze und Provokationen an der Grenze des guten Geschmacks. Vor lauter Erzählfreude baut die Autorin auch Längen in die Geschichte ein. Dafür gibt es einen Stern Abzug. Davon abgesehen ist „Omama“ aber ein Roman, der zum Nachdenken anregt.

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Veröffentlicht am 06.07.2020

Am Puls der Zeit

Die Perlenfarm
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Kiona lebt auf einer Südseeinsel und verdient ihren Lebensunterhalt als Perlenfischerin. Eines Tages rettet sie einen Schiffbrüchigen, der behauptet, ein Banker aus London zu sein. Kiona verliebt sich ...

Kiona lebt auf einer Südseeinsel und verdient ihren Lebensunterhalt als Perlenfischerin. Eines Tages rettet sie einen Schiffbrüchigen, der behauptet, ein Banker aus London zu sein. Kiona verliebt sich unsterblich in den Schweden Erik, doch das familiäre Idyll währt nur kurz: Als Erik verschwindet, verlässt Kiona die Cook – Inseln, sie lässt ihre Kinder zurück und macht sich auf die Suche nach ihrer großen Liebe. Diese Suche lässt sie den europäischen Kontinent durchqueren, sie führt die Protagonistin nach Europa und Amerika…
„Die Perlenfarm“ ist ein wilder Genremix. Liebesgeschichte, Krimi, ein gesellschaftskritischer Globalisierungsroman, ein Agententhriller über die Machenschaften in der Finanzwelt. Insofern ist der Roman total am Puls der Zeit. Ich wünschte nur, die Figuren wären detaillierter ausgearbeitet gewesen, dann hätte ich eher eine Bindung zu ihnen aufbauen können.
Der Stil der Autorin ist klar und präzise, ich hätte jedoch Fußnoten statt Übersetzungen in Klammern bevorzugt, wenn es um die Übersetzung der indigenen Sprache ging, das stört den Lesefluss weniger. Der Roman ist kein seichter Südseekitsch, man darf trotz des Covers, das „Urlaubslektüre“ schreit, keine klischeehafte Liebesgeschichte erwarten, sonst wird man enttäuscht sein. Die Handlung ist überraschend vielseitig, es gibt diverse Schauplätze, und trotz Längen hat mich „Die Perlenfarm“ von Liza Marklund insgesamt gut unterhalten!

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Veröffentlicht am 23.06.2020

Sie ist so frei

All das zu verlieren
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„ All das zu verlieren“ ist Leila Slimanis Debut, stellenweise merkt man dies dem Roman auch an, er wirkt ein wenig unausgereift. Stil und Ausdruck gefielen mir jedoch sehr gut. Trotz der Thematik wird ...

„ All das zu verlieren“ ist Leila Slimanis Debut, stellenweise merkt man dies dem Roman auch an, er wirkt ein wenig unausgereift. Stil und Ausdruck gefielen mir jedoch sehr gut. Trotz der Thematik wird die Geschichte nie schlüpfrig, nie wird man als Leserin in die Rolle des Voyeurs gedrängt. Adèle wohnt mit Mann und Kind in Paris. Nur beim Sex mit Fremden fühlt sie sich frei & selbstbestimmt. Sie lügt und betrügt zwanghaft, um ihr Ziel zu erreichen.

Ihr Mann ist „stolz auf ihre Unabhängigkeit“, denn Adèle arbeitet bei einer Zeitung, ihr Job ödet sie jedoch an. Am liebsten wäre sie eigentlich eine reiche Gattin, gerne würde sie die Tage vertrödeln. Revolutionär die Aussage, dass eine Frau die Erfüllung nicht im Beruf findet, geradezu ein Tabubruch. Die Protagonistin liebt ihren Sohn. Trotzdem empfindet sie eine große Leere. Ihr Mann liebt sie mehr, als sie ihn liebt, aber er ermöglichte ihr, dem Mädchen aus einfachen Verhältnissen, den Aufstieg in die französische Upper Class. Da liegt der Hase im Pfeffer: Adèle droht „all das zu verlieren“, insgeheim will sie das vielleicht? Die Reichen nehmen zwar gern die Dienste eines Kindermädchens „aus Somalia“ in Anspruch, wundern sich aber, dass dieses Kindermädchen „den Ramadan einhält“, als sei es kein Mensch. Die Protagonistin durchschaut die Heuchelei.
Der Grund für das Verhalten der Heldin liegt u.a. in ihrer Kindheit. Ihre Eltern verband eine Art Hassliebe, ihr aus dem Maghreb stammender Vater warf seiner französischen Frau oft vor, ihn seiner Wurzeln beraubt zu haben. Zu keinem Elternteil hatte die Protagonistin ein enges Verhältnis, bei des Vaters Tod erinnert sie sich an dessen Schamhaftigkeit.
Als Adèle erwachsen wird, merkt sie, dass ihr Körper ihr Kapital ist. Sie definiert sich über das Begehren.
Sie will Leidenschaft. Als ihr Ehemann ihr eine „Altweiberbrosche“ schenkt, hat sie das Gefühl zu ersticken. Ihr Mann will auf’s Land, raus aus der Hauptstadt, erst recht, als er den Betrug seiner Frau bemerkt. Er ordnet das Ganze unter „Sexsucht“ ein, das Landleben soll seine Frau „heilen“. Er vergleicht jede andere Frau mit seiner Frau, die ihm stets begehrenswert erschien. Diese will ihr Kind nicht verlassen, ordnet sich unter, ihr Mann, der auch mal eine Affäre hatte, hält an der Ehe fest. Doch dies ist nicht das Ende …
„All das zu verlieren“ ist ein starker Roman. Bei der Lektüre war ich jedoch etwas hin – und hergerissen. Einerseits war ich genervt: Die Protagonistin hat alles, wirklich alles, ein gesundes Kind, sie ist finanziell abgesichert, sie sieht gut aus. Doch das reicht ihr nicht? Auch ihre beste Freundin, die vielleicht heimlich in den gehörnten Ehemann verliebt ist, deutet dies an.
Andererseits dachte ich, dass Slimani gut herausarbeitet, dass Frauen in westlichen, scheinbar aufgeklärten Gesellschaften so frei auch nicht sind. Ökonomische Abhängigkeiten, gesellschaftliche Erwartungen engen sie ein, besonders, wenn es um die weibliche Sexualität geht.



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