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Veröffentlicht am 09.09.2020

Magische Detektivgeschichte mit krummen Reimen zum Schieflachen

Elfie und das magische Eichhörnchen
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Äußerst merkwürdige Dinge geschehen in letzter Zeit in Elfies Leben. Im Wipfelschloss, dem Baumhaus und Geheimquartier von Maya und Elfie finden die zwei Mädchen ein geheimnisvolles Kästchen. Nur Elfie ...

Äußerst merkwürdige Dinge geschehen in letzter Zeit in Elfies Leben. Im Wipfelschloss, dem Baumhaus und Geheimquartier von Maya und Elfie finden die zwei Mädchen ein geheimnisvolles Kästchen. Nur Elfie kann es öffnen und entdeckt darin eine mysteriöse Nachricht, dass sie die Freundin eines weißen, weisen Tieres werden soll. In der Nacht erhält sie auch noch überraschenden Besuch von einem weißen Eichhörnchen, das sie in ungelenken und ziemlich unverständlichen Reimen vor Gefahr warnt. Und das ist erst der Anfang. Das Tier gibt ihr immer wieder Rätsel auf und bei der Entschlüsselung kommt es oftmals zu Missverständnissen und peinlichen Situationen. Dass nur Elfie das weiße Eichhörnchen, das sie Krümel nennt, verstehen kann, macht die Sache nicht einfacher. Wie soll sie ihre beste Freundin Maya, die ziemlich gut im Knobeln und Rätsellösen ist, nur davon überzeugen, dass gerade ziemlich viel unerklärliche Magie passiert, ohne dass die sie für komplett verrückt hält?

„Elfie und das magische Eichhörnchen“ liest sich angenehm, schön flüssig und humorvoll. Autorin Susanne Rauchhaus schreibt aus Elfies Sicht und formuliert altersgemäß für die Zielgruppe von Kindern ab acht Jahren. Elfie spricht den Leser anfangs direkt an, dadurch wirkt der Sprachstil sehr lebendig. Das Cover und die wenigen Illustrationen am Kapitelanfang machen allerdings einen leicht altbackenen Eindruck, scheinen fast aus der Zeit gefallen. Von der graphischen Gestaltung her, hätte das Buch auch aus den 80er Jahren stammen können. Für mich ein „nostalgisches“, unmodernes Cover, aber vielleicht ist das beabsichtigt.

Elfie ist ein aufgewecktes, nettes Mädchen. Als zweitältestes Kind in einer Familie mit vier Kindern ist sie Trubel gewohnt und macht natürlich einiges mit. Sie ist rücksichtsvoll und sehr sozial, hat Phantasie und glaubt an Magie, zumindest ein bisschen. Ihre neugierige, scharfsinnige Freundin Maya ist Realistin durch und durch, sucht für alles logische Erklärungen. Die Zwei ergänzen sich ziemlich gut, sind aber nicht immer einer Meinung. Und dann ist da ja noch der Neue, der geheimnisvolle Noah, der einen besonderen Draht zu Raben hat. Sehr gerne mochten meine Kinder übrigens Krümel, das weiße Eichhörnchen. Krümel ist wirklich drollig und besticht durch seine herrlich direkte Art.

Ganz schön viele Rätsel gilt es für Elfie und Maya zu lösen. Wie gelangt denn plötzlich das Kästchen ins Baumhaus? Was bedeuten die seltsamen Reimbotschaften? Was hat es mit den mysteriösen Raben auf sich? Diese Fragen machen „Elfie und das magische Eichhörnchen“ ziemlich spannend. Krümel mit seinen ziemlichen schlechten, aber witzigen Reimen sorgt zur Auflockerung für witzige Szenen und einige Lacher. Das ungewöhnliche Ende kommt wirklich überraschend und macht definitiv Lust auf mehr. Ein fesselndes, witziges Kinderbuch mit viel Nusskuchen für alle, die gerne knifflige Fälle lösen und Geheimnisse und etwas Magie mögen. Wenn es nach uns ginge, könnten Elfie, Krümel und Co in Serie gehen.

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Veröffentlicht am 02.09.2020

Vom Suchen und Finden der Liebe

Heute schon für morgen träumen
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„Liebe in all ihren Formen gibt den Ausschlag, ob das Leben eine trübsinnige Schwarzweißzeichnung ist oder ein farbenfrohes Ölgemälde“.

Emilia arbeitet in Brooklyn als Bäckerin im Feinkostgeschäft ihrer ...

„Liebe in all ihren Formen gibt den Ausschlag, ob das Leben eine trübsinnige Schwarzweißzeichnung ist oder ein farbenfrohes Ölgemälde“.

Emilia arbeitet in Brooklyn als Bäckerin im Feinkostgeschäft ihrer Familie, doch eigentlich möchte sie lieber schreiben. Als die von der Familie „verstoßene“ Großtante Poppy Emilia bittet, sie auf eine Italienreise zu begleiten, zögert sie zunächst. Poppy ist wie Emilia eine Zweitgeborene und die haben in Emilias Familie seit Generationen kein Glück in der Liebe. Manche Familienmitglieder glauben sogar an einen Fluch der zweitgeborenen Fontanas, der sie dazu verdammt, ihr Leben allein verbringen zu müssen. Gegen den Willen von Großmutter, Schwester und Vater beschließt Emilia schließlich, die Reise anzutreten. Gemeinsam mit Poppy und Cousine Lucy- ebenfalls zweite Tochter- geht es auf eine Tour durch das Land ihrer Vorfahren. Eine Reise in die Vergangenheit mit Blick in die Zukunft, in der Emilia klar wird, was für sie eigentlich wichtig ist.

Lori Nelson Spielman schreibt gewohnt flüssig und eingängig. Sie nimmt die Ich-Perspektive von Emilia ein, in Einschüben kommt aber auch Großtante Poppy zu Wort, die aus ihrem Leben im Italien der 60er Jahre erzählt.

Wer sind Emilia und Poppy, die Hauptfiguren des Romans? Für ihre Familie sind sie
Zweitgeborene, deren Schicksal vorherbestimmt ist. „Es ist doch interessant, dass wir alles dransetzen, die Meinung anderer über uns zu bestätigen- egal ob sie gut oder schlecht ist“, meint Poppy. Emilia ist natürlich überzeugt, dass es sowas wie Flüche nicht wirklich gibt, trotzdem hat sie sich in ihre Rolle des unscheinbaren Mädchens geflüchtet, wartet passiv, versteckt sich, kleidet sich wie eine alte Frau. Sie lernt sich in Italien selbst besser kennen. „Warum gibst Du dem Universum die Macht, über dich zu bestimmen, aber glaubst nicht, dass es dich erlösen kann“, fragt Poppy und bringt Emilia kräftig zum Nachdenken. Eigentlich ist nämlich Emilia eine Träumerin voller Zuversicht. Sie sieht das Leben lieber so wie es sein sollte, als wie es ist.

Poppy wirkt beinahe wie ein Gegenpol zu Emilia aktiv, schillernd, lebenslustig, temperamentvoll, selbstbewusst und selbstbestimmt. Sie blickt auf ein außergewöhnliches Leben voller dramatischer Momente zurück, hofft darauf, an ihrem 80. Geburtstag in Italien ihre große Liebe wieder zu treffen.

Wo Emilia zu passiv agiert, sich und ihr Temperament zu sehr zurückhält, versucht sich Cousine Lucy offensiv gegen den „Fluch“ zu wehren. Sie präsentiert sich sehr selbstbewusst, geizt nicht mit ihren Reizen, stürzt sich blind von einem Liebesabenteuer ins nächste, gönnt sich keine Pause und ärgert sich über Emilias Untätigkeit und Lethargie.
Die Reisegesellschaft besteht aus drei sehr unterschiedlichen Charakteren, die sich nach und nach immer näher kommen. Sie erkennen: Der wahre Fluch liegt in der Hoffnungslosigkeit, in der Untergrabung ihres Selbstvertrauens, in dem Unvermögen, an ihre Träume zu glauben- und damit an sich selbst.
Alle drei Frauen wecken Sympathien, sind nachvollziehbar und stimmig dargestellt. Die drei gegensätzlichen Persönlichkeiten gestalten die Geschichte lebendig und abwechslungsreich.

Wird Poppy die Liebe ihres Lebens wieder treffen? Können Emilia und Lucy den Fluch der Zweitgeborenen brechen? Und was geschah in den 60er Jahren wirklich in Poppys Vergangenheit?
Poppys Lebensgeschichte ist mindestens so spannend wie die aktuellen Ereignisse während des Italienaufenhalts.
Lori Nelson Spielman hat einen manchmal zwar leicht rührselig anmutenden, aber durchaus sehr unterhaltsamen, lesenswerten Roman über Familie, Rollen, Vorurteile, sich selbst erfüllende Prophezeihungen, Lebenslügen, Schicksal, Träume und natürlich über die Liebe geschrieben. Lebensweisheiten von Doris Day ,„the future is not ours to be“ finden darin genauso Platz wie die der Rolling Stones „You don‘t always get what you want, you get what you need“. Der Roman appelliert an die Leser, lieber im Jetzt zu leben, das Jetzt hat man schließlich besser unter Kontrolle als die Zukunft. Und wer sich dabei bemüht, das Besondere im Alltäglichen zu erkennen, kommt seinem Glück bestimmt noch ein paar Schritte näher.

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Veröffentlicht am 02.09.2020

Großartige Bilder - raffinierte, anspruchsvolle Geschichte

Einstein
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Seit Wochen zählt die kleine Maus die Tage zum großen Käsefest. Doch als sie schließlich am Austragungsort, dem schweizerischen Bern, ankommt, hat sie es doch tatsächlich um einen Tag verpasst. Das kann ...

Seit Wochen zählt die kleine Maus die Tage zum großen Käsefest. Doch als sie schließlich am Austragungsort, dem schweizerischen Bern, ankommt, hat sie es doch tatsächlich um einen Tag verpasst. Das kann doch nun wirklich nicht sein! Mit allen Mitteln versucht die kleine Maus die Zeit zurückzudrehen. Ob ihr das gelingt und sie sich am Ende doch noch über einen ganz besonderen Käsegenusstag freuen darf?

Torben Kuhlmanns Geschichte wird für Kinder ab fünf Jahren empfohlen. Kinder in diesem Alter haben sicherlich großen Spaß an den brillanten, detailreichen, einfach wunderbar gestalteten Bildern. So wird es aber wahrscheinlich vielen anderen Leser unterschiedlichen Alters auch gehen, denn derartige Illustrationen sind wirklich eine Rarität. Die Geschichte richtig zu verstehen, das wird Fünfjährigen allerdings Schwierigkeiten bereiten. Kindergartenkinder können mit Begriffen wie „Relativität“, „Konstruktion“ oder „Koordinaten“ in der Regel vermutlich wenig anfangen. Torben Kuhlmann formuliert „schön“ und klar, aber definitiv nicht für Kindergartenkinder, eher für ältere Grundschüler.

Ziemlich schlau und dabei extrem niedlich ist diese Maus, sie kann schließlich sogar Albert Einstein das Wasser reichen. Eine gewitzte und sehr intelligente Hauptfigur! Die drollige Schweizer Uhrmachermaus hat mir und meinen kleinen Mitlesern ebenso ausgesprochen gut gefallen.
Albert Einstein ist nicht gerade häufig in Kinderbüchern zu finden. Auch wenn für Kinder - und für Erwachsene wie mich - alles andere als einfach zu begreifen und erfassen ist, worin genau seine Genialität liegt, finde ich es prima, dass dieser außergewöhnliche Wissenschaftler eine Rolle in der Geschichte einnimmt und so das Interesse an ihm und seiner Person geweckt wird.

Eine Maus, die versucht, mit Hilfe einer besonderen Erfindung aus der Zeit zu fallen, und das nur, weil sie ein Käsefest verpasst hat. Ist es möglich, dass ein kleines Tier Einstein entscheidende Impulse für seine berühmte Theorie geliefert hat? Eine sehr originelle phantasievolle, aber - wenn es dann um die Relativität der Zeit geht- auch eine sehr komplexe Geschichte. So wird z.B. die Tatsache, dass sich die Maus auf ihrer Zeitreise selbst sieht, jüngere Leser sicherlich ein wenig irritieren. Für kleine Kinder ist die Handlung nicht hundertprozentig nachvollziehbar, sie werden die Einsteinschen Aspekte, die bei mir vor allem nach der Lektüre des Nachworts für „Knoten im Gehirn“ gesorgt haben, aber wahrscheinlich ohne Probleme ausblenden können. Kuhlmanns „Einstein“ hat verschiedene Stärken: Kinder werden von den bezaubernden Bildern fasziniert sein, Erwachsene zusätzlich von der hintergründig raffinierten Geschichte, die mit jedem Mal Lesen noch ein bisschen klarer und damit auch „besser“ wird. Ein außergewöhnliches Bilderbuch für Groß und Klein.

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Veröffentlicht am 28.08.2020

Temporeiche und witzige Geschichte über einen untypischen Helden wider Willen

Konratt - Held der Unterwelt - Eine gefährliche Nacht
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Konratt ist eigentlich eine ganz normale Ratte, allerdings eine von Natur aus ziemlich faule. Am liebsten chillt Konratt auf seinem Sofa zu Hause. Doch leider muss sich irgendwann auch mal die faulste ...

Konratt ist eigentlich eine ganz normale Ratte, allerdings eine von Natur aus ziemlich faule. Am liebsten chillt Konratt auf seinem Sofa zu Hause. Doch leider muss sich irgendwann auch mal die faulste Ratte der Welt aus dem gemütlichen Heim bequemen und Futter suchen. Und damit gerät der Stein ins Rollen: Konratt bekommt mit, wie Hund Apollo die Katze Fee schwer drangsaliert. Da bleibt ihm doch wohl nichts anderes übrig, als Fee zu retten. Die ist nicht wirklich dankbar, vielmehr fällt ihr nichts besseres ein, als Konratt zu nötigen, sie zum Hafen zu führen, wo sicher ein leckeres Fischfilet auf sie wartet. Doch der Weg zum Hafen gestaltet sich länger als erwartet und ist voller überraschender Begegnungen und Abenteuer, in denen sich Konratt immer wieder als Held beweisen muss.....

Sybille Rickhoff schreibt kindgemäß, lebendig und humorvoll. Zum Vorlesen ist das Buch für Jungen und Mädchen ab fünf Jahren geeignet, aber auch größere Kinder haben beim Selberlesen sicher noch Spaß daran. Elli Bruders witzige, bunte und lebendige Illustrationen sorgen für Abwechslung und Motivation. Als besonders gelungen empfanden meine Kinder und ich das perfekt passende Cover, das schon einmal alle Figuren vorstellt.

In „Konratt Held der Unterwelt“ tingeln sich eine Menge bunter, origineller Figuren. Allen voran natürlich Konratt, „die faulste Ratte unter den Kanaldeckeln“, die ganz schön viel weiß, die untypischerweise Wasser hasst und unter einem starken Helfersyndrom leidet. Der Verstand wird dabei von Konratts Herz immer wieder besiegt und Konratt kann einfach nicht anders, als in Not geratenen Tieren zu helfen. Ein echt charismatischer Held wider Willen! Auch die anderen Tiere sind besondere Persönlichkeiten, wie z.B. Fee, die sich nach außen hin arrogant und „etepetete“ gibt, aber trotzdem einen weichen Kern hat, die engagierte Umweltaktivistin Ente Ducki oder Kurt, die ängstlichste Kröte weit und breit. Dass die Tiere so extrem unterschiedlich sind, führt zu witzigen Situationen und Wortgefechten. Wichtige Themen wie soziales Miteinander, Tier- oder Umweltschutz werden durch die einzelnen Figuren nebenbei und ganz zwanglos angesprochen, ohne dass das gewollt oder verkrampft wirkt.

Wie aufregend doch eine einzige Nacht sein kann! Erstaunlich, was da alles passiert.. Eine temporeiche Geschichte für alle Tier- und Abenteuerfreunde, die zeigt, dass auch ganz gegenteilige Charaktere sich prima ergänzen, voneinander lernen und Freunde werden können und dass es manchmal gar nicht darauf ankommt, wohin man läuft. Erst hinterher merkt man oft: Der Weg ist das Ziel.

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Veröffentlicht am 27.08.2020

Die Geschichte der Dirigentin Antonia Brico packend und interessant erzählt

Die Dirigentin
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Willy lebt 1926 in New York mit ihren Eltern in einer kleinen Wohnung. Ihr Vater ist Müllmann, die Mutter wacht akribisch über jeden Cent, den Willy in ihren zwei Jobs als Schreibkraft und Platzanweiserin ...

Willy lebt 1926 in New York mit ihren Eltern in einer kleinen Wohnung. Ihr Vater ist Müllmann, die Mutter wacht akribisch über jeden Cent, den Willy in ihren zwei Jobs als Schreibkraft und Platzanweiserin bei klassischen Konzerten im Konzerthaus verdient. Willys Leidenschaft gilt der Musik, sie übt zu Hause auf einem kaputten Klavier und lauscht heimlich Konzerten auf der Männertoilette, dabei liest sie Partituren und dirigiert mit. Beim Konzert des berühmten Dirigenten Wilhelm Mengelberg setzt sie sich verbotenerweise mit einem Klappstuhl in den Gang des Konzertsaals und verliert deshalb ihren Job. Für Willy ist das Auslöser genug, ihr Leben komplett zu ändern und sich nun völlig der Musik zu widmen. Sie setzt alles daran, am Konservatorium als Klavierschülerin aufgenommen zu werden. Doch ihr eigentlicher Traum ist noch ehrgeiziger: Sie möchte Dirigentin werden. Das gibt es bis dato nicht: „Die Musikwelt ist so hinterhältig. Gerade die großen Dirigenten sind alle Männer mit narzisstischen Zügen und einem überdimensionierten Ego.“ Wie soll sich da eine junge Frau durchsetzen können?

Drehbuchautorin und Regisseurin Maria Peters schreibt in der ersten Person aus drei verschiedenen Perspektiven, aus Willys, Robins und Franks. So erhält der Leser drei individuelle Sichtweisen ein und derselben Geschichte. Der Text liest sich flott und unkompliziert. Ich hatte keinerlei Schwierigkeiten, mich auf die Geschichte einzulassen.

Eine wirkliche beeindruckende Person ist Willy, die im Lauf der Geschichte ihre Wurzeln erkennt und den Namen Antonia Brico annimmt. Sie gibt niemals auf, lebt für ihren Traum und ihre Leidenschaft, steht mutig zu ihren Ansichten und ist dabei manchmal ganz schön frech. Im Roman heißt es „In seinem Buch über Bach schreibt Schweitzer, es sei einer der Charakterzüge schöpferischer Menschen, dass sie auf ihren großen Tag warten würden und dass sie, bis es so weit ist, alles in dieses Warten investieren, bis zur Erschöpfung. Das ist meine Geschichte.“ Treffender hätte Antonia sich selbst nicht beschreiben können, sie bezeichnet sich zudem als „so verrückt“, ihr „anderes Leben für die Musik zu opfern“. Antonia zeigt, was es heißt, auf Liebe zu verzichten und durchzuhalten: „Das große Wissen ist, mit Enttäuschungen fertig zu werden“. Immer wieder wird auf Albert Schweitzer Bezug genommen, der zwar nicht direkt im Roman vorkommt, aber später einer der engsten Freunde Antonias werden soll.
Auch Robin, den Willy auf der Arbeitssuche kennenlernt und auf den sie sich von da an immer verlassen kann, ist ein ganz besonderer Mensch, für den Musik alles bedeutet. Wie besonders er ist, wird erst im Laufe der Geschichte klar. Dagegen wirkt Frank Thomson, der mit der Organisation und Vermittlung von Künstlern zu tun hat, eher konventionell und blass. Auch die Dirigenten Wilhelm Mengelberg oder Karl Muck erscheinen im Vergleich zu ihm wesentlich schillernder und komplexer. Ziemlich extrem, einseitig und negativ wird hingegen Antonias Mutter dargestellt, ihre Rolle erinnert an die der „bösen Stiefmutter“.

Antonias Geschichte führt von New York, über die Niederlande nach Deutschland und wieder nach Amerika zurück. Von Antonia Brico hatte ich zuvor nicht nie etwas gehört. Doch dass es diese außergewöhnliche Frau wirklich gab, viele im Buch vorkommenden Szenen nicht erfunden sind und berühmte Persönlichkeiten wie Mengelberg oder Muck real existierten, macht das Buch zu einer hochinteressanten, fesselnden Lektüre. Antonia geht ihren Weg gegen Widerstände. Auch wenn es bis heute kaum erfolgreiche Dirigentinnen an die Spitze geschafft haben - vermutlich haben einige Männer immer noch Schwierigkeiten damit, dass eine Frau als „Taktstocktyrannin“ den Ton angibt- hat sie für sich einiges erreicht und dient anderen als Vorbild. Es reicht manchmal, wenn man seiner eigenen Meinung nach ein Held ist.
Stellenweise, wenn es um Antonias Liebesgefühle geht, driftet der Roman ein klein wenig ins Kitschige ab, fängt sich aber zum Glück rasch wieder.
Recht erhellend waren für mich die Betrachtungen über Musik, wie der Satz „Bach war ein Komponist, der die Sprache Gottes beherrschte“ oder die Erläuterung des Bruckner-Problems, als das Nebeneinander von mehreren Fassungen derselben Symphonie. „Musik ist eine Sprache“. „Die Dirigentin“ spricht verschiedene Sprachen, die der Hauptfiguren, eine, die historische und gesellschaftliche Hintergründe anschaulich darstellt und natürlich auch die der Musik. Das macht diesen Roman zu einem vielschichtigen, anregenden und lesenswerten.

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