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Veröffentlicht am 06.12.2020

Manchmal ist das Leben an sich die größte Herausforderung

Die Geschichte von Ulrich, der bei IKEA einzog und das Glück fand
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Ich bin der Typ Mensch, der gerne in einem Café sitzt, still und gedankenversunken Menschen beobachtet und es genießt für einen Moment Teil des Lebens der anderen zu sein, wohin auch immer die Wegen der ...

Ich bin der Typ Mensch, der gerne in einem Café sitzt, still und gedankenversunken Menschen beobachtet und es genießt für einen Moment Teil des Lebens der anderen zu sein, wohin auch immer die Wegen der anderen führen mögen. Oder sich im Möbelhaus überlegt, welcher Antrieb die Menschen dorthin bewegt. Ist es ein Umzug, ein Neuanfang oder einfach der Wunsch nach einer kleinen, zarten Veränderung? Ziehen Menschen zusammen oder auseinander oder vergrößert sich die Familie? Es sind eben diese Begegnungen, die auch Ulrich begeistern und er nimmt sich die Zeit eben genau diese kleinen, feinen Momente mitzunehmen und dabei für einen Moment sein eigenes Leben zu vergessen.

Ulrich lässt sich als ein Junggeselle mittleren Alters beschreiben, der in einer Wohnung lebt, die er nicht unbedingt liebt, einen Job ausübt, der ihn nicht glücklich macht und als dann auch noch kurz nacheinander seine Eltern versterben, Ulrich seinen Job verliert und das Leben somit gefühlt aus der Verankerung reißt, sieht sich Ulrich einer ganz neuen Herausforderung gegenüber: dem Leben.

"Die Geschichte von Ulrich, der bei Ikea einzog und das Glück fand" von A.S. Dowidat ist eine sanfte Geschichte, zart und leicht und nimmt den Leser mit auf eine Reise eines empathischen Menschen mit Namen Ulrich, mit dem sich sehr viele Leser ein Stück weit identifizieren können oder zumindest jemanden kennen, der Ulrich gleicht. Es fehlt ihm an Mut und Aufgeschlossenheit das Leben bei den Hörnern zu packen, was aber dringend notwendig wäre und so flüchtet er in den Ikea seiner Wahl, entgeht der Welt und somit auch dem Schmerz des Verlustes, dem Schmerz über das ein stück weit eigene, verkorkste Leben. Das Ganze liest sich zeitweise wie eine Parabel, ein Gleichnis, eine Reise zu sich selbst die Ulrich unternimmt und dabei die Menschen in seinem Umfeld neu sieht, neu bewertet und schlussendlich bereit ist, sich dem Leben zu stellen. Eine kleine, kurzweilige Geschichte, die mich dennoch nachträglich bewegt hat, eben einer dieser Romane, die zwar nicht durch epische Sprachgewandtheit glänzen, jedoch vielmehr durch die sehr treffenden Aussagen und der ungewöhnlichen Kontextsetzung. Eine Empfehlung für alle, die offen sind für eine achtsame Reise zu sich selbst, die aus der Beobachtung von Menschen sehr viel ziehen können und die es lieben, kleine, feine Geschichten über das Leben zu lesen, die einen zum Lächeln bringen.

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Veröffentlicht am 22.11.2020

Das Rad der Fortuna dreht sich unaufhörlich

Marigolds Töchter
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Wie sehr schätzen wir das Jetzt und Hier? Leben wir im Augenblick oder warten wir auf die vielversprechende Zukunft, in der alles besser wird? Wieviel bedeuten Erinnerungen, wenn wir uns diese bewusst ...

Wie sehr schätzen wir das Jetzt und Hier? Leben wir im Augenblick oder warten wir auf die vielversprechende Zukunft, in der alles besser wird? Wieviel bedeuten Erinnerungen, wenn wir uns diese bewusst vor Augen führen? Und welchen Stellenwert hat Familie, der Freundeskreis, unsere Heimat, wenn dunkle Zeiten nahen?

Diese und viele weitere Fragen haben mich bei dem Roman "Marigolds Töchter" von Julia Woolf begleitet, in der sie auf einfühlsame Art und Weise die Geschichte von Marigold erzählt und ihrer Familie, deren Leben durch einen Schicksalsschlag nachhaltig verändert wird. Marigold ist die Konstante der Familie, der Fels in der Brandung. Sie führt engagiert einen kleinen Laden und ist der Dreh- und Angelpunkt der Geschehnisse im Dorf. Hilfsbereit steht sie jedem mit Rat und Tat zur Seite und ihre bedingungslose Aufopferung kennt keine Grenzen. Bis sie sich eines Tages eingestehen muss, dass sich schleichend etwas verändert und sie in sich selbst die größte Herausforderung findet.

Sehr nahbar führt Julia Woolf durch die Geschehnisse rund um Marigold und nähert sich der ernsten Thematik des Buches mit sehr viel Ruhe und reflektiert verschiedene Sichtweisen, sowie Entwicklungen ähnlich einem Dirigent, der sein Orchester langsam, aber bestimmt auf den aufbrausenden Höhepunkt vorbereitet. Das ist eine der vielen Stärken des Buches, das es sich nicht auf eine Dimension beschränkt, sondern mehrere Ebenen beleuchtet, viele Meinungen zu einem finalen Höhepunkt vereint. Die Emotionalität der Worte ist die zweite Stärke, der Zusammenhalt und große Freundlichkeit, sowie Wärme zwischen den Zeilen führt den Leser zur Essenz des Ganzen: das wir alle Höhen und Tiefen nur gemeinsam meistern können. Das mag jetzt als Phrase aufgefasst werden, wird aber herzerwärmend in diesem Buch aufbereitet, dass es sich trotz der schwerwiegenden Thematik wie ein Feel Good Movie anfühlt, welcher dich zu Tränen rührt. Der einzige Kritikpunkt ist für mich der etwas schwächere letzte Teil, der mich etwas auf Distanz zu den Charakteren und der Geschichte gehalten hat. Eine klare Empfehlung für alle, die leicht fließende Romane lieben, emotionale Geschichte mit Mehrdimensionalität und die gerne die essentiellen Fragen des Lebens beleuchten, den Schubs in die richtige Richtung zu schätzen wissen, der dich wieder auf das Wesentliche fokussieren lässt. Denn was am Ende bleibt ist immer wieder die Frage, ob wir alle das Jetzt und Hier ausreichend zu schätzen wissen.

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Veröffentlicht am 15.11.2020

Einnehmende, emotionale Hotelerie Geschichte

Palais Heiligendamm - Ein neuer Anfang
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Elisabeth steht am Strand und blickt auf das Palais Heiligendamm, der ganze Stolz der Familie Kuhlmann. Sie spürt ihr Herz springen bei dem Gedanken, wohin das neue Hotel die Familie führen wird, die dafür ...

Elisabeth steht am Strand und blickt auf das Palais Heiligendamm, der ganze Stolz der Familie Kuhlmann. Sie spürt ihr Herz springen bei dem Gedanken, wohin das neue Hotel die Familie führen wird, die dafür ihr Leben in Berlin aufgegeben hat. Sie spürt die Sonne auf der Haut und einen wohligen Schauer. Ihr Vater führt lieber ihren Bruder Paul in die Geschicke des Hotelmanagements ein als sie, aber das wird sie nicht aufhalten alles für das Hotel zu opfern. Sie sieht einen Sturm aufziehen in weiter Ferne und die Wolken färben sich dunkel. Grau überzieht den Himmel rasch und Elisabeth sieht sich gezwungen angesichts des Wetterumschwungs zurück zum Palais zu kehren, aber der Regenschauer erwischt sie, bevor sie sich in Sicherheit wähnt. Donnergrollen in der Ferne lässt vermuten, dass das erst der Anfang war und das Unwetter noch folgen wird.
Genau dieses Szenario hat mich beim Lesen von "Palais Heiligendamm- Ein neuer Anfang" von Michaela Grünig begleitet: Es fühlt sich an wie ein Urlaub am Strand in einem luxuriösen Palais im im Angesicht der goldenen 20er bei strahlendem Sonnenschein und dann wiederum wie ein andauernder Regenschauer, bei dem die Sonne als unrealistisches Szenario im Hintergrund verblasst. Sanft und zugleich tragisch führt Michaela Grünig den Leser in die Familie Kuhlmann ein, die sich trotz großer Konkurrenz in Heilgendamm etablieren wollen. Der Vater eine Koryphäe in der Branche und siegessicher. Sein Sohn Paul kann diese Fußstapfen bereits jetzt nicht ausfüllen und so hilft ihm seine Schwester Elisabeth mit Rat und Tat, weil sie selbst für die Hotellerie brennt. Als das Palais in Schieflage gerät, muss sich Vater Kuhlmann in letzter Instanz an Julius Falkenhayn wenden, einen jungen Mann der Berliner Society mit großem Führungsgeschick, der mit seiner liberalen Denkweise nicht nur bei Vater Kuhlmann schnell aneckt.
Mich begeistert die Leichtigkeit des Romans, die Authentizität der Charaktere, die dem Leser Seite um Seite ans Herz wachsen. Elisabeth ist die überschäumende Hauptprotagonistin, die der Leser durch ihre Jugend begleitet und sie an den Herausforderungen Zeit wachsen zu sehen ist eine sehr nahbare, emotionale Reise durchs Leben, geprägt von feministischen Zügen. Michaela Grünig thematisiert zudem sehr aktuelle Themen, lässt sie zwischen den Zeilen einfließen, sodass diese über die beschriebene Epoche hinausreichen. Die detailreiche Sprache gepaart mit dem leichten Lesefluss katapultiert den Roman in die Riege der lesenswerten Sonntagsschmöker. Der einzige Minuspunkt für mich ist die Dynamik des zweiten Teils, die Geschwindigkeit der Ereignisse, die mich persönlich etwas überrollt hat. Eine klare Empfehlung für alle Liebhaber von gut geschriebenen, historischen Geschichten, die einem einen wohligen Schauer bescheren, dabei aber auch sanft aufklären über das Zeitgeschehen, die einen den Moment im Hier und Jetzt vergessen lassen, deren Worte sich schnell visualisieren und für Fans von Hotellerie und auch Gastronomie, eingebunden in einen Romankontext.

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Veröffentlicht am 14.10.2020

"Richtig" oder "falsch" ist meistens eine Frage der Perspektive

Leben ist ein unregelmäßiges Verb
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Ich sehe sie vor meinem visuellen Auge: Ringo, Leander, Linus und Frida. Sie schleichen sich des Nachts aus der Scheune zum Teich und halten ein Krötengericht ab, wobei das eigentlich keinem wirklichen ...

Ich sehe sie vor meinem visuellen Auge: Ringo, Leander, Linus und Frida. Sie schleichen sich des Nachts aus der Scheune zum Teich und halten ein Krötengericht ab, wobei das eigentlich keinem wirklichen Prozesse gleicht, sondern mehr einer Farce. Im Hintergrund schnaubt Noah auf der Wiese und sonst zirpen nur die Grillen. Der Morgen bricht heran in dieser kleinen, heilen Welt, die nur die Scheune und die Felder umfasst, diese kleine Kommune fernab von allen weltlichen Einflüssen.

Diesem Szenario entspringt der Roman "Leben ist ein unregelmäßiges Verb" von Rolf Lappert und entführt den Leser in eine Kommune der 80er Jahre, die sich fernab der Zivilisation verborgen hält, bis sie eines Tages von den Behörden entdeckt und aufgelöst wird. Ringo, Leander, Linus und Frida, die einzigen Kinder in der Gemeinschaft, müssen sich nun einer neuen Welt stellen, einer Gesellschaft, die ihre Kommune für schlecht gehalten hat und die sie empfängt wie ein Sprung in eiskaltes Wasser, unvorbereitet von hinten geschubst. Nichts ist, wie es scheint und alles anders als gedacht und gewollt. Vier Kinder auf der Suche nach dem Glück, nach Wurzeln, nach Heimat und einem Sinn in einer Gesellschaft, die starr an dem Schubladendenken bezüglich "richtig" und "falsch" festhält, an Vorurteilen und vorgefertigten Meinungen. Aber was bedeutet das eigentlich und ist im Grunde genommen nicht alles relativ, weil das Leben nach seinen eigenen Regeln spielt, die manchmal komplexer sind, als wir es zu erfassen vermögen?

Eben diesen Fragen gehen die Hauptprotagonisten in Rolf Lapperts Werk auf den Grund, erforschen ihre eigene Vergangenheit, sammeln die Erfahrung im Hier und Jetzt und bahnen sich einen Weg in eine unbekannte Zukunft. Der Stil ist leichtfüßig, aber die Zeilen bepackt mit unglaublich viel Liebe zum Detail. Jeder Moment, jede Begegnung und jeder neuer Charakter wird entsprechend gewürdigt und so nahbar beschrieben, als wäre es kein Roman, sondern wahrhaftige Memoiren von vier erstaunlichen Kindern. Die Handlung ließ mich immer wieder erstaunt zurück, weil sie so intensiv und in Slow Motion den Weg durchs Leben aufzeigt, der gespickt ist von Stolpersteinen und verwirrenden Abzweigungen für diese Kinder, die sich von dem Laster der Kommunenvergangenheit nicht wirklich lösen können. Der größte Reiz liegt darin, jeden Einzelnen auf so vielen Seiten beim Erwachsenwerden zusehen zu können und für sich selbst zu hinterfragen, ob die gesellschaftlichen Normen, die wir als richtig erachten der Definition überhaupt gerecht werden. Was ist richtig und was ist falsch? Was bedeutet Heimat und Ankommen? Was sind Wurzeln? Ein Gefühl der Beklommenheit, der Anteilnahme bei allen Entwicklungen hat mich durch das gesamte Werk begleitet immer mit dem Wunsch im Hintergrund, dass diese Kinder ein Happy End verdient haben. Der einzige Kritikpunkt ist für mich die Länge. Für mich hätte der Roman auch in komprimierterer Fassung gereicht. Eine klare Empfehlung für alle, die empathisch mit Charakteren mitfiebern wollen, Perspektivwechsel lieben und Geschichten, die dich über das Ende des Buches hinausbegleiten und ein Stück weit deine Sicht auf unsere Gesellschaft verändert.

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Veröffentlicht am 14.10.2020

Irrungen und Wirrungen der menschlichen Psyche

Irre! - Wir behandeln die Falschen
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Mit "Neue Irre! Wir behandeln die Flaschen" hat Manfred Lütz ein unterhaltsames und zugleich lehrreiches Werk geschaffen, dass Aufklärung bezüglich psychologischer Themen betreibt, dabei aber auch immer ...

Mit "Neue Irre! Wir behandeln die Flaschen" hat Manfred Lütz ein unterhaltsames und zugleich lehrreiches Werk geschaffen, dass Aufklärung bezüglich psychologischer Themen betreibt, dabei aber auch immer mit einem Augenzwinkern zu lesen ist.

Der Lesefluss gleicht einem guten Gespräch bei Rotwein und einer erlesenen Käseplatte mit einem Experten auf dem Gebiet der Psychologie. Der Start ist recht aufbrausend, provokant und polarisierend, jedoch ganz klar humoristisch angehaucht und soll eben genau das bezwecken: zum Nachdenken anregen mit ambivalenten Thesen und stichelnden Aussagen. Der Rest widmet sich der wichtigen Definition von "Normal" und der Aufklärung wichtiger Themen wie Demenz, Sucht und Depression, Manie und Traumata. Es liest sich sehr leicht trotz der Schwere der Themen, gespickt mit realen Fällen, geschichtlichen Meilensteinen und wertvollen Perspektiven, die sowohl einen Einstieg in die diversen Themenfelder bieten, jedoch auch eine gute Positionierung bieten. Ich habe mich selbst über die verschiedenen Aspekte hinweg unterhalten gefühlt, sowie klar abgeholt und nehme den einen oder anderen neuen Blickwinkel mit. Aufklärungsbücher wie das folgende sollten zur standardisierten Pflichtlektüre werden, um zu gewährleisten, dass psychische Erkrankungen in ihrer Basis richtig verstanden werden. Der einzige Kritikpunkt betrifft den Klappentext und den dortigen Bezug zur Politik, der für mich nur einen kleinen Teil des gesamten Sachbuchs ausmacht. Das habe ich als irreführend empfunden. Eine klare Empfehlung für alle, die einen Schnelldurchlauf durch die menschliche Psyche herbeisehnen, gerne klare Beispiele lesen und empathisch in diese Welt eintauchen wollen.

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