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Veröffentlicht am 11.03.2021

Nach dem Krieg

Abels Auferstehung
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Wir befinden uns im Jahr 1920 und es herrscht ein Chaos. Nach dem Ersten Weltkrieg ist noch längst nicht jeder an seinen Ort der Bestimmung zurückgekehrt. Kommissar Paul Stainer aber schon. Im Privatleben ...

Wir befinden uns im Jahr 1920 und es herrscht ein Chaos. Nach dem Ersten Weltkrieg ist noch längst nicht jeder an seinen Ort der Bestimmung zurückgekehrt. Kommissar Paul Stainer aber schon. Im Privatleben ist ihm Schreckliches widerfahren, aber auch im Präsidium hat er es nicht gerade leicht. Er wird von etlichen Kollegen angefeindet und diese tun alles, um ihn vom Thron zu stürzen.

Es geht um den Tod eines jungen Soldaten, dem bald ein weiterer folgt. Haben diese beiden miteinander zu tun? Im Laufe der Ermittlungen bekommt Stainer es nicht nur mit dem Militär, sondern auch mit studentischen Verbindungen, ungewöhnlichen Frauen und sozial benachteiligten Kreisenzu tun.

Ich kenne Leipzig einigermaßen und dank der anschaulichen Art des Autors, die Stadt von vor hundert Jahren heraufzubeschwören, konnte ich knietief in die Vergangenheit eintauchen. Mindestens. Wenn nicht sogar bis zur Hüfte oder zum Hals!

Ein sehr atmosphärischer Krimi, dem einzig zum Ende hin ein wenig die Spannung ausgeht - auch ca. 100 Seiten vor dem Schluss ist dieser bereits einigermaßen vorhersehbar.

Doch hat mich das nur wenig gestört: Ich erlebe es leider zu selten, dass sich ein Mann der Frauenfiguren so liebevoll annimmt wie das hier der Fall ist.Gerade das weibliche Personal wird mit einer besonderen Warmherzigkeit dargestellt.

Aber alle Figuren, auch die männlichen, sind dem Autor Thomas Ziebula außerordentlich gut gelungen und ich bin begeistert. Die Handlung ist absolut rund, da muss auch in einem Krimi die Spannung nicht ganz bis zum Ende gehalten werden. Ich hätte ja sehr gerne gewusst, ob Kilian jetzt endgültig das Handwerk gelegt wurde, aber das erfährt man dann leider wohl erst im nächsten Band.

Was für ein Leseerlebnis! Wirklich toll und ein Muss für Liebhaber historischer Krimis!

Veröffentlicht am 08.03.2021

Aufstieg und Fall eines Familien-Imperiums

Wo wir Kinder waren
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Die Familie Langbein ist als Spielzeughersteller tätig - wie so viele Bewohner der Stadt Sonneberg im schönen Thüringen. Nachdem der Familienbetrieb immer erfolgreicher wird, wagt das Ehepaar ...

Die Familie Langbein ist als Spielzeughersteller tätig - wie so viele Bewohner der Stadt Sonneberg im schönen Thüringen. Nachdem der Familienbetrieb immer erfolgreicher wird, wagt das Ehepaar Alfred und Miene Langbein den Schritt zur Gründung einer eigenen Firma. Einer Firma, die sie vor dem Ersten Weltkrieg so richtig reich macht, dann jedoch, der Weltschichte geschuldet, wieder abstürzen lässt.

Es folgt die unruhige Zeit der Weimarer Republik, doch mit Unterstützung der Kinder gelingt es, die Firma zu halten, selbst im Nachkriegdeutschland, also in der DDR, sind Sohn Otto und dessen Frau Flora zunächst die Chefs.

Erzählt wird auf zwei Ebenen - aus der Perspektive von Eva, der Urenkelin der Firmengründer erfolgt die Schilderung der Gegenwart, in der sie sich zusammen mit Cousin und Cousine des Familienerbes annimmt.

Der Leser erkennt, dass diese kleine persönliche Welt alles für die Familie. Es ist ihr ureigenes kleines Imperium, mit dem sie aufsteigen und sinken, sich aber nicht unterkriegen lassen!

Ja, die Autorin Kati Naumann hat erneut eine Familiengeschichte der besonderen Art erschaffen; eine, die mich zutiefst berührt und gleichzeitig bestens unterhalten hat - und zwar auf hohem Nivau. Zudem taucht die Autorin so richtig tief in die Geschichte der thüringischen Kleinstadt Sonneberg ein, die eng mit der Entwicklung der deutschen Spielzeugindustrie verknüpft ist. Zudem nimmt Sonneberg eine besondere Stellung in der deutschen Nachkriegsgeschichte ein, da es durch seine unmittelbare Lage an der deutsch-deutschen Grenze im Sperrgebiet lag. Diese Umstände hat die Autorin einfühlsam in ihren Roman eingebaut und damit ein Gesamtwerk, nein: ein Gesamtkunstwerk geschaffen, das runder nicht sein kann. Wer einen richtig, richtig schönen und stimmigen historischen Roman zur neuesten deutschen Geschichte lesen möchte, der ist hier ganz und gar an der richtigen Adresse!

Veröffentlicht am 16.02.2021

Ein kleiner Mann mit Halbglatze und Brille

Auf Wiedersehen, Kinder!
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Das war Ernst Papanek, Sozialst und Pädagoge, mehr noch aber Freund und vor allem Fürsprecher der Kinder und zwar ALLER Kinder. Ein Mann, der mit den wichtigsten aller Welt verkehrte, dem über einen gewissen ...

Das war Ernst Papanek, Sozialst und Pädagoge, mehr noch aber Freund und vor allem Fürsprecher der Kinder und zwar ALLER Kinder. Ein Mann, der mit den wichtigsten aller Welt verkehrte, dem über einen gewissen Zeitraum eine ganze Menge Leute von Weltruhm zuhörten und dem dennoch nichts wichtiger war als das Wohl von Kindern. Vor allem von solchen, die aus unterschiedlichen Gründen in Not geraten sind. Er kümmerte sich in Österreich um Kinder aus bedürftigen Familien und in den Vereinigten Staaten um juvenile delinquents. Am meisten jedoch setzte er sich - und sein Leben und dazu das seiner gesamten Familie - für die ein, die eigentlich am Ende angelangt waren. Im Jahr 1939 schuf er vier Kinderheime in der Nähe von Paris für jüdische Kinder aus Deutschland und Österreich. Solche, deren Todesurteil eigentlich schon gefällt war und die ohne seine Hilfe und die seiner Mitstreiter gar nicht mehr aus ihrem jeweiligen Heimatland herausgekommen waren. Und die von ihren Eltern ausgeschickt worden waren, damit wenigstens sie überleben.

Also Kinder, die schwer traumatisiert waren, die in ihren jungen Jahren schon ungeheuer viel erlitten hatten. Ernst Papanek wollte viel mehr, als einfach nur ihr Leben retten. Er wollte sie - soweit möglich - heilen, ihnen helfen, ihr Leben wieder als lebenswert zu empfinden.

Und das hat er geschafft, für alle diese unterschiedlichen Kinder, denen er im Laufe seines Lebens so begegnete - zunächst noch vollkommen ohne pädagogische Ausbildung. Aber das hinderte ihn an überhaupt nichts, denn er war der geborene Pädagoge. Und ein Traumtänzer, dem allerdings - halten Sie sich fest - so mancher dieser Tänze auch gelang. Sozusagen ein Nurejew der Pädagogik. Einer, der viel angegriffen wurde, den man zu stoppen versuchte - und dem niemand nicht einmal annähernd das Wasser reichen konnte.

Wie ich dazu komme, ein derartiges Loblied auf Ernst Papanek, nein: Doktor und dann auch noch Professor Ernst Papanek, den viel zu wenig Leute kennen, zu singen?

Nun, ich möchte Sie dazu verführen, ihn ebenfalls kennen- und schätzen zu lernen: "To know, know, know him - is to love, love, love him" um mit seinen späteren Landsleuten, den Amerikanern zu sprechen.

Aber: und jetzt halten Sie sich fest - diese liegt in deutscher Sprache vor - verfasst - nein: erschaffen von der wunderbaren Historikerin Lilly Maier. Sie schreibt nicht über die von ihr ausgewählten Personen, sie streichelt sie mit ihren Worten. Denn sie widmet sich denen, über die es noch viel zu wenig zu lesen gibt - und ihre Recherchen sind unglaublich. Das Buch steckt voller Wissen, Fotos, weiterführender Ideen und ist spannender als jeder Roman!

Ich empfehle jedem, der einen wirklich guten und wertvollen Menschen auf die eindringlichste Art, die man sich vorstellen kann, kennenlernen möchte, diese wundervolle Lektüre. Sie werden sehen, Ernst Papanek war ein Mensch mit Ecken und Kanten, ein richtiger Typ, aber er war in jeder Lebenslage ein MENSCH, was man längst nicht von allen Menschen behaupten kann.

Ernst Papanek: das ist gelebter Sozialismus mit Herz, vor allem zum Wohle von Kindern! Der Wiener Historikerin Lilly Maier ist eine mehr als lesenswerte Biographie gelungen!

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Veröffentlicht am 01.02.2021

Eine Odyssee durch ein verwirres Land

Fanny oder Das weiße Land
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Beziehungsweise durch viele verwirrte Länder - und immer in Richtung Westen.

Wir begegnen hier dem Wiener Karl, der im Ersten Weltkrieg in russische Kriegsgefangenschaft gerät. Ihn verschlägt es ins östliche ...

Beziehungsweise durch viele verwirrte Länder - und immer in Richtung Westen.

Wir begegnen hier dem Wiener Karl, der im Ersten Weltkrieg in russische Kriegsgefangenschaft gerät. Ihn verschlägt es ins östliche Sibirien, quasi ans andere Ende der Welt. Zusammen mit seinem jüngeren Bruder Viktor und vier weiteren Männern gelingt ihm die Flucht, die zu einem unglaublichen Abenteuer wird und stellenweise an Doktor Schiwago, an anderer Stelle an eine waghalsige Weltumrundung denken lässt.

Was Karl aufrecht hält, ist der Gedanke an Fanny, seine große Liebe und an den gemeinsamen Sohn. Dadurch erduldet er einiges und erreicht vieles: denn Karl ist ein Künstler, ein Maler, zudem geschickt im Erstellen von Figuren und damit rettet er sein Team nicht nur einmal.

Es ist eine unglaubliche, mehrjährige Odyssee, der die Rückkehrer ausgesetzt sind - sie führt mehrfach zu neuer Gefangenschaft, aber auch zu einer wundervollen Begegnung unter Freunden, nämlich bei deutschen Mennoniten, sowie zu weiteren sowohl erschreckenden wie auch (wenigen) erbaulichen Momenten.

Es ist, obwohl in ruhiger, kluger Sprache geschrieben, definitiv ein tollkühnes, aberwitziges, aber auch brutales Abenteuer, dem die Österreicher ausgesetzt sind. Beatrix Kramlowsky hat sicher alles andere als einen Abenteuerroman geschrieben, oder einen solchen auch nur geplant, ich habe aber mit sehr großer Spannung, ja Erregung gelesen. Und Ängste, Erschreckendes, aber auch mal Erfreuliches durchgestanden.

Für mich ist dies ein wunderschönes, ja ein rührendes Buch, das mich sehr begeistert hat - ein besonderes Kleinod.

Veröffentlicht am 27.01.2021

Grün, grün, grün ist alles, was ich habe

Grün ist die Liebe
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Davon kann Elisabeth aus Kevelaer ein Lied singen, wenn es sich auch vor allem "nur" auf zwei Aspekte in ihrem Leben bezieht: sie ist ehrenamtlich als grüne Dame im Krankenhaus tätig und hat in dieser ...

Davon kann Elisabeth aus Kevelaer ein Lied singen, wenn es sich auch vor allem "nur" auf zwei Aspekte in ihrem Leben bezieht: sie ist ehrenamtlich als grüne Dame im Krankenhaus tätig und hat in dieser Funktion den wunderbaren Herrn Grün, einen ganz besonderen alten Herrn und wahren Gentleman, kennengelernt. Obwohl es ihm gar nicht gut geht, vermag er es doch, Elisabeth mit seinen wunderbaren Geschichten zu verzaubern. Wahren Geschichten, wohlgemerkt, solchen, die von Liebe und jahrelangem Miteinander handeln: die Lebensgeschichte von ihm und von seiner Frau also.

Elisabeth ist nur zu froh über diese Ablenkung, denn ihr eigenes Leben befriedigt sie gerade gar nicht: seit die Kinder aus dem Hause sind, fühlt sie sich unausgelastet, denn ihr Mann Robert ist sehr eingebunden in seinen Beruf und auch in Mußestunden nicht gerade kommunikativ - da betätigt er sich lieber als Teilzeitbauer und macht in Hühnern. Auch die familieneigene Pilgerherberge - man befindet sich schließlich im frommen Kevelaer - die von Mutter und Schwiegermutter geführt wird, und in der es eigentlich immer was zu tun gibt, vermag Elisabeth nicht zu faszinieren. Dennoch ist sie mit ihrem Leben nicht ganz unzufrieden, auch wenn mehr und mehr Zweifel aufkommen in Bezug auf ihren eigenen Lebensinhalt. Und das sind längst nicht mehr nur grüne Angelegenheiten, um die es hier so geht!

Auch, wenn Elisabeth ein Typ ist, der sich selbst ein wenig im Wege steht und damit öfter mal dazu beiträgt, dass nicht alles im grünen Bereich ist: die Wege und Wendungen, die ihr Leben und auch das der Menschen um sie herum nimmt, ist alles andere als 08/15. Nein, es sind viele ungewöhnliche, dadurch noch reizvollere Ideen in diesen originellen und warmherzigen, dabei unterhaltsamen und ausgesprochen humorvollen Roman eingebaut, den Autorin Marlies Ferber in der ihr eigenen Sprache - ganz klar der des Herzens - schreibt. Helden und Heldinnen müssen nicht immer jung und knackig sein, auch das Mittelalter und das Alter haben ihren Reiz. Den uns die Autorin in diesem Buch aufs Trefflichste zu vermitteln versteht.

Deswegen lege ich Ihnen ausdrücklich ans Herz: Wählen Sie den grünen Weg - wenn Sie etwas über Liebe lesen möchten, aber auch darüber, wie man sich selbst kennenlernt! Wenn Sie so gut drauf sind, wie der reizende Herr Grün und seine Autorin Marlies Ferber, werden Sie es nicht bereuen - im Gegenteil!