Alles steht und fällt mit dem gesellschaftlichen Rang
Der tote RittmeisterSommerfrische 1913 auf Norderney - noch ist nicht abzusehen, dass die politische und gesellschaftliche Ordnung, das Kaiserreich also, kurz vor dem Zerfall steht. Alle freuen sich auf einen erholsamen und ...
Sommerfrische 1913 auf Norderney - noch ist nicht abzusehen, dass die politische und gesellschaftliche Ordnung, das Kaiserreich also, kurz vor dem Zerfall steht. Alle freuen sich auf einen erholsamen und entspannten Sommer.
Auch Viktoria Berg, die inzwischen - dies ist nach "Die Tote in der Sommerfrische" der zweite Band, in dem es um sie und um den Fotoreporter Christian Hinrichs geht - Lehrerin geworden ist. Obwohl ihr wohlhabender Vater eigentlich eine lukrative Heirat für sie ins Auge gefasst hat und ihr deshalb in den Sommerferien einen schicken Urlaub - damals als Sommerfrische bekannt - auf Norderney spendiert, wo sich die Reichen und Schönen ein Stelldichein geben. Besonders in diesem Sommer, in dem das 25. Thronjubiläum des Königs gefeiert wird.
Doch Viktoria wäre nicht sie selbst, wenn sie nicht ein Herz für Menschen hätte, die nicht so auf der Sonnenseite des Lebens stehen. Vor allem auch für Kinder - ein wichtiger Grund ihres diesjährigen Aufenthalts auf Norderney ist ihre ehemalige Schülerin Ellie, inzwischen so schwer erkrankt, dass eine Gesundung nicht mehr realististisch erscheint. Ellie liegt derzeit im Seehospiz und Viktoria will dazu beitragen, ihr die letzten Tage auf Erden so schön wie möglich zu gestalten. Gleich beim ersten Besuch erfährt sie, dass Ellies kleine Freundin Rieke verschwunden ist. Bald darauf ist ein toter Rittmeister zu beklagen und irgenwie scheint es nicht unwahrscheinlich, dass es einen direkten Zusammenhang zwischen den beiden Fällen gibt. Auch Christian Hinrichs, mit dem sich Viktoria im vergangenen Jahr noch mehr als gut verstand, ist hier "dran" - zumal er quasi aus Versehen vom Badekommissar zum Hilfsbeamten ernannt wurde. Obwohl die beiden sich gerade ein wenig aus dem Weg gehen, laufen sie einander doch immer wieder über den Weg.
Ebenso spannend wie unterhaltsam kommt dieser Krimi daher, in dem es Schlag auf Schlag geht - Autorin Elsa Dix legt im ruhigen Norderney ein gehöriges Tempo vor. Wobei sie auch, was die atmosphärische und historische Einbettung angeht, immer authentisch bleibt. Nein, im Gegenteil: sehr gekonnt führt sie den Leser in die sozialen Verhältnisse im Jahre 1913 ein und lässt ihn ebenso versiert die Seeluft der damaligen Zeit schnuppern - ich habe mich während der gesamten Lektüre ganz und gar in die damalige Umgebung versetzt gefühlt.
Elsa Dix versteht es, eine Leichtigkeit in die Handlung zu bringen, die an keiner Stelle oberflächlich ist und sogar - immer sehr passend - hier und da ein wenig Humor einbringt. Außerdem versteht sie es, dem Leser die damals herrschenden sozialen Unterschiede sehr deutlich bewusst zu machen. Viel zu schnell musste ich das ausgelesene Buch aus der Hand legen, erfreue mich jedoch in Gedanken immer wieder am Norderney vergangener Zeiten.