Profilbild von stefan182

stefan182

Lesejury Star
offline

stefan182 ist Mitglied der Lesejury

Melde dich in der Lesejury an, um dich mit stefan182 über deine Lieblingsbücher auszutauschen.

Anmelden

Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 25.04.2021

Ein diskursives Theaterstück über ein gesellschaftlich relevantes Thema

GOTT
0

Inhalt: Der Ethikrat tagt und debattiert über den Wunsch Richard Gärtners. Gärtner möchte sterben. Er ist zwar kerngesund, doch seit seine Frau gestorben ist, fehlt ihm jegliche Freude am Leben. Rechtlich ...

Inhalt: Der Ethikrat tagt und debattiert über den Wunsch Richard Gärtners. Gärtner möchte sterben. Er ist zwar kerngesund, doch seit seine Frau gestorben ist, fehlt ihm jegliche Freude am Leben. Rechtlich ist die Frage nach der ärtzlichen Beihilfe zum Suizid geklärt. Der Ethikrat stellt sich einer anderen Frage. Sollen Ärzt:innen ihren Patient:innen beim Suizid helfen?

Persönliche Meinung: "Gott" ist ein Theaterstück in zwei Akten von Ferdinand von Schirach, das sich mit der ärtzlichen Beihilfe zum Suizid auseinandersetzt. Damit behandelt "Gott" ein brisantes und gesellschaftlich relevantes Thema. Interessant ist dabei, wie v. Schirach sich dem Thema annähert. Im Theaterstück kommen unterschiedliche Figuren zu Wort, die ihre jeweilige Profession repräsentieren und personifizieren: eine Professorin der Rechtswissenschaften (Litten), ein Professor der Bundesärtzekammer (Sperling) und ein Bischof (Thiel). Die moderierende Funktion übernimmt die Vorsitzende des Ethikrats. Das Setting erinnert teilweise an eine Gerichtsverhandlung. Litten, Sperling und Thiel werden der Reihe nach aufgerufen und legen ihren Standpunkt dar, wobei dieser diskursiv mithilfe von Gärtners Rechtsanwalt Biegler und Keller, einem Mitglied des Ethikrates, ausgearbeitet wird. Schweigsam ist dabei die Figur, um dessen Sterbewunsch es geht: Gärtner, dem die Profession über seinen Wunsch, sein Ich zugesprochen wird. Generell ist "Diskusivität" das große Signum, unter dem "Gott" steht. Verschiedene Standpunkte werden vorgeführt, Meinungen diskutiert. Die unterschiedlichen Ansichten werden aber nicht verurteilt und jede dargestellte Auffassung hat ihre Berechtigung. "Gott" endet daher konsequenterweise offen. Die eingangs gestellte ethische Frage, ob Ärzt:innen Patient:innen beim Suizid helfen sollen, bleibt unbeantwortet. So wird die Frage in die Realität der Leser*innen getragen: "Gott" setzt einen Denkprozess in Gange, sich selbst mit der Thematik auseinanderzusetzen und eine eigene Meinung zu bilden. Ergänzt wird das Theaterstück um drei Essays, verfasst von drei Wissenschaftlern, die die Thematik jeweils aus einem philosophischen, ethischen bzw. juristischen Blickwinkel betrachten.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 17.04.2021

Ein außergewöhnlich komplexer Roman

Nil
0

Inhalt: Eine Schriftstellerin schreibt eine Fortsetzungsgeschichte für ein Frauenmagazin. Diese Geschichte soll, so der Chefredakteur, nun enden. Das Schreiben des Schlussteils gestaltet sich aber schwierig. ...

Inhalt: Eine Schriftstellerin schreibt eine Fortsetzungsgeschichte für ein Frauenmagazin. Diese Geschichte soll, so der Chefredakteur, nun enden. Das Schreiben des Schlussteils gestaltet sich aber schwierig. Außerdem findet sich die Schriftstellerin jetzt in einem Verhörraum wieder. Sie wird beschuldigt, eine Person verschwinden lassen zu haben. Doch sie weiß nicht, um wen es sich handeln soll.

Persönliche Meinung: Der kurze Inhaltsteaser von mir ist eigentlich zu mager und wird dem Inhalt von „Nil“ nicht gerecht. Dieser dreht sich insgesamt um die Vermengung von Wirklichkeit und Fiktion, wobei auf einer Metaebene eine reflexive Betrachtung derjenigen gedanklichen Prozesse stattfindet, die den Schreibprozess begleiten. Mehr möchte ich allerdings zum Inhalt nicht sagen, um die Wirkung, die "Nil" beim erstmaligen Lesen ausstrahlt, nicht zu schmälern. Generell bleibe ich daher im Folgenden inhaltlich vage und hoffe, dass die Perspektiven erzählt werden. Die Erzählinstanz des ersten Abschnittes ist eine namenlose Ich-Erzählerin. Dabei macht es die Erzählerin den Leserinnen nicht leicht. Dies liegt allerdings weniger an einer hochtrabenden Wortwahl oder einem verklausulierten Satzbau. Im Gegenteil: Wortwahl und Satzbau sind pointiert und besitzen eine außergewöhnliche Klarheit. Schwierig macht es die Erzählerin dadurch, wie sie erzählt. Assoziativ, dem Modus des Erinnerungsprozesses folgend, wechselt und springt sie zwischen – scheinbar – unzusammenhängenden Szenen; sie vermeidet eine Erzeugung von Kohärenz und verweigert so etwaige Hilfestellungen für die Leserinnen. Dadurch setzt ein schöner Effekt beim Lesen ein: Man beginnt, der glasklaren Wortwahl zum Trotz, einzelne Sätze nochmals zu lesen, klopft sie nach einer geheimen Bedeutung ab, versucht selbst Sinn zu erzeugen und: scheitert - aber nur zunächst. Denn: Im zweiten Abschnitt, der aus einer anderen Perspektive erzählt wird, setzen Déjà-vu-Erlebnisse bei den Leserinnen ein. Auch wenn die Handlung des zweiten Abschnittes auf den ersten Blick wenig mit dem ersten Abschnitt zu tun hat, finden sich immer wieder Figuren, Objekte und Wörterfolgen, die auf den ersten Abschnitt verweisen, wodurch ein struktureller und inhaltlicher Zusammenhang erzeugt wird. Auch dies beeinflusst den Leseprozess: Man erinnert sich, blättert zurück, liest sich in vorherige Abschnitte wieder ein, sucht die Referenzstelle, versucht zu verstehen. Diese Déjà-vus setzen sich in den folgenden Abschnitten fort, sodass sukzessiv, in kleinen Schritten, wird Sinn erzeugt wird. Das große Ganze offenbart sich erst auf den letzten Seiten. Allerdings gilt auch hier: Nicht alle Zusammenhänge werden vollends geklärt, sodass ein Interpretationsspielraum offen bleibt. Insgesamt ist "Nil" ein anspruchsvoller und komplexer Roman mit deutlicher Wortwahl, dessen Erzählinstanzen es den Leserinnen schwierig machen. Darin liegt allerdings zugleich die Besonderheit und der Reiz des Romans: Die Leser_innen werden in die Pflicht genommen, sich eigenständig in dem Labyrinth aus Erzählfetzen zu orientieren.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 09.04.2021

Ein schöner Roadtrip Roman über Freundschaft, Scheitern und das Leben

Nur kurz leben
0

Inhalt: Richie hat keine Lust mehr auf sein bisheriges Leben. Sein Studium musste er abbrechen, er hat drei Jobs, kann seine Rechnungen trotzdem nicht bezahlen und häuft immer mehr Schulden an. Als ihm ...

Inhalt: Richie hat keine Lust mehr auf sein bisheriges Leben. Sein Studium musste er abbrechen, er hat drei Jobs, kann seine Rechnungen trotzdem nicht bezahlen und häuft immer mehr Schulden an. Als ihm sein Tankstellen-Job gekündigt wird, fasst er einen Entschluss: Er klaut die Tageseinnahmen und will sich absetzen. Passenderweise lässt eine Kundin ihren Wagen unbeaufsichtigt - mit steckendem Zündschlüssel, sodass der Flucht nichts mehr im Wege steht. Leider merkt Richie zu spät, dass auf der Rückbank noch ein Mitfahrer schläft...

Persönliche Meinung: "Nur kurz leben" von Catherine Strefford handelt von einem Roadtrip der besonderen Art. Erzählt wird die Handlung aus der Ich-Perspektive von Richie, 28 Jahre und vom Leben gebeutelt. Dementsprechend ist er zu einem Zyniker geworden und kommentiert das Leben um sich herum sarkastisch. Leon, der blinde Passagier, sieht das anders. Er ist 15 Jahre alt, möchte - um den schönen Titel des Romans zu zitieren - "nur kurz leben", wird aber immer wieder von seiner Mutter zurückgehalten. Beide Figuren sind auf ihre Art liebenswürdig und sympathisch. Die Handlung ist ein Roadtrip: Richie weiß dabei gar nicht so genau, wo er hin möchte - Hauptsache weg -, sodass die beiden auf ihrer Reise einige ungeplante Abenteuer bestehen, die sie enger zusammenschweißen. Während in der ersten Hälfte der Fokus auf sarkastisch-humorvolle Szenen gelegt wird, erhält der Roman im zweiten Teil eine gewisse Ernsthaftigkeit und einen größeren Tiefgang, wobei die konsequent ausgeführte Auflösung der Handlung einen bittersüßen Höhepunkt bildet. Der Erzählstil ist mit seinen kurzen Sätzen eher stakkatohaft, was das Tempo der Handlung erhöht. Generell lässt er sich - ebenso wie die lebendigen Dialoge - flüssig lesen. Einziger, allerdings nicht großartig ins Gewicht fallender Kritikpunkt: Der Trip hätte für mich noch etwas länger sein können. Insgesamt ist "Nur kurz Leben" ein schöner Roadtrip-Roman mit liebenswürdigen Protagonisten, der sich um Freundschaft, Scheitern und das Leben dreht.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 08.04.2021

Ein schönes Fantasybuch für jüngere und ältere Leser*innen

Die Mumins. Eine drollige Gesellschaft
0

Inhalt: Das Mumintal erwacht aus dem Winterschlaf. Mumin, der Schnupferich und das Schnüferl durchstreifen bereits fröhlich die Umgebung und klettern auf einen Berg, wo sie eine besondere Entdeckung machen: ...

Inhalt: Das Mumintal erwacht aus dem Winterschlaf. Mumin, der Schnupferich und das Schnüferl durchstreifen bereits fröhlich die Umgebung und klettern auf einen Berg, wo sie eine besondere Entdeckung machen: Sie finden einen Hut, der so manche Überraschung bereithält.

Persönliche Meinung: "Die Mumins. Eine drollige Gesellschaft" ist der dritte Roman von Tove Jansson, der sich um die Mumintrolle dreht. Er spielt während eines Frühlings und Sommers im Mumintal und erzählt einzelne Abenteuer, die die Mumins in dieser Zeit erleben (eine Bootsfahrt zu einer Insel, das Kennenlernen neuer Freunde o.Ä.). Der Gegenstand, der die einzelnen Episoden verbindet, ist der von Mumin und seinen Freunden gefundene Hut, der - wie die LeserInnen (nicht aber die Figuren) früh erfahren - der Zylinder eines Zauberers ist. Dementsprechend ist der Hut für einzelne Abenteuer, wie fliegende Wolken, verantwortlich. Außerdem finden sich leichte Gruselelemente in der Handlung, die für Spannung sorgen. So blitzt mehrfach der eigentliche Besitzer des Hutes auf und auch die Morra hat ihren ersten Auftritt. Erzählt wird die Handlung von einem auktorialen Erzähler, der die Geschehnisse teilweise mit kurzen, ironischen Bemerkungen kommentiert. Daneben finden sich noch weitere parodierende Elemente, wie der fatalistische Bisam oder eine gespielte Gerichtsverhandlung, die anders als in der Realität verläuft. Illustriert ist der Roman mit verschiedenen schwarz-weiß Zeichnungen von Tove Jansson. Insgesamt ist "Die Mumins - eine drollige Gesellschaft" ein schönes Fantasybuch mit einem verträumten Setting, liebenswerten Figuren und ironischen Brechungen, das sich sowohl an jüngere als auch an ältere Leser*innen richtet.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 08.04.2021

Eine tolle Neuinterpretation von Gottfried Kellers "Spiegel, das Kätzchen"

Der Schrecksenmeister
0

Inhalt: Nach dem Tod seiner Besitzerin wohnt Echo, das Krätzchen, auf der Straße (Krätzchen sind wie Hauskatzen, die sprechen können und zwei Lebern besitzen). Als er kurz vor dem Verhungern steht, trifft ...

Inhalt: Nach dem Tod seiner Besitzerin wohnt Echo, das Krätzchen, auf der Straße (Krätzchen sind wie Hauskatzen, die sprechen können und zwei Lebern besitzen). Als er kurz vor dem Verhungern steht, trifft er auf den Schrecksenmeister der Stadt. Dieser bietet Echo einen Handel an: Echo dürfe bei ihm wohnen, schlemmen, was sein Herz begehre, und die Geheimnisse der Alchimie entdecken - allerdings nur einen Monat lang. Im Gegenzug verlangt der Schrecksenmeister das Fett des Krätzchens, das eine seltene alchimistische Zutat ist.

Persönliche Meinung: "Der Schrecksenmeister" von Walter Moers ist der fünfte Roman des Zamonien-Zyklus. Erzählt wird die Handlung aus der Perspektive Echos. Wie bereits in anderen Romanen nutzt Moers hier das Stilmittel der Herausgeberfiktion. Demnach ist "Der Schrecksenmeister" ein zamonischer Märchenklassiker aus der Feder von Gofid Letterkerl, den der große Hildegunst v. M. nun neu erzählt hat. Moers ist wieder nur der "Übersetzer" aus dem Zamonischen. Interessant ist, dass "Der Schrecksenmeister" sich an die Novelle "Spiegel, das Kätzchen" von Gottfried Keller anlehnt ("Gofid Letterkerl" ist übrigens ein Anagramm von "Gottfried Keller"). So gleichen sich die Ausangslage (hungerndes K(r)ätzchen schließt Pakt mit einem Schrecksen-/Hexenmeister, der es auf das Fett des K(r)ätzchens abgesehen hat), die Protagonisten ähneln sich im Namen (z.B. "Spiegel" und "Echo"; wobei sowohl ein Spiegel als auch ein Echo etwas widergeben), einzelne Figuren entsprechen sich und die Handlungsstruktur der Novelle findet sich im Kern bei Moers. Doch Moers mixt diese Zutaten anders. So erhält der Handlungort "Sledwaya" (ein Veweis auf "Seldwyla") eine eigene Topographie und spezifische Merkmale. Alle Bewohner*innen sind dort krank und Apotheken prägen das Stadtbild. Auch der Schrecksenmeister erhält eine eigene Vorgeschichte, dadurch eine größere Tiefe und Ambivalenz, die er bei G. Keller nicht besitzt. Die Handlung selbst geht ebenfalls z.T. andere Wege und bestitzt andere Wendungen. Außerdem baut Moers immer wieder Querverweise innerhalb der Handlung ein, sodass sie keine einfache Blaupause der Novelle Kellers ist. Zusätzlich dazu treten bei Moers spezifisch zamonische Figuren und Wesen auf, die man z.T. schon aus anderen Romanen kennt. Eine weitere Zutat von Moers ist der Untertitel "[e]in kulinarisches Märchen", den er sehr ernst. Der Schrecksenmeister bereitet für Echo exzessiv die kreativsten und wahnwitzigsten Speisen zu, die auch mal zu Bewusstseinserweiterungen führen. Insgesamt ist "Der Schrecksenmeister" eine gelungene Neuinterpretation von "Spiegel, das Kätzchen", wobei die Grundstruktur der Novelle sichtbar bleibt, aber viele neue Zutaten hinzukommen, die ordentlich durchgemischt werden - ohne, dass die Handlung zu aufgebläht oder übersättigt wird. In diesem Sinne: wohl bekomms!

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere