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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 16.06.2021

Atmosphäre mit Stil und Genuss

Buona Notte - Ein Lago-Maggiore-Krimi
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Wer beim Lesen eines Krimis mehr Wert auf Lokalkolorit legt, auf atmosphärische Schilderungen, auf die Vermittlung eines besonderen Lebensgefühls, und dem es weniger wichtig ist, spannende Ermittlungsarbeit ...


Wer beim Lesen eines Krimis mehr Wert auf Lokalkolorit legt, auf atmosphärische Schilderungen, auf die Vermittlung eines besonderen Lebensgefühls, und dem es weniger wichtig ist, spannende Ermittlungsarbeit eines rätselhaften Falles zu verfolgen, der hat große Freude an dem vorliegenden Buch. Hinter dem Autorennamen Andrea Di Stefano verbergen sich zwei Brüder, die ihr Pseudonym (fast) so oft wechseln wie ihre T-Shirts und die offensichtlich ein Faible haben für genussvolles Erzählen.

Lukas Geier lebt in einem mittelalterlichen Turm hoch über dem Lago Maggiore. Ohne Treppensteigen geht hier nichts. Nicht bis hoch zum Turm und nicht im Turm selbst zu den einzelnen Zimmern. Lukas kann es sich leisten, seine Tage beschaulich zu verbringen, denn er hatte mit seiner Band einen weltweit erfolgreichen Sommerhit gelandet und daraufhin seinen Job als Zeugenschützer und Erfinder von konstruierten Lebensläufen in München aufgegeben. Als jedoch eines Morgens sein Gitarrist tot im Studio neben Geiers Wohnturm liegt und seine ehemalige Freundin Cristina, die Ermittlerin bei der Polizei in Varese ist, nicht auffindbar ist, wird Lukas Geier aus seiner ruhigen und passiven Lebensweise herausgerissen.

Zu diesem Buch fällt mir das Wort „Genusslesen“ ein. Denn es ist ein Genuss, sich lesend verführen zu lassen in die wunderschöne Gegend rund um den Lago Maggiore, in eine Art Urlaubsfeeling, in ein Lebensgefühl ohne Eile, mit Zeit für Straßencafés und Wein und Muße. Durch die atmosphärisch dichten Schilderungen meint man als Leser, direkt mit allen Sinnen die Fülle an Farben und Gerüchen aufzunehmen, die Hitze des Tages, die Kühle der Nacht auf der Haut zu spüren. „Der Lago Maggiore ist die Heimat der Sehnsucht.“ Der Schreibstil gefällt mir sehr gut. Er ist klar und bildstark. Hinter den lapidar daherkommenden Sätzen stecken herrlicher Humor und feine Sensibilität gleichermaßen. Und enorm viel Musikverständnis obendrein. Das einzige, das etwas zu kurz kommt, ist die Spannung, die nur gelegentlich aufblitzt. Mir hat sie jedoch nicht gefehlt. Denn ich habe auch diesen zweiten Band der Reihe sehr, sehr gerne gelesen.



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Veröffentlicht am 10.06.2021

Sommerleicht, aber nicht seicht

Sieben Tage am Meer
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Diesen Roman zu lesen, empfand ich als sehr entspannend. Einerseits handelt es sich um eine locker-leicht erzählte Geschichte, andererseits ist sie mit einer dezent-unaufdringlichen Lebensweisheit versehen, ...



Diesen Roman zu lesen, empfand ich als sehr entspannend. Einerseits handelt es sich um eine locker-leicht erzählte Geschichte, andererseits ist sie mit einer dezent-unaufdringlichen Lebensweisheit versehen, die das Nachdenken lohnt und das Buch aus der reinen inhaltsleeren Unterhaltung herausholt.

Drei Freundinnen, wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten, Anfang 50, treffen sich zu einem Wochenende auf Sylt, um Gin Tonic zu trinken und über ihre jeweilige Lebenssituation zu sprechen. Da ist ein Ehemann weggelaufen, dort ist die erträumte Karriere trotz allen Einsatzes ausgeblieben und bei der dritten Freundin blieb der Kinderwunsch unerfüllt. Jede ist mit ihrer Situation unzufrieden. In der Nacht träumen alle drei von einer sehr seltsamen Begegnung. Eine Art Engel trägt ihnen auf, Dankbarkeit für all das Schöne in ihrem Leben zu empfinden und anderen zu helfen. Am nächsten Morgen wissen die drei Freundinnen nicht, ob zu viel Gin Tonic schuld war an dieser seltsamen Begegnung. Oder war es nur ein Traum? Aber können drei Menschen gleichzeitig denselben Traum träumen?

Zwar blieben mir die drei Freundinnen, jede in ihrer Art, durch die Geschichte hinweg allesamt nicht besonders sympathisch, dennoch habe ich den Roman gerne gelesen. Mit leisem Humor erzählt Ella Rosen von den Freundinnen, die alle ihr eigenes Päckchen zu tragen haben, aber es über die Tage hinweg doch schaffen, Frieden mit ihrer Vergangenheit zu machen und die enge egozentrische Blickweise zu verlassen. Loslassen und Geduld haben, mit sich, mit anderen, mit dem Schicksal – genau das öffnet neue Wege.

Fazit: Leicht zu lesende, ermutigende Unterhaltung.

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Veröffentlicht am 07.06.2021

Lebendig erzählter historischer Krimi im Berlin Ende 19. Jh.

Der Tod der Schlangenfrau
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Welch ein Zufall – ich durfte zwei historische Kriminalromane hintereinander lesen, die beide Ende des 19. Jahrhunderts spielten. Einmal befand ich mich mit Oliver Pötzsch 1893 in Wien und direkt danach ...



Welch ein Zufall – ich durfte zwei historische Kriminalromane hintereinander lesen, die beide Ende des 19. Jahrhunderts spielten. Einmal befand ich mich mit Oliver Pötzsch 1893 in Wien und direkt danach mit Ulrike Bliefert im Jahr 1896 in Berlin. Eine doppelt interessante Leseerfahrung!

Im vorliegenden Kriminalroman ist die Hauptperson Auguste Fuchs, eine offene und temperamentvolle junge Frau. Sie ist die engagierte Mitinhaberin des väterlichen Fotoateliers in der Friedrichstraße in Berlin. Ihre Leidenschaft ist das Fotografieren, doch die damals üblichen steifen Familienfotos sind ihr eher lästig. Als während einer Foto-Serie im Wintergarten-Varieté die Schlangenbeschwörerin Samirah zu Tode kommt, entdeckt Auguste auf einem ihrer Fotos einen merkwürdigen Gegenstand, doch der ermittelnde Kommissar beachtet diesen Hinweis nicht. Ist er möglicherweise die Tatwaffe? Auguste verfolgt zusammen mit ihrer Tante und dem Kriminalassistenten Jakob Wilhelmi weiter die Spur des möglichen Mörders, ohne zu ahnen, dass sie dies letztlich in die finstersten Ecken der wilhelminischen Kolonialpolitik führen wird.

Dass dem Buch von Ulrike Bliefert sorgfältige Recherchen zugrunde liegen, konnte ich gerade auch im direkten Vergleich mit „Das Buch des Totengräbers“ von Oliver Pötzsch feststellen. Berlin war Wien mit den technischen Neuerungen dieser Zeit um mehrere Jahre voraus. Sehr bildhaft und lebendig schildert die Autorin diese spannende Zeit zwischen kaiserlicher Tradition und Einzug neuer Techniken. Mit Auguste Fuchs ist ihr eine sympathische Figur gelungen, die unkonventionell denkt und handelt. Über die finstere, geradezu menschenverachtende Seite der deutschen Kolonisation in Afrika liest man mit Bedrückung. An den etwas überstilisierten Schreibstil von Ulrike Bliefert musste ich mich erst ein wenig gewöhnen, wenngleich er absolut stimmig in die geschilderte Zeit passt. Weniger gut gefielen mir die Einfügungen in Kiswaheli bzw. ich fand sie unnütz, da der durchschnittliche Leser sicher nicht bewandert ist in dieser oder einer anderen afrikanischen Sprache und somit auch kein Ohr hat für Aussprache oder Klang der abgedruckten Sätze. Alles in allem jedoch habe ich diesen besonderen Kriminalroman, gerade aufgrund seiner besonderen Thematik der Kolonialpolitik, sehr gerne gelesen.

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Veröffentlicht am 21.05.2021

Eine Ermittlerin, die noch erwachsen werden muss

Die Augenzeugin
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Und wieder ein Kriminalroman aus Schweden, den ich gerne gelesen habe. Seine Handlung ist in einem malerischen Fischerort an der südschwedischen Küste angesiedelt ist, wobei mir zugegebenermaßen weder ...


Und wieder ein Kriminalroman aus Schweden, den ich gerne gelesen habe. Seine Handlung ist in einem malerischen Fischerort an der südschwedischen Küste angesiedelt ist, wobei mir zugegebenermaßen weder die Örtlichkeiten noch das Wetter Lust auf einen Schweden-Besuch machen trotz der vielen atmosphärisch-bildhaften Naturbeschreibungen.

Harriet Vesterberg, eine junge Ermittlerin, zieht von Stockholm zurück in ihre alte Heimat, in das Fischerdorf Lerviken an der Küste. Dort beginnt sie ihre Arbeit bei der hiesigen Polizei. Ein Grund für den Umzug ist, dass sie näher bei ihrem Vater, einem pensionieren Juraprofessor, leben möchte, weil er besorgniserregende Anzeichen von Demenz zeigt. Kaum angekommen, wird sie bereits mit einem grausamen Mordfall konfrontiert, der ihr alles abfordert. Denn je weiter sie in die Ermittlungen eintaucht, desto deutlicher wird ihr, dass sie den Mörder kennen könnte…

Wohltuend ist, dass die Autorin klar und folgerichtig erzählt. Ihre solide Erzählweise kommt glücklicherweise ohne die inzwischen so beliebten und oftmals nervigen Rück- und Vorblicke und Perspektivwechsel aus. Gewöhnungsbedürftig empfand ich, dass der Kriminalroman nur im Präsens geschrieben ist, was beim Lesen unerwartet besondere Aufmerksamkeit erfordert. Der Kriminalroman ist unterhaltsam und abwechslungsreich zu lesen. Es finden sich einzelne Sätze, die im Gedächtnis bleiben: „Sie gehört zu den Leuten, die beim Denken oft Pech haben“, ist solch eine witzig-böse Beschreibung zum Beispiel. Der Spannungsbogen baut sich zwar nur langsam auf, aber erreicht seinen überraschenden Höhepunkt gegen Ende. Probleme hatte ich mit der Darstellung der Person Harriet. Sie ist 29 Jahre alt, benimmt sich allerdings oftmals wie ein junges, verunsichertes Mädchen, sie wirkt unselbständig, naiv, ungeschickt, vertritt ihre Interessen nicht, scheint ohne Selbstbewusstsein zu sein. Das passt nicht wirklich zu der Tatsache, dass Harriet ein Studium und eine fundierte Ausbildung und Berufserfahrung hinter sich hat. Damit gewinnt ihre Gegenspielerin, ihre unsympathische Chefin Margareta, mit ihrer harten Persönlichkeit viel zu viel Gewicht im Handlungsgeschehen, wie ich finde. Auch erscheinen mir über das Buch hinweg die vielen Textnachrichten an Lisa, Harriet’s langjährige Freundin, unnötig. Auch damit wird die Figur Harriet eher zu einer unreifen Jugendlichen abgestempelt statt zu einer klugen und souveränen Ermittlerin. Wobei – der Cliffhanger am Ende des Buches will mir etwas anderes sagen…

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Veröffentlicht am 19.05.2021

Eine Hymne für die Würde des Buches

Bücherliebe – Was Bücherregale über uns verraten
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Der Titel, insbesondere der Untertitel „Was Bücherregale über uns verraten“, verspricht weit mehr als er hält. Und er führt sogar in die Irre, denn über uns selbst lernen wir gar nichts. Zumindest ...



Der Titel, insbesondere der Untertitel „Was Bücherregale über uns verraten“, verspricht weit mehr als er hält. Und er führt sogar in die Irre, denn über uns selbst lernen wir gar nichts. Zumindest erging es mir so. Ich erfuhr zwar das eine oder andere über Menschen aus der Vergangenheit, aber mehr auch nicht.

Trotzdem ist es ein nettes Büchlein, hübsch aufgemacht, mit Lesebändchen, typographisch abwechslungsreich gestaltet. Es enthält kleine Essays bzw. kleine Aufsätze, die sich auf völlig unterschiedliche Weise mit dem Thema „Buch“ und „Lesen“ befassen. Es werden auf humorvolle Weise so manche Tics passionierter Leser auf die Schippe genommen. Wer wusste zum Beispiel, dass Oscar Wilde dazu neigte, die äußere obere Ecke der Seiten abzureißen und aufzuessen, während er las? Diese und viele weitere Informationen, die die Welt nicht unbedingt braucht, enthält das Büchlein. Kurzweilig zu lesen, keine Frage, da die kleinen Aufsätze humorvoll, satirisch, entblößend oder entwaffnend komisch sind. In bleibender Erinnerung bleibt mir allerdings nur der Diskurs über ein nicht gestelltes Foto aus dem Jahr 2017 in der Zeitschrift „Ideal Home“ aus einem tatsächlich existierenden Wohnhaus, dessen Besitzer das leidige Problem des Büchersortierens im Regal gelöst haben, indem sie alle Bücher mit dem Rücken nach hinten, also die vergilbten Seitenschnitte nach vorne, gestellt haben. Welch eine verstörende Idee, den Büchern so „in die Unterhose schauen zu lassen“, wie die Autorin es nennt.

Fazit kurzum: Das Büchlein ist das ideale Geschenk für Buchverliebte

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