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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 03.11.2021

Mörderische Geschichten für einen guten Zweck

Wir schreiben für euch: Krimi und Thriller
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Anthologien sind ja immer so eine Sache. Verschiedene Autoren schreiben zu einem Thema oder in einem Genre. Es gibt Anthologien, da funktioniert das. Zum Beispiel in dieser.

Mal völlig davon abgesehen, ...

Anthologien sind ja immer so eine Sache. Verschiedene Autoren schreiben zu einem Thema oder in einem Genre. Es gibt Anthologien, da funktioniert das. Zum Beispiel in dieser.

Mal völlig davon abgesehen, dass sich hier jemand Gedanken um die Opfer der Flut und des Hochwassers gemacht hat, die uns im Sommer erschütterte. Die Verlegerin Sam Winters rief dazu auf, Kurzgeschichten einzureichen, der Erlös sollte an alle gehen, die unter den Wassermassen gelitten hatten.

Und was für ein krass gutes Buch daraus entstanden ist. So, wie ich es sehe, sind wohl so viele Geschichten eingegangen, dass die Verlegerin mehrere Anthologien zu verschiedenen Themen herausgebracht hat. Humor, Liebe, Fantasy, Kinder gibt es auch noch. Für die letzten beiden gab es sogar schon eine Auszeichnung: den Bronzenen Stephan.

Wie auch immer. Was erwartet euch in dieser Sammlung mörderischer Kurzgeschichten?

Alles, was das Genre hergibt. Klassische Whodunnits, Thriller, Mystery. Es geht um Serienmörder, Drogen, Probleme in der Schule, einsame Gegenden mit gefährlichen Verbrechern. Auffällig ist, dass hier wirklich alle vertreten sind: Erstveröffentlichte und richtig professionelle Autoren. Gleich ist ihnen allen, dass sie eine gute, handwerkliche Qualität aufweisen.

Ob man jetzt jede Geschichte mag oder nicht, ist reine Geschmackssache. Aber allein der Gedanke hinter diesem Buch ist die Höchstpunktzahl wert.

Veröffentlicht am 20.10.2021

Blitz und Donner!

Freddy und Flo: Freddy und Flo gruseln sich vor gar nix!
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Freddy (9) und Flo (12, Pubertier) müssen umziehen. Schuld sind ihre Eltern, die sich getrennt haben und jetzt jeweils mit neuen Partnern zusammenleben. Uncool, wenn man Flo fragt. Nicht ganz so uncool, ...

Freddy (9) und Flo (12, Pubertier) müssen umziehen. Schuld sind ihre Eltern, die sich getrennt haben und jetzt jeweils mit neuen Partnern zusammenleben. Uncool, wenn man Flo fragt. Nicht ganz so uncool, findet Freddy, zumal sie ausgerechnet neben einen Friedhof ziehen! Das schreit doch regelrecht nach Abenteuer? Tatsächlich merken die beiden schnell, dass sie in einem seltsamen Haus gelandet sind - wobei landen eher die Spezialität von Poppy ist, dem kleinen Mädchen von nebenan, das ganz nebenbei auch eine Hexe ist. Dann gibt es da noch einen Werwolf und einen Vampir und eine Elfe und Heinzelmännchen und ... Herrn Wiesel. Den schmierigen Hausverwalter. Freddy und Flo gruseln sich zum Glück vor gar nix und das werden sie mit Hilfe ihrer neuen Freunde bald unter Beweis stellen müssen ...

Mich hatte das Buch ja schon gepackt, als ich die erste Seite aufschlug und diese mega Zeichnung mit dem Haus und seinen Bewohnern fand. Da schadet es also nichts, dass auch der Schreibstil mich fast sofort in seinen Bann zog und dann erst das Personal des Buches! Ich glaube, ich bin verliebt. In eine außergewöhnliche Hausgemeinschaft. Die Übernatürlichen sind alle so besonders - ganz besonders liebenswert. Und sie müssen sich gegen einen besonders widerliches Exemplar von Betrüger zur Wehr setzen. Dass dabei gleich noch Themen wie getrennte Eltern, neue Lebenspartner, Betrüger und Umweltschutz angesprochen werden, ist nur noch das I-Tüpfelchen auf dem Ganzen. Und ich verwette Poppys neue Besen darum, dass dieses Buch gleich mal Minuspunkte kassieren wird, weil es gewagt wird, Klima/Umweltschutz und Fleischessen ganz vage anzuschneiden. Von mir bekommt das Buch volle Punktzahl und eine dicke Empfehlung.

Veröffentlicht am 01.10.2021

Grenzen erfahren

Eis. Abenteuer. Einsamkeit
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Wenn man Richard Löwenherz heißt, hat man wahrscheinlich keine Wahl: Man muss König oder Abenteurer werden. Und da es mit Königen in diesem Land recht rar gesät ist, bleibt nur der Abenteurer übrig. Richard ...

Wenn man Richard Löwenherz heißt, hat man wahrscheinlich keine Wahl: Man muss König oder Abenteurer werden. Und da es mit Königen in diesem Land recht rar gesät ist, bleibt nur der Abenteurer übrig. Richard ist dafür der König der Abenteurer, denn er sucht sich immer die absoluten Grenzerfahrungen aus. Mit diesem Buch nimmt er uns mit in den Winter Sibiriens, ins tiefste Jakutien, dorthin, wo es Straßen gibt, die nur in Eis und Schnee befahrbar sind. Und das tut er, fahren und ERfahren. Mit einem Fatbike, über 80 Kg Gepäck und jeder Menge Motivation, Erfahrung von vorherigen Reisen und einem Mindset, in dem Aufgeben nicht zum Wortschatz gehört, macht er sich auf eine atemberaubende Reise.

Ich habe bis vor ein paar Jahren selbst noch gern Radreisen (natürlich um 1000 Prozent harmlosere und ungefährlichere) gemacht, also war klar, dass mich so ein Abenteuer reizt: wenn auch nur im Warmen sitzend, Tee trinkend, Lebkuchen essend. Der "lonely traveller" nimmt uns in seinem Reisebericht mit: erzählt uns nicht nur von der unfassbaren Kälte in diesem Land, sondern auch von der rauen und unwirtlichen Gegend, vom Werchojansker Gebirge, von dem Gefühl, wie es ist, nicht nur allein Wind, Eis, Schnee und Wetter zu trotzen, sondern auch dem Gefühl, auf einem zugefrorenen Fluss - später sogar auf dem Meer - zu fahren. Es kommt zu gefährlichen Situationen, einfach weil diese Bedingungen so unwahrscheinlich hart sind. Und es kommt auch zu faszinierenden Begegnungen mit den Leuten, die so unwahrscheinlich herzlich sein können. Dazu zeigt uns der Autor Bilder und Fotos, die zum Träumen oder Frieren einladen und gibt Informationen zu Land, Leuten und Reisen. Es macht einfach Lust auf mehr - auf mehr Abenteuer im Leben, auf mehr Bücher dieser Art und vielleicht, ganz vielleicht springt ein Funke über und man macht sich Gedanken über seine eigene, nächste (Rad)Reise.

Veröffentlicht am 26.09.2021

Der alte Tom

Der Tod und das dunkle Meer
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1634. Die Ostindienkompanie ist so ziemlich die mächtigste Gesellschaft der Welt. Als von Batavia aus sieben Schiffe in See stechen, um nach Amsterdam zu segeln, sind nicht nur viele Hoffnungen und Träume, ...

1634. Die Ostindienkompanie ist so ziemlich die mächtigste Gesellschaft der Welt. Als von Batavia aus sieben Schiffe in See stechen, um nach Amsterdam zu segeln, sind nicht nur viele Hoffnungen und Träume, sondern auch Musketiere, Adlige, Matrosen und ein Gefangener an Bord: Sammy Pipps, der berühmteste Ermittler seiner Zeit liegt in Ketten, obwohl er kurz zuvor noch für den Generalgouverneur Haan etwas Wertvolles zurückgebracht hat. Doch damit ist es nicht getan. Etwas Böses, Grausames hat sich hereingeschlichen, etwas, das alte Verbrechen wieder ans Licht zieht, Rache üben und Unheil bringen will. Schon nach kurzer Zeit sterben Leute und passieren teuflische Dinge. Und Arent Hayes, der sonst immer als Assistent und Bodyguard des berühmten Detektivs fungiert hat, muss zusehen, diesen Fall allein zu lösen, sonst stirbt nicht nur Sammy, sondern alle an Bord könnten ihr Leben verlieren.

Wow, wow, wow. Was für ein großes Kino Turton hier auffährt. Ich mochte ja seinen Erstling schon ziemlich gern, aber hier hat er noch mal eine Schippe drauf gepackt und er bittet nicht darum, uns ins dunkle Meer mitzunehmen, er packt uns, egal, ob wir schreiend und strampelnd dagegen angehen. Er und sein Teufel, der alte Tom, zeichnen das Teufelszeichen auf unsere Hände und Stirnen, flüstern uns des Nachts ungehörige Dinge ins Ohr, versprechen, verführen und verleiten. Mit einem Ruck befindet man sich auf einem Holzschiff des 17. Jahrhunderts, ist mitten unter den brutalen Gesellen, die dort arbeiten und für weniger als eine Handvoll Gold nicht nur sich selbst, sondern auch des Teufels Großmutter verkaufen würden. Die Adligen sind keinen Hauch besser, kriegen nie genug, intrigieren, verachten, verurteilen. Frauen werden als Untertanen angesehen, die jederzeit verschachert werden können, und sollte sich eine als schlau erweisen, ist sie bestimmt eine Hexe.

Turton nimmt sich Zeit für die Geschichte, er hastet nicht durch, er setzt uns in ein 3-D-Kino und zeigt uns die Decks, die Tagelage, die Prügeleien der Matrosen. Dennoch hatte ich nicht eine Sekunde lang das Bedürfnis, das Buch weglegen zu wollen. Die Ideen, die Umsetzung, diese Homes-und-Watson-Paarung des 17. Jahrhunderts hatten mich am Haken, so sicher, als hätte es Captain Hook auf mich abgesehen. Vielleicht sollte ich eine Warnung aussprechen: Dieses Buch ist nichts für Leute, die sich nicht mehr als drei Personen merken können. Sie ist nichts für Zartbesaitete oder diejenigen, die ein klares Happy End erwarten. Auch Ungeduldige kommen wohl nicht auf ihre Kosten. Allen jedoch, die sich auch gern mal Zeit für eine Entwicklung nehmen, die sich gern in eine Zeit oder Geschichte hineinziehen lassen, die kein Problem damit haben, Charaktere im Gedächtnis zu behalten und auch zuzuordnen, all denen sage ich: Schiff ahoi! Segelt los, meinen Segen habt ihr!

Veröffentlicht am 21.08.2021

Play it again, Tomke!

Das Gestern von morgen
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Mit fünfzehn hat man eigentlich schon genug Probleme, im Leben klarzukommen: das andere Geschlecht ist meistens blöd, wenn auch faszinierend, die Eltern blöd, aber am längeren Hebel und die Schule ist ...

Mit fünfzehn hat man eigentlich schon genug Probleme, im Leben klarzukommen: das andere Geschlecht ist meistens blöd, wenn auch faszinierend, die Eltern blöd, aber am längeren Hebel und die Schule ist auch nicht gerade ein Ort der Glückseligkeit. Doch Tomke trifft es ungleich härter: Ihr etwas älterer Bruder Jannes wird nach einem schlimmen Unfall schwerverletzt im Wald gefunden, und es ist nicht sicher, ob er je wieder aufwacht. Tomke ist verzweifelt. Doch als sie am nächsten Tag wieder aufwacht, hat der gestrige Tag von vorn begonnen und ... könnte das bei aller Unwahrscheinlichkeit die Chance sein, Jannes zu retten? Gegen jede Chance nimmt Tomke den Kampf um ihren Bruder auf, versucht ihn zu retten und ... scheitert. Und wieder beginnt derselbe Tag. Und wieder und wieder und wieder. Ist es überhaupt möglich, dem Schicksal ein Schnippchen zu schlagen? Falls ja, ist Tomke bereit, alles in ihrer Macht stehende dafür zu tun.

Tomke ist ein normales, fünfzehnjähriges Mädchen, und das bleibt sie zum Glück auch von Anfang bis Ende. Sie hat Probleme mit Idioten an ihrer Schule, erkennt verliebte Jungs nicht einmal, wenn die nackig vor ihr herumtanzen und mit Leuchtreklame I love you auf ihre Stirn schreiben würden und zockt lieber mit ihren besten Freunden anstatt irgendetwas zu tun, das Erwachsene als sinnvoll erachten. Aber: Sie ist mega-, megacool. Nicht, weil sie sich plötzlich zu einer heißen Schönheitskönigin wandelt, die auf der Beliebtheitsskala plötzlich auf Nummer Eins steht, sondern weil genau solche Sachen ihr quer vorbeigehen. Sie tut alles für diejenigen, die sie liebt und opfert dabei teilweise sogar sich selbst. Sie ist all das, was ich in ihrem Alter gern gewesen wäre: clever, mutig, stur bis zur Selbstaufgabe. Dazu passt, dass alle wichtigeren Charaktere in diesem Buch gut ausgearbeitet sind, ohne in extreme Klischees zu verfallen. Ich mochte eigentlich alles - den Schreibstil, die Art, wie das Buch durch Handygespräche oder Liedtexte aufgelockert wird, die Zerrissenheit der Protagonistin, die darum kämpft, das Richtige zu tun, ohne ihre Menschlichkeit zu verlieren.

Großes Kino. Bin dafür, das Ganze als Netflixserie zu verfilmen.