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Veröffentlicht am 06.10.2021

Familiengeheimnisse und Traumata

Die andere Tochter
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Antonia - genannt Toni - Petzold hat einen Arbeitsunfall, bei dem sie fast erblindet, als sie eine Wohnung entrümpelt. Durch eine Hornhauttransplantation kann sie wieder sehen. Sie bedankt sich bei der ...


Antonia - genannt Toni - Petzold hat einen Arbeitsunfall, bei dem sie fast erblindet, als sie eine Wohnung entrümpelt. Durch eine Hornhauttransplantation kann sie wieder sehen. Sie bedankt sich bei der unbekannten Familie der Spenderin durch ein Schreiben an die Datenbank. Wenig später nimmt die Mutter Kontakt zu ihr auf, und sie fährt zu Familie Mertens in Frankfurt. Sie wird herzlich aufgenommen, vor allem von Susannes - Zsazsas - Mutter Clara, die sie bald liebt wie eine Tochter. Clara ist ganz anders als ihre eigene Mutter, die ihr stets so distanziert und kalt begegnete, dass sie sie nie anders als “Brigitte“ genannt hat. Clara beauftragt sie, die Wohnung der Tochter auszuräumen, und durch die Dinge, die sie dort findet, taucht sie in das Leben der jungen Frau ein. Nur deren Schwester Evelyn begegnet ihr feindselig, vermutlich, weil sie zur Konkurrentin um die Liebe der Mutter geworden ist und sogar ein Verhältnis mit dem Ex-Verlobten der Schwester anfängt. Toni wundert sich über den unermesslichen Reichtum der Familie Mertens und stellt Nachforschungen an. Sie findet heraus, dass es Geheimnisse in dieser Familie gibt, und zwar nicht nur um die Todesursache der Tochter. Gleichzeitig wird ihr bewusst, dass es auch in ihrer eigenen Familie Dinge gibt, über die nie gesprochen wurde, z.B. warum der Großmutter das Sorgerecht übertragen wurde, als Toni fünf war und sie erst mit zwölf zu den Eltern zurückkehrte. In der Erzählgegenwart ist ein Verbrechen geschehen, wodurch die Wohnung der Eltern zum Tatort wurde und versiegelt ist. Toni verschafft sich Zugang, u.a. um nach einem Spenderausweis zu suchen, denn die Mutter liegt schwer verletzt im Koma.
Die Geschichte hat eine raffinierte Zeitstruktur, denn sie beginnt im Oktober 2019 und holt die vergangenen 6 Monate bis zur Gegenwart nach. Erzählt werden die Geschichten zweier Familien, aber es geht auch um Traumaverarbeitung und -vererbung, um Organspende, vor allem um die psychischen Veränderungen beim Empfänger durch eine Transplantation von Gewebe oder ganzen Organen, außerdem um Raubkunst und Restitution im Zusammenhang mit der Nazizeit. Man verfolgt gespannt, wie Toni alle Geheimnisse lüftet und endlich auch begreift, dass ihre wiederkehrenden Albträume nichts mit der Transplantation, sondern mit der Verarbeitung von Traumata zu tun haben. “Die andere Tochter“ ist ein anspruchsvoller Roman mit Krimielementen und wird dadurch zu einer spannenden Lektüre. Auch seine sprachliche Qualität hat mich überzeugt.

Veröffentlicht am 16.09.2021

Weihnachten in einer dysfunktionalen Familie

SCHWEIG!
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In Judith Merchants Roman “Schweig!“ geht es um die Schwestern Esther und Sue. Esther ist mit Martin verheiratet, hat zwei Kinder, einen Job und wohnt in der Stadt. Sue lebt seit ihrer Scheidung von Robert ...

In Judith Merchants Roman “Schweig!“ geht es um die Schwestern Esther und Sue. Esther ist mit Martin verheiratet, hat zwei Kinder, einen Job und wohnt in der Stadt. Sue lebt seit ihrer Scheidung von Robert allein in dem großen Haus im Wald und lässt die Natur auf sich wirken. Am Tag vor Heiligabend besucht Esther ihre Schwester unangekündigt mit einem Geschenk und einer Flasche Wein. Ester gibt sich als liebevolle, besorgte ältere Schwester, Sue dagegen wirkt einsilbig und abweisend und will sie nur loswerden. Dann kommen beide Schwestern im Wechsel zu Wort und später auch Martin und das Mädchen, hinter dem sich Esther in der Kindheit verbirgt, und es ergibt sich ein völlig anderes Bild. Esther ist manipulativ, boshaft und zeigt ein penetrantes Dominanzverhalten, gegen das niemand ankommt – Sue genauso wenig wie der unterwürfige Ehemann. Was Esther nicht will, passiert nicht. Sie biegt sich stets die Realität zurecht, wie es ihr passt und das schon seit der Kindheit. Seit damals nennt sie die Schwester Schnecke, was sich auf einen traurigen Vorfall in der Kindheit bezieht und keineswegs liebevoll gemeint ist. Esther inszeniert Aufführungen von glücklicher Ehe und stimmungsvollen Weihnachtsfesten, aber in Wirklichkeit ist alles anders.
Verunglückte Weihnachten haben in dieser Familie Tradition, nicht nur das Fest ein Jahr zuvor, bei dem Esther die Schwester am liebsten in die Psychiatrie hätte einweisen lassen, sondern auch ein Weihnachtsfest in der Kindheit der Schwestern, als der alkoholkranke Vater Selbstmord beging, was aber nur Esther wusste. Seitdem erfüllt sie mehr als gewissenhaft den Auftrag der Mutter, auf die jüngere Schwester aufzupassen, was ihr als Kontrollfreak vollkommen entspricht.
In den zahlreichen Kapiteln mit ständig wechselnder Perspektive wird eine bedrohliche Stimmung aufgebaut, die ebenso wie die frühe Ankündigung, dass nicht alle dieses Weihnachten überleben werden, dem Leser signalisiert, dass etwas Schlimmes passieren wird. Am Ende sind die Dinge nur scheinbar wieder in Ordnung. Die alte Machtverteilung bleibt, und Esther entlässt niemand aus ihrem Klammergriff. Der Roman über eine dysfunktionale Familie packt den Leser, obwohl es bis zum Finale ein paar Längen gibt. Auch sprachlich hat mich das Buch überzeugt.

Veröffentlicht am 05.09.2021

Propaganda, Fehlinformation und Fake News

Russische Botschaften
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In seinem neuen Thriller “Russische Botschaften“ schreibt Yassin Musharbash über ein Thema, bei dem er sich bestens auskennt. Er ist stellvertretender Ressortleiter des Ressorts Investigative Recherche ...

In seinem neuen Thriller “Russische Botschaften“ schreibt Yassin Musharbash über ein Thema, bei dem er sich bestens auskennt. Er ist stellvertretender Ressortleiter des Ressorts Investigative Recherche und Daten von ZEIT und ZEIT ONLINE.

Die Journalistin Merle Schwalb ist gerade innerhalb der Redaktion der Zeitschrift Globus aufgestiegen. Als sie mit einem Kollegen in einem Straßencafé in Berlin sitzt, fällt ein Mann von einem Balkon. Die Polizei gibt weder seinen Tod noch seine Identität bekannt. Wie sich später herausstellen wird, handelt es sich um einen russischen Agenten, der sowohl für den russischen Geheimdienst GRU als auch für den Verfassungsschutz gearbeitet hat. Letzterem wollte er eine Liste mit verschlüsselten Namen von Deutschen übergeben, die zum Teil sehr viel Geld von russischen Stellen bekommen. Diese Liste gelangt in die Hände von Journalisten von zwei Publikationen, die beschließen, ausnahmsweise zu kooperieren. Die Gruppe trifft sich fünf Wochen lang auf dem Land in einem abgelegenen Gehöft, das einer Freundin von Merle gehört.

In mühsamer Kleinarbeit tragen die Journalisten Informationen zusammen, die das ungeheure Ausmaß der Einmischung russischer Stellen in deutsche Angelegenheiten beweisen. Dabei geht es um die Verbreitung von Fehlinformationen, um Destabilisierung, Hetze und Spaltung der Gesellschaft und um die Verbesserung des russischen Ansehens im Ausland – nicht zu vergessen die russischen Hackerangriffe, die in die Präsidentschaftswahl in den USA und das britische Brexit-Referendum eingriffen. Keine dieser Aktivitäten lässt sich zu Putin zurückverfolgen, weil Tausende dabei mitmachen und teilweise von russischen Oligarchen finanziert werden, die dem Kreml nahestehen. Für die Investigativ-Journalisten wird die Recherche immer gefährlicher, weil sie zwei hochrangige Mitglieder in den eigenen Reihen enttarnen und selbst ins Visier der Geheimdienste geraten. Ein Shitstorm im Internet ruiniert kurz vor der geplanten Veröffentlichung ihre Reputation und macht sie arbeitslos. Am Ende schreibt Merle Schwalb ihren Artikel, aber ob er jemals veröffentlicht wird, bleibt offen.

Der Roman ist spannend und liest sich gut. Die Charakterisierung der Figuren ist gelungen, wobei nicht alle so sympathisch sind wie Merle Schwalb. Ich fand es beklemmend, wie realistisch die Geschichte wirkt, zumal sie durch wiederholte Erwähnung von real existierenden Personen und Ereignissen zusätzlich an Authentizität gewinnt. Aus dem halboffenen Ende schließe ich, dass der Autor eine Fortsetzung plant. Ich freue mich darauf.

Veröffentlicht am 31.08.2021

Porträt einer toxischen Beziehung

Kairos
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Im Berlin der 80er Jahre trifft die 19jährige Katharina eines Tages den 53jährigen Hans. Sie verlieben sich in einander und kommen nicht mehr voneinander los. Hans ist verheiratet, hat einen Sohn und ...


Im Berlin der 80er Jahre trifft die 19jährige Katharina eines Tages den 53jährigen Hans. Sie verlieben sich in einander und kommen nicht mehr voneinander los. Hans ist verheiratet, hat einen Sohn und geht nicht zum ersten Mal fremd. Er denkt gar nicht daran, sich von seiner Frau zu trennen, und dies ist nur ein Problem in dieser komplizierten Beziehung. Als Katharina für einige Monate ein Praktikum in Frankfurt an der Oder macht, verbringt sie eine Nacht mit einem Kollegen. Später wird sie es Hans erzählen, und damit beginnt ein beispielloser Psychoterror. Er fragt sie immer wieder nach allen Einzelheiten, beschimpft und demütigt sie, glaubt nicht an ihre Liebe und Aufrichtigkeit. Immer wieder macht er sie klein. Er verhört sie wie ein Stasioffizier und fordert absolute Ehrlichkeit ein. Aber sagt er selbst die Wahrheit? Der Leser fragt sich zunehmend verstört, warum Katharina an dieser Beziehung festhält, zumal die zuvor geschilderten sadomasochistischen Praktiken schon befremdlich genug sind. Die junge Frau lässt alles mit sich machen. Sie selbst hat die Reitgerte gekauft. Schließlich verdient sie Strafe.

Das Ganze spielt sich vor dem zeitgeschichtlichen Hintergrund des Niedergangs der DDR ab. Es sind die Jahre vor dem Mauerfall und nach der Wende. Die politischen Verhältnisse und die private Beziehung spiegeln sich gegenseitig: eine utopische Liebe findet ihre Entsprechung in der Utopie eines kommunistischen Systems, das allen anderen Staatsformen überlegen ist. Am Ende wird deutlich, in welchem Maße auch der so von sich überzeugte Schriftsteller und Rundfunkmitarbeiter Hans gelogen und getäuscht hat, als Katharina viele Jahre später in einer Art Rahmenhandlung die Kartons mit den Dokumenten und Aufzeichnungen von Hans und ihren eigenen Koffer voller Tagebücher und Notizen für eine Rekonstruktion ihrer Beziehung auswertet. Da erfährt auch sie - und mit ihr der Leser - erst die ganze Wahrheit. Ein guter Roman mit kleinen Schwächen.

Veröffentlicht am 15.08.2021

Harlem vor 60 Jahren

Harlem Shuffle
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Im Mittelpunkt von Colson Whiteheads neuem Roman steht Ray Carney. Er verkauft in einem Laden in der 125th Street gebrauchte Möbel und Geräte. Sein Leben lang hat er versucht, ein halbwegs gesetzestreuer ...


Im Mittelpunkt von Colson Whiteheads neuem Roman steht Ray Carney. Er verkauft in einem Laden in der 125th Street gebrauchte Möbel und Geräte. Sein Leben lang hat er versucht, ein halbwegs gesetzestreuer Bürger zu sein, schon um sich von seinem Vater, dem Ganoven Big Mike abzusetzen, der ihn als Kleinkind gern mal allein in einer Bar zurückließ und sich kaum um ihn kümmerte. Sein bester Freund in seiner Kindheit war sein Cousin Freddie, der es auch nicht viel besser getroffen hatte. Die beiden waren wie Brüder, aber schon damals hat Freddie ihn immer wieder in Schwierigkeiten gebracht. Inzwischen geht es natürlich nicht mehr um Bestrafung durch den Vater, sondern um Konflikte mit örtlichen Gangs und der Polizei. Ray soll für ihn Raubgut aus dem Hotel Theresa lagern und an ihm bekannte Hehler weiterleiten, später Dokumente und wertvollen Schmuck aus dem Elternhaus seines drogenabhängigen Freundes Linus, Sohn von sehr reichen und mächtigen Eltern, in seinem Tresor verstecken. Ray braucht illegale Nebeneinnahmen, weil er allein mit Verkäufen aus seinem Geschäft den Lebensunterhalt für die Familie nicht aufbringen kann. Seine Frau Elizabeth stammt aus der gehobenen schwarzen Mittelschicht, und das Paar erwartet sein zweites Kind in einer viel zu kleinen Wohnung. Das Geld reicht auch deshalb nicht, weil Ray einen beträchtlichen Teil seines Einkommens durch regelmäßige Schmiergeldzahlungen an die Polizei und Schutzgelderpressung durch Gangster aus dem Viertel verliert. Die Situation wird für Ray immer kritischer und gefährlicher. Wird er überleben?
Die drei Abschnitte des Romans umfassen die Jahre 1959, 1961 und 1964 und damit die Präsidentschaft John F. Kennedys. Da gab es zeitweise die Hoffnung auf Besserung der Verhältnisse, vor allem der wirtschaftlichen und rechtlichen Situation von Farbigen. Mit den Harlem Riots von 1964 musste diese Hoffnung erst einmal begraben werden. Anlass der Unruhen war die Erschießung des 15jährigen farbigen Jungen James Powell durch den weißen Polizisten Thomas Gilligan am 16.7.1964. Auch 60 Jahre später gibt es Rassismus und brutale Übergriffe und Morde durch Polizisten, wie der Fall George Floyd im vorigen Jahr noch gezeigt hat, und damals wie heute kommen sie meist straflos davon.
Whiteheads Roman liefert das spannende politische und gesellschaftliche Porträt einer Epoche in der afroamerikanischen Enklave Harlem und ist zugleich eine interessante Familienchronik. Mir hat der Roman sehr gut gefallen, obwohl die Personenvielfalt die Lesbarkeit ein wenig beeinträchtigt.