Profilbild von Viv29

Viv29

Lesejury Star
offline

Viv29 ist Mitglied der Lesejury

Melde dich in der Lesejury an, um dich mit Viv29 über deine Lieblingsbücher auszutauschen.

Anmelden

Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 10.10.2021

Gut recherchiert, im Romanteil ein wenig knapp geschildert

Annette von Droste-Hülshoff. Dichterin zwischen den Feuern
0

Diese Romanbiographie über Annette von Droste-Hülshoff ist liebevoll und ansprechend gestaltet, auch die aussagekräftigen, originellen Kapitelüberschriften haben mir gut gefallen. Es wird beim Lesen schnell ...

Diese Romanbiographie über Annette von Droste-Hülshoff ist liebevoll und ansprechend gestaltet, auch die aussagekräftigen, originellen Kapitelüberschriften haben mir gut gefallen. Es wird beim Lesen schnell offensichtlich, daß sich diese Sorgfalt ebenfalls auf die Recherche erstreckt hat. Man erfährt im Buch zahlreiche detaillierte Fakten über Hülshoffs Leben und Umfeld.

Im - ausgezeichneten - Nachwort erwähnt die Autorin, sie hätte sich bei Verfassen der Romanbiographie um Zurückhaltung bemüht. Meiner Meinung nach hätte der Romanteil etwas weniger Zurückhaltung vertragen. Das Leben Hülshoffs wird in Vignetten erzählt, oft mit mehrjährigen Zeitsprüngen und teils recht abrupten Szenenwechseln/Kapitelenden. Diese Vignettenform hat zumindest mir nicht uneingeschränkt zugesagt, wobei aber auch eine große Rolle spielt, daß viele relevante Details nicht oder nur knapp erwähnt werden.
So wird mit einem Satz ein junger Mann erwähnt, ist zwei Seiten späten schon der Liebste Annette von Droste-Hülshoffs, ohne daß der Leser ihn auch nur ansatzweise kennenlernen kann. Der Beginn einer Freundschaft wird detailliert beschrieben, dann verschwindet diese Freundin jahrelang ohne Erwähnung, taucht indirekt wieder auf, als ihr Sohn in Annettes Leben tritt, kurz danach erfahren wir (auch indirekt) vom Tod der Freundin durch einen Satz des Sohnes. Annettes Reaktion bleibt unerwähnt. Ebenso beim Tod ihres Vaters, welcher sie laut Nachwort emotional sehr belastete. Im Romanteil ist dieser Tod eine knappe Bemerkung, verbunden mit den dadurch verbundenen praktischen Fragen. Emotionale Reaktionen finden keinerlei Erwähnung. Von der Entzweiung mit einer Freundin erfahren wir ebenfalls nur knapp im Nachhinein, während kurz zuvor noch eine etwas banale Begegnung der beiden geschildert wird. Diese für mich distanzierte Gewichtung fand sich oft im Buch. Es gibt ausführlich geschilderte - sich thematisch teils wiederholende - Unterhaltungen, die manchmal ein wenig nichtssagend wirken, während monumentale, emotionale Lebensmomente im Vorbeigehen und Nachhinein erwähnt werden. So blieben Hülshoff und ihr Umfeld mir oft fremd und bei mancher Nebenbemerkung dachte ich mir, welch interessante Szene das abgegeben hätte. Es finden sich aber auch schön und bildhaft geschilderte Szenen, lobenswert ist zudem die Verwendung von Originaltexten (Briefe, Gedichte). Die unüberschaubare Verwandtschaft führt gerade am Anfang häufig zu Verwirrung (nicht nur beim Leser, auch bei Annette und ihrer Schwester selbst!), so daß die gelegentlichen Einschübe „die Großmutter“, „die Tante“, „der Onkel“, etc. hilfreich und willkommen waren.

Ein Personenverzeichnis im hinteren Teil half hier ebenfalls weiter, überhaupt ist der Anhang erfreulich. Hier findet sich das schon erwähnte Nachwort (welches häufig Fragen klären mußte, die im Romanteil nicht ausreichend dargelegt wurden), ein Bildteil, ein Glossar, eine Ortsliste und weitere hilfreiche Informationen. Hier bleiben keine Wünsche offen.

Auch wenn mich der Romanteil nicht gänzlich überzeugte und es ohne den Anhang keine vier Sterne geworden wären, habe ich aus dem Buch viel über Annette von Droste-Hülfshoffs Leben erfahren, in einigen Szenen sehr mitgefühlt und mich an der Sorgfalt von Gestaltung und Anhang erfreut.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
Veröffentlicht am 04.09.2021

Ein schön gestalteter Überblick

Ein gutes Dutzend wilde Kräuter
0

Kräuter in die Ernährung einzubinden, ist eine gute Idee, Wildkräuter selbst zu suchen und zu verarbeiten bringt noch eine weitere erfreuliche Perspektive in die Mahlzeiten. In diesem Buch werden zwölf ...

Kräuter in die Ernährung einzubinden, ist eine gute Idee, Wildkräuter selbst zu suchen und zu verarbeiten bringt noch eine weitere erfreuliche Perspektive in die Mahlzeiten. In diesem Buch werden zwölf Wildkräuter vorgestellt, darunter so bekannte wie Waldmeister und Löwenzahn, aber auch (zumindest mir) eher unbekannte wie Wilder Dost oder Bitteres Schaumkraut. Man kann hier also einige neue Anregungen bekommen und eventuell Neues über bekannte Pflanzen erfahren. Der Abschnitt über jede Pflanze beginnt mit einer Einführung aus allgemeinen Informationen, Aussehen oder besonderen Merkmalen; dann folgt ein Abschnitt, wo die Pflanze zu finden ist, mit welchen Pflanzen sie verwechselt werden könnte und dann Hinweise, wie man sie verwenden kann. Jeweils sechs Seiten werden jeder Pflanze gewidmet, mit sehr vielen Bildern und recht knappem, oft stichpunktartigem Text. Eine allgemeine Einführung gibt noch allgemeine Informationen zum Umgang mit und Nutzen von Wildkräutern. Sehr interessant fand ich hier die Gegenüberstellung von Mineralstoffen, Eiweiß und Vitaminen zwischen Kopfsalat und Brennnessel. Es wird gut erklärt, welche Vorteile Wildkräuter haben. Eher unangenehm finde ich, dass die Autoren der momentan um sich greifenden Mode, einfach zu duzen, folgen.

Die Bebilderungen sind sehr genau, so wird der Aufbau der jeweiligen Pflanze detailliert aufgezeigt, auch die Pflanzen, mit denen sie verwechselt kann, werden bildreich dargestellt. Optisch ist das Buch eine Freude. Sehr schön finde ich es auch, daß immer wieder darauf hingewiesen wird, beim Sammeln behutsam vorzugehen, die Pflanze nicht zu beschädigen und nur so viel einzusammeln, wie gebraucht wird. Auch Hinweise zu Verarbeitung, Trocknen und Aufbewahren finden sich. Man bekommt hier also einen liebevoll gestalteten Überblick. Mir war dieser durchweg zu knapp gehalten, gerade auch im Hinblick auf den Preis des Buches. Gerade was die Verwendungszwecke betraf, hatte ich mir wesentlich mehr erhofft und war enttäuscht, wie knapp dieser Bereich abgehandelt wurde.

Für einen ersten Einstieg bietet das Buch gute, ansprechend dargebotene Informationen.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
Veröffentlicht am 04.09.2021

Ein schön gestalteter Überblick

Ein gutes Dutzend heilende Pflanzen
0

In diesem sehr ansprechend gestalteten Buch lernt man zwölf Heilpflanzen kennen. Der Abschnitt über jede Pflanze beginnt mit einer Einführung aus allgemeinen Informationen, Aussehen oder besonderen Merkmalen; ...

In diesem sehr ansprechend gestalteten Buch lernt man zwölf Heilpflanzen kennen. Der Abschnitt über jede Pflanze beginnt mit einer Einführung aus allgemeinen Informationen, Aussehen oder besonderen Merkmalen; dann folgt ein Abschnitt, wo die Pflanze zu finden ist, mit welchen Pflanzen sie verwechselt werden könnte und dann Hinweise, wie man sie verwenden kann. Jeweils sechs Seiten werden jeder Pflanze gewidmet, mit sehr vielen Bildern und recht knappem, oft stichpunktartigem Text. Eine allgemeine Einführung gibt noch allgemeine Informationen zum Umgang mit und Nutzen von Heilpflanzen. Die Autoren folgen der momentan um sich greifenden Mode, einfach zu duzen, was ich eher unangenehm finde.

Die Bebilderungen sind sehr genau, so wird der Aufbau der jeweiligen Pflanze detailliert aufgezeigt, auch die Pflanzen, mit denen sie verwechselt kann, werden bildreich dargestellt. Optisch ist das Buch eine Freude. Sehr schön finde ich es auch, daß immer wieder darauf hingewiesen wird, beim Sammeln behutsam vorzugehen, die Pflanze nicht zu beschädigen und nur so viel einzusammeln, wie gebraucht wird. Auch Hinweise zu Verarbeitung, Trocknen und Aufbewahren finden sich. Man bekommt hier also einen liebevoll gestalteten Überblick. Mir war dieser durchweg zu knapp gehalten, gerade auch im Hinblick auf den Preis des Buches und im Vergleich zu anderen Büchern dieser Art. Grade zu Heilwirkung und Verwendungsmöglichkeiten hätte ich mich über etwas ausführlichere Informationen gefreut. Überrascht war ich auch, daß die Goldrute zwar lobenswerterweise mit einem Hinweis für Allergiker versehen war, die Birke aber nicht.

Für einen ersten Einstieg bietet das Buch gute, ansprechend dargebotene Informationen.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
Veröffentlicht am 31.08.2021

Herrliche Sprache, aber zu viele Längen und Namedropping

Flucht nach Patagonien
0

„Flucht nach Patagonien“ zeichnet sich durch eine wundervolle Sprache aus und widmet sich zudem einem – zumindest mir – unbekannten Sujet. Weder Eugenia noch Jean-Michel, die wir hier im Jahr 1937 nach ...

„Flucht nach Patagonien“ zeichnet sich durch eine wundervolle Sprache aus und widmet sich zudem einem – zumindest mir – unbekannten Sujet. Weder Eugenia noch Jean-Michel, die wir hier im Jahr 1937 nach Patagonien begleiten, waren mir bisher bekannt, auch Patagonien selbst ist eine fremde Welt für mich.
Im ersten Drittel des Buches lernen wir Jean-Michel dadurch kennen, dass er die Schiffsreise von Europa nach Südamerika nutzt, seine Lebensgeschichte aufzuschreiben. Die empfindsame, kunstvolle Sprache hat mich, wie der verletzliche Jean-Michel selbst, gleich in ihren Bann gezogen, obwohl Jean-Michels Lebensgeschichte distanziert, fast berichtartig erzählt wird. Es gibt herrliche Formulierungen und die herrschaftliche Welt der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg steigt farbenprächtig vor uns auf, ebenso wie die Ausschweifungen und kulturellen Umwälzungen der 20er Jahre. Die immer wieder durchblitzenden dunklen Anklänge haben mir besonders gut gefallen. „Ich bin alleine in einem dunklen Tunnel“ ist eine der Äußerungen, welche einer der Charaktere kurz vor seinem Suizid macht. Vieles in dieser Hinsicht bleibt Andeutung, die distanzierte Erzählweise führt zudem dazu, dass mir die meisten Charaktere eher fremd blieben.
Das erste Drittel des Buches widmet sich auf diese Art Jean-Michels Leben vor 1937 und obwohl die Erzählung eher ruhig dahinfließt, habe ich die Lektüre genossen, insbesondere wegen der herrlichen Sprache. Es gab einige Längen, gerade die ausführlichen Details zur Jean-Michels Profession, der Innenarchitektur, wurden ermüdend. Auch fand ich es anstrengend, dass die Autorin den Drang hat, möglichst viele bekannte Namen in das Buch zu quetschen. Man merkt, daß diese oft um ihrer selbst Willen erwähnt werden und zur Geschichte nichts beitragen. Insgesamt bin ich aber gerne in Jean-Michels Leben und jene Zeit eingetaucht.
Der mittlere Teil des Buches widmet sich dem Aufenthalt in Buenos Aires und Patagonien. Hier nahm mein Lesevergnügen über weite Teile hin ziemlich ab, denn nun häufen sich die beiden Punkte, die vorab nur ein wenig störten: die Längen und die Fülle berühmter Namen. Wir begleiten Jean-Michel und Eugenie von einem glänzenden Abendessen zum nächsten, werden mit sich stark ähnelnden Details prächtiger Häuser und illustrer Personen geradezu überschüttet. Das wurde leider schnell langweilig. Die Autorin verliert sich allgemein sehr in Details, was in diesem Teil zu vielen Längen führt. Auch tauchen hier plötzlich so viele neue Namen auf, daß man sie kaum noch zuordnen kann. Hier zeigen sich auch die Nachteile der distanzierten Erzählweise – die Charaktere bleiben einem fremd. Ich mußte ein wenig schmunzeln, als später im Buch erwähnt wird, daß Jean-Michel von Dalis „Namedropping ohne Ende“ genervt ist, denn bei der Lektüre des Buches ging es mir häufig genauso. Ich hätte das Buch wesentlich mehr genossen, wenn es sich auf die Geschichte Jean-Michels und Eugenias sowie eines ausgewählten Umfelds konzentriert hätte, ohne bei jeder sich bietenden Möglichkeit lauter Namen in die Geschichte zu werfen, welche diese eher verwässern als bereichern.
Der Aufhänger der Geschichte, das Grandhotel, war für mich eigentlich der am wenigsten interessante Aspekt, was aber auch daran liegen kann, daß er in zu viel Drumherum unterging. Interessant waren die zeitgeschichtlichen Aspekte, auch wenn ich an manchen Stellen etwas irritiert war – so scheint der Name „Eva Braun“ den Charakteren 1937 schon ein Begriff zu sein, was ich mir eher weniger vorstellen kann. Dahingegen wird Hollywood als kleines Dorf bezeichnet, das sicher noch bekannt werden wird, dabei war Hollywood Ende der 30er bereits weltweit ein Begriff. Allgemein aber scheint der historische Hintergrund ausgezeichnet recherchiert, auch eine ausführliche Literaturliste am Ende des Buches weist darauf hin. Jean-Michels Fluchthilfe für Juden ist z.B. ein interessanter Aspekt, der mehr Raum verdient hätte als das ganze Namedropping.
Das letzte Drittel des Buches beleuchtet Jean-Michels Geschichte nach 1937, leider etwas knapp (bzw. für mich ungünstig gewichtet – hier werden wieder zu viele andere Leute hineingepackt) und berichtartig. Hier kann aber auch wieder die schöne Sprache erfreuen, ebenso wie die tiefe Melancholie und Endzeitstimmung, welche die Nazis und der Zweite Weltkrieg mit sich bringen. Das Ende berührt. Ein Epilog berichtet über weitere Schicksale der Charaktere – von denen mir einige völlig fremd geblieben sind.
„Flucht nach Patagonien“ war in jedem Fall ein Leseerlebnis. In herrlichem Stil habe ich hier viel erfahren, konnte in eine andere Welt eintauchen. Hätte die Autorin sich an das Prinzip „weniger ist mehr“ gehalten, dem Jean-Michel seine Innenarchitektur widmete, wäre es ein überragendes Buch geworden.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 29.06.2021

Gelungenes Berlin-Kriminal-Kaleidoskop

Berlin 1922 - Crime Mysteries
0

„Berlin 1922“ beruht auf einer originellen Idee, die gerade gestalterisch gut umgesetzt wurde. Das Buch enthält elf fiktive Kriminalfälle, die uns von der Kriminalassistentin Rosalie Menzel berichtet werden, ...

„Berlin 1922“ beruht auf einer originellen Idee, die gerade gestalterisch gut umgesetzt wurde. Das Buch enthält elf fiktive Kriminalfälle, die uns von der Kriminalassistentin Rosalie Menzel berichtet werden, die auf jenes erste Jahr ihrer Tätigkeit und ihre Zusammenarbeit mit Kommissar Hartmann zurückblickt und damit eine kleine Rahmenhandlung liefert.

Schon das Titelbild fällt ins Auge und auch das Innere des Buches ist ausnehmend liebevoll gestaltet. Allerlei Zeicheneffekte, Fotos und kleine Zeichnungen schmücken die Seiten. Ich war von der Gestaltung sehr angetan und habe ein Buch dieser Art bisher auch noch nicht gesehen. Die Fotos scheinen vorwiegend Filmen jener Zeit entnommen und genutzt, um das Erzählte bildlich zu unterstreichen. Das ist originell und gut gelungen.

Die Geschichten lesen sich unterhaltsam, vom Stil her angenehm. Am besten wird Michaela Küpper, wenn sie sich den Berliner Originalen widmet, mit dem Dialekt und der berüchtigten „Berliner Schnauze“ spielt. Das wirkt nicht nur authentisch, sondern ist auch ungemein unterhaltsam. Wenn es in die „feineren“ Gefilde geht, war es mir oft etwas zu gekünstelt geschrieben und gelegentlich waren Dialogteile zu konstruiert, aber insgesamt las ich die Geschichten gerne. Bemerkenswert finde ich, wie viel historische Details dort eingearbeitet wurden, das zeugt von umfangreichem Wissen oder Recherche oder beidem. So bilden auch die Fälle ein Kaleidoskop des Berlins der 1920er – wir begegnen Kriegsveteranen, Drogendealern, naiven Dienstmädchen und ihren Verführern, zimmervermietenden Kriegerwitwen, Prostituierten und Bardamen, kleinen Gaunern und noch vielen anderen. Diese Vielfalt war eine Freude. Ein wenig enttäuschend fand ich lediglich, daß sich vieles nach dem ewig gleichen Schema abspielte, insbesondere die Thematik „Kriminalassistentin muß sich in Männerwelt behaupten, ist aber gewitzt und überrascht die tumben Männer immer wieder“ wurde zunehmend anstrengend und vorhersehbar.

Das Korrektorat kann mit der Sorgfältigkeit der visuellen Gestaltung und historischen Recherche leider nicht annähernd mithalten. Es gab viele Schreibfehler, insbesondere mit der Großschreibung des „Sie“ in der Anrede scheint man manchmal überfordert gewesen sein, aber auch sonst gibt es mehrere Fehler. Besonders unerfreulich fand ich, daß hier die Schlacht von Verdun 1906 anstatt 1916 stattfand. Einen solchen Tippfehler zu übersehen, ist gerade bei Jahreszahlen ein grober Schnitzer. Auch Fehler wie „hatte er (…) fiel Schriftverkehr zu leisten“ sind schon etwas peinlich.

Was die Ermittlungskomponente anging, war ich enttäuscht. Sie besteht lediglich darin, dass jede Geschichte von insgesamt drei Fragen unterbrochen wird, meistens in der Art von „Warum kann das, was xy gesagt hat, nicht stimmen?“ oder „Warum ist xy verdächtig?“. Die Antworten dazu finden sich meistens im Text, manchmal ist Hintergrundwissen erforderlich (größtenteils forensisch, in einem Fall mußte man etwas über Berliner Ringvereine wissen) und manchmal muß man Gedankengänge erraten. Manche Fragen sind sehr einfach, einige nicht ganz nachvollziehbar, einige knackig. Letztlich war es aber völlig egal, ob man die Fragen beantworten kann oder nicht. Sie unterbrechen als Denkanstöße die Geschichte, mehr nicht. Unter „lösen Sie (…) spannende Kriminalfälle“ hatte ich mir mehr vorgestellt, z.B. verschiedene Optionen, die den Fortgang beeinflussen oder auch die Möglichkeit, Beweise zu sichten oder zu finden. Ich kenne dies von anderen Büchern interaktiver und abwechslungsreicher. Auch war das Vorgehen recht schematisch und alle Fälle wurden fast auf dieselbe Weise gelöst – jemand macht eine Aussage, die Ermittler erkennen sofort, warum diese nicht stimmen kann; sie konfrontieren den Aussagenden damit, er gibt es zu und der Fall ist gelöst. So könnte man die meisten Fälle zusammenfassen. Dies ist natürlich auch dem Format geschuldet, ausgefeilte und ausführliche Vorgänge kann man nicht erwarten, aber da wären mir vielleicht fünf abwechslungsreichere, komplexere Fälle lieber gewesen.

Insgesamt bot das Buch aber durch die originelle Gestaltung und die gut lesbaren, eine so schöne Vielfalt an Personen und Schicksalen abbildenden, Geschichten gute Unterhaltung und kann durch eine originelle Idee erfreuen.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere