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Veröffentlicht am 11.11.2021

Die Poesie des Todes

Stadt der Mörder
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Paris, 1924: Während die einen in ihren Köpfen noch immer die Schrecken des Krieges durchleben, versuchen die anderen, das Leben als ständige Feier zu betrachten. In diese brodelnde Metropole verschlägt ...

Paris, 1924: Während die einen in ihren Köpfen noch immer die Schrecken des Krieges durchleben, versuchen die anderen, das Leben als ständige Feier zu betrachten. In diese brodelnde Metropole verschlägt es Lysanne, eine junge Frau vom Land, die auf der Suche nach ihrer Schwester ist. Zur selben Zeit muss Lieutenant Vioric den grausamen Mord an einem adligen Jugendlichen aufklären. Beide führt ihr Weg zu den Surrealisten, eine Gruppe junger, rebellischer Dichter und Denker, die sich den althergebrachten Konventionen verweigern und dafür als Aufrührer angesehen werden. Doch ausgerechnet aus dieser Gruppe erhält Vioric den ersten vernünftigen Anhaltspunkt seiner Ermittlungen und auch Lysanne muss ihre Naivität verlieren, um nicht nur die Nächte, sondern auch das ganze mörderische Paris zu überleben ...

Von der ersten Seite an versteht es die Autorin, mit geradezu poetischer Schönheit die Hässlichkeit und Zerstörung, die ein Krieg gebiert, vorzuführen. Paris, die schöne, dreckige Stadt der Nacht, erwacht vor unseren Augen und deutet auf all die intriganten und versteckten boshaften Dinge, die so menschlich sind wie der Krieg. Ganz nebenbei erhält man einen Einblick in die Goldenen Zwanziger, die Surrealisten, die Art, wie bei der Polizei gearbeitet wird. Und man trifft auf zerstörte Seelen, die einfach nicht mehr zu retten sind, genauso wie Seelen, die hätten gerettet werden können, aber sehendes Auges dem Untergang preisgegeben wurden.

Ich habe jedenfalls das Eintauchen in diese Zeit und diese Umgebung sehr genossen und würde es gern sehen, dass diese Reihe fortgesetzt wird.

Veröffentlicht am 06.11.2021

Hail Mary

Game Changer – Es gibt unendlich viele Möglichkeiten, alles falsch zu machen
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Der siebzehnjährige Ash ist ein durchschnittlicher Junge. Weiß, hetero, anständig, Mitglied einer Footballmannschaft. Er lebt in geordneten Verhältnissen und hält sich für aufgeklärt und tolerant. Doch ...

Der siebzehnjährige Ash ist ein durchschnittlicher Junge. Weiß, hetero, anständig, Mitglied einer Footballmannschaft. Er lebt in geordneten Verhältnissen und hält sich für aufgeklärt und tolerant. Doch dann kommt der Tag, als er plötzlich zum Mittelpunkt der Welt wird - ohne eigenes Zutun und ohne die Chance, diese Funktion abzulehnen. Und plötzlich befindet er sich in einer Realität, in der die Rassentrennung wieder existiert: Und er ist verantwortlich dafür. Ein paar gedankenlose Gedanken, einmal nicht gedacht und schon ist es passiert. Schnell erkennt Ash, dass alles, was er tut, Auswirkungen hat und natürlich versucht er, die Dinge wieder in Ordnung zu bringen. Doch je mehr er sich bemüht, desto schlimmer werden die Realitäten, die er erschafft und er erkennt, dass es keinen Sinn hat, andere Realitäten zu suchen. Was er finden muss, ist nichts weniger als die Menschlichkeit in sich selbst und in uns.

Was für ein Buch, was für ein Ritt! Shusterman schneidet auch wirklich jedes relevante Thema unserer Zeit in diesem Buch an: Rassismus, Homophobie, Klimawandel, Corona, Diskriminierung von Frauen. Und auch wenn einige Rezensenten ihm vorwerfen, er würde dabei nicht in die Tiefe gehen, so finde ich, dass ihm das sehr gut gelingt, besonders, wenn man bedenkt, dass es sich hier um ein Jugendbuch handelt. Er versucht sich auch nicht an völliger Einfachheit: Wer sich für das Thema interessiert, soll bitte seinen A... hochkriegen und sich selbst damit beschäftigen. Mich haben seine Anregungen extrem zum Nachdenken gebracht, gerade auch über meine Werte, was Moral betrifft. Wie weit darf man gehen, um besser zu sein? Um es besser zu machen? Heißt es nicht, der Weg in die Hölle sei mit guten Absichten gepflastert?

Das Einzige, was mich manchmal ein bisschen gestört hat, war, dass Ash, gerade zu Anfang, viel zu reflektiert schien in einer völlig unglaublichen Situation. Und eventuell ein paar philosophische Glückskekssprüche hätten weniger sein können. Andererseits erreicht man Leute erfahrungsgemäß weniger durch Subtilität, sondern eher durch die Holzhammermethode. Wenn es nach mir ginge, müsste dieses Buch auf der ganzen Welt als Schullektüre geführt werden, denn es bietet jede Menge Gesprächsbedarf und Diskussionsstoff. 4,5/5 Punkten.

Veröffentlicht am 12.10.2021

Morde und Mysterien

Ansuz – Das Flüstern der Raben (1)
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Anne ist eine Waise, die vom System enttäuscht ist und keinen Menschen traut. Sie kennt es auch nicht anders, als dass andere sie hassen, verachten und sogar misshandeln möchten. Doch mit dem Eintritt ...

Anne ist eine Waise, die vom System enttäuscht ist und keinen Menschen traut. Sie kennt es auch nicht anders, als dass andere sie hassen, verachten und sogar misshandeln möchten. Doch mit dem Eintritt in die Oberstufe ändert sich alles. Nicht nur, dass plötzlich Leute auf sie zukommen und ihre Freunde sein möchten, sie erfährt mit einem Mal, dass es Dinge zwischen Himmel und Erde gibt, von denen sie nie gewagt hätte zu träumen. Zum Beispiel, dass Dinge aus der nordischen Mythologie wahr sind - und sie zwischen vielen Fronten steht. Und dann ist da auch noch ein Mörder, der Mädchen umbringt und ihnen eine Rune in die Haut ritzt, und Anne bekommt das Gefühl, dass dieser Mörder auch hinter ihr her ist, haben diese Mädchen doch eine große Gemeinsamkeit mit ihr ...

Wow, das ist ja mal so ein 800-Seiten-Buch, das erst mal beinahe Furcht einflößt. Doch dann fängt man an zu lesen und schon steckt man mitten in der Provinz in Dänemark, dort, wo sich eigentlich nur Hase und Fuchs gute Nacht sagen - und offensichtlich halb Asgard. Anne ist keine typische YA-Protagonistin, auch wenn sie auf gewisse Weise auserwählt ist. Sie ist mürrisch, abweisend und misstrauisch, und das nicht, um besonders cool herüberzukommen, sondern aus Erfahrung. Das kann manchmal anstrengend werden, war jedoch so gut wie nie abwegig. Die anderen Charaktere des Buches waren durchaus interessant angelegt und bis auf den mir auf den Sack gehenden Bad-BoySchrägstrichLoveInterest sehr coole und mehrschichtige Personen, die ich mochte oder auch nicht, aber die gut ankamen.

Manche Dinge haben mich geärgert: Wie ständig über Annes Kopf hinweg entschieden wurde oder das dumme Verhalten des LoveInterests. Aber trotzdem hat mich dieses dicke Buch derart mitnehmen und faszinieren können, dass ich mich auf 800 Seiten nicht eine Minute lang gelangweilt habe und jetzt am liebsten gleich den nächsten Band hinterherlesen möchte. 4,5/5 Punkten.

Veröffentlicht am 21.09.2021

Die Werwölfe von New Orleans

Evangeline und die Geister des Bayou
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Evangeline lebt mit ihrer Großmutter in den Sümpfen des Bayou, nicht allzu weit von New Orleans entfernt. Sie sind Geisterjäger in der x-ten Generation und Evangeline wünscht sich nichts mehr, als so zu ...

Evangeline lebt mit ihrer Großmutter in den Sümpfen des Bayou, nicht allzu weit von New Orleans entfernt. Sie sind Geisterjäger in der x-ten Generation und Evangeline wünscht sich nichts mehr, als so zu werden wie ihre Vorfahren. Sie wartet gespannt auf das Auftauchen ihres tierischen Gefährten, der allen Geisterjägern ab ihrem 13. Lebensjahr zur Verfügung steht - vorausgesetzt, sie haben Magie im Blut. Eines Tages ruft man sie nach New Orleans, um einer scheinbar besessenen Frau zu helfen, doch was sie finden, ist um so viel schlimmer. Und plötzlich ist die Großmutter verletzt und Evangeline steht alleine da. Oder fast. Da ist noch Julian, der Sohn ihrer Patientin, der alles Übernatürliche lächerlich findet ...

Ich gebe zu, ich habe ein bisschen gebraucht, um in die Geschichte zu kommen, aber spätestens, als die beiden nach New Orleans kamen, war ich mitten drin statt nur dabei, um einen Werbeslogan zu zitieren. Natürlich sind ein paar Sachen sehr, sehr offensichtlich. Dafür entwickelt sich die Handlung zunehmend gruseliger, zu einem schleichenden Kinderhorror, der mir manchmal mehr Gänsehaut bereitet hat, als es Stephen King je konnte. Von daher habe ich Evangelines Abenteuer sehr genossen, auch wenn ich es nicht leiden konnte, wie lange ihre Großmutter sie im Dunkeln tappen ließ. 4,5/5 Punkten.

Veröffentlicht am 15.09.2021

Die neue Tina

The Stranger Times
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Hannah Willis hat schon bessere Zeiten gesehen. Doch dann stellte sie fest, dass ihr reicher Mann auch reich an Affären war und zündete sein Haus an. Also gut, eigentlich wollte sie nur seine Klamotten ...

Hannah Willis hat schon bessere Zeiten gesehen. Doch dann stellte sie fest, dass ihr reicher Mann auch reich an Affären war und zündete sein Haus an. Also gut, eigentlich wollte sie nur seine Klamotten verbrennen, der Rest war, im wahrsten Sinne des Wortes, friendly fire. Jetzt sucht sie verzweifelt einen Job und findet ihn ausgerechnet bei The Stranger Times - einer ... nun ... nennen wir es vorsichtig: Zeitung. Hier wird über Außerirdische, Geister, Werwölfe, Elvis Presley im Vorgarten und andere seltsame Begebenheiten berichtet. Doch Hannah ist noch keine Woche dabei, als langsam klar wird: Nicht alles, über was sie berichten, ist Quatsch, im Gegenteil: Vieles ist tödlicher Ernst. Und das ist erst der Anfang ...

Ich habe ein paar Seiten gebraucht, bis ich in dem Buch drin war. Es hat einen amüsanten Unterton, der ohne Schenkelklopfer auskommt und punktet mit extrem skurrilen Personen, die alle eine zumindest seltsame Vergangenheit haben. Völlig irre scheint Banecroft, der Chef. Ich möchte zwar niemals in Wirklichkeit einen solchen haben, aber zum Lesen war er einfach herrlich. Auch die anderen Charaktere bildeten einen Hintergrund, der die Geschichte vorantrieb und immer wieder zum Schmunzeln animierte. Bis zum Schluss ist es eine durchweg spannende, faszinierende Geschichte, von der ich unbedingt die Nachfolger lesen möchte. Nicht wirklich beeindruckt war ich von dem Lektorat, das manchmal Böcke geschossen (oder besser: durchgelassen hat). Da wurde aus PC Wilkerson schon mal PC Wilkinson oder Moretti drehte sich zu Moretti um. Ein paar Rechtschreibfehler fielen auch auf. Finde ich bei so einem hochwertig gestalteten Buch ärgerlich und unnötig. Trotzdem, großes Kino, könnte ich mir gut als Netflixserie vorstellen. 4,5/5 Punkten.