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Veröffentlicht am 06.03.2023

Nostalgie pur

Morgen, morgen und wieder morgen
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Mit "Morgen, morgen und wieder morgen" präsentiert und Gabrielle Zevin einen ganz besonderen Roman. Die Geschichte rund um die Freundschaft zwischen den beiden Spieleentwickler:innen Sadie und Sam ist ...

Mit "Morgen, morgen und wieder morgen" präsentiert und Gabrielle Zevin einen ganz besonderen Roman. Die Geschichte rund um die Freundschaft zwischen den beiden Spieleentwickler:innen Sadie und Sam ist so stimmig und gefühlvoll erzählt, dass sie nicht nur Gamer:innen und Kinder der 90er berührt.
Zevin zeichnet zwei spannende Charaktere, die die Meinungen der Leser:innen spalten. Man wird sich nicht wirklich einig, wer hauptsächlich für die Probleme zwischen den Beiden verantwortlich ist und am Ende ist es doch die fehlende Kommunikation. Und nicht nur die zwischenmenschlichen Interaktionen sind überzeugend geschildert, auch all die anderen Steine, die den Protagonist:innen in den Weg gelegt werden, wirken, als würde die Autorin aus ihrem eigenen Leben erzählen.
Am Ende bleibt ein Roman, der vielleicht nicht die spannendste oder überraschendste Handlung hat, dafür aber ganz nah ans Herz geht, eben weil sie wie aus dem Leben gegriffen wirkt und nicht nur um der Sensation willen übertreibt!

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Veröffentlicht am 06.11.2022

Gelungenes Meisterwerk

Als die Welt zerbrach
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Anfangs war ich skeptisch, ob ich John Boynes Bücher früher nur gut fand, weil ich jung genug war. Oft habe ich es schon erlebt, dass Autorinnen, die eigentlich Kinderbücher schreiben, plötzlich ein Buch ...

Anfangs war ich skeptisch, ob ich John Boynes Bücher früher nur gut fand, weil ich jung genug war. Oft habe ich es schon erlebt, dass Autorinnen, die eigentlich Kinderbücher schreiben, plötzlich ein Buch für ältere Leserinnen verfassen möchten und dann aber nicht den richtigen Ton treffen. Boyne aber hat es geschafft.
Gretel, Brunos Schwester (ja, der Junge, dessen bester Freund an jenem Ort einen gestreiften Pyjama trug) ist mittlerweile über 90 Jahre alt und lebt in London im Exil unter einer anderen Identität. In drei Abschnitten wird die Gegenwart und die Vergangenheit Gretels miteinander verwoben und die Leserinnen können sich ein Bild von ihrer Flucht machen. Gretel flieht nicht nur vor den Alliierten, die die Konzentrationslager befreiten, sondern auch vor ihrer eigenen Vergangenheit und ihrer Identität. Boyne stellt somit eine neue "Gretelfrage": Sind die Kinder aus der Zeit des Nationalsozialismus auch Mitschuld an dem, was geschehen ist? Hätten sie danach darüber reden müssen? Ist es ok, dass Gretel davon nichts mehr wissen möchte?
Gretel wirkt am Anfang eher unzugänglich, taut aber mit der Zeit immer mehr auf und durch die Episoden aus ihrer Vergangenheit, wird ihr Verhalten auch für die Leser
innen verständlich. Boyne hat eine Protagonistin erschaffen, mit der die Leser*innen mitfühlen und deren Probleme ans Herz gehen. Das Buch ist bestimmt keine Gute-Nacht-Geschichte, aber ein wichtiger Beitrag zur modernen Literatur!

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Veröffentlicht am 16.02.2022

Die Handlung gehört den Gezeiten

Die Gezeiten gehören uns
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Die dreizehnjährige Eulabee und ihre Freundin Maria Fabiola beherrschen die Gezeiten in Sea Cliff. Sie wissen genau, wann sie die Bucht überqueren können und wann nicht, bis ein schreckliches Ereignis ...

Die dreizehnjährige Eulabee und ihre Freundin Maria Fabiola beherrschen die Gezeiten in Sea Cliff. Sie wissen genau, wann sie die Bucht überqueren können und wann nicht, bis ein schreckliches Ereignis ihre Freundschaft erschüttert, und dann noch eins, und noch eins,...
Die Handlung des Romans ist selbst wie die Gezeiten des Meeres. Sie beginnt sanft, fast verträumt und ganz schnell und unerwartet nimmt sie plötzlich Fahrt auf und es wird gefährlich, nur um wieder abzuebben, schöne Momente möglich zu machen, die wieder aufschäumen und an den Klippen von den hohen Wellen der Flut zerschlagen werden.
Der Schreibstil ist passend gewählt, ein nostalgisches Zurückerinnern an eine Zeit, die Gott sei Dank überstanden ist und jetzt ohne größeren Schaden zu nehmen betrachtet werden kann... wenn man sie, wie die Protagonistin schon einmal erlebt hat und nicht wie die Leser:innen von den Ereignissen immer wieder von neuem überrascht wird und die Gefahr droht in der Flut unterzugehen.
Die Gezeiten gehören uns ist ein meisterhaft komponierter Roman, dem am Ende nichts fehlt und der einem selbst das Gefühl gibt ein junger Teenager in den 80er Jahren in San Francisco zu sein. Die selben Probleme wie Eulabee möchte man zwar nicht haben, aber deshalb ist es ja gut, dass es nur ein Roman ist.

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Veröffentlicht am 13.09.2021

Berührende Familiengeschichte

Der Gesang der Berge
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Der Gesang der Berge erzählt mit ganz viel Gefühl von einer sehr düsteren Zeit der vietnamesischen Geschichte.
Die Leser:innen verfolgen Guave und ihre Großmutter und deren Leben in Vietnam von den 1930er ...

Der Gesang der Berge erzählt mit ganz viel Gefühl von einer sehr düsteren Zeit der vietnamesischen Geschichte.
Die Leser:innen verfolgen Guave und ihre Großmutter und deren Leben in Vietnam von den 1930er Jahren bis heute - über das Ende des zweiten Weltkrieg, die Besatzung durch Frankreich, der Landreform und den Kommunismus bis zum "Vietnamkrieg", wie er heute bekannt ist. Dabei wirkt das Buch nicht belehrend, aber auch nicht überfordernd für Leser:innen, die vielleicht gar kein Vorwissen über die Geschichte Vietnams besitzen. Im Vordergrund steht noch immer die Familiengeschichte, die uns durch diese historischen Ereignisse führt und von der wir uns nicht losreißen können.
Guave und ihre Großmutter sind Protagonistinnen, die man einfach gern haben muss, denn sie sind menschlich. Sie haben ihre Schwächen und "bösen" Gedanken. Sie entscheiden sich nicht immer für das richtige, oder schaffen immer alles sofort. Wie im echten Leben, geht einmal etwas schief oder man hat Rachegedanken. Sie machen Fehler und bewegen sich teilweise in moralischen Grauzonen, aber das macht sie so nahbar und genau deshalb geht einem das Buch so sehr ans Herz.
Durch den leicht verständlichen und doch wunderschönen Schreibstil fliegen die über 400 Seiten trotz der schweren Thematik nur so dahin und am Ende möchte man mehr haben.
Eine weitere Stärke ist, dass in dem Roman die Namen tatsächlich auch mit den Sonderzeichen für die richtige vietnamesische Aussprache gekennzeichnet sind und auch die Städtenamen sind vietnamesisch gehalten und wurden nicht eingedeutscht.

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Veröffentlicht am 17.08.2021

Was muss dieser Junge ertragen?

Shuggie Bain
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Douglas Stuart erzählt in seinem Roman Shuggie Bain hochemotional vom Leben zwischen Arbeitslosigkeit, Alkoholismus und dem Anderssein und trifft dabei jeden Nerv.
Shuggie Bain ist ein kleiner Junge, der ...

Douglas Stuart erzählt in seinem Roman Shuggie Bain hochemotional vom Leben zwischen Arbeitslosigkeit, Alkoholismus und dem Anderssein und trifft dabei jeden Nerv.
Shuggie Bain ist ein kleiner Junge, der ohne Vater, bei seiner alkoholsüchtigen Mutter aufwächst und einfach nur glücklich sein möchte und dafür würde er alles tun.
Die Leser:innen sympathisieren sofort mit Shuggie und obwohl sie genau wissen, wie es enden wird (da das erste Kapitel schon die Gegenwart von Shuggie präsentiert), wünschen sie sich für ihn nur das beste, denn irgendwann hat es auch dieser Junge verdient glücklich zu sein. Was Shuggie alles durchmachen muss, bricht einem das Herz und rührt nicht nur einmal zu Tränen. Seine Reaktion auf all dies und sein Durchhaltevermögen, machen ihn zu einem ganz besonderen, literarischen Charakter, in dem vermutlich viel zu viel tatsächliche Lebenserfahrung des Autors steckt. Auch für Agnes können die Leser:innen Sympathien aufbringen, obwohl man sich hier nie sicher ist, wie man über sie denken soll.
Der Ton, den Stuart anschlägt, ist gehoben, jedoch nicht anstrengend. Er hebt sich zwar von dem Slang ab, der von den meisten Charakteren gesprochen wird (außer Agnes und ihrer Kinder), ist aber immer noch umgänglich, sodass es nicht fremd und distanziert wirkt.
Insgesamt ist das Buch ein gelungenes Fenster in eine Zeit und ein Leben, die nicht allzulang her sind, wie es sie vermutlich heute noch gibt und bei dem man am Ende froh ist, dass man dieses wieder schließen kann und es nicht am eigenen Leib erfahren musste.

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