Profilbild von TochterAlice

TochterAlice

Lesejury Star
offline

TochterAlice ist Mitglied der Lesejury

Melde dich in der Lesejury an, um dich mit TochterAlice über deine Lieblingsbücher auszutauschen.

Anmelden

Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 16.04.2022

Sehr man selbst sein

Bergsalz
0

Das ist es, an was es den Bewohnern des Dorfes am Alpenrand mangelt, sie wissen gar nicht mehr genau, was das ist. Eine Ahnung davon bekommen die Damen Bewohnerinnen an dem Tag, an dem Franzi einen Rappel ...

Das ist es, an was es den Bewohnern des Dorfes am Alpenrand mangelt, sie wissen gar nicht mehr genau, was das ist. Eine Ahnung davon bekommen die Damen Bewohnerinnen an dem Tag, an dem Franzi einen Rappel bekommt und ihre langjährigen Nachbarinnen auf einmal hineinbittet. Und daraus ein bunter Mittagstisch entsteht. Der soll sich verfestigen in einer Art Institution und da passt am besten das ehemalige örtliche Gasthaus, in dem jetzt Flüchtlinge untergebracht sind. Die gleich integriert werden Und dann fehlt ein passendes Konzept, worauf gleich Sabina, eine noch junge Heimkehrerin und Tochter einer der Mittagsdamen, ebenfalls integriert wird. Alles ein läuft ein bisschen glatt in dem Roman, dem durchaus ein festes Fundament zugrunde liegt: das hat die Autorin sorgsam wie liebevoll aus Biographien und Schicksalen zusammengezimmert, die jeder noch so kleinen Nebenfigur aufs Großzügigste verpasst wurden. Doch wurde der Roman damit heillos überladen, so das für eine schlüssige Handlung und ein logisches Ende kein Platz mehr blieb, aus meiner Sicht jedenfalls.

Wohlfühlen soll dem Leser hier leicht gemacht werden, ein Wellnessroman soll dies gewissermaßen sein, so mein Eindruck. Doch kam er bei mir nicht so an, weil es hier auf gerade mal 200 Seiten vor Biographien, Schicksalen, Erlebtem und Verpasstem nur so wimmelt. Nur der Berg und das Salz darin beziehungsweise in der sprichwörtlichen Suppe - die bleiben aus. Und zwar zum Ende hin in dem Ausmaß, dass ich dem Geschehen gar nicht mehr folgen konnte!

Veröffentlicht am 16.04.2022

Woher komme ich, wohin gehe ich?

Die Fremde
0

Einen Roman über sich selbst und ihr nächstes Umfeld, ihre Familie, hat die Italienerin Claudia Durastani verfasst. Zumindest stimmt der Rahmen - die Tochter taubstummer Eltern ist gemeinsam mit ihrem ...

Einen Roman über sich selbst und ihr nächstes Umfeld, ihre Familie, hat die Italienerin Claudia Durastani verfasst. Zumindest stimmt der Rahmen - die Tochter taubstummer Eltern ist gemeinsam mit ihrem Bruder in Italien und in den Vereinigten Staaten aufgewachsen, als Erwachsene hat sie sich London als Wahlheimat ausgesucht.

Doch für mich scheint sie lebenslang - zumindest bis jetzt, als Mitte der 1980er Geborene hat sie hoffentlich noch viele Jahre vor sich - eine Suchende zu sein, eine Getriebene, die durch die komplizierten und komplexen Eltern - zeitweise scheint es, dass die Taubstummheit das Geringste war, was sie ausmachte - nicht zur Ruhe fand bzw. findet. Und natürlich auch durch die Lebensumstände.

Sie ist kein Flüchtling, aber ihr Lebensstil ist nicht weit entfernt von dem der Flüchtenden. Ihre Eltern werden darstellt als ziemlich schrilles Paar, das da zueinander findet.Claudias Vater ist stets Mittelpunkt jeder Gesellschaft ungeachtet seiner Einschränkungen, sie machen sich gegenseitig unglücklich, schon lange, bevor sie sich trennen.

Claudia. Ist es sie selbst, die sie uns vorstellt, oder einfach eine beliebige Frau, deren Erfahrungen in einigen Aspekten mit den Ihrigen überein stimmen? Da sie ihr Werk als Roman bezeichnet, kann sie im Prinzip derart Beliebiges einbringen - denn ein Roman bedeutet Fiktion in Gegensatz zu einem Sachbuch, das reale Fakten präsentieren sollte. Jedenfalls wird diese Claudia als Person dargestellt, die sich mehr und mehr in sich selbst verliert. Eine Suchende. Keine Findende.

Ein Roman, der mir immer rätselhafter wurde, den ich zudem als wenig unterhaltsam empfand. Wenn ich doch wenigstens einen Gewinn daraus gezogen hätte. So jedoch bleibt es für mich ein sehr verwirrendes Werk, das ich nicht weiter empfehlen möchte.

Veröffentlicht am 08.04.2022

Mein Maserati fährt 210

Schallplattensommer
0

Das trifft auf Alina Bronskys Maserati definitiv nicht zu. Ihr Maserati ist nämlich ein junges Mädchen, das Fahrrad fährt.

Wenn sie denn Mal nicht ihrer Oma im Imbiss helfen muss, was sehr ...

Das trifft auf Alina Bronskys Maserati definitiv nicht zu. Ihr Maserati ist nämlich ein junges Mädchen, das Fahrrad fährt.

Wenn sie denn Mal nicht ihrer Oma im Imbiss helfen muss, was sehr selten der Fall ist.

Trotzdem macht sie die Bekanntschaft von Caspar und Theo, die zur frisch her gezogenen Familie gehören, einer Familie, der es mehr als gut geht. Denkt Maserati. Und teilweise stimmt es auch, zumindest im Vergleich zu ihr, deren Leben tatsächlich noch nie auf Rosen gebettet war.

Was viel mit ihrer Mutter zu tun hat, aber nicht nur.

Normalerweise mag ich Alina Bronsky und habe auch nur selten ein Problem damit, dass sie Dinge nicht zu Ende erzählt oder gar nur andeutet.

Hier allerdings war es mir des Guten viel zu viel. Es ging soweit, dass ich gleich mehrfach den Faden verlor. Auch konnte ich mir kein Bild machen von keiner der Figuren. Ob es daran lag, dass mir zu wenig Informationen vorlagen? Oder waren es die falschen? Keine Ahnung, jedenfalls war irgendwo der Wurm drin, zumal der Roman von seinen Figuren lebt.

Veröffentlicht am 28.02.2022

Unwirklich und nicht schlüssig

Das verschlossene Zimmer
1

Marie hat einen Vater, der sich aufopferungsvoll um sie kümmert - er ist Arzt in einem großen Krankenhaus, dennoch findet er jeden Abend Zeit, für sie zu kochen und sich auch sonst eindringlich ...

Marie hat einen Vater, der sich aufopferungsvoll um sie kümmert - er ist Arzt in einem großen Krankenhaus, dennoch findet er jeden Abend Zeit, für sie zu kochen und sich auch sonst eindringlich um sie zu kümmern. Mehr noch, als um seinen Beruf und in dem geht er wirklich auf.

Doch er hält sich sehr zurück, was die Vergangenheit angeht. Marie kann fragen und fragen, doch so richtige Antworten erhält sie nicht. Weder in Bezug auf seine Vergangenheit, noch - was Marie noch viel mehr interessiert - auf die ihrer Mutter.

Anderen Menschen gegenüber verhält er sich tolerant, verständnisvoll und duldsam. Daher ist Marie sowohl erstaunt als auch befremdet, dass er etwas gegen ihre Heirat mit dem Juden Ben, schon seit Kindertagen der Mann ihres Lebens hat. Und sie wählt einen ausgesprochen ungewöhnlichen und zugleich gefährlichen Weg, um ihr Ziel zu erreichen.

Unwirkliche Geschichten zu ernsten, ja tragischen historischen Themen können etwas ganz Besonderes, kunstvoll gearbeitetes sein, durch das man das Wesen des Ereignisses oder der Epoche noch einmal neu bzw. von einer anderen Seite aus entdeckt. Gute Beispiele sind für mich "Die Bücherdiebin" und "Der Junge im gestreiften Pyjama".

Hier hingegen strahlt Protagonistin Marie eine seltsame Naivität aus. Ihre Aktionen - allen voran der Übertritt zum Judentum sind mutig, aber komplett undurchdacht und damit ausgesprochen gefährlich. Sowohl für sie selbst als auch für andere.

Leider kann ich den Roman dadurch nicht so recht ernst nehmen - stellenweise kommt es mir vor, als ob die Autorin selbst einige der Ereignisse, Umstände und Fakten, von denen sie erzählt, nicht umfassend verstanden hat. Meiner Ansicht nach kann man durch die Lektüre dieses Romans einen komplett falschen Eindruck von der beschriebenen Zeitspanne, dem Jahr 1939, erhalten.

  • Einzelne Kategorien
  • Handlung
  • Erzählstil
  • Charaktere
  • Cover
  • Thema
Veröffentlicht am 14.01.2022

Not my cup of tea!

Der fürsorgliche Mr. Cave
0

Ein Familienvater, nämlich Terence Cave, verliert seinen Sohn und das ist längst nicht der erste Verlust eines nahestehenden Menschen in seinem bisherigen Leben. Er trauert zwar um ihn, investiert ...

Ein Familienvater, nämlich Terence Cave, verliert seinen Sohn und das ist längst nicht der erste Verlust eines nahestehenden Menschen in seinem bisherigen Leben. Er trauert zwar um ihn, investiert jedoch seine gesamt ihm verbliebene Kraft in das Beschützen seiner Tochter Bryony. Bryony, die ihm aufgrund ihrer vielseitigen Begabung, der von klein auf mit dem Vater übereinstimmenden Interessen, soll es an nichts mangeln.

Und da junge Menschen - Bryony ist zu diesem Zeitpunkt knapp 15 Jahre alt - nun einmal dazu neigen, Fehler zu begehen, will er sie davor bewahren. Um jeden Preis. Auch um den, dass Bryony und deren Oma Cynthia, Terences Schwiegermutter, ihn für wahnsinnig halten.

Und glauben Sie mir, es dauert wirklich nicht lange, bis es dazu kommt!

Ehrlich gesagt, ist dieser Roman für mich eine herbe Enttäuschung. Ich habe mich sehr auf Matt Haigs Neuerscheinung in deutscher Sprache gefreut und dann sowas! Auch wenn Terence Cave ganz klar unter einer traumatischen Belastungserkrankung leidet, sollte es ihm klar sein, dass er viel zu weit geht. Um Klartext zu reden, stalkt er nämlich seine Tochter und das nicht zu knapp.

Hier läuft also jemand frei herum, der längst in ärztliche Behandlung gehört - und es ist nicht so, als ob es niemanden in seinem Umfeld gibt, der das nicht hätte merken können.

Ich habe leider schon sehr früh die Lust an dieser Lektüre verloren und musste mich zwingen, weiterzulesen. Immer in der Hoffnung, es gäbe eine raffinierte Entwicklung in welche Richtung auch immer. Nun, lassen Sie sich überraschen, ob es zu einem Happy End kommt oder nicht - eine literarische Explosion ist dies nicht. Bisher mit großem Abstand das schwächste Buch unter den mir bekannten Werken eines eigentlich großartigen Autors!