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Veröffentlicht am 29.04.2022

Vertuschung und Lügen

Freunde. Für immer.
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In Kimberley McCreights neuem Roman trifft sich eine Freundesclique zehn Jahre nach dem Collegeabschluss, um einen Junggesellenabschied zu feiern. Der wohlhabende Jonathan hat die Gruppe in sein einsam ...

In Kimberley McCreights neuem Roman trifft sich eine Freundesclique zehn Jahre nach dem Collegeabschluss, um einen Junggesellenabschied zu feiern. Der wohlhabende Jonathan hat die Gruppe in sein einsam gelegenes Wochenendhaus in den Catskills eingeladen. Zehn Jahre zuvor war bei einer Party auf dem Dach des Vassar College etwas Furchtbares passiert, das ihr Leben für immer verändert hat. Alice, ein Mitglied der Gruppe, konnte mit den Schuldgefühlen nicht leben. Sie verschwand spurlos, hatte nach allgemeiner Ansicht Selbstmord begangen. Bei dem Treffen in der Erzählgegenwart laufen die Dinge schnell aus dem Ruder. Nicht nur, dass der örtliche Bauunternehmer den Hausbesitzer erpresst. Es verschwinden zwei Männer aus der Clique, und ein Toter wird später gefunden, der zunächst nicht identifiziert werden kann. Es kommen immer mehr Geheimnisse aus der Vergangenheit ans Licht. Das gilt auch für die Ermittlerin Julian Scutt, deren Schwester Jane 20 Jahre zuvor ermordet wurde. Der Mörder wurde nie gefunden. Die beiden Fälle weisen deutliche Parallelen auf, so dass die Polizistin auch in dem alten Fall ermittelt, um endlich mit der traumatischen Vergangenheit abschließen zu können.
Erzählt wird aus den wechselnden Perspektiven der Freunde und der Ermittlerin und einer unbekannten Person, die alles beobachtet und gut informiert ist. Die Zeit der Handlung umfasst nur das Wochenende von Freitagabend bis Sonntagabend, aber es gibt zahlreiche Rückblenden in die Vergangenheit. Der Roman ist bis zum Ende spannend. Es gibt falsche Fährten, und die Auflösung kann man nicht erraten, auch wenn man noch so aufmerksam liest. Neben der Aufklärung mehrerer Morde geht es auch um das Thema Freundschaft. Wie gut kennen wir unsere besten Freunde, zu wieviel Loyalität ist man unter Freunden verpflichtet? Sollen Freunde sich auch noch loyal verhalten, wenn es um ein Verbrechen geht? Die Protagonisten dieses Romans sind jedenfalls nicht ehrlich zu einander. So viele Lügen und Geheimnisse sind mit wahrer Freundschaft nicht vereinbar.
Mir hat dieses spannende, raffinierte Puzzle sehr gut gefallen und ich empfehle es gern.

Veröffentlicht am 24.04.2022

Der Preis des Erfolgs

Die sieben Männer der Evelyn Hugo
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Hollywood-Ikone Evelyn Hugo, 79 nimmt über ihren Arbeitgeber Kontakt zu der weitgehend unbekannten Journalistin Monique Grant auf und will nur ihr anlässlich einer Auktion ihrer berühmtesten Kleider ein ...

Hollywood-Ikone Evelyn Hugo, 79 nimmt über ihren Arbeitgeber Kontakt zu der weitgehend unbekannten Journalistin Monique Grant auf und will nur ihr anlässlich einer Auktion ihrer berühmtesten Kleider ein Interview gewähren. Keiner versteht warum, aber das ist Evelyn Hugos Bedingung. Im ersten Gespräch erfährt Monique, dass sie in Wirklichkeit Evelyns Biographie schreiben soll und zwar unter ihrem eigenen Namen. So erzählt Evelyn bei ihren täglichen Treffen ihre Lebensgeschichte, wobei die sieben Ehemänner einen äußeren zeitlichen Rahmen bilden und die Kapiteleinteilung vorgeben. Evelyn Herrera hatte einen kubanischen Vater und eine weiße Mutter und wuchs in ärmlichsten Verhältnissen in New Yorks Hell´s Kitchen auf. Schon als 14jährige fällt sie durch außerordentliche Schönheit auf und setzt zwei Jahre später ihren Körper ein, um nach Hollywood zu gelangen. Sie hat nur ein Ziel: es im Filmgeschäft bis ganz oben zu schaffen. Sie bekommt immer bessere Rollen und wird ein Star. Ihre Männer schmücken sich mit ihr wie mit einer Trophäe und profitieren von ihrem Ruhm.
Evelyn erlebt Rückschläge und viele unschöne Dinge: die Rivalität unter den Schauspielerinnen, die rufschädigenden Artikel der Boulevardpresse, Fotografen, die ihr ständig und überall auflauern. Evelyn beweist ungeheure Stärke, geht selbstsicher ihren Weg und verliert ihr Ziel nicht aus den Augen. Monique ist zunehmend beeindruckt und fragt sich angesichts zahlreicher unklarer Andeutungen, welche geheime Verbindung es zwischen ihnen gibt und warum Evelyn sie ausgewählt hat, um ihr die privatesten Dinge anzuvertrauen.
Der gut lesbare Roman gewährt tiefe Einblicke in das Filmgeschäft im Hollywood der 50er bis 80er Jahre, die Macht der Regisseure und Produzenten und die Notwendigkeit, in einer noch sehr intoleranten Gesellschaft gewisse Seiten seines Privatlebens um jeden Preis geheim zu halten, vor allem die sexuelle Orientierung, wenn sie von den akzeptierten Moralvorstellungen abweicht. Die Autorin zeigt, wie sich auch Monique Grant angesichts dieser starken Frau verändert, wie sie selbstsicherer wird und nach dem Scheitern ihrer Ehe mit neuem Mut ihre eigene Zukunft plant. Ein lohnendes Buch. Mich stört nur der deutsche Klappentext, der so fehlerhaft ist, dass ich nicht glauben kann, dass der Verfasser das Buch überhaupt gelesen hat. Monique soll zum Beispiel nicht von vornherein Evelyns Biografie schreiben und schon gar nicht als Ghostwriter.

Veröffentlicht am 18.04.2022

Alles nicht so einfach

Simpel mit Sampl
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Das Kochbuch „Simpel mit Sampl“ von Thomas Sampl und Madlen Zeller ist anders als alle Kochbücher, die ich kenne und besitze. Die Informationen zu den Inhaltsstoffen von Obst- und Gemüsesorten sind genauer ...

Das Kochbuch „Simpel mit Sampl“ von Thomas Sampl und Madlen Zeller ist anders als alle Kochbücher, die ich kenne und besitze. Die Informationen zu den Inhaltsstoffen von Obst- und Gemüsesorten sind genauer und detaillierter, als man es gewöhnt ist. Es lohnt sich, sich damit intensiv zu beschäftigen, wenn man seiner Gesundheit etwas Gutes tun will. Ich mag nicht alle Gemüse gern, zum Beispiel Gurken und Kohl deutlich weniger als Fenchel, Tomaten und Kürbis. Kürbis verwende ich jetzt nicht mehr hauptsächlich für Risotto und Marmelade, Quitten nicht nur für Gelee und Marmelade. Walnüsse liebe ich und esse sie fast täglich. Deshalb werden ab sofort auch diese Rezeptvorschläge Teil meines Repertoires. Manche Zutaten sind nicht ohne Weiteres verfügbar oder für mich sogar schwer zu beschaffen, wie zum Beispiel Topinambur oder Pak Choi. Wichtig sind auch die vielen Hinweise zu Lagerung und Zubereitung, interessant die Kombinationsmöglichkeiten. Auf die Idee, Erdbeeren mit Tomaten und Paprika zu mischen, wäre ich sicher nicht von allein gekommen.
Ich nehme aus der Lektüre viele gute Anregungen mit und betrachte das Buch als echte Bereicherung meiner Kochbuch-Bibliothek. Die Sendung „Visite“, die ich ebenfalls noch nicht kannte, werde ich in Zukunft verfolgen.

Veröffentlicht am 24.03.2022

Leiche im Koffer

In einer stillen Bucht
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"In einer stillen Bucht“ ist der dritte Band der Serie um den Inselpolizisten Enrico Rizzi. Er ermittelt zusammen mit seiner Kollegin Antonia Cirillo, die aus Norditalien nach Capri strafversetzt worden ...

"In einer stillen Bucht“ ist der dritte Band der Serie um den Inselpolizisten Enrico Rizzi. Er ermittelt zusammen mit seiner Kollegin Antonia Cirillo, die aus Norditalien nach Capri strafversetzt worden ist. Auf einem Felsvorsprung wird eine Frauenleiche in einem Koffer gefunden. Die Frau wurde brutal erwürgt. Es stellt sich schnell heraus, dass es sich um Maria Grifo, die Leiterin des Konservatoriums von Neapel handelt. Mit ihrer kompromisslosen, resoluten Art hat sie sich nicht nur Freunde gemacht. Hat sie Rivalen, die sie um ihre Stelle beneiden, oder hat sie nicht ausreichend talentierte Schüler durch ihr schonungsloses Urteil verprellt? Rizzi und Cirillo führen auch Vernehmungen in Neapel durch und müssen sich mit den Kollegen der Mordkommission arrangieren, die gewohnheitsmäßig auf die Inselpolizisten herabschauen. Es dauert eine ganze Weile, bis die Ermittlungen von Rizzi und Cirillo zum Erfolg führen – zu einer Auflösung, die der Leser nicht erraten kann.
Mir hat der ruhig erzählte Krimi mit seinen sorgfältig charakterisierten sympathischen Ermittlern gut gefallen, weil er ohne Gewaltorgien auskommt und stattdessen dem italienischen Ambiente, der Kombination von Landschaft und Klima, der Beschreibung von Speisen und Getränken und italienischer Lebensart breiten Raum gibt. Venturas Buch ist sicherlich auch eine empfehlenswerte Urlaubslektüre.

Veröffentlicht am 24.03.2022

Was genau war der große Fehler?

Der große Fehler
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In Jonathan Lees Roman “Der große Fehler“ geht es um einen fast vergessenen großen Amerikaner. Andrew Haswell Green kam 1820 als 7. von 11 Kindern einer armen Farmerfamilie zur Welt. Am 13. November 1903 ...

In Jonathan Lees Roman “Der große Fehler“ geht es um einen fast vergessenen großen Amerikaner. Andrew Haswell Green kam 1820 als 7. von 11 Kindern einer armen Farmerfamilie zur Welt. Am 13. November 1903 wurde er vor seinem Haus in der Park Avenue von dem Farbigen Cornelius Williams erschossen. Lees Roman enthält zwei Erzählstränge. Einmal zeichnet er Greens Lebensweg, zum anderen die Ermittlungen von Inspector McClusky nach, der lange im Dunkeln tappt, obwohl es Zeugen der Tat gibt. Was war das Motiv für den Mord? Ein politisches oder privates oder ein bloßer Zufall aufgrund einer Verwechslung?
Lee erzählt sehr detailliert die Lebensgeschichte eines Mannes aus einfachen Verhältnissen, der mit 15 eine Lehre in einer Firma in New York beginnt, dort unter erbärmlichen Umständen in einem schrankartigen Verschlag mit Ratten und Wanzen lebt und für einen Hungerlohn arbeitet und schließlich mit Hilfe seines Freundes Samuel Tilden, einem Anwalt und späteren Präsidentschaftskandidaten, ebenfalls Anwalt wird. Green erreicht gegen erhebliche Widerstände den Zusammenschluss von fünf Bezirken zu Greater New York, erschafft den Central Park und andere Parks, gründet mehrere Museen und die erste öffentliche Bibliothek und ist am Bau mehrerer Brücken beteiligt. Der Leser erfährt auch einiges über sein Privatleben. In wenigen Schlüsselszenen wird seine nie ausgelebte Homosexualität angedeutet. Auch Samuel Tilden, die Liebe seines Lebens, musste seine sexuelle Orientierung verbergen. In der diskreten Darstellung dieses Aspekts ist der Autor der Zeit der Handlung verpflichtet.
Der gut recherchierte historische Roman mit Krimielementen liest sich nicht schlecht, erfordert aber Ausdauer und Geduld. Die Fragen des Lesers nach dem mysteriösen Fehler und der Bedeutung des Elefanten auf dem Cover werden beantwortet. Man lernt ein anderes als das übliche New York kennen. Mich hat die sorgfältige Charakterisierung des Protagonisten beeindruckt. Sein Ziel war es, den öffentlichen Raum zu verändern, auch ärmeren Mitbürgern den Zugang zu den Parks zu ermöglichen, Brücken und Verbindungen in jeder Bedeutung des Wortes zu schaffen. Er war kein Egomane wie so viele der Mächtigen unserer Zeit. Mir gefällt der Roman, die sprachliche Qualität der Übersetzung allerdings weniger. Dafür enthält der Text bedauerlicherweise zu viele Fehler aller Art und absolut unübliche Formulierungen.