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Venatrix

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Veröffentlicht am 02.05.2022

Wieviel Weltgeschichte passt in ein Menschenleben?

Die drei Emigrationen der Sonja Berg
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„Wenn du mich fragst, wo meine Heimat ist, dann muss ich dir sagen: ich weiß es nicht. Meine Familie und anderen Verwandten sind überall auf der Welt zerstreut, in Südafrika, in Israel, den USA, England ...

„Wenn du mich fragst, wo meine Heimat ist, dann muss ich dir sagen: ich weiß es nicht. Meine Familie und anderen Verwandten sind überall auf der Welt zerstreut, in Südafrika, in Israel, den USA, England und der Schweiz. Bei Heinz ist es genauso – diese Emigrationen werden ein Stück von dir!“

Daniel Becker lernte 1987, gerade einmal 18 Jahre alt, das Ehepaar Sonja und Heinz Berg kennen, als er sich in der Schule mit der Russischen Revolution beschäftigte.

Das Ehepaar, das es gemeinsam auf fünf Emigrationen bringt, erzählt detailreich in den 1980er-Jahren ihre Lebensgeschichten in zahlreichen Treffen immer „nach acht“.

Dreimal musste Sonja emigrieren. 1918 aus Russland, 1934 aus Nazideutschland und 1962 aus dem Südafrika der Apartheid. Heinz aus Deutschland und aus Südafrika.

Das Ehepaar hat niemals den Mut verloren oder Hass entwickelt. Sie haben einfach ihre Sachen gepackt, sind gegangen und haben neu angefangen. Sie haben sich nicht beklagt. Sie haben, sagen beide unisono, Dankbarkeit gelernt. Dankbarkeit jenen Menschen gegenüber, die sie unterstützt haben und auch jenem Land gegenüber, das sie aufgenommen hat.

„Man sollte kaum glauben, dass so viel Weltgeschichte in ein Menschenleben passt.“

Erst dreißig Jahre später bringt Daniel Becker diese Lebensläufe zu Papier. Sonja und ihr Mann sind bereits 1995 bzw. 1990, verstorben, doch angesichts der aktuellen Weltlage ist das Thema Flucht und Vertreibung aktuell wie nie zuvor.

Daniel Becker begibt sich auf Spurensuche. Er kontaktiert Verwandte, Nachfahren von Freunden der beiden und fördert eine schier unüberschaubare Menge von Material zutage. Das fasziniert mich ungemein! Nach 100 Jahren so viele Briefe, Dokumente und Fotos vor sich liegen zu haben, ist erstaunlich.

Die Fülle des Materials ist es aber auch, die den 5. Stern kostet. Das seitenlange Zitieren aus Briefen hat mich ein wenig ermüdet. Hier wäre weniger wohl mehr gewesen. Aber, das ist natürlich Ansichtssache. Zahlreiche Fotos zeigen längst vergangene Tage aus dem Leben von Sonja und Heinz.

Fazit:

Eine faszinierende Geschichte einer jüdischen Familie, die dreimal emigrieren musste. Gerne gebe ich hier 4 Sterne.

Veröffentlicht am 26.04.2022

Späte Aufarbeitung der Vergangenheit

Die Internationale Stiftung Mozarteum und der Nationalsozialismus
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Spät, aber doch, stellt sich die „Internationale Stiftung Mozarteum“ ihrer unrühmlichen Vergangenheit während der NS-Zeit.

„...Lange haben wir uns nicht die Frage gestellt, welche Rolle die "Stiftung ...

Spät, aber doch, stellt sich die „Internationale Stiftung Mozarteum“ ihrer unrühmlichen Vergangenheit während der NS-Zeit.

„...Lange haben wir uns nicht die Frage gestellt, welche Rolle die "Stiftung Mozarteum" eigentlich in den Jahren zwischen 1938 und 1945 im Kulturleben der Stadt Salzburg und darüber hinaus gespielt hat, welchen Zielen die damals amtierenden Herren in der Leitung der Stiftung gedient, was sie während dieser sieben Jahre tatsächlich getan und was sie unterlassen haben....“ (Dr. Johannes Honsig-Erlenburg, aktueller Präsident der Stiftung im Vorwort)

Die beiden Herausgeber Alexander Pinwinkler und Oliver Rathkolb haben nun insgesamt 13 Aufsätze von sechs Historikern und einer Historikerin in diesem Buch veröffentlicht. Damit wird eine jahrzehntelang klaffende Lücke in der Geschichte der „Internationalen Stiftung Mozarteum“ endlich geschlossen.

Anhand erstmals ausgewerteter Quellen werden so manche, vom Rassenwahn geleitete Projekte beleuchtet. Die Vereinnahmung Wolfgang Amadeus Mozarts als „Arier“ wird ebenso behandelt wie die Aktivitäten des damaligen Präsidenten Albert Reitter.

Dem Vernehmen nach ist ein zweiter Band in Arbeit, der die Entwicklung in den Nachkriegsjahren sowie die Auslandsbeziehungen aufarbeiten soll. Auch hier ist mit spannenden Enthüllungen zu rechnen.

Meine Meinung:

Das vorliegende Buch ist das Ergebnis einer wissenschaftlichen Aufarbeitung und daher entsprechend stringent aufgebaut. Es ist vermutlich nicht für das breite Publikum gedacht, sondern für jene, die sich kritisch mit Kulturvereinen und deren Verhalten in der NS-Zeit auseinandersetzen wollen. Bislang gab und gibt es hier nach wie vor einiges aufzuarbeiten.
Zahlreiche Zitate, Fotos und Faksimiles aus den Originaldokumenten ergänzen dieses Werk.

Fazit:

Eine längst fällige Auseinandersetzung einer Kulturinstitution mit ihrer unrühmlichen Vergangenheit. Gerne gebe ich hier 4 Sterne.

Veröffentlicht am 23.04.2022

Hat mich gut unterhalten

Wiener Rosenmord
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Dieser Krimi rund um die leicht chaotische Chefinspektorin Anna Bernini führt mich in eine Gegend von Wien, die mir bestens bekannt ist: in die Leopoldstadt, den zweiten Bezirk der Stadt.

Worum geht’s?

Chefinspektorin ...

Dieser Krimi rund um die leicht chaotische Chefinspektorin Anna Bernini führt mich in eine Gegend von Wien, die mir bestens bekannt ist: in die Leopoldstadt, den zweiten Bezirk der Stadt.

Worum geht’s?

Chefinspektorin Anna Bernini kämpft nicht nur gegen das Verbrechen sondern auch gegen ihre inneren Dämonen. Ursprünglich als Jahrgangsbeste aus der Polizeischule ausgemustert und als geschätzte Ermittlerin eingesetzt, hat sie aufgrund privater Probleme ein Burnout hinter sich. Just am ersten Tag nach dem Krankenstand wird sie zu einem Mord in einem Blumenladen gerufen. Der Eigentümer liegt unter einem Berg von teuren Rosen begraben, im Nebenraum ein offensichtlich drogensüchtiger Mann - der Täter? Bevor sich Anna noch einen Überblick verschaffen kann, grätscht Kollege und Widersacher Inspektor Schramek dazwischen. Für ihn ist klar, der Junkie ist der Täter. Doch stimmt das auch?

Meine Meinung:

Es dauert eine Weile, bis die Krimihandlung so richtig Fahrt aufnimmt, denn zu Beginn werden uns Anna Bernini und ihre KollegInnen vorgestellt. Da ist vor allem der Bad Cop Schramek, der Mann fürs Grobe, der liebend gerne Geständnisse aus Verdächtigen herausprügeln würde, wenn dies noch erlaubt wäre und der Anna ihren Dienstrang neidet. Weitere Mitspieler sind „Miss Biggy“, Brigitte Sander, die gute Seele der Dienststelle, die mehr draufhat als man vermutet und Oberst Bruno Meier, der Anna für den Posten als Chefinspektorin vorgeschlagen hat. Nun allerdings hat er, auch wegen der zahlreichen Interventionen von Schramek, ein wenig die Nase voll von seiner chaotischen Chefinspektorin. Denn nicht nur, dass sie wegen Trunkenheit am Steuer eines Dienstwagens abgeben musste, ist sie für riskante Alleingänge bekannt.
Allerdings kommt Oberst Meier seiner Fürsorgepflicht als Dienstgeber nicht nach, wenn er die augenscheinlich nicht ganz dienstfähige Mitarbeiterin zu einer Mordermittlung schickt. Nun gut, man kann natürlich sagen Anna, will es sich und ihrer Umwelt unbedingt beweisen, dass alles in Ordnung ist.

Der bedenkliche Gemütszustand der Tirolerin Anna Bernini und deren Name immer wieder zu Wortspielen reizt, ist für mich ein wenig zu dominant. Da wäre weniger wohl mehr gewesen.

Geschickt hat Annemarie Mitterhofer ernste Themen in ihren Krimi eingeflochten wie zum Beispiel den rauen Umgangston bei der Polizei, die Rosen-Mafia und den Mädchenhandel.

Die Handlung des Krimis ist durchaus spannend, vor allem, weil Ermittler und Leser mehrmals durch falsche Spuren auf Umwegen in Sackgassen geschickt werden. Erst in einem Showdown werden die wahren Hintergründe entlarvt.
Schmunzeln musste ich mehrmals über Miss Biggy, die mit ihren Fähigkeiten den einen oder anderen Ermittler in die Tasche steckt. Doch leider ist sie ein Überbleibsel aus längst vergangenen Tagen. Nämlich aus einer Zeit, in der in den Dienststellen der Polizei noch geraucht werden durfte und jede Abteilung eine eigene Sekretärin hatte.

Zahlreiche Schauplätze dieses Krimis habe ich wiedererkannt. Ich hatte Spaß daran, mit Anna durch die Rotensterngasse oder in die Praterstraße zu radeln oder im Stuwerviertel nach der verschwundenen Sprechstundenhilfe zu suchen.


Fazit:

Diesem Krimi, der mich gut unterhalten hat, gebe ich gerne 4 Sterne.

Veröffentlicht am 29.03.2022

Ist der Mörder immer der Gärtner?

Rosenkohl und tote Bete
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Als das neu in den Berliner Schrebergarten „Harmonie“ hinzugezogene Ehepaar beim Umstechen seines Beetes eine Leiche findet, ist es mit der Harmonie gleich einmal vorbei.

Diesmal scheint im Spruch „Der ...

Als das neu in den Berliner Schrebergarten „Harmonie“ hinzugezogene Ehepaar beim Umstechen seines Beetes eine Leiche findet, ist es mit der Harmonie gleich einmal vorbei.

Diesmal scheint im Spruch „Der Mörder ist immer der Gärtner“ ein Körnchen Wahrheit zu liegen. Denn der Nachbar des Toten ist Gärtner und zugleich sein bester Freund aus Kindheitstagen, mit dem es immer wieder Zoff gegeben hat.

Listigerweise ist der des Mordes Verdächtigte selbst einmal Kriminalbeamter gewesen und kennt das Procedere. Die neue Nachbarin will helfen. Deshalb wird eine Detektei gegründet, zahlreiche alte Polizeikontakte genutzt und an dem aktuellen Ermittler, für den nur die Quote zählt, vorbeirecherchiert.

Es dauert seine Zeit, bis herauskommt, was die Wesensänderung des Toten, über die mehrere Personen berichten, hervorgerufen hat. Ein Gehirntumor war es nicht.

Meine Meinung:

So eine Schrebergarten- oder Laubenkolonie ist schon eine ganz eigene Welt. Zahlreiche Vorschriften pflastern die Wege der Bewohner. Das hat manchmal, wenn man ein Alibi braucht, sogar einen Vorteil.

Gleichzeitig ist natürlich so ein Mikrokosmos anfällig auf Gerüchte und Meinungsmacher. So wird unser wackerer Ex-Polizist gleich einmal seines Amtes als Schrebergarten-Obmann enthoben. Das kränkt zusätzlich zu dem Verdacht der Polizei.

Der Schreibstil ist leicht und locker zu lesen. Wir dürfen den einen oder anderen Blick in noch unbekannte Ecken von Berlin machen.
Ich würde mich über einen weiteren Schrebergarten-Krimi freuen.

Fazit:

Gerne gebe ich diesem Krimi aus dem Mikrokosmos eines Schrebergartens 4 Sterne.

Veröffentlicht am 24.03.2022

Vera Horvath ermittelt wieder

Hamdraht
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Dieser Krimi beginnt schon recht interessant: Eine Szene auf einem Boot am Wörthersee in Kärnten weit weg vom Südburgenland und dem Club der grünen Daumen. Wie dieser Prolog mit den späteren Ereignissen ...

Dieser Krimi beginnt schon recht interessant: Eine Szene auf einem Boot am Wörthersee in Kärnten weit weg vom Südburgenland und dem Club der grünen Daumen. Wie dieser Prolog mit den späteren Ereignissen zusammenhängt, wird nach und nach enthüllt. Zunächst fiebert alles der Eröffnung des „Fia Mi“, einem Wellnesstempel entgegen.

Just während der Eröffnungsfeiern wird Sky Dujmovits, eine bekannte Influencerin, tot in der mit Rotwein gefüllten Badewanne gefunden. Grund genug für Journalistin Vera Horvath, ihre Nase in den Mordfall zu stecken, zumal Markus Ortner, ein Kärntner Kollege, eine diffuse Andeutung über die Vergangenheit des Hotelbetreibers Arno Radeschnig macht und mit einem Enthüllungsbuch droht, plötzlich verschwindet.

Meine Meinung:

Nach „Zuagroast“ ist „Hamdraht“ nun der zweite Krimi von Martina Parker, der unter der Bezeichnung „Garten-Krimi“ im Gmeiner-Verlag erschienen ist.
Wie schon im ersten Fall, beginnt jedes Kapital mit kurzen Fakten, diesmal über mehr das Leben in der Unterwasserwelt als im Garten. Das passt zwar zu den „Gedanken einer Wasserleiche“, die regelmäßig bei mir für Schmunzeln sorgt, passt aber weniger zum „Gartenkrimi“.

„Hamdraht“ beschert uns ein Wiedersehen mit zahlreichen Charakteren aus dem Vorgänger. So darf sich auch Veras Mutter wieder in das Leben ihrer Enkelin einmischen und Veras Erziehungsversuche zunichtemachen. Gartenclubmitglied Mathilde darf ihre eigenwilligen Kreationen kochen und Vera setzt ihre on-off-Beziehung mit Tom fort.

Vermisst habe ich die anderen Damen des „Club der grünen Daumen“ und das Garteln an sich. Dieses Abdriften von der ursprünglichen Idee den Gartenkrimis kostet einen Stern.

Gewohnt humorvoll sind die Wortspenden der Einheimischen, die sie wie immer im breiten südburgenländischen Dialekt von sich geben. Doch keine Angst, es gibt hier eine Übersetzung auf Hochdeutsch.

Fazit:

Nicht ganz so locker und spritzig wie der erste Fall, daher gibt es diesmal nur 4 Sterne.