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Nilchen

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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 09.05.2022

Sehr gelungen, da mehr Zürich als Krimi!

Tiefes, dunkles Blau
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Es ist wie bei jedem Krimi mal wieder die Frage, passt er zu mir oder eben nicht. Und da die Bandbreite mittlerweile so groß ist, gibt es bei den Krimilesern oft polarisierende Meinungen. Denn es gibt ...

Es ist wie bei jedem Krimi mal wieder die Frage, passt er zu mir oder eben nicht. Und da die Bandbreite mittlerweile so groß ist, gibt es bei den Krimilesern oft polarisierende Meinungen. Denn es gibt da das Wohlfühl-Lager der Regionalkrimis und lustigen Krimis, dann die tiefgründigen, fast romanhaften Krimis und natürlich die blutigen, die so manches mal auch als Thriller durchgehen könnten.
‚Tiefes, dunkles Blau‘ gehört aus meiner Sicht zwischen die Schubladen 1 und 2, da es sich um einen Krimi handelt, der ganz stark Zürich im Focus hat. Aus meiner Sicht steht hier nicht die Mordermittlung im Vordergrund, sondern die Stadt Zürich und die Schweizer Mentalität. Mir hat es gut gefallen. Mir schien es eher als brauchte Seraina Kobler einen guten Rahmen um ihre Liebe zu Zürich zwischen zwei Buchdeckel zu bekommen und ich fand es äußerst gelungen. Auch merkt man, dass die Autorin in Zürich lebt und die Stadt kennt wie ihre Westentasche.
Trotz allem ist es ein Buch mit Krimihandlung und hier steht die Seepolizistin Rosa Zambrano im Mittelpunkt. Sie wird zu einem Leichenfund gerufen. Der Tote hatte sich in einem Fischernetz verfangen. Und Rosa erkennt ihn, ist er doch der Arzt, den sie kürzlich aufsuchte wegen ihres Kinderwunsches. Die Ermittlungen beginnen und es wird recht schnell klar, dass der Mann nicht sonderlich viele positive Eindrücke hinterlassen hat. Das Privatleben der Ermittlerin ist immer präsent und nimmt viel Raum ein, was ich sehr mochte.
Fazit: Für alle Fans der sonstigen Krimi-Reihen aus dem Diogenes Verlag. Wieder eine Reihe, die ich zumindest weiterverfolgen werde!

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Veröffentlicht am 05.05.2022

Ausweglose Situation

Allein auf dem Meer
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Bill ist ein britischer 15jähriger Junge, der lieber rechnet und knifflige Aufgaben löst als sich im Freien zu bewegen. Seine Eltern machen ihm den Vorschlag einen Segeltörn mit 6 anderen Jungs vor den ...

Bill ist ein britischer 15jähriger Junge, der lieber rechnet und knifflige Aufgaben löst als sich im Freien zu bewegen. Seine Eltern machen ihm den Vorschlag einen Segeltörn mit 6 anderen Jungs vor den Kanaren zu unternehmen mit einem erfahrenen Seemann. Das Boot gerät in einen Sturm und auf dramatische Weise ist Bill am Ende alleine in einem Beiboot mitten auf dem Ozean irgendwo zwischen den Kanaren und Marokko. Nach einigen Tagen fischt er ein Mädchen, Aya, aus dem Wasser, die im selben Sturm Schiffbruch erlitt. Die beiden kämpfen gemeinsam ums Überleben, bauen sich gegenseitig auf, geben sich halten, motivieren einander und helfen einander nicht dem Wahnsinn zu verfallen. Eine schiere Ewigkeit sind die beiden dort in ihrem Boot Tanirt unterwegs. Wochenlang und es passiert dramatisches.
Chris Vick erzählt diese Geschichte eindringlich. Es ist so real, dass ich das Gefühl hatte, es könnte sich so ereignet haben. Dieses Zusammenspiel der beiden Jugendlichen und der rauen See mit sengender Sonne, es war selbst beim Lesen manches Mal nicht auszuhalten. Wirklich spannend geschrieben und die Art der Kommunikation zwischen dem Berbermädchen und dem Engländer wurde gut beschrieben, verstanden sie einander zu Beginn nur kaum. Berührend sind die Passagen in denen Aya Bill die Geschichten aus 1001 Nacht erzählt um ihn gedanklich zu beschäftigen.
„Die Welt in dem Boot und die Welt nach dem Boot gehören nicht in dasselbe Universum.“ Dieses Buch zeigt was eine extreme Situation mit einem Menschen macht und ihn auf brutale Weise aus seinem Leben reißen kann. Es bleibt nichts wie es war.
‚Allein auf dem Meer‘ wurde von Wieland Freund und Andrea Wandel aus dem Englischen hervorragend übertragen.
Dieses Buch ist vom Verlag ab 12 Jahren empfohlen, das passt. Ist es doch wirklich ein sehr aufwühlendes Buch, dass zwar fesselt, aber auch diesen erlebten Horror so echt beschreibt.
Fazit: Ein sehr guter Jugendroman, den ich sehr empfehle. Ist es doch manches Mal schwierig die richtige Lektüre zu finden für Kinder ab 12 Jahren.

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Veröffentlicht am 04.05.2022

Hoch hinaus!

Gipfelrausch
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Was haben Österreich, Kirgistan, Peru, Japan, Tansania gemeinsam? Sie alle einen, dass sie unglaubliche Berge haben! Und die Besteigung der höchsten Gipfel der Welt löste bei vielen schon sehr viel Faszination ...

Was haben Österreich, Kirgistan, Peru, Japan, Tansania gemeinsam? Sie alle einen, dass sie unglaubliche Berge haben! Und die Besteigung der höchsten Gipfel der Welt löste bei vielen schon sehr viel Faszination und Motivation aus sich hier emporzuschlagen. Ich gehöre in der Tat nicht zu dieser Brut, aber allen die solch ambitionierte Ziele verfolgen, soll es gegönnt sein. Und nun hat Philipp Lange mit ‚Gipfelrausch‘ im Reisedepeschen Verlag uns ein Buch beschert, dass uns diese Faszination sehr nahebringt.
Philipp Lange reflektiert sein Klettern auf die höchsten Gipfel der Erde gekonnt und nimmt uns mit auf seine persönliche Entwicklungsreise. Auch die schwierigen Momente und Gedanken werden geteilt. Gegliedert ist das Buch in 10 Kapitel. Wie alles in der Kindheit in den Alpen begann, er sich durch die Welt gewandert hat, seine Ziele größer wurden um dann wieder in den Alpen abzuschließen.
Da ich keine Kletterin oder ausgeprägte Tourenwanderin bin, fand ich besonders den Einblick in die doch so fremde Welt interessant. Wie er sich seinen Herausforderungen stellt, seine Wahrnehmung der Natur und der lokalen Bevölkerung. Wie er sich als Teil eines ganzen Unterfangens sieht. Auch die Beschreibungen der Abläufe und wie so was überhaupt von statten geht, fand ich spannend.
Dies ist daher ein Buch für ausgeprägte Kletter- und Wanderfans, die mit dem Gedanken spielen selbst mal den Kilimandscharo oder den Fuji zu besteigen. Aber auch, und vielleicht für diese Leser:innen noch viel mehr, für Leser:innen, denen diese Welt bisher sehr fremd ist und sich mal gedanklich auf solche Aufstiege machen möchten, aber eben von der Couch aus. Und für die ganz unbewanderten unter uns gibt es hinten im Buch ein gutes Glossar.
Das Buch selbst ist wie alle Bücher aus dem großartigen Reisedepeschen Verlag wunderbar gestaltet. Jedem Kapitel geht ein Foto vom besagten Gipfel voran und ganz vorne ist eine Weltkarte enthalten. Es liegt wunderbar in der Hand und hat ein Lesebändchen (was ja leider immer seltener wird).
Fazit: Lesend die höchsten Gipfel erklimmen ohne selbst aktiv zu werden – nur mit den Augen und dem Kopf! ;0)

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Veröffentlicht am 27.04.2022

Wahrheit ist subjektiv

Die Aosawa-Morde
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Für Lesende, die gerne außerhalb von Schubladen unterwegs sind und sich gerne mal auf „anders“ einlassen. Hier steht zwar Kriminalroman auf dem Cover, aber für mich war es nicht nur das sondern bei weitem ...

Für Lesende, die gerne außerhalb von Schubladen unterwegs sind und sich gerne mal auf „anders“ einlassen. Hier steht zwar Kriminalroman auf dem Cover, aber für mich war es nicht nur das sondern bei weitem viel mehr von anderem. ‚Die Aosawa Morde‘ ist eines der Bücher, die uns lehren was ein Perspektivwechsel mit uns und unserer Wahrheit anstellen kann.
Es ist Sommer, Familie Aosawa feiert ein Fest und es sterben 17 Familienmitglieder, weil Zyanid in den Getränken war. Nur die blinde Tochter überlebt, hat sie doch nichts getrunken. Es gibt eine scheinbar offensichtliche Lösung, denn der Getränkelieferant bringt sich um, aber war es seiner Ehre geschuldet oder ein Schuldeingeständnis? Dieser ganze Fall wird ex post noch mal betrachtet. Gibt es doch eine Untersuchung einer Studentin, die es zu Papier brachte. Diese wird zur Grundlage es erneut aufzurollen.
Riku Onda erzählt uns die Geschichte fragmentarisch und nicht chronologisch. Viele verschiedenen Stimmen kommen zu Wort, es wird in Erinnerungen gewühlt. Für mich ist dieses Buch sehr japanisch, denn leise und ruhig und doch mit brodelnder Tiefe erzählt. Auch die kulturelle Seite Japans kommt klar zum Ausdruck. Wir erfahren wie sich die Umgebung, das Wetter und die sozialen Gegebenheiten auswirken auf die Handlung. Es ist aus meiner Sicht auch extrem gut übersetzt aus dem Japanischen von Nora Bartels. Solch eine doch sehr andere Sprache macht es nicht einfach hier die richtigen Worte im Deutschen zu finden.
Fazit: „Die Wahrheit ist nichts anderes als ein Gegenstand, der aus einer bestimmten Perspektive betrachtet wird“.

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Veröffentlicht am 26.04.2022

Unbedingt lesen – wegen der Ukraine, wegen den Bienen, wegen des Lebens

Graue Bienen
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„Die Furcht war ein unsichtbares, schwer zu fassendes Ding. Wie ein Virus oder eine Bakterie. Man konnte sie mit der Luft einatmen, zufällig mit Wasser oder Wodka verschlucken oder durch die Ohren einfangen, ...

„Die Furcht war ein unsichtbares, schwer zu fassendes Ding. Wie ein Virus oder eine Bakterie. Man konnte sie mit der Luft einatmen, zufällig mit Wasser oder Wodka verschlucken oder durch die Ohren einfangen, auf jeden Fall konnte man sie mit den Augen sehen, und dann so eindrücklich, dass ihr Spiegelbild sogar dann noch blieb, wenn die Furcht selbst schon verschwunden war.“ (S. 69)
Was liest man in Zeiten des Ukraine Krieges? Diese Frage haben schon einige umgetrieben und beantwortet. Ich habe mir aus den Empfehlungen zunächst Andrej Kurkows ‚Graue Bienen‘ herausgegriffen und bin überwältigt von diesem guten Buch.
Andrej Kurkow ist ein Kind der Sowjetunion, in St. Petersburg geboren, aber seit seiner Kindheit lebt er in Kiew. Er schrieb diesen Roman 2018 auf Russisch, welcher mit viel Liebe von Johanna Marx und Sabine Grebing übersetzt wurde um das Werk für uns zugänglich zu machen.
„Wenn man lange an einem Ort lebt, dann hat man mehr Verwandtschaft auf dem Friedhof als solche, die sich nebenan wohlbefindet.“ (S. 21)
Es geht im Grunde um eine Lebensrealität wie sie ferner nicht sein könnte. Sergej lebt zwischen den Fronten im Donbass. Einer von zwei alten Männern, die das Dorf nicht verließen und ausharren. Einfachste Verhältnisse und ein frisches Ei scheint so unerreichbar wie Waffenstillstand. Sergej hat zwar eine Ex-Frau und Tochter, die schon vor den Kämpfen die Einöde verlassen haben, aber er ist glücklich so lange er bei seinen Bienen ist. Wir begleiten Sergej, denn es dann doch wegzieht, fort um die Bienen zu schützen und selbst wieder aufzuatmen nach 3 Jahren unter Beschuss.
„Das schreckliche Spiel seiner eigenen Vorstellungskraft lies ihn erschaudern.“ (S . 63)
Den Roman macht so viele aus. Zum einen natürlich die Aktualität und die Feinheiten im Blick auf das angespannte Verhältnis von Ukraine zu Russland. Zum anderen ist dieser Roman auch ein grandioses Stück Literatur. Ein sehr gut geschriebener Roman! Und selbst, wenn es diesen Krieg momentan nicht geben würde, auch dann ist es eine Bereicherung Sergej beim Denken zu begleiten und sich an seiner Freude an den einfachsten Dingen zu bereichern. Die Natur in all seiner Pracht wird hier zelebriert und unser doch so einfache menschliche Ursprung enttarnt.
„Er dachte darüber nach, dass auch Bienen und Ameisen ihre Aufpasser hatten, die auf die Ordnung achten und die Familie vor fremden Eindringlingen schützten. Er dachte darüber nach, dass die Menschen gerade von den Bienen lernen könnten, wie man Ordnung aufrechterhielt. Bloß hatten die Bienen dank ihrer Ordnung und Arbeit in ihrem Bienenstöcken den Kommunismus aufgebaut. Die Ameisen hatten einen echten, natürlichen Sozialismus erreicht, weil sie nicht produzieren, sondern nur gelernt hatten, Ordnung und Gleichheit zu wahren. Und die Menschen? Bei ihnen gab es weder Ordnung noch Gleichheit.“ (S. 347)

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