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jules_jude

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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 01.08.2022

Glückliche Momente in schweren Zeiten

Drei Tage im August
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3.5/5 Sterne


Es sind Olympische Spiele in Berlin im Jahre 1936. In dieser Zeit gibt sich Nazideutschland weltoffen. Doch es liegt eine Vorahnung von kommenden dunklen Zeiten in der Luft, es herrscht ...

3.5/5 Sterne


Es sind Olympische Spiele in Berlin im Jahre 1936. In dieser Zeit gibt sich Nazideutschland weltoffen. Doch es liegt eine Vorahnung von kommenden dunklen Zeiten in der Luft, es herrscht die Ruhe vor dem Sturm. Dreh- und Angelpunkt der Geschichte ist die Chocolaterie Sawade, die auf der Straße „Unter den Linden“ zu finden ist. Dort arbeitet die fast 40-jährige Elfie, die von Schwermut gezeichnet ist und deren Leben die Chocolaterie ist. In der kurzen Zeit, in der die Leser*innen Elfie ihren Nachbarn und anderen Personen folgen, die mit der Chocolaterie irgendwie verbunden sind, erfährt Elfie von Madame Conte, welches Geheimnis sich hinter einer Praline der Chocolaterie verbirgt und lernt außerdem den Nachtklubbesitzer El-Hammady näher kennen. Neben Elfie wäre da noch Trude, eine Mitarbeiterin von ihr, die für den jüdischen Buchhändler Franz Marcus mehr als nur freundschaftliche Gefühle hegt. Doch ist ihre gemeinsame Zukunft ungewiss. Zeuge dieser und andere Geschichten sind die Linden der Straße „Unter den Linden“.

So wie es Elfie versucht, mit den schokoladigen Genüssen der Chocolaterie Sawade den Menschen schöne Momente zu bereiten, so schafft das auch der Roman „Drei Tage im August“ von Anne Stern. Besonders der atmosphärisch und unaufgeregte Schreibstil tragen dazu bei. Insgesamt lebt die ruhige Erzählung weniger von einer alles umspannenden Handlung, sondern vielmehr von den gut dargestellten Charakteren, deren Gedanken, Gefühle und Ängste man gut nachempfinden kann. Man folgt ihnen gern drei Tage lang durch Berlin und wünscht ihnen das Beste in den unsicheren und immer dunkleren Zeiten in Deutschland.

Alles in allem ist der Roman „Drei Tage im August“ eine bezaubernde und kurzweilige Geschichte, die über drei Tage hinweg einen Einblick in das Leben der handelnden Personen mit all seinen glücklichen und traurigen Momenten gewährt und dabei ohne einen großartigen Spannungsbogen auskommt und vor allem durch seine bildliche Sprache und seinen tollen Charakteren zu überzeugen weiß. Sicherlich nicht jedermanns Geschmack, aber für mich ein unerwarteter Lesegenuss.

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Veröffentlicht am 28.07.2022

Bewegende Erzählung über den Holodomor

Denk ich an Kiew
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„Denk ich an Kiew“ wird abwechselnd in zwei Zeitebenen aus der Perspektiven von Katya ab den 1920er-Jahren und Cassie, ihre Enkelin, in der Gegenwart erzählt. Der historische Roman von Erin Litteken ist ...

„Denk ich an Kiew“ wird abwechselnd in zwei Zeitebenen aus der Perspektiven von Katya ab den 1920er-Jahren und Cassie, ihre Enkelin, in der Gegenwart erzählt. Der historische Roman von Erin Litteken ist ein persönlicher und emotionaler Roman über den Holodomor und Generationentraumata.

Zur Handlung:
Cassie trauert immer noch um ihren Mann, der bei einem Autounfall ums Leben gekommen ist. Seitdem spricht auch ihre Tochter Birdie nicht mehr. Als ihre Mutter sie ermutigt, nach Hause zu ziehen, um sich um ihre kranke Großmutter zu kümmern, stimmt Cassie widerwillig zu. Was sie entdeckt, sind die Tagebücher ihrer Großmutter über ihre Kindheit und ihr (Über)leben während der menschengemachten Hungersnot in der damaligen Ukrainischen Sozialistischen Sowjetrepublik, der Millionen von Ukrainern das Leben kostete.

Vor allem Katyas Geschichte ist nichts für schwache Nerven. Sie ist bedrückend, voll von Leid, Hunger, Verlust und Tod. Trotz vieler persönlicher Verluste findet Katya die innere Stärke, um zu überleben, und findet an den dunkelsten Tagen Hoffnung.
Katyas Geschichte hat mir im Vergleich zu Cassies insgesamt auch besser gefallen. Der Erzählungsstrang in der Gegenwart verblasst im Gegensatz zu dem in der Vergangenheit. Für mich war die gegenwärtige Handlung weniger tief und teils zu konstruiert. So fand ich z. B. wenig glaubhaft, dass Cassies Familie, insbesondere ihre Mutter, nichts über die ukrainische Herkunft der Großmutter wusste. Auch schien Cassie nicht in der Lage zu sein, selbst sehr offensichtliche Zusammenhänge zu verstehen.

Trotz der Probleme, die ich mit der Zeitebene in der Gegenwart hatte, konnte mich das Buch im Ganzen überzeugen. Es ist eine berührende Geschichte von Tapferkeit und extremen Prüfungen, von Liebe, Überleben und Freude nach Leid.
„Denk ich an Kiew“ ist zwar eine historische Fiktion, aber wie die Autorin anmerkt, waren viele der beschriebenen Erfahrungen während des Völkermords für Millionen von Menschen in der Ukraine sehr real.

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Veröffentlicht am 12.07.2022

Verstörend und aktuell aber etwas zu kurz

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In einen Brief, gerichtet an einen Anwalt mit Namen Stitic, schildert Kayleigh ihre Arbeit als Inhaltsmoderatorin bei einem Social-Media-Unternehmen und ihren direkten Arbeitgeber Hexa und die Auswirkungen, ...

In einen Brief, gerichtet an einen Anwalt mit Namen Stitic, schildert Kayleigh ihre Arbeit als Inhaltsmoderatorin bei einem Social-Media-Unternehmen und ihren direkten Arbeitgeber Hexa und die Auswirkungen, die ihr Job auf ihr Leben hatte. Stitic reicht im Namen anderer ehemaliger Hexa-Mitarbeiter eine Sammelklage wegen der Arbeitsbedingungen bei Hexa ein und hat Kayleigh gedrängt, sich der Klage anzuschließen, aber sie sagt ihm, dass sie ihm ihre Geschichte nur preisgeben wird, wenn er im Austausch dafür aufhört, sie zu kontaktieren.
Die Richtlinien, denen Kayleigh und ihre Kollegen bei Hexa folgen müssen, sind oft absurd, und der Leistungsdruck, während sie ständig mit verstörenden und gewalttätigen Inhalten konfrontiert sind, scheint für fast jeden unerträglich. Psychische Probleme, Drogen und Alkohol werden für Kayleigh und ihre Freunde bei Hexa zur Normalität, und wenn sich herausstellt, dass einige wissenschaftsfeindliche oder verfassungsfeindliche Ideen teilen, stellt sich die Frage, ob sie schon immer in diese Richtung tendierten, oder ob die Arbeit bei Hexa einen negativen Einfluss auf sie hat.

Das Buch untersucht weitgehend das Trauma, das mit der Überprüfung und Entfernung anstößiger und anstößiger Inhalte im Internet einhergeht, untersucht aber auch die weit verbreitete Desensibilisierung in der allgemeinen Bevölkerung.
Es liest sich flüssig und der Schreibstil ist gut, teilweise auch etwas provokant. Jedoch ist es mit etwas mehr als 110 Seiten etwas zu kurz, um wirklich Wirkung zu zeigen. Aus der Thematik, tagtäglich bei der Arbeit extremer Gewalt und anderen verstörenden und menschenfeindlichen Inhalten ausgesetzt zu sein, hätte man mehr machen können. Auch die Handlung wirkte nach dem abrupten Ende etwas unvollständig.

Insgesamt ist es ein nettes kleines Buch, das mehr Fragen aufwirft, als das es beantwortet und eine gute Geschichte über eine Frau, die für ein Social-Media-Unternehmen arbeitet und die grausamsten Inhalte herausfiltert, und ihre gescheiterte Beziehung zu einer ihrer Kollegin. Leider wurde das Potenzial des Themas jedoch nicht vollständig ausgeschöpft. Deswegen 3.5 von 5 Sternen von mir.

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Veröffentlicht am 30.10.2025

Kurzweilig und amüsant, mehr aber auch nicht

Prince of Germany
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Jordan Prince verschlägt es der Liebe wegen nach Deutschland und landet in Bayern. Der ein oder andere Kulturschock ist somit vorprogrammiert. Einige davon finden Eingang in sein amüsant geschriebenes ...

Jordan Prince verschlägt es der Liebe wegen nach Deutschland und landet in Bayern. Der ein oder andere Kulturschock ist somit vorprogrammiert. Einige davon finden Eingang in sein amüsant geschriebenes und zweisprachiges Buch "Prince of Germany".
Auf Deutsch und Englisch berichtet er von ein paar Anekdoten und Erfahrungen aus seiner Kindheit und seinem Erwachsenwerden in den USA. Später kommen dann seine Eindrücke und Erlebnisse aus Deutschland dazu. Manche seiner Erlebnisse und seiner Wahrnehmungen über das Leben in Deutschland und seiner Bewohner bringt einem beim Lesen zum Schmunzeln. Zudem ist es ein liebevoller und nie verletzender Blick von außen.

Keine Frage, "Prince of Germany" ist kurzweilig und unterhaltsam geschrieben. Es liest sich aufgrund der geringen Seitenanzahl von etwas mehr als 100 Seiten locker innerhalb eines Tages. Jedoch einen bleibenden Eindruck hinterlässt es nicht wirklich, dafür habe ich mir einfach irgendwie mehr erwartet, wie z. B. mehr Anekdoten bzw. Erlebnisse und persönliche Eindrücke von seinem Leben in Deutschland und beobachtete Gegensätze dazu zum Leben in den USA.
Mit Voranschreiten der Seitenzahl wiederholen sich zudem auch einige Witze, wodurch der Text etwas an Spritzigkeit verliert.
Ebenso merkt man stellenweise, dass seine Bekanntheit ausgehend von einem anderen Medium stammt. Manches wirkt in kurzen Instagram- oder TikTok-Videos eben lustiger als niedergebracht auf dem Papier.

Für Fans von Jordan Prince sicherlich interessant.

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Veröffentlicht am 25.07.2025

Unterhaltung auf Sparflamme

Born to perform – Sei das Rad, nicht der Hamster
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"Born to perform - Sei das Rad, nicht der Hamster" von Caspar Bendix lässt allein schon vom Titel auf eine Geschichte voller Wortwitz und lustiger Momente hoffen.
Doch ganz so unterhaltsam, wie erhofft, ...

"Born to perform - Sei das Rad, nicht der Hamster" von Caspar Bendix lässt allein schon vom Titel auf eine Geschichte voller Wortwitz und lustiger Momente hoffen.
Doch ganz so unterhaltsam, wie erhofft, ist der Roman leider nicht.

Der Anfang ist noch vielversprechend.
Mit viel Schwung und sprachlichem Witz lernt man Bo Martens kennen, der nach seinem Studium gleich voll ins Berufsleben startet und dabei den Top-Manager Dr. Thomas Meermann kennenlernt. Meermann sprudelt nur so von leeren Business- und Lebensweisheiten, an denen er Bo teilhaben lässt. Als Bo sich in seine Zahnärztin Laura verliebt, nutzen er und sein Freund Jan Meermanns Ratschläge für das perfekte Date mit Laura.

Fliegt man noch durch die ersten Seiten der kurzweilig und lebhaft erzählten Geschichte, so lässt der anfängliche Schwung schnell nach.
Pointiert formulierte Abschnitte wechseln sich mit faden und zähen Teilen ab und sorgen so eher für Langeweile als gute Unterhaltung.

Auch die Personenbeschreibung kann nicht wirklich überzeugen.
Zwar werden Kapitel aus Sicht von Laura erzählt, wirklich kennenlernen als Mensch tut man sie jedoch nicht. Sie bleibt blass und wirkt mehr als Handlungswerkzeug.
Insgesamt fehlt allen handelnden Personen eine wirklich tiefgründige Charakterisierung, was auch an deren teilweisen Überzeichnung und schablonenhafter Darstellung liegt.

Ein lebendiger und vorwitziger Schreibstil allein reicht nicht aus, um eine humorvolle und fesselnde Geschichte zu erzählen. Auch die Handlung und deren Figuren müssen überzeugen können.
So ist "Born to perform" ein Roman, der leider seinen Ansprüchen nicht gerecht wird, was schade ist, denn man hätte mehr aus ihm herausholen können.

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