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Veröffentlicht am 03.08.2022

Warum in die Ferne schweifen...

Natürlich Schwäbisch
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Lange bevor die Themen Nachhaltigkeit und Regionalität in Mode kamen, war es mir als Landkind schon immer wichtig zu wissen, wo die Lebensmittel herkommen, die tagtäglich auf unseren Tellern landen, und ...

Lange bevor die Themen Nachhaltigkeit und Regionalität in Mode kamen, war es mir als Landkind schon immer wichtig zu wissen, wo die Lebensmittel herkommen, die tagtäglich auf unseren Tellern landen, und das ist bis heute so geblieben. Glücklicherweise hat dies in der Zwischenzeit auch viele Profiköche erreicht, die nicht auf möglichst exotische Zutaten sondern auf ausgezeichnete Qualität aus regionalem Anbau setzen.

Einer von ihnen ist Andreas Widmann, ein Kind der Schwäbischen Alb, der nach seinen Lehr- und Wanderjahren zurück in der Heimat gekommen ist und dort in der Nähe von Heidenheim (Ostalb) erfolgreich sowohl ein Gourmetrestaurant als auch ein klassisches Wirtshaus betreibt. Ihm ist der Spagat zwischen traditioneller Landküche und internationaler Haute Cuisine gelungen, denn auch bei seinen gehobenen Kreationen kommen die erstklassischen Zutaten aus der unmittelbaren Umgebung und werden von ihm unter Einsatz traditioneller Techniken kreativ verarbeitet (Miso-Paste aus Alblinsen oder Ketchup aus fermentierten Tomaten). Oder Fleisch von Lämmern, die auf den Wacholderheiden der Alb ihr Futter finden und somit auch in die ökologische Landschaftspflege eingebunden sind. Wie auch die Rinder, die ihr Leben nicht angebunden in dunklen Ställe fristen sondern auf der Weide stehen. Alle diese regionalen Produkte garantieren höchste Qualität und führen einmal mehr den Beweis, dass man nicht in die Ferne schweifen muss, um von außergewöhnlichen Geschmackserlebnissen überrascht zu werden.

„natürlich schwäbisch“ ist mehr als ein Kochbuch. Es ist gleichzeitig ein Lesebuch, in dem Widmann die vielen Facetten dieser Region zeigt, und es ist ein Bekenntnis zu seiner Heimat. Er macht uns mit seinen verschiedenen Lieferanten bekannt, stellt aber auch Menschen vor, die sich mit Leib und Seele ihrem Handwerk verschrieben haben, wie beispielsweise die Häfnerin oder den Schreiner.

Rezepte gibt es natürlich auch, und zwar in Hülle und Fülle. Dabei fehlen natürlich nicht die Klassiker der schwäbischen Küche: die Festtagssuppe und der Gaisburger Marsch, die Maultaschen und die Spätzle, der Ofenschlupfer und die süßen Flädle. Aber wir finden auch raffinierte Kreationen, so die gepökelten Schweinebäckle in Alblinsensoße, ein Hendl-Curry oder das Nudelrisotto mit confierten Tomaten und Bergkäseschaum. Alle nach dem speziellen „Alb.style“ von Andreas Widmann zubereitet, im Detail erklärt und leicht nachzukochen, setzen aber teilweise auch ein gewisses Maß an Vorkenntnis und Küchenerfahrung voraus.

Ein wunderschönes Koch- und Lesebuch und eine Liebeserklärung an die Schwäbische Alb und ihre Menschen.

Veröffentlicht am 29.07.2022

Nachtschwärmer

23 Uhr 12 – Menschen in einer Nacht
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„23 Uhr 12. Eine Autobahntankstelle in einer Sommernacht. Wenn man das Pferd mitrechnet, die Leiche aber nicht, sind zu diesem Zeitpunkt dreizehn Personen vor Ort (…)Wenn man die Leichen noch immer ausnimmt, ...

„23 Uhr 12. Eine Autobahntankstelle in einer Sommernacht. Wenn man das Pferd mitrechnet, die Leiche aber nicht, sind zu diesem Zeitpunkt dreizehn Personen vor Ort (…)Wenn man die Leichen noch immer ausnimmt, das Pferd aber mitzählt, sind zu genau diesem Zeitpunkt nur noch zehn Personen vor Ort. Es ist 23 Uhr 14 (…) Hier ist man nur auf der Durchreise.“

So Anfang und Ende in Adeline Dieudonnés neuem Roman in zwölf Geschichten „23 Uhr 12“, in dem wir in einer kurzen Momentaufnahme das Leben von Menschen streifen, die sich in der Nacht auf einem Rastplatz in den Ardennen begegnen. Die Szenerie wirkt wie aus der Zeit gefallen. Schatten, die das Neonlicht wirft, der Geruch nach Benzin und Auspuffgasen, die Geräusche der vorbeifahrenden Autos, alles bloß Kulisse für die kurze Unterbrechung, den Stopp in einer Welt zwischen Vorher und Nachher, in der jede/r seine eigene Geschichte im Gepäck hat. Zwei Minuten, die zur Ewigkeit werden.

Wie bereits in „Das wirkliche Leben“ brilliert Dieudonné einmal mehr mit ihrer Kompromisslosigkeit. Mit harter, direkter Sprache und einem gnadenlos entlarvenden Blick, mit groben Strichen beschreibt sie die Personen und deren Beziehungen, Eigenheiten, Obsessionen, Triebe und Ängste und schaut in die Abgründe der menschlichen Seele. Das wirkt stellenweise skurril und absurd, wirkt aber auch schockierend und verstörend. Dennoch gelingt es ihr trotz der Kürze tief in die einzelnen Schicksale einzutauchen und kompromisslos die Einsamkeit der Menschen und die kaum auszuhaltende Leere in deren Leben aufzuzeigen.

Ein kleiner großer Roman, trostlos, aber auch melancholisch, bei dem ich während des Lesens ständig „Nighthawks“, das bekannteste Gemälde Edward Hoppers, vor Augen hatte. Lesen!

Veröffentlicht am 26.07.2022

Klatsch und Tratsch auf hohem Niveau

Palace Papers
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Für „Palace Papers“, diesen umfangreichen Insiderbericht über die britische Monarchie, hat Tina Brown, ehemalige Chefredakteurin bei Vanity Fair, Tatler und The New Yorker unzählige Personen aus dem Umfeld ...

Für „Palace Papers“, diesen umfangreichen Insiderbericht über die britische Monarchie, hat Tina Brown, ehemalige Chefredakteurin bei Vanity Fair, Tatler und The New Yorker unzählige Personen aus dem Umfeld der Queen befragt, mit Journalistenkollegen gesprochen und Druckwerke gewälzt, was sie auf über 40 Seiten eindrucksvoll belegt.

Herausgekommen ist dabei ein nicht nur ein „Greatest Hits“ der Skandale und Skandälchen der Windsors, sondern auch ein interessanter Einblick in eine aus der Zeit gefallene Institution, die de facto keine politischen Machtbefugnisse sondern lediglich repräsentative Aufgaben hat und deren Familienmitglieder angehalten sind, sich an die „Never complain, never explain“ Vorgabe der Queen zu halten. Dass dieser Kodex zunehmend an Gültigkeit verliert, zeigt sich inbesondere bei manchen angeheirateten Zugängen der Royals, die nicht das dicke Fell der Queen haben, mit nicht erfüllten Erwartungen kämpfen (Lady Di) oder eigene Pläne für ihren neuen Status haben (Meghan Markle).

Dabei sind die Sympathien der Autorin klar verteilt. Anne, unaufgeregt und klaglos ihren Job machend, Camilla, pragmatische Frau an der Seite des zukünftigen Königs und Kate, die sich pefekt mit ihrer Rolle als royale Unterstützerin arrangiert hat. Und natürlich die Queen herself, die seit siebzig Jahren den Briten ein Gefühl von Beständigkeit vermittelt und damit die Monarchie am Laufen hält, auch wenn in der jüngeren Vergangenheit immer wieder kritische Stimmen deren Abschaffung fordern. Doch solange die Insel in einen kollektiven Freudentaumel gerät - zuletzt gesehen bei den Feierlichkeiten anlässlich des 70jährigen Thronjubiläum – müssen die Windsors nicht auf gepackten Koffern sitzen.

„Palace Papers“ ist Klatsch und Tratsch auf hohem Niveau, gewährt interessante Einblicke in das Leben und die Marotten der Royal Family, ist äußerst vergnüglich zu lesen und verkürzt unterhaltsam die Zeit, während wir auf die Fortsetzung von „The Crown“ warten.

Veröffentlicht am 20.07.2022

Gegen alle Widerstände

Die Hennakünstlerin
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Wenn ein Roman auf Reese Witherspoons Auswahlliste landet, ist das zumindest in den Vereinigten Staaten ein Garant dafür, dass in kürzester Zeit dessen Verkaufszahlen durch die Decke gehen. So auch geschehen ...

Wenn ein Roman auf Reese Witherspoons Auswahlliste landet, ist das zumindest in den Vereinigten Staaten ein Garant dafür, dass in kürzester Zeit dessen Verkaufszahlen durch die Decke gehen. So auch geschehen mit „Die Hennakünstlerin“, dem Debüt von Alka Joshi, in dem uns die amerikanische Autorin auf eine farbenprächtige Reise in ihr Geburtsland Indien mitnimmt.

Im Mittelpunkt der Handlung steht Lakshmi Sastri, die titelgebende Hennakünstlerin, die im postkolonialen Indien der fünfziger Jahre eine folgenschwere Entscheidung für ihre Zukunft fällt. Indien ist ein Land voller Gegensätze. Aber über der üppigen, farbenprächtigen Vegetation und den beeindruckenden Bauwerken sollte man nicht nur die Slums in den Großstädten nicht vergessen. Wir erinnern uns, ist Indien nicht das Land, in dem in den ländlichen Regionen bis zum heutigen Tag der Brauch der Witwenverbrennung hochgehalten wird? In dem Menschen ab dem Zeitpunkt ihrer Geburt in Kasten eingeordnet werden aus denen, die sie in ihren Rechten, nicht aber in ihren vorgegebenen Pflichten einschränken?

Aber es gibt sie, die Frauen, die sich nicht mit ihrem vorgegebenen Platz in der Gesellschaft abfinden, die ihre Vision von einem selbstbestimmten Leben gegen alle Widerstände verwirklichen, ganz gleich, welche Opfer sie dafür bringen müssen. Wie Lakshmi. In Erinnerung an diese Frauen hat Alka Joshi diesen Roman geschrieben, mit dem sie sich auch vor der Lebensleistung ihrer eigenen Mutter verbeugt.

Veröffentlicht am 13.07.2022

Ein großartiger Roman in der Tradition Zolas und Hugos

Die Arena
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Négar Djavadi stammt aus dem Iran und musste 1980 als Elfjährige aus politischen Gründen auf abenteuerlichen Wegen mit ihrer Familie aus ihrem Heimatland nach Frankreich fliehen. Seit vielen Jahren lebt ...

Négar Djavadi stammt aus dem Iran und musste 1980 als Elfjährige aus politischen Gründen auf abenteuerlichen Wegen mit ihrer Familie aus ihrem Heimatland nach Frankreich fliehen. Seit vielen Jahren lebt sie nun in Belleville im Osten von Paris, wo auch ihr zweiter Roman „Die Arena“ verortet ist.

Belleville ist ein geschichtsträchtiges Quartier, fielen dort doch 1871 die letzten Barrikaden der „Commune“. Mit dem Zuzug der Menschen aus den Kolonien, vornehmlich aus dem Maghreb, veränderte sich die Bevölkerungsstruktur hin zu der eines typischen multikulturellen Einwandererviertels, in dem die unterschiedlichsten Nationalitäten ihren Platz fanden. In den letzten beiden Jahrzehnten wurde dieses Viertel von der Künstlerszene entdeckt, Galerien eröffnet und viele der alten Häuser abgerissen oder von Investoren saniert, um Wohnungen für einen neue Klientel zu schaffen. Doch noch gibt es sie, die Straßenzüge, die ihren alten Charakter beibehalten haben, nicht gentrifiziert sind. Die Frage ist nur, wie lange diese Gegensätze noch nebeneinander existieren können, bevor die Luft zu brennen beginnt. Und es ist genau dieser Zustand der Ungewissheit, den Djavadi in ihrem Roman beschreibt, wo nur ein Funke genügt, um diese explosive Mischung in die Luft zu jagen.

„Die Arena“ ist ein Noir- bzw. Polar-Roman, in dem die Autorin offen Kritik an den gesellschaftlichen und politischen Verhältnissen ihrer Wahlheimat übt. Djavadi beschönigt nichts, ist kompromisslos in ihren Beschreibungen, und ja, man spürt ihren Furor, denn es sind Aussagen, die eigentlich für alle westlichen Gesellschaften zutreffen. Dabei bricht sie Allgemeines auf Individuelles herunter, wählt quasi Stellvertreter, nennt Opfer und Täter ohne zu bewerten. Sei es Social Media, die Unterhaltungsindustrie, Fake News, Angst vor Statusverlust, Konkurrenzkampf, überforderte Eltern, Perspektivlosigkeit und daraus folgerndes Abrutschen in die Kleinkriminalität, bis hin zu blindwütigem Aktionismus wie dem Umgang mit Migranten. Aber trotz dieser Themenvielfalt wirkt die Handlung nie überfrachtet, jedes Rädchen hat seinen Platz und erledigt seine Aufgabe.

Ein aktueller, ein großer Roman in der Tradition Zolas und Hugos, der den Zeitgeist in all seinen Facetten einfängt, in dem wir als Zuschauer auf der Tribüne Platz nehmen und mit Kopfschütteln betrachten, was unten in der Arena geschieht.