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Veröffentlicht am 24.10.2022

Überzeugendes Plädoyer für eine neue Zeitkultur

Alle_Zeit
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Zeit ist eine zentrale Ressource in unserer Gesellschaft, jedoch ist diese nicht gleich verteilt. Viele leiden unter Zeitarmut, darunter wenig überraschend viele Frauen. Wer Zeit hat oder auch nicht, ist ...

Zeit ist eine zentrale Ressource in unserer Gesellschaft, jedoch ist diese nicht gleich verteilt. Viele leiden unter Zeitarmut, darunter wenig überraschend viele Frauen. Wer Zeit hat oder auch nicht, ist eine Frage von Macht und so wundert es auch nicht, dass nur einig wenig Privilegierte in den Genuss von wirklicher Freizeit, die frei von Fremdbestimmung und Pflichten ist, kommen. Um eine gerechtere Verteilung von Zeit in der Gesellschaft zu erreichen, ist deswegen eine neue Zeitkultur dringend notwendig. Nur wenn jeder die Möglichkeit hat, sich bewusst Zeit für sich persönlich anzueignen, kann jeder Einzelnen sich frei entfalten und zu freien und handlungsfähigen Mitgliedern der Gesellschaft werden.

Aufgelockert durch persönliche Erfahrungen, schafft es die Autorin ihrer Forderung nach einer neuen Zeitkultur überzeugend Ausdruck zu verleihen. In sechs gut strukturierten Kapiteln geht sie hierbei vor allem auf die Ursachen und Folgen von Zeitarmut im privaten sowie im gesellschaftlichen Bereich ein und sorgt so für den einen oder anderen neuen Denkanstoß bei den Leser*innen.

Seine Lesezeit mit Teresa Bückers "Alle_Zeit" zu verbringen lohnt sich somit auf jeden Fall, handelt es sich bei diesem leicht verständlich geschriebenen Sachbuch um ein sehr informatives und zum Nachdenken anregendes Buch über Zeit.

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Veröffentlicht am 25.08.2022

Skurrile und nachdenklich machende Geschichte über Trauer

Schlangen im Garten
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Trauer ist ein äußerst individuelles Gefühl, jeder geht anders damit um und jeder braucht unterschiedlich lange für den Trauerprozess und den erlittenen Verlust anzunehmen. Was dem einen hilft, ist für ...

Trauer ist ein äußerst individuelles Gefühl, jeder geht anders damit um und jeder braucht unterschiedlich lange für den Trauerprozess und den erlittenen Verlust anzunehmen. Was dem einen hilft, ist für jemand anderes keine Hilfe. Auch innerhalb einer Familie äußert sich Trauer bei jedem anders und ein jeder geht anders damit um.

So auch bei Familie Mohn, die im Roman „Schlangen im Garten“ von Stefanie vor Schulte um die tote Mutter Johanne trauert. Der Vater Adam und die drei Kinder Micha, Steve und Sinne versuchen alle auf ihre eigene Art und Weise mit dem Verlust der geliebten Mutter klarzukommen. Doch wie sie das Machen entspricht nicht der Vorstellung ihres Umfelds, so schaltet sich sogar das Traueramt ein und wirft der Familie Mohn Verschleppung der Trauerarbeit vor.
Das Vorhandensein eines Traueramts deutet schon an, dass die Geschichte nicht in der uns bekannten realen Welt erzählt wird. Als Leser*in taucht man in eine surreale, teils schräge und märchenhafte Welt ein, in der man die einzelnen Familienmitglieder bei ihrer individuellen Trauerbewältigung begleitet, wobei sie sich nicht an die Normen und Regeln der Gesellschaft halten. Passend zu dieser surrealen Welt ist die Sprache voller Metaphern und Poesie, was jedoch auch manchmal etwas zu viel des Guten ist und den Lesefluss behindert.

Es ist definitiv kein Roman für zwischendurch, man muss sich auf den klaren Schreibstil voller Metaphern einlassen und das skurrile und fantasievolle Setting auch mehr als Versinnbildlichung der Gefühle ansehen, um an „Schlangen im Garten“ richtig Freude daran zu haben. Doch es lohnt sich, den man wird mit einer ausdrucksstarken Geschichte, die Trauer in einem anderen Licht zeigt, belohnt, die trotz des eher traurigen Themas voller Wärme und Herz ist.

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Veröffentlicht am 14.08.2022

Lisa Fittko - Porträt einer Frau im Widerstand

Die Wagemutige
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In dem eingängig geschriebenen und flüssig zu lesenden historischen Roman „Die Wagemutige“ von Caroline Bernard wird die Widerstandskämpferin Lisa Fittko porträtiert. Näher beleuchtet wird Lisas Internierung ...

In dem eingängig geschriebenen und flüssig zu lesenden historischen Roman „Die Wagemutige“ von Caroline Bernard wird die Widerstandskämpferin Lisa Fittko porträtiert. Näher beleuchtet wird Lisas Internierung im Lager Gurs, ihre Flucht aus diesem und ihre Zeit danach als Fluchthelferin in den Pyrenäen. Die Handlung fokussiert sich hierbei auf die Zeit von 1940-41 und verbindet eben genannte historische Ereignisse mit der fiktiven Liebesgeschichte zwischen Lisa und Louis, einem amerikanischen Journalisten. Mithilfe der Liebesgeschichte wird anstatt Lisa als Widerstandskämpferin, Lisa als Frau mit ihren eigenen Gefühlen, Bedürfnissen, Sehnsüchten und Ängsten in den Vordergrund gerückt.

Die Autorin schafft es auf fast 400 Seiten ein authentisches und bewegendes Porträt von Lisa Fittko zu zeichnen, sowohl als mutige Widerstandskämpferin als auch das einer Frau, die zweifelt, die ein normales Leben führen will und die einfach nur als Lisa geliebt werden will. Trotz der dunklen Zeit und den schwierigen Umständen, unter denen sie lebte, ist der Roman keine gänzlich bedrückende Lektüre, spürt man beim Lesen doch mit jeder vollbrachten kleinen und großen Widerstandsaktion gegen das Nazi-Regime etwas Hoffnung und teils auch Freude in Lisa aufkommen.

Empfehlenswert für Fans von historischen Romanen mit starken Frauen im Mittelpunkt und für all diejenigen, die mehr über Lisa Fittko, eine mutige und faszinierende Widerstandskämpferin erfahren wollen.

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Veröffentlicht am 01.08.2022

Eine Geschichte, so zart und sinnlich wie Schokolade

Drei Tage im August
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Wir schreiben das Jahr 1936. Es ist der 5. August und in Berlin finden die Olympischen Spiele statt. Im Mittelpunkt der Handlung steht die Chocolaterie Sawade und die Personen, die auf irgendeine Art und ...

Wir schreiben das Jahr 1936. Es ist der 5. August und in Berlin finden die Olympischen Spiele statt. Im Mittelpunkt der Handlung steht die Chocolaterie Sawade und die Personen, die auf irgendeine Art und Weise mit dieser verbunden sind, insbesondere Elfie, die dort arbeitet und auf der das Hauptaugenmerk in der Erzählung gelegt wird. Elfie, die schwermütig ist und von Zweifeln und Ängsten geplagt wird, erfährt von Madame Conte, was eine verbotene Liebe mit einer besonderen Praline der Chocolaterie Sawade zutun hat. Sie selbst kommt dem Nachtklubbesitzer El-Hammady näher und muss sich entscheiden, ob sie ihrer Sehnsucht folgt. Dann ist da noch Trude, die mit Elfie in der Chocolaterie arbeitet und Franz Marcus, der benachbarte jüdische Buchhändler. Auch diese beiden kommen sich näher, doch scheint es um ihr Liebesglück nicht gut bestellt zu sein, macht sich doch Franz als Jude Sorgen um seine Zukunft in Nazideutschland. Überall dem liegt eine Vorahnung der dunklen und schrecklichen Zeiten, die unter der Herrschaft der Nationalsozialisten in der Zeit danach kommen wird. Die Linden der Straße „Unter den Linden“, in der sich die Chocolaterie befindet, können davon berichten. Doch trotz der bedrohlichen und düsteren Stimmung, die im Hintergrund mitschwingt, können sich Elfie und Co. ihre Menschlichkeit bewahren.

Als Leser*in folgt man diesen und anderen Personen drei Tage lang und wird Zeuge ihrer Leben, Gedanken und Gefühle. Die Handlung steuert dabei auf keinen richtigen Spannungshöhepunkt zu, wodurch sie jedoch nichts an ihrer Faszination verliert. Gerne folgt man Elfie und all den anderen Charakteren. Die Stärke des Romans „Drei Tage im August“ von Anne Stern liegt in seiner wunderschönen und poetisch angehauchten Sprache, die zusammen mit den außergewöhnlichen und gut gezeichneten Charakteren die Geschichte lesenswert macht. Am besten zu genießen mit einem Stück Lieblingsschokolade bzw. -praline.

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Veröffentlicht am 22.07.2022

Historischer Krimi der etwas anderen Art

Samson und Nadjeschda
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Es ist das Jahr 1919, kurz nach der Russischen Revolution, und die Lage in Kiew ist unsicher. Tödliche Auseinandersetzungen sind keine Seltenheit. Bei einem Straßenkampf wird Samsons Vater getötet und ...

Es ist das Jahr 1919, kurz nach der Russischen Revolution, und die Lage in Kiew ist unsicher. Tödliche Auseinandersetzungen sind keine Seltenheit. Bei einem Straßenkampf wird Samsons Vater getötet und Samson wird ein Ohr abgeschnitten. Bald darauf findet er eine Stelle bei der neuen sowjetischen Polizei und wird gleich mit einem mysteriösen Fall konfrontiert, in dem Knochen aus Silber und ein Maßanzug aus hochwertigem Stoff eine Rolle spielen. Bei seinen Nachforschungen hilft ihm sein abgetrenntes Ohr, das er in einer Blechdose aufbewahrt, und auch von Nadjeschda, eine junge, intelligente und zielstrebige Frau, erhält er Ideen.

Zu Beginn lässt sich der Roman etwas Zeit, doch mit Einsetzen der Krimihandlung nimmt das Erzähltempo zu und man wird schnell in die teils groteske Geschichte hineingezogen. Mittels eines eingängigen Schreibstils, der nüchtern und bildlich zugleich ist, schafft es Kurkow ein atmosphärisch düsteres Bild von einem durch Gewalt und Willkür gezeichneten Kiew zu erzeugen. Eindringlich werden auch die Gefühlslage und Situation der Charaktere dargestellt, sodass ein durchaus authentisches Bild der Zeit nach dem Sturz des Zaren entsteht.

„Samson und Nadjeschda“ von Andrej Kurkow ist eine Geschichte, die Krimi und historischen Roman mit fantastischen Elementen miteinander vermischt und dabei durchaus zu überzeugen weiß. Das außergewöhnliche Setting und die liebevoll gezeichneten Charaktere Samson und Nadjeschda machen ihn lesenswert.

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