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Veröffentlicht am 02.11.2022

Schattenwelt?!

Book of Night
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Holly Black ist für mich kein unbekannter Name, aber tatsächlich habe bis dato noch nichts von ihr gelesen, auch wenn die Möglichkeiten groß genug war. Bei „Book of Night“ hat mich nun auch nicht gereizt, ...

Holly Black ist für mich kein unbekannter Name, aber tatsächlich habe bis dato noch nichts von ihr gelesen, auch wenn die Möglichkeiten groß genug war. Bei „Book of Night“ hat mich nun auch nicht gereizt, dass es ihr erstes Buch für Erwachsene ist, denn ich lese noch genug Jugendbücher, so dass das für mich kein Kriterium ist. Hier hat es jetzt wahrscheinlich einfach mal genau gepasst und ich habe beim Hörbuch zugeschlagen. Ich kann gleich vorab sagen, dass Vanida Karun eine sehr angenehme Erzählstimme war, die ich gut durch das lange Buch geleitet hat. Dennoch bin ich mir nicht sicher, ob hier das Hörbuch als Medium wirklich die clevere Wahl war.

Mich hat am Klappentext von „Book of Night“ vor allem gereizt, dass es um Schatten gehen würde und ich sehr gespannt war, wie das wohl aufgebaut ist. Genau hier wären wir auch schon beim Knackpunkt, denn ich habe die Konzeption der dargestellten Welt als undurchsichtig und vielleicht sogar als nicht vorhanden empfunden. Genau hier war ich mir dann auch unsicher, dass es vielleicht am Hörbuch gelegen haben könnte, denn es gab eine Sequenz, in der die verschiedenen wichtige Begriffe zur Schattenwelt erwähnt wurden und vielleicht wäre es hier hilfreich gewesen, einfach mal zurückblättern zu können, um sich die Infos immer wieder zu vergegenwärtigen. Im Hörbuch ist das alles etwas komplizierter. Dennoch glaube ich auch unabhängig vom Medium, dass ich definitiv im Fantasy-Bereich schon viel besser entwickelte Welten kennengelernt habe. Auch wenn es durchgängig um die Schatten ging, so habe ich es doch so empfunden, als wäre es nicht so dominant in der Thematik gewesen, wie ich es erwartet hätte. Denn die Vielzahl der vorhandenen Figuren scheint doch ganz gut ein Leben abseits der Schattenthematik führen zu können.

Angelehnt an das etwas zaghafte World-Building kommt auch der Inhalt zunächst nicht so richtig in Gang. Wir lernen Charlies Welt kennen, ihre Schwester, ihren Mitbewohner, für den sie weit mehr empfindet, als sie zugeben will, ihre Arbeit und ihre Vergangenheit. In Rückblenden wird uns gezeigt, wie Charlie zur Diebin wurde und wie sie manches Mal das Gesetz strapaziert hat. Doch in alldem merkt man schnell deutlich, dass sie ein gutes Herz hat, denn gerade für ihre Schwester Posey tut sie doch alles, denn sie soll eine gute Zukunft haben. Daneben wird ganz gemächlich die Handlung initiiert, indem es um ein Buch geht (siehe Titel) und dann geschieht ein erster Mord und auch wenn es Charlie zu dem Zeitpunkt nur unmittelbar angeht, hängt sie sich an diesem Punkt schon rein. Auch wenn es immer wieder erzählerische Wendungen gibt, so ist es doch wenig, was bei mir Zug entwickelt hat, denn ich war im Geiste wohl immer noch mit der doch eher ausgesparten Schattenthematik beschäftigt. Letztlich ist der große Wendepunkt, als Charlie herausfindet, wer ihr Mitbewohner Vince wirklich ist.

Denn damit ist auf einmal sehr deutlich, wer der wahre Big Bad dieser Erzählung ist und in welche Richtung die Geschichte strebt. Nach und nach wird auch die Schattenthematik etwas präsenter, wenn ich auch das World Building immer noch nicht als gut empfand, dennoch gab es auch ein paar Aspekte, die wir alle zusammen wohl erst erlernen mussten. Aber auch ohne diese Argumente ist das Ende sehr unterhaltsam, denn Charlie wird sehr aktiv, risikobehafteter, denn sie hat ein klares Ziel vor Augen und das will sie erreichen. So kommt es letztlich zum großen Showdown, bei dem sich Charlie auf einer tollen intellektuellen Ebene mit Salt battelt und das war wirklich schön wendungsreich, um immer wieder neu überrascht zu werden. Dieser Teil ist Black wirklich gut gelungen. Das Ende scheint dann vor allem einen zweiten Band vorzubereiten, doch ich bin mir nicht sicher, ob ich dafür noch an Bord sein werde, denn die Aspekte, die mich wirklich mitgerissen haben, sind einfach zu wenig.

Fazit: „Book of Night“ habe ich als Hörbuch vorliegen gehabt und während ich die Erzählerin Vanida Karun wirklich toll fand, so ist meine Begeisterung für die Geschichte an sich nicht ganz so überschwänglich. Erst am Ende beim großen Showdown gab es für mich wirklich einen Klickmoment, ansonsten fand ich die Schattenwelt sehr, sehr blass. Vielleicht lag es hier am Hörbuch, aber die Anzeichen sagen mir eigentlich, dass es wohl auch für die gedruckte Form gilt. Das ist dann vielleicht sogar schon zu wenig, um Lust auf einen zweiten Band zu wecken.

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Veröffentlicht am 18.10.2022

Für den Bildschirm wahrscheinlich genial, für ein Buch zu komplex

The Atlas Six
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Ich bin auf das Buch „The Atlas Six“ von Olivie Blake gestoßen, als von Amazon angekündigt wurde, sich die Rechte gesichert und eine Adaption vorantreiben zu wollen. Da es zu dem Zeitpunkt noch gar keine ...

Ich bin auf das Buch „The Atlas Six“ von Olivie Blake gestoßen, als von Amazon angekündigt wurde, sich die Rechte gesichert und eine Adaption vorantreiben zu wollen. Da es zu dem Zeitpunkt noch gar keine deutsche Übersetzung gab, war schnell klar, dass Original muss in der Heimat ein Hit sein. Auch wenn Hypes mich nicht automatisch auch begeistern müssen, fand ich den Klappentext völlig unabhängig von allem drum herum sehr vielversprechend. Nach der Lektüre jedenfalls bin ich mir sicher, dass eine Adaption großartig werden könnte, während es in Buchform zu komplex wirkt.

Wir haben sechs Hauptcharaktere, aus deren Sicht das Geschehen abwechselnd erzählt wird. Das hat mich in diesem Ausmaß an Leigh Bardugo erinnert, aber die Erzählweise ist doch sehr unterschiedlich. Während sich die gerade genannte auch oft in ausschweifenden Erzählungen aus der Vergangenheit verliert, ist bei Blake doch alles etwas simpler, zumindest in der Art, wie sie die Dinge angeht. Ihr Stil ist simpel, ihre Inhalte sind dagegen wahnsinnig komplex. Bleiben wir aber zunächst bei den Charakteren, denn auch wenn wir natürlich bei denen in die Vergangenheit eintauchen, so geht es dabei mehr um Basics als zu tief in die Charaktere einzutauchen. Die Bandbreite an Charaktereigenschaften, die wir in diesen sechs erleben, ist schon enorm, aber da sie sich gedanklich viel untereinander beschäftigen, bekommt man neben der Innen- immer auch die Außenperspektive angeboten. Das hat sicherlich auch einen faszinierenden Aspekt, weil man sich so viel mehr auf die eigenen Instinkte verlassen muss, hat aber auch den Nachteil, dass keine Figur so richtig für die Identifikation ausreicht. Libby und Tristan sind für mich die Figuren, mit denen ich am meisten anfangen konnte. Nico hat auch sehr ehrenwerte Motive und ist sicherlich einfach ein echt guter Kerl, aber manchmal ist es mit ihm auch nicht ganz verständlich, was wie zusammenpasst. Während Reina für mich völlig blass geblieben ist, was schade ist, denn Potenzial ist sicherlich genug da, sind Parisa und Callum sicher die, an denen man sich am meisten stößt, aber sie sind letztlich auch die einzigen beiden, die die Handlung im Gang halten. Denn weil es der Autorin so sehr darum geht, die Figuren zu positionieren und immer wieder neue Allianzen und Fehde zu entwerfen, passiert recht wenig.

Zwar vergeht über die einzelnen Kapitel hinweg die Zeit zügig, aber die Studien, die zwischendurch vorangetrieben werden, schwanken zwischen ausufernden Beschreibungen und völliger Ignoranz. Das ist in der Stilistik irritierend, denn so vergeht einerseits kaum Zeit, aber andererseits sind die Hinweise am Ende deutlich, dass bald ein ganzes Jahr vergangen ist, ohne dass es aber wirklich deutlich wurde. Zu den Studien kann man auch sagen, dass sich Blake auf gewisse Themen regelrecht stürzt. Selten geht es um die Darstellung im Unterricht, sondern mehr darum, wie die Sechs damit umgehen, aber dann verliert es sich in wissenschaftlichen Details, die zwar insgesamt faszinierend klingen, aber auch gleichzeitig absurd klingen. Ich habe keine Ahnung, inwiefern Blake wissenschaftlich interessiert ist und inwiefern sie für die Themen über den Tellerrand hinausgeschaut hat, aber vieles klingt sehr phantasievoll und ist vermutlich nur inspiriert von Fakten. Das ist im Grunde auch nicht schlimm, denn wir befinden uns innerhalb von Fiktion, aber die ganzen Beschreibungen sind eben so konfus und unvorstellbar, dass es mich nicht abgeholt hat. Deswegen sprach ich gleich zu Beginn die Adaption an, denn ich kann mir durchaus vorstellen, dass das bildlich adaptiert ganz anders wirken kann. Das hängt auch mit den einzelnen Fähigkeiten zusammen. Während ich bei Reina, Callum und Parisa erahnen kann, wie sich genau ihre Kräfte manifestieren, sind Libby und Nico sowie dann daran anknüpfend Tristan für mich sehr viel hypothetischer. Wenn man in die Grundlagen schon nicht richtig einsteigen kann, dann wird es intensiviert natürlich noch schwieriger.

Insgesamt kann man aus der Kritik zu den Charakteren sowie dem Inhalt bereits herauslesen, dass Potenzial genug vorhanden ist, dass aber die einzelnen Bestandteile noch nicht recht zusammenpassen, um es als echtes Leseerlebnis zu empfinden. Es wird an einigen Stellen gar unnötig zäh, was gerade bei so vielen Charakteren überhaupt nicht nötig wäre. Zum Ende hin gibt es dann echt Plottwists und hier wacht man auf, wird wieder neugieriger und erinnert sich, warum das von Anfang an alles eine geniale Idee war, aber die Frage ist eben, ob es den zweiten Band deswegen nun großartig macht, oder ob sich die gleichen Probleme einfach nochmal zeigen, denn das wäre fatal.

Fazit: „The Atlas Six“ ist für mich schnell eine Erzählung, die ich mir auf dem Bildschirm adaptiert wahnsinnig gut vorstellen kann, während es zwischen den Buchseiten definitiv zu komplex ist. Das Potenzial ist überall da, aber die Oberflächlichkeit bei den Charakteren, um dann wieder bei einigen Themen so tief einzutauschen, dass es kaum wieder hochgeht, das ermöglicht keinen Lesefluss. Das Ende verleitet aber definitiv dazu, bei Band 2 wieder zuzugreifen.

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Veröffentlicht am 25.09.2022

Qualitativ sinnbildlich für gesamte Reihe

Sunrise Full Of Wonder
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Mit „Sunrise Full of Wonder“ beendet Mounia Jayawanth ihre bei Lyx veröffentlichte One-Night-Trilogie. Insgesamt war die Reise für mich nicht immer einfach, denn man merkt Mounia an, dass sie es auf wichtige ...

Mit „Sunrise Full of Wonder“ beendet Mounia Jayawanth ihre bei Lyx veröffentlichte One-Night-Trilogie. Insgesamt war die Reise für mich nicht immer einfach, denn man merkt Mounia an, dass sie es auf wichtige Themen abgesehen hat. Dazu hat sie einen humorvollen Grundton, aber manchmal ist es erzählerisch etwas holprig und auch die Charaktergestaltung ist nicht immer in sich konsequent. Natürlich ist mir das Buchuniversum dennoch ans Herz gewachsen, denn gerade die drei Freundinnen sind ein Anker gewesen, der definitiv dieser Reihe etwas Besonderes gegeben hat.

Bei „Sunrise Full of Wonder“ ist diese Kritik ziemlich genau auf den Punkt wieder anzubringen, man merkt also ein starkes Muster, bei dem ich mir noch nicht sicher bin, ob es nun nur Geschmackssache ist, dass es bei mir noch nicht völlig ankommt, oder ob doch noch eine gewisse Übung an der einen oder anderen Stelle fehlt. Maya und Lenny waren uns in den anderen beiden Bänden als Freunde präsentiert worden, weswegen ich im Vorfeld auch von einer klassischen Entwicklung ausging, dass aus besten Freunden eben zusätzlich noch ein Liebespaar wird. Deswegen fand ich es in der Tradition des fünfjährigen Zeitsprungs überraschend, dass eigentlich damals bereits die perfekte Liebesgeschichte angelegt wurde. Es ist auch okay, dass manche nicht auf Anhieb zueinanderfinden, aber gerade im ersten Band war Lenny regelrecht treudoof in Sydney verliebt, was mein Bild zu ihm auch durchaus geprägt hat. Nun präsentiert uns der dritte Band aber irgendwie auch eine ganz andere Version von Lenny. Es ist nicht so, als ob man diese nicht übereinander bringen könnte, aber dennoch hatte ich das Gefühl, dass vieles zu seiner Person angelegt war, als der Plot von Band 3 noch nicht vollständig stand. Denn gerade angesichts seiner stets präsenten Gefühle für Maya war das doch etwas seltsam, denn er war sich dessen ja immer bewusst, während Maya es ja doch eher sich selbst nicht eingestehen konnte.

Weiterhin kann man sagen, dass es eindeutig eine Maya-Geschichte ist. Das ist insgesamt auch eine Tendenz bei der Reihe, dass es zwar beide Perspektiven gibt, dass es aber dennoch eine deutlichere Gewichtung auf die Frau gibt. Hier ist es nun besonders extrem, denn es geht vor allem darum, was Maya als Kind und Jugendliche durchmachen musste und was sie so verbissen nach Freiheit sehnen lässt. Bei Lenny war aber durchaus genauso viel Potenzial vorhanden, das hat sich immer wieder überall angedeutet, aber es wurde nicht mal ansatzweise so detailliert ausgearbeitet. Hier spielt dann auch herein, dass der interessanteste Faktor an ihm, sein christlicher Glaube, offensichtlich Mittel zum Zweck war. Aber eins nach dem anderen. Denn ich fand das Buch auch lange sehr ereignislos. Natürlich ging es um die Zusammenführung zweier bester Freunde, aber es war sehr langatmig gemacht und als es dann endlich soweit war, ging es erstmal genauso behäbig weiter. Zwar wurde auch das Geheimnis aus Mayas Vergangenheit noch entlarvt, aber man merkte deutlich, dass der eigentliche inhaltliche Knall erst ganz zum Schluss kam.

Ich hatte mit der Schwangerschaft ehrlich gesagt nicht gerechnet, auch wenn mir beim ersten Geschlechtsverkehr schon auffiel, dass über Verhütung nicht gesprochen worden war. Das wurde zwar später nachgeholt, aber dennoch war es da schon seltsam, aber dennoch habe ich das Thema lange nicht mehr in diesem Genre gehabt. Die Themenauswahl lobe ich auch ausdrücklich, auch weil mich der abschließende Abschnitt zum Mom Shaming sehr beeindruckt hat, denn so konsequent aufgearbeitet findet man das Thema leider selten, deswegen fand ich es spannend. Dennoch gab es eben auch Stolperstellen, denn es war eben sehr spät im Buch und spätestens da war klar, dass Lenny nur so gläubig inszeniert worden ist, um ein Konfliktpotenzial zu erzeugen. Grundsätzlich nicht falsch, weil es ein passender Ansatzpunkt ist, aber es war zu oberflächlich alles. Weder über Lenny selbst noch über seine Familie ist der Diskurs gut angegangen worden. Immer mal wieder wurde der Glaube ins Spiel gebracht, dennoch hat Lenny so nicht argumentiert, das war etwas schade. Aber grundsätzlich bleibt die Stärke des Themas und dass es für Maya wirklich durchgezogen wird. Da hat mir dann auch der Zeitsprung gefallen, weil man eben auch die Auswirkungen noch erleben durfte. Das sind ganz klar die für mich so starken Momente, bei denen ich Mounia richtig feiere, aber es macht es auch bedauerlich, dass im Kontext dann oft die Schwächen lauern.

Fazit: Mounia Jayawanth hat vor allem thematisch eine wertvolle Reihe entwickelt, die auch mit dem dritten Band mit einem kleinen Highlight (weil eben so selten und doch so wichtig!) zu Ende geht. Dennoch sind die erzählerischen Schwächen leider nicht zu ignorieren, denn es ist nicht immer alles konsequent genug und dann bleibt manches auch an der Oberfläche, das ist insgesamt schade, weil das Potenzial riesig da ist. Aber vielleicht ist es wirklich nur Geschmackssache und Mounias ganz eigener Stil ist zu respektieren.

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Veröffentlicht am 30.08.2022

Ein paar Zeitsprünge zu viel

The Girl in the Love Song
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Reihen oder Standalones? Das ist bei Emma Scott definitiv keine Grundsatzentscheidung, da sie beides schon bestens bedient hat. Mit „Lost Boys“ bietet sie nun eine neue Trilogie an, die sich um drei verlorene ...

Reihen oder Standalones? Das ist bei Emma Scott definitiv keine Grundsatzentscheidung, da sie beides schon bestens bedient hat. Mit „Lost Boys“ bietet sie nun eine neue Trilogie an, die sich um drei verlorene Jungs dreht, die ihre Liebesgeschichten bekommen, um aus gebrochenen gereifte Persönlichkeiten zu werden. Auch wenn es vielleicht etwa blöd klingt, aber gebrochene Persönlichkeiten haben immer einen besonderen Reiz, denn dann kann man von den Geschichten oft genau die Tiefe erwarten, die ich am liebsten mag, besonders eben, wenn Emma Scott als Autorin drauf steht. Dementsprechend enthusiastisch bin ich an „The Girl in the Love Song“ herangegangen.

Den Einstieg in das Buch fand ich sehr gelungen, denn bereits in dem zarten knapp kindlich/jugendlichem Alter, in dem sich Violet und Miller kennenlernen, sind ihre Persönlichkeiten sehr gut zu erkennen und man mag beide auf Anhieb. Auch wenn es zunächst mehr um Violets Perspektive geht, um so die Geheimnisse von Miller noch etwas verborgen zu lassen, bekommt man von beiden einen guten Eindruck und man begreift, auch wenn diese jungen Menschen vielleicht noch nicht völlig sexualisiert denken, dass sie gerade einen Bund fürs Leben geknüpft haben. Deswegen war es clever von Scott gemacht, gleich hier am Anfang anzusetzen, weil man so viel besser die spätere Emotionalität zwischen ihnen nachvollziehen kann. Bei Miller wird mit seinem Diabetes noch ein spannender Aspekt eingebracht, der über alles ein Damoklesschwert hebt, der aber auch gut recherchiert scheint, so dass ich das Gesundheitsbild gut eingearbeitet empfand.

Nach diesen ersten sehr positiven Ansätzen kommt es zum ersten Zeitsprung und ab hier tun sich die ersten Schwächen auf. Zeitsprünge sind ein gerne gewähltes Mittel und das kann ich auch sehr gut nachvollziehen und dennoch ist Zeitsprung eben nicht Zeitsprung. Scott verlässt sich in diesem Band auf sehr viel Zeitsprünge. Auch wenn ich das für die inhaltlichen Ziele zwischendurch unterstützen kann, so nimmt es von der emotionalen Wirkung auch viel weg. Denn immer wenn man sich gerade an die Figuren, ihr Denken, ihre Pläne etc. gewöhnt hat, dann gibt es einen Cut und wir sehen uns wieder einer neuen Situation ausgesetzt. Auch wenn Miller und Violet im Kern natürlich dieselben Menschen bleiben, so hatte ich mit der Violet, die kurz vor ihrem Schulabschluss steht, doch so meine Probleme, denn das sanftmütige und höchst empathische Wesen verkehrte plötzlich in neuen Kreisen, die so gar nicht zu ihr passen wollten. Das sind so kleine Aspekte, die sich immer wieder zeigen, wo ich das Gefühl hatte, ich habe neue Ausgangsbedingungen, komme aber nicht schnell genug hinterher, bis es schon wieder weiter in der Zukunft vorangeht. Das war doch sehr schade, weil ich das so von Scott noch nicht kenne, zumindest nicht in diesem doch fast schon exzessiven Ausmaß.

Dennoch nimmt sich Scott natürlich auch genug Zeit für sehr innige Momente und das sind die großen Stärke. Die Liebesgeschichte zwischen Miller und Violet wirkt so trotz der Stolperstellen immer episch, weil Scott es mit tollen Worten schafft, hier die Verbindung zu verdeutlichen. Auch der Musikaspekt ist sehr willkommen, denn durch die Songtexte ist diese tiefsinnige Ebene noch einmal verstärkt worden. Generell mag ich Musik als Transportmittel von Emotionen sehr geschickt. Es ist nicht das erste Mal bei Scott, was auch zeigt, dass sie die Stärken selbst erkannt hat. Umgekehrt muss man aber wieder sagen, dass es abseits von Miller und Violet mit der Charakterarbeit sehr schwach ist. Nachdem wir die anderen beiden Lost Boys Holden und Ronan kennengelernt haben, die definitiv vielversprechend sind, verschwinden sie ein wenig aus der Geschichte. Hier verzeihe ich es aber noch, weil wir die volle Dosis in den Folgebänden noch bekommen werden. Aber andere Figuren wie Violets Eltern, Millers Mutter, Evelyn, das waren alles Abziehfiguren, die keine eigene Persönlichkeit entwickelt haben. Das ist sicherlich auch den Zeitsprüngen geschuldet, aber sich nicht nur, denn die Autorin wollte sich glaube ich auch gar keine große Mühe geben. Evelyn ist einfach allgemein etwas unglücklich gelungen, bei ihr begreift man aber noch am ehesten, warum sie tut, was sie tut. Die anderen versinken aber endgültig in Klischees.

Fazit: „The Girl in the Love Song” macht Lust auf eine neue Reihe von Emma Scott, aber setzt gleichzeitig die Messlatte nicht unerreichbar hoch. Die Liebesgeschichte ist sehr innig und durch die Musik magisch inszeniert worden, aber die zahlreichen Zeitsprünge waren hier nicht das ideale Mittel der Wahl. Es wurde Emotionalität und Nachvollziehbarkeit geraubt, was durchaus ein kleiner Wehmutstropfen ist.

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Veröffentlicht am 22.08.2022

Absurdes inhaltliches Korsett bei eigentlich guter Liebesgeschichte

Über die dunkelste See
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Still und heimlich ist die Compass-Reihe noch um einen vierten Band erweitert worden, der uns erst 2023 erwartet, aber ich hatte gedacht, mit dem dritten Band, „Über die dunkelste See“ sei die Reihe abgeschlossen. ...

Still und heimlich ist die Compass-Reihe noch um einen vierten Band erweitert worden, der uns erst 2023 erwartet, aber ich hatte gedacht, mit dem dritten Band, „Über die dunkelste See“ sei die Reihe abgeschlossen. Aber egal, erstmal volle Konzentration auf eben diese dritte Veröffentlichung, die sich Damian widmet, den wir im zweiten Band als sehr grüblerischen, aber auch sehr treuen Freund kennengelernt haben. Dementsprechend war ich gespannt auf seine Geschichte und war doch überrascht, in was für eine absurde Konstruktion diese gesteckt wurde, denn ich kam mir fast vor wie in einem modernen Märchen von Aschenputtel, aber eins nach dem anderen.

Cherry ist für mich ohnehin eine Autorin, die sehr poetisch schreibt und damit eben auch fast manchmal wie märchenhaft und dennoch übertreibt sie es manchmal nur mit der Dramatik, nicht aber mit dem Realitätscheck. Denn ich fand die erzwungene Hochzeit, bei der alle brav mitmachen, obwohl sich Stella gerade in einer Beziehung befindet, doch sehr seltsam. Dazu dann die drei Stiefmütter, die auf das Erbe schielen und ständig wie böse Feen über dem Geschehen schweben, ich fand das doch sehr anstrengend, auch weil es zu einer Figur wie Damian überhaupt nicht gepasst hat. Stella ist etwas naiv und ich kann mir vorstellen, dass sie Kevins Ideen wirklich einfach nur befolgt, weil er es sich eben gewünscht hat, aber Damian? Man merkt an meinen teilweise ironischen Worten vermutlich deutlich, dass ich mich extrem schwer mit der Geschichte getan haben, vor allem überhaupt erstmal reinzufinden. Denn als das Testament verlesen wurde, da musste ich mich schon am aggressiven Augenrollen hindern. Und diese kritischen Worte sind so schade, weil Cherry es im Grunde wieder wie im Schlaf schafft, eine zutiefst berührende Liebesgeschichte zu schaffen. Zwischen Damian und Stella ist ohne Frage etwas Magisches entstanden, aber dies hätte nicht in diesem inhaltlichen Korsett verpackt werden müssen…

Stella war zwar eine Figur, die ich oft genug hätte schütteln können und ihre Beziehung mit Jeff war nur ein Faktor von vielen, aber gleichzeitig fand ich sie auch nachvollziehbar gestaltet angesichts ihrer Geschichte. Es war schwierig, aber sinnig. Zudem wurde ich letztens durch ein Buch von Kyra Groh wieder daran erinnert, wie wenig Übergewicht leider konkret in den Genres New Adult und Liebesgeschichten behandelt wird, weswegen ich es toll fand, dass es bei Stella so offensiv angegangen wurde. Zwar war es mir angesichts der drei Stiefmütter auch hier völlig übertrieben, wie sie sie fertig gemacht haben und dass am Ende die Ausrede gesucht wurde, dass sie nur enttäuscht waren, für Kevin nie die Nummer Eins zu werden, aber dennoch war es effektiv um das Trauma einer Essstörung und nicht gut genug zu sein, zu installieren. Ich habe jedenfalls mit jeder Faser mit Stella gefühlt und fand es toll, dass sie mit Damian jemanden gefunden hat, der keine Zahl in ihr sieht, sondern einen Menschen.

Denn umgekehrt hat sich Stella ja auch bemüht, den Menschen in ihm zu sehen, denn er hat es auch ganz schön schwer gemacht. Natürlich wussten wir schon durch den zweiten Band, dass der tolle Mensch da ist, aber dennoch hat er sich oft genug sehr arschig verhalten dürfen und es brauchte seine Zeit. E war schön, wie er sich irgendwann einfach auf das einlassen konnte, was sie ihm gespiegelt hat und deswegen alles zulassen konnte, was in ihm steckt. Dennoch fand ich es auch etwas schade, dass er etwas hinter Stella zurückstand. Das mag daran liegen, dass er eben auch schon in Band 2 entwickelt worden ist und deswegen bei Stella noch etwas nachgeholt werden musste, dennoch stand ihr Trauma viel deutlicher im Fokus als seins, obwohl er als Kind, durchgereicht durchs Pflegesystem, selbst genug zu erzählen gehabt hätte. Das ist zwar auch angedeutet worden, aber definitiv untergeordnet. Dennoch war ihre Geschichte beschränkt auf sie beide sehr gut, alles drum herum war aber völlig überstilisiert und hat der Geschichte etwas Unnatürliches gegeben, schade.

Fazit: Eigentlich ist auch „Über die dunkelste See“ wieder eine tolle Liebesgeschichte, aber eine Liebesgeschichte, die in einer großen Absurdität verpackt worden ist. Die erzwungene Heirat ist für mich nun kein Muster, was ich in so einer Geschichte brauche. Hier hat sich Cherry in meinen Augen definitiv verrannt.

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