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Veröffentlicht am 24.01.2023

Legenden des Nils

Fräulein vom Amt – Der Tote im Kurhaus
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„Alma, du musst ihm helfen. … Du hast es doch schon einmal gemacht.“ (S. 54) Zwei Jahre nach ihrem ersten „Abenteuer“ bittet Almas Freundin und Mitbewohnerin Emmi sie, sich wieder in Ermittlungen zu stürzen. ...

„Alma, du musst ihm helfen. … Du hast es doch schon einmal gemacht.“ (S. 54) Zwei Jahre nach ihrem ersten „Abenteuer“ bittet Almas Freundin und Mitbewohnerin Emmi sie, sich wieder in Ermittlungen zu stürzen. Auf der Premierenfeier der Oper Aida im Ballsaal des Kurhauses wurde der Tenor ermordet. Der war Emmis aktueller Galan und hatte an dem Abend einen Streit mit seinem Vorgänger, der seinen Platz an Emmis Seite nicht kampflos räumen wollte. Da alle Indizien auf ihn weisen, scheint die Polizei gar nicht in andere Richtungen zu ermitteln.
Alma zögert erst, schließlich war ihr erster Fall nicht ganz ungefährlich, freundet sich dann aber zufällig mit der ägyptischen Sopranistin Mary an und erfährt von ihr mehr über die anderen Mitglieder der Truppe. Schnell wird ihr klar: „In diesem Ensemble gibt es mehr als genug Gründe für einen Mord.“ (S. 52) Nicht nur, dass einige Mitglieder untereinander anscheinend nicht immer ganz freiwillig verbandelt sind, sie haben sich zum Teil auch in Ägypten im Rahmen einer Ausgrabung kennengelernt …

„Fräulein vom Amt – Der Tote im Kurhaus“ ist der zweite Teil der Reihe um die Telefonistin Alma aus der Feder des Autoren-Duos Charlotte Blum und genauso spannend und unterhaltsam wie der Vorgänger. Die Wirtschaft hat sich endlich erholt, die Inflation wurde durch die Einführung der Reichsmark beendet und die Stimmen der Nationalsozialisten werden immer lauter.
Baden-Baden ist der Ägyptomanie verfallen, denn kurz zuvor hat Howard Carter das Grab des Tutenchamun mit seinen unzähligen Schätzen entdeckt und dadurch Kunst und Mode nachhaltig beeinflusst. Der Auftritt des Ensembles der durch Europa tourenden Aida-Oper ist der absolute Höhepunkt des Ganzen und wird jetzt durch den Mord überschattet.

Bei ihren Nachforschungen dazu wird Alma mit den großen Gefühlen und Dramen vor und hinter der Bühne konfrontiert und entdeckt so manche Verbindung und Abhängigkeit, die eigentlich geheim bleiben sollte. Gleichzeitig schwelgen sie und die sowieso schwärmerisch veranlagte Emmi in den abenteuerlichen Schilderungen über Ägypten und die Ausgrabungen und träumen dabei von der großen weiten Welt – und der Liebe. Während Emmi weiter von einem Flirt zum nächsten flattert und sich nicht festlegen kann oder will, hat sich Alma letztlich gegen die Beziehung zu Kriminalkommissar Ludwig Schiller entschieden, weil sie ihren Beruf als Telefonistin und ihr unabhängiges Leben zu sehr liebt.
Ludwig ist zu Beginn von den Untersuchungen ausgeschlossen, da er im Gegensatz zu seinem Chef nicht den gerade aufkommenden Lehren Hitlers, sondern der jungen Republik anhängt. Trotzdem kann er Alma bald Informationen zukommen lassen.

Das Autorenduo bringt auch das damalige Zeitgefühl wieder wunderbar rüber. Ich liebe die Seitenhiebe auf die veraltete und unpraktische bis gefährliche Mode (ich sage nur Hutnadeln) ihrer Großmütter und habe mich sehr über den Kauf der neu aufgekommenen leicht anstößigen Gymnastikkleidung für Frauen (Hosen!) und die dabei vorgeführten Übungen amüsiert.

Vor allem ist das Buch aber wieder ein sehr gut inszenierter klassischer Howdunit, der mich bis zum Ende fesseln und überraschen konnte.

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Veröffentlicht am 20.01.2023

Im Prinzip vergeben, aber die Route wird gerade neu berechnet

Von Spaß war nie die Rede
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„Vielleicht liegt es daran, dass ich Fee heiße. Nomen est omen. Jedenfalls bin ich die gute Fee vom Dienst, auf die man rund um die Uhr zählen kann. … Ich kann auch gar nicht anders, denn das Wort »nein« ...

„Vielleicht liegt es daran, dass ich Fee heiße. Nomen est omen. Jedenfalls bin ich die gute Fee vom Dienst, auf die man rund um die Uhr zählen kann. … Ich kann auch gar nicht anders, denn das Wort »nein« existiert nicht in meinem Wortschatz.“ (S. 6) Wenigstens zu sich selbst ist Fee ehrlich, denn Mann, Kinder, Chef, Kollegin und beste Freundinnen kennen sie nur als stets hilfs- und einsatzbereite Frau für wirklich alle Fälle. Eine spontane Party mit den Kollegen des Mannes? Kein Problem. Zum Mädelsabend noch schnell den Lieblingskuchen der Gastgeberin backen? Ehrensache. Geburtstagsgeschenk und Überraschung für die Frau des Chefs innerhalb weniger Stunden, obwohl sie längst Feierabend hat? Fees leichteste Übung. Dass ihr eigenes Leben dabei auf der Strecke bleibt, sie sich gehen lässt und sich keiner für ihre Wünsche und Träume interessiert, geht ihr an einem besonders stressigen Tag auf. „Ich kann nicht mehr, ich will nicht mehr.“ (S. 28)
Urlaub muss her, sagen ihre Freundinnen, zur Not auch mit der Familie. Außerdem ein Zumbakurs mit einem extrem schnuckeligen Lehrer und ein Reiseblog, da kann sie den Familienurlaub, bei dem einiges schief geht, gleich aufarbeiten. Der Blog hat Erfolg. Die witzigen Fotos und Sprüche bringen ihr jede Menge Follower und die Einladung zu einem Wellnesswochenende auf Mallorca und einem Meditationsworkshop auf Bali. Von diesen Reisen hat sie immer geträumt. Aber setzt sie ihre Ehe damit endgültig aufs Spiel?

Ellen Berg hat mit Fee wieder eine Protagonistin mitten aus dem Leben geschaffen, in der sich so manche Frau wiedererkennt – ich mich auch. Wann trauen wir uns schon mal, nein zu sagen, oder dem Gatten (oder Kindern) z.B. das Einräumen der Spülmaschine zu, meist machen wir es „schnell“ selber.
Fee ist an dem Punkt in ihrem Leben, an dem sie entsetzt begreift, „…, dass ich für Christian nicht mehr die Frau fürs Leben bin, sondern nur noch das Mädchen für alles.“ (S. 60) Seine Aussage, sie arbeite ja nur halbtags und habe darum Zeit, sich um die nervige Verwandtschaft, Kinder und den Alltagskram zu kümmern, nimmt sie jahrelang hin und schwelgt dafür in Mordfantasien, in denen Tupperware eine wichtige Rolle spielt – und über die herzlich lachen musste. Als Ausgleich schreibt sie Briefe an ihr inneres Kind, in denen sie von ihren Träumen erzählt, ihre Hoffnungen und Wünsche für die Zukunft aufschreibt.

Ellen Berg legt mit ihrem Buch den Finger in die Wunde und regt zum Nachdenken an. Wann haben wir das letzte Mal was nur für uns getan, ohne auf andere Rücksicht zu nehmen? „Von Spaß war nie die Rede“ schafft die perfekte Balance aus Humor, Denkanstößen und Selbstverwirklichung.

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Veröffentlicht am 13.01.2023

Das Leben geht doch weiter, oder?

The Man I Never Met – Kann man lieben, ohne sich zu kennen?
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„Ich habe auf einen Mann gewartet, dem ich nie begegnet war und der nie ankam.“ (S. 385) Alles hat mit einem Zahlendreher angefangen. Statt seines zukünftigen Arbeitgebers hatte Davey aus Texas Hannah ...

„Ich habe auf einen Mann gewartet, dem ich nie begegnet war und der nie ankam.“ (S. 385) Alles hat mit einem Zahlendreher angefangen. Statt seines zukünftigen Arbeitgebers hatte Davey aus Texas Hannah in London am Telefon. Ein paar Wochen lang schreiben, telefonieren und videochatten sie. Mit jedem Gespräch kommen sie sich näher, freuen sich immer mehr aufeinander und sind dabei, sich ineinander zu verlieben. „Mit einem Mann, dem ich nie begegnet bin, Luftschlösser zu bauen und große Pläne zu schmieden ist bestimmt ein bisschen albern, und dennoch denke ich unentwegt darüber nach.“ (S. 90) Und dann steht sie am Flughafen, um ihn abzuholen, doch er sitzt nicht im Flieger und sein Telefon ist ausgeschaltet.

„The Man I Never Met” hat mich echt überrascht. Was als leichte, zauberhafte Liebesgeschichte beginnt, geht bald so viel tiefer.
Bei ihren bisherigen Beziehungen hat Hannah und Davey immer irgendwas gefehlt. Aber jetzt passt es. Ohne, dass sie sich je gegenübergestanden oder gar in den Arm genommen haben, schmieden sie Pläne für eine gemeinsame Zukunft. Doch die endet abrupt, bevor sie beginnen kann. Davey zieht sich komplett zurück und verbittet sich jeden weiteren Kontakt. Hannah soll ihr Leben ohne ihn planen. Aber wie kann sie sich einem neuen Mann öffnen, wenn sie immer nur an Davey denkt?!

Hannah geht oft den Weg des geringsten Widerstandes und gibt nach, lässt anderen ihren Willen, weil sie harmoniebedürftig ist. Dadurch nimmt sie aber auch hin, dass sie sich demjenigen unterordnet und die Führung über ihr Leben überlässt – sei es ihr Chef oder Partner. Darum respektiert sie auch Daveys Wunsch, sich nicht mehr bei ihm zu melden, aber vergessen kann sie ihn nicht.

Mir gefällt, dass Hannah nicht in einer Blase lebt. Das Leben geht weiter, auch wenn ihr großer Traum gerade den Bach runtergeht. Ihre beste Freundin lebt in einer tollen Beziehung und ihre 70jährige Nachbarin findet noch mal die große Liebe.
Elle Cook schildert ihre Protagonisten und deren Erlebnisse sehr warmherzig und humorvoll. Hannahs Nachbarin ist herrlich schräg und man freut sich mit ihr über ihren Neubeginn.

Mir gefällt das Buch auch deshalb so gut, weil ich mich und meinen Mann in Hannah und Davey wiedererkannt habe. Unsere Beziehung hat ganz ähnlich angefangen, aus einem lockeren Telefonat wurden stundenlange Anrufe. Außerdem war ich in fast der gleichen Situation wie Davey und wollte eigentlich niemanden an mich binden, weil ich nicht wusste, wie es mit mir weitergehen würde. (Ich bleibe hier so kryptisch, um den Grund von Daveys Abtauchens nicht zu verraten.)
Ich konnte mich beim Lesen also in beide Seiten hineinversetzen, Hannahs Unverständnis für den Kontaktabbruch und Daveys falsch verstandene Rücksichtnahme. Mir hat gefallen, dass Elle Cook zwischendurch immer mal die Perspektive gewechselt hat und Davey die Situation aus seiner Sicht schildern konnte. Und ich mochte die Leichtigkeit, mit der sie sich seinem schweren Thema genähert hat, ohne irgendwas zu beschönigen. Man merkt den Stellen an, dass sie da aus eigener Erfahrung schreibt.

5 Sterne für diese zauberhafte vielleicht-Liebesgeschichte mit einem berührenden Hintergrund, die endet, bevor sie richtig beginnen kann ...

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Veröffentlicht am 31.12.2022

Eine Ode an die Freundschaft

Der Junge, der Maulwurf, der Fuchs und das Pferd. Eine bewegte Geschichte
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„Was willst Du werden, wenn Du groß bist?“, fragte der Maulwurf. „Freundlich“, sagte der Junge. Es ist Winter, als sich ein kleiner Junge im Wald verläuft. Er trifft einen Maulwurf, der von Kuchen träumt ...

„Was willst Du werden, wenn Du groß bist?“, fragte der Maulwurf. „Freundlich“, sagte der Junge. Es ist Winter, als sich ein kleiner Junge im Wald verläuft. Er trifft einen Maulwurf, der von Kuchen träumt und ihm bei der Suche nach seinem Zuhause helfen will. Dabei stoßen sie auf einen hungrigen Fuchs und ein Pferd mit einer besonderen Begabung, dessen es sich schämt. Sie alle vier sind irgendwie einsam und auf der Suche nach einer Heimat, die für jeden etwas anderes bedeutet. Dabei ist es so einfach: Zuhause ist kein Ort – sondern ein Gefühl.

„Der Junge, der Maulwurf, der Fuchs und das Pferd. Eine bewegte Geschichte“ ist aus dem Storyboard der Verfilmung des gleichnamigen Buches entstanden, die ich leider noch nicht gesehen habe.

Die Erzählung ist eine hinreißende und anrührende Ode an die Freundschaft, die zeigt, dass man Freunde oft da findet, wo man sie gar nicht vermutet. Sie erinnert uns auch daran, innezuhalten und das Leben oder wenigstens einen besonderen Augenblick zu genießen. Es geht darum, die Schönheit in den kleinen Dingen (wieder) zu entdecken, seine Ängste zu überwinden, anderen zu helfen oder um Hilfe zu bitten, wenn man sie braucht – denn das ist kein Zeichen von Schwäche, sondern von Selbsterkenntnis und erfordert Mut. „Eine unserer größten Freiheiten liegt darin, wie wir auf Dinge reagieren.“

Charlie Mackesy schreibt und vor allem zeichnet sehr philosophisch – hinter dem Gewitter oder dunklen Nachthimmel kann man immer auch ein kleines Stückchen Helligkeit, ein bisschen Hoffnung entdecken.
Die meisten Zeichnungen sind sehr reduziert, kommen mit wenigen Strichen und Farben aus, und drücken doch alles Wichtige aus und laden zum Träumen ein.

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Veröffentlicht am 30.12.2022

Mitten ins Herz

Der Totentanz zu Freiburg
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Serafina, die Frau des Stadtarztes Adalbert Achaz, ist seit einem Jahr Mutter einer kleinen Tochter und freut sich, dass sie auch ihren erwachsenen Sohn Vitus endlich wiedersehen wird, da er zum Michaelisfest ...

Serafina, die Frau des Stadtarztes Adalbert Achaz, ist seit einem Jahr Mutter einer kleinen Tochter und freut sich, dass sie auch ihren erwachsenen Sohn Vitus endlich wiedersehen wird, da er zum Michaelisfest mit seiner Gauklertruppe in Freiburg auftritt. Doch die Freude währt nur kurz. Während des ersten Schauspiels wird der Ratsherr und Gerbermeister Oblathus niedergestochen – mitten ins Herz. Da der Mörder das Kostüm von Vitus, trägt, ist der Fall für die Stadtoberen klar. Doch Serafina und Achaz sind sich sicher, dass Vitus nicht der Mörder ist – aber können sie es auch beweisen?

Serafina und Achaz sind in einer echten Zwickmühle. Niemand weiß, dass Vitus Serafinas unehelicher Sohn ist, in Freiburg gilt er als ihr Patenkind. Und obwohl sie eigentlich nicht mehr ermitteln wollten, müssen sie ihm jetzt natürlich helfen und entdecken bei ihren Nachforschungen bald einige Ungereimtheiten und Verdächtige, aber das interessiert die städtischen Ermittler nicht. Außerdem passieren weitere Morde, die irgendwie mit dem ersten in Verbindung zu stehen scheinen und Vitus ebenfalls noch angelastet werden. Doch dann gerät Serafina in Gefahr, weil sie dem Mörder zu nahe kommt …

„Der Totentanz zu Freiburg“ ist schon der 7. Band mit der ehemaligen Begine und jetzige Armenapothekerin und genau so ein toller historischer Schmöker wie seine Vorgänger. Astrid Fritz schafft es, dass man beim Lesen sofort wieder in Serafinas Welt eintaucht und sich so fühlt, als wäre seit ihrem letzten Abenteuer kaum Zeit vergangen. Sie schreibt sehr packend und anschaulich und man bekommt einen guten Eindruck, wie die Stadt und Umgebung damals aussahen und die Menschen lebten.

Der Fall ist sehr spannend und verzwickt, denn der Tote war zwar ein angesehener Ratsherr, hatte aber ein paar unschöne Angewohnheiten, mit denen er sich heimliche Feinde gemacht hat.

Serafina und Achaz sind inzwischen zur Ruhe gekommen und genießen ihr Leben als Eltern und Paar. Ich habe die Streitgefechte aus der Zeit vor ihrer Ehe ein kleines bisschen vermisst, aber vielleicht bekommen sie im nächsten Fall dazu wieder mehr Gelegenheit. Mir hat gefallen, wie sie hier zusammenarbeiten und dass ihr Mann hinter ihr steht, als sie ein Geheimnis aus ihrer Vergangenheit lüftet.

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