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Veröffentlicht am 20.03.2023

Hebammenalltag ohne Ende

Storchenherzen
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Monika betreibt mit Helga eine kleine, aber feine Hebammenpraxis, das Storchennest. Allerdings nimmt sich die 42jährige Helga normalerweise kein Blatt vor den Mund und sagt geradeheraus, was sie sich ...

Monika betreibt mit Helga eine kleine, aber feine Hebammenpraxis, das Storchennest. Allerdings nimmt sich die 42jährige Helga normalerweise kein Blatt vor den Mund und sagt geradeheraus, was sie sich denkt – fachlich versiert, ehrlich und direkt, aber wenig einfühlsam, was sich immer öfter negativ auf die Bewertungen des Betriebs auswirkt. Da stößt die junge energiegeladene Madita, erst seit einem Jahr fertige Hebamme, zu den beiden und bringt frischen Schwung herein. Es dauert, bis die kurz angebundene Helga und Madita mit pastellrosa Haar und stetem Rededrang einander als Kolleginnen akzeptieren und halbwegs professionell miteinander umgehen können. Und während Helga in einer Ehekrise steckt, schlägt Madita einem charmanten Mann ihre Autotür vors Fahrrad.

Abwechselnd erzählen Madita und Helga in der Ich-Form ihre Erlebnisse aus dem Hebammenalltag. Detailliertes Fachwissen lässt das Autorenduo in diese Geschichte mit einfließen, was die Handlung sehr stimmig und abwechslungsreich werden lässt. Da werden allerlei Probleme und Ängste angesprochen und zu fast allen Fragen liefern die engagierten Damen eine passende Antwort. Der Einblick, den man beim Lesen in diesen Beruf gewinnt, der mehr Berufung zu sein scheint, ist hervorragend und es ist schön, dass es Menschen gibt, die sich ganz in den Dienst dieser Aufgabe stellen, zu jeder Tages- und Nachtzeit erreichbar sind und weder Sonn- noch Feiertag kennen.

Teicherts Schreibstil ist flüssig und versetzt mit Witz und Humor. So fährt beispielsweise Madita bei kirschgrüner Ampel über eine Kreuzung. Das passt perfekt zu der quirligen Mittzwanzigerin, die gerne erst spricht und dann überlegt, aber doch das Herz am rechten Fleck trägt. Manchmal sind ihre Extravaganzen aber schon fast ein bisschen zu viel des Guten. Die Gegensätze der beiden Hauptfiguren sind anschaulich herausgearbeitet und ihre Entwicklung schön mitzuverfolgen. Daneben gibt es noch reichlich andere Themen, die in das Leben der zwei Frauen vom Storchennest hineinspielen und für gute Unterhaltung sorgen, andererseits aber auch einiges an Sprunghaftigkeit mit sich bringen.

Bis zum letzten Kapitel erlebt der Leser also ein turbulentes Jahr gemeinsam mit Helga und Madita, begleitet sie in ihrem beruflichen und privaten Alltag und dann – hat man plötzlich den Eindruck, dass jemand die letzten Seiten aus dem Buch gerissen hat. Da fehlt doch noch etwas! Wo sind die Antworten auf all die offenen Fragen? Wo ist ein abschließender Gedanke zum bisherigen Geschehen? Der Leser bleibt verblüfft zurück mit dem Hinweis auf einen weiteren Band, der aber weder im Klappentext noch im Buchhandel erwähnt wird. Ob die Enttäuschung oder die Neugierde siegt, wird sich zeigen.

Titel Storchenherzen
Autor Fritzi Teichert
ASIN B0BK9WCW9Q
Sprache Deutsch
Ausgabe ebook, ebenfalls erhältlich als Taschenbuch (496 Seiten) und Hörbuch
Erscheinungsdatum 1. Februar 2023
Verlag dtv

Veröffentlicht am 19.03.2023

Schweigen fürs Glück

Die Möglichkeit von Glück
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Stine ist 1986 geboren, drei Jahre vor dem Fall der Berliner Mauer und wächst in einem wiedervereinigten Deutschland auf, wobei sowohl der Westen als auch der Osten das „richtige Leben“ für sich reklamieren. ...

Stine ist 1986 geboren, drei Jahre vor dem Fall der Berliner Mauer und wächst in einem wiedervereinigten Deutschland auf, wobei sowohl der Westen als auch der Osten das „richtige Leben“ für sich reklamieren. Insbesondere Stines Familie in einer Kleinstadt an der Ostsee ist geprägt von alten DDR-Strukturen, gesprochen wird aber kaum darüber. Sie erlebt, ebenso wie ihr jüngerer Bruder, eine strenge, ja gewaltvolle Erziehung und stellt sich als junge Erwachsene Fragen zur Vergangenheit ihrer Eltern und Großeltern, insbesondere Opa Paul gibt nach seinem Tod viele Rätsel auf.

Die zentrale Figur in diesem ungewöhnlichen Roman ist Stine, welche in der Ich-Form spricht und heute, selbst Mutter, kaum noch Kontakt pflegt zu ihren Angehörigen. Lediglich mit ihrem Bruder steht sie noch in regelmäßiger Verbindung. Woher diese Zerrissenheit stammt, welchen Ursprung die starre Lebenseinstellung ihrer Vorfahren nimmt, versucht Stine nun herauszufinden. Da die Familie schweigt, sucht sie Informationen in alten Stasiakten und den wenigen Aufzeichnungen, die ihre Großeltern hinterlassen haben. Aus den einzelnen Puzzlesteinen möchte sie nämlich die verborgene Vergangenheit ans Licht holen und Opa Pauls Biografie zu Papier bringen.

Anne Rabe zieht einen realen Lebenslauf als Grundlage für ihren vorliegenden Roman heran, eingehende Recherchen zu den Themen Diktatur und Demokratie, Rassismus und Gewalt (Quellenangaben am Ende des Buches) zeigen die wahren Verhältnisse des Lebens in der DDR bzw. ab 1989 in Ostdeutschland schonungslos auf. Allerdings lesen sich manche Abschnitte weniger wie ein Roman, sondern mehr wie ein Geschichtsbuch oder eine Abfolge von Zeitungsartikeln. Möglicherweise soll diese Art von Schreibstil die Strenge, die Trostlosigkeit, die Leere in Stines Lebensfundament widerspiegeln? Ebenso hindern die oftmaligen Zeitsprünge einen konstanten Lesefluss, da wäre etwas mehr Struktur und Chronologie wahrscheinlich hilfreich gewesen.

Alles in allem behandelt das Buch „Die Möglichkeit von Glück“ eine interessante und sehr wesentliche Zeitspanne der deutschen Geschichte, berichtet unverfälscht von Gewalt, vom Wegsehen, vom Schönreden. Auch wenn die unstete Zeitabfolge nicht optimal ist, handelt es sich doch wegen des Inhalts um eine lesenswerte Lektüre.

Titel Die Möglichkeit von Glück
Autor Anne Rabe
ASIN B0BMBDYG72
Sprache Deutsch
Ausgabe ebook, ebenfalls erhältlich als Gebundenes Buch (384 Seiten)
Erscheinungsdatum 18. März 2023
Verlag Klett-Cotta

Veröffentlicht am 10.02.2023

Eltern

Enna Andersen und die verlorene Zeit
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Anna Johannsens Eltern sind vor vierundzwanzig Jahren ermordet worden. Als der Verurteilte Ronald Grothe aus der Haft entlassen wird und auf Wiederaufnahme des Verfahrens plädiert, nimmt Enna Urlaub und ...

Anna Johannsens Eltern sind vor vierundzwanzig Jahren ermordet worden. Als der Verurteilte Ronald Grothe aus der Haft entlassen wird und auf Wiederaufnahme des Verfahrens plädiert, nimmt Enna Urlaub und sucht privat nach dem wahren Mörder. Hat die Anwaltskanzlei etwas damit zu tun, in der Ennas Vater als Seniorpartner tätig war oder steckt einer seiner Mandanten hinter der lange zurückliegenden Tat? Gemeinsam mit ihrem eingespielten Team geht Ermittlerin Enna Andersen auf eine schwierige Spurensuche.

Einundvierzig übersichtliche Kapitel und ein Epilog schildern Ennas Suche nach der Wahrheit – ist Grothe tatsächlich unschuldig, wie er immer wieder beteuert oder führt er alle, samt Enna, hinters Licht? Ist es überhaupt möglich, nach so langer Zeit Informationen einzuholen? Ohne viele Umschweife steigt die Autorin ins Geschehen ein, bringt eine Menge Namen ins Spiel. Wer Andersen und ihr Team schon kennt, ist möglicherweise im Vorteil, aber auch ohne Vorkenntnisse bekommt der Leser bald ein Bild der empathischen Menschen, welche ihr neben den laufenden Ermittlungen stets Hilfe und Unterstützung für ihre persönlichen Nachforschungen zusichern. Dennoch bleibt mir gerade Enna selbst das ganze Buch hindurch seltsam fremd.

Der Fall ist verzwickt, weil so lange zurückliegend, sehr persönlich und geheim gegenüber Vorgesetzten. Die Spuren führen in unterschiedlichste Richtungen, sprunghaft geht es von Denunzierungen in der Nazizeit zu unzufriedenen Mandanten, von Gerüchten über sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz zu geheimen Waffenlieferungen. Nicht nur einmal scheint Enna Andersen kopflos und risikoreich, die fehlende Distanz lässt sie unvorsichtig werden, will sie doch nur eines – Gewissheit. Zwar kommt in diesen Szenen Spannung auf, sonst aber fehlt diese weitgehend und so plätschert das Ganze eher so vor sich hin, als dass es zu packenden Lesestunden kommt. Die Idee dahinter und die Vergangenheit der Anwaltskanzlei hingegen sind ausgesprochen interessant und stimmig. Insgesamt vergebe ich drei Sterne für Enna Andersen.

Titel Enna Andersen und die verlorene Zeit
Autor Anna Johannsen
ASIN B0B4JYGR1H
Sprache Deutsch
Ausgabe ebook, ebenfalls erhältlich als Taschenbuch (331 Seiten)
Erscheinungsdatum 21. Februar 2023
Verlag Edition M
Reihe Enna Andersen

Veröffentlicht am 28.01.2023

Ägyptenfieber in Baden-Baden

Fräulein vom Amt – Der Tote im Kurhaus
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Im Baden-Badener Kurhaus wird erstmals die Oper Verdi aufgeführt. Wie es exzellent ins Jahre 1924 passt, finden entsprechende Bälle und Ausstellungen zum Thema als Rahmenprogramm statt, neue Roben, die ...

Im Baden-Badener Kurhaus wird erstmals die Oper Verdi aufgeführt. Wie es exzellent ins Jahre 1924 passt, finden entsprechende Bälle und Ausstellungen zum Thema als Rahmenprogramm statt, neue Roben, die viel Haut zeigen, werden ausgeführt und zu flotter Musik wird Shimmy getanzt. Als nach der Premierenfeier der Tenor tot aufgefunden wird, ist das charmante Telefonfräulein Alma Täuber alsbald zur Stelle, hat sie doch schon einmal zur Aufklärung eines Kriminalfalles beigetragen.

Schön ist es, nach geraumer Zeit einigen Figuren wieder zu begegnen. Alma flötet auch zwei Jahre nach ihrem ersten Auftritt als Hobbydetektivin noch „Hier Amt, was beliebt?“ ins Telefon, Freundin Emmi kreiert wie gewohnt bezaubernde Blumenarrangements und aus dem Kriminalkommissaranwärter Ludwig Schiller ist inzwischen ein schlauer und geübter Kriminalkommissar geworden. Das Autorenduo, welches sich hinter dem Namen Charlotte Blum verbirgt, hat auch diesmal wieder gut recherchiert, kulturelle Details und technische Errungenschaften der damaligen Zeit entsprechend im Buch untergebracht und wie nebenbei die Rolle der Frau in den 1920ern thematisiert. Die Erwartungen nach dem ersten Band können dann allerdings doch nicht so recht erfüllt werden: der zweite Kriminalfall wirkt träge und insbesondere in seiner Auflösung zu konstruiert und weit hergeholt, die Polizei scheint ja rasch einen Täter gefunden zu haben und tritt somit kaum auf den Plan. Und auch rund um Alma geben Zufälle den Ton an.

Insgesamt handelt es sich bei diesem historischen Kriminalroman um eine flüssig zu lesende Geschichte, die mittels entsprechender Recherche ein vorstellbares Bild der 1920er-Jahre zeichnet (Abweichungen von realen Fakten werden im Nachwort angemerkt), im Vergleich zu Band Eins fehlt aber das gewisse Etwas. Diesmal nicht ganz überzeugt, warte ich einmal die Fortsetzung ab.

Titel Fräulein vom Amt Der Tote im Kurhaus
Autor Charlotte Blum
ASIN B09YCFSXCK
Sprache Deutsch
Ausgabe ebook, ebenfalls erhältlich als Taschenbuch (368 Seiten) und Hörbuch
Erscheinungsdatum 25. Dezember 2022
Verlag Fischer
Reihe Alma Täuber ermittelt, Band 2

Veröffentlicht am 26.01.2023

Lügen

Bissle Spätzle, Habibi?
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Amaya ist die älteste Schwester in der Familie Baysan, dennoch heiratet eine jüngere vor ihr. Damit die bekannte Hamburger Seriendarstellerin mit marokkanischen Wurzeln nicht länger die Traditionen durcheinanderbringt ...

Amaya ist die älteste Schwester in der Familie Baysan, dennoch heiratet eine jüngere vor ihr. Damit die bekannte Hamburger Seriendarstellerin mit marokkanischen Wurzeln nicht länger die Traditionen durcheinanderbringt und selber rasch unter die Haube kommt, sucht deren Mutter die muslimische Dating-App Minder heraus. Aber es ist nicht Ismael, bei dem Amaya Schmetterlinge im Bauch fühlt, sondern dessen bester Freund Daniel, ein waschechter Schwabe.

Eine lustige Verwechslungskomöde, denkt man, die dann aber doch ganz anders daherkommt, als der Klappentext erwarten lässt. Da werden nämlich Szenen erwähnt, welche erst nach etwa zwei Dritteln des Buches tatsächlich stattfinden. Ein wenig dauert es, bis man sich in der großen Familie Baysan mit vielen Geschwistern, Tanten und Cousins zurechtfindet, aber die Lebenslust, das köstliche Essen und der Zusammenhalt sind schnell deutlich zu spüren. Umso überraschender kommt es, dass Amaya sich mehr und mehr in ein Konstrukt aus Lügen verstrickt, aus dem sie irgendwann keinen Ausweg mehr sieht. Die Geschichte der Marokkanerin in Deutschland ist in flüssigem Schreibstil verfasst, allerdings wird der Lauf der Handlung ständig unterbrochen durch Rückblenden in Amayas Kindheit und Jugendzeit, welche kaum zum besseren Verständnis beitragen.

Der spritzige Humor blitzt da und dort wohl durch, am Ende wundert man sich als Leser aber mehr darüber, warum Daniel überhaupt noch da ist. Seine Geduld scheint engelsgleich und das Ende der Komödie gibt ihm ja auch schlussendlich Recht.

Mehr erstaunliches Lügengebäude als zauberhafte Liebesgeschichte – drei Sterne für nette Unterhaltung.


Titel Bissle Spätzle, Habibi?
Autor Abla Alaoui
ASIN B09XFG1CWS
Sprache Deutsch
Ausgabe ebook, ebenfalls erhältlich als Taschenbuch (464 Seiten), Erscheinungsdatum 26. Jänner 2023
Verlag Ullstein