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Veröffentlicht am 21.05.2023

Allein unter Zombies

Clementine
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Die mehrfach ausgezeichnete Comic-Künstlerin Tillie Walden spinnt mit „Clementine“ die Geschichte einer Figur eines Computerspiels weiter, das im Universum von „The Walking Dead“ angesiedelt ist.
Dieser ...

Die mehrfach ausgezeichnete Comic-Künstlerin Tillie Walden spinnt mit „Clementine“ die Geschichte einer Figur eines Computerspiels weiter, das im Universum von „The Walking Dead“ angesiedelt ist.
Dieser erste Band beginnt mit „keuch“, „stich“ und „uargh“, denn natürlich gibt es hier Begegnungen mit Zombies, die erledigt werden müssen. Clementine begegnet auf ihrem Weg nach Norden anderen Menschen, doch Vertrauen schenkt sie keinem so schnell.
Anders als in der Fernsehserie sind die Hauptfiguren des Comics Jugendliche, die einige Erfahrungen erst noch sammeln müssen. Andererseits wird ein natürlicher Umgang mit einer körperlichen Behinderung vermittelt, die der Anerkennung für die Heldin keinen Abbruch tut.
Die Zeichnungen sind komplett in Schwarz-Weiß gehalten und zeugen vom Können der Illustratorin. An manchen Stellen fiel es mir schwer, der Handlung zu folgen, da diese weder aus Bild noch aus Text ersichtlich wurde. Aufgrund des offenen Endes und der ansprechenden Grafik kann ich mir dennoch gut vorstellen, die Reihe weiterzuverfolgen.

Veröffentlicht am 01.05.2023

Ausreis(s)en

Polnischer Abgang
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Im Jahr 1990 macht sich der 14-jährige Jarek mit seinen Eltern aus Polen auf nach Deutschland. Mit dem Argument, deutscher Herkunft zu sein, wollen sie versuchen, dort einzuwandern.
Was in Polen mit dem ...

Im Jahr 1990 macht sich der 14-jährige Jarek mit seinen Eltern aus Polen auf nach Deutschland. Mit dem Argument, deutscher Herkunft zu sein, wollen sie versuchen, dort einzuwandern.
Was in Polen mit dem Kennenlernen der Familienmitglieder beginnt, zieht sich über deutsche Autobahnen und endet im Auffanglager für Flüchtlinge. „Die Zeit im Lager zog sich hin wie ein langer, öder Stau, an dessen Ende mehr und mehr Autos andockten.“
Mir gefielen die Anspielungen auf die Zustände in Polen, die Umstände der Zeit. Der Anfang enthielt originelle Details, wie die Diskussion um einen Gartenzwerg, der unbedingt mit auf die Reise sollte oder die nachvollziehbar angespannte Situation beim Grenzübertritt als „Besucher“.
Ich bedaure, dass Jarek für mich blass blieb, ich kaum seine Gefühle, sein Staunen, seine Ängste nachvollziehen konnte. Mich hätte außerdem noch mehr die Familiengeschichte interessiert. Aus Vorgeschichte, Auseinanderreißen und Auflösen hätte ein emotionaler Handlungsstrang entstehen können.

Veröffentlicht am 22.03.2023

Lüsterne Literaten

Mary & Claire
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Im Zentrum dieses tatsachenbasierten Romans stehen vier Literaten des 19. Jahrhunderts: die titelgebenden Mary Wollstonecraft Shelley und Claire Clairmont neben Percy Shelley und Lord Byron. Sie verbindet ...

Im Zentrum dieses tatsachenbasierten Romans stehen vier Literaten des 19. Jahrhunderts: die titelgebenden Mary Wollstonecraft Shelley und Claire Clairmont neben Percy Shelley und Lord Byron. Sie verbindet ihre Faszination für das geschriebene Wort. “Der einzige Lichtblick lag in den Buchstaben. Diese wunderlich verhexten winzigen Dinger, die sich zu Kohorten rotteten und ordneten in den schönsten Gebilden auf Erden: den Büchern.”
Die Geschichte ist bekannt, dass sie einander in einer Gewitternacht anstacheln, eine Schauergeschichte zu schreiben, woraus „Frankenstein“ entsteht. Doch das ist fast nur eine Randnotiz, verglichen mit dem Stoff, der es in den Roman geschafft hat. Mary & Claire & Percy (so die verwendete Schreibweise) begeben sich auf eine Reise durch Europa und verscherzen es sich durch ihre unehrenhaftes Zusammenleben mit ihren Eltern.
Es hat mich gereizt, mehr über diese historischen Personen zu erfahren, von denen heute noch die Rede ist. Auch wenn ihre Beziehung auf Fakten beruht, blieben mir die Figuren in ihrem Liebeswahn fremd. Ich hätte mir bei Tiefschlägen eine detailliertere Ausführung gewünscht und gerne mehr von ihrem Schaffensprozess erfahren. Als positiv habe ich die mystische Stimmung empfunden, die durch Friedhofsszenen oder Geistererscheinungen entstand; und sprachlich war das Buch ganz wunderbar.

Veröffentlicht am 26.02.2023

Die Frauenfamilie

Männer sterben bei uns nicht
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“Das Anwesen war ihr Phallus, aber natürlich ein geliehener. Deswegen musste sie es noch strenger beherrschen, als es ein Mann je hätte beherrschen müssen. So wurde sie zur Patriarchin.” Der Roman umfasst ...

“Das Anwesen war ihr Phallus, aber natürlich ein geliehener. Deswegen musste sie es noch strenger beherrschen, als es ein Mann je hätte beherrschen müssen. So wurde sie zur Patriarchin.” Der Roman umfasst die Geschichte einer Familie aus mehreren Generationen von Frauen, deren Männer nur kurze Begleiterscheinungen darstellen. Erzählt wird er aus Sicht der Enkelin - seit sie als Kind die erste Frauenleiche im See entdeckte bis zu ihrer Teilnahme bei der Beerdigung der Großmutter im Erwachsenenalter.
Ich habe mich schnell von der mysteriösen Handlung einfangen lassen, immerhin musste es doch mit den toten Frauen etwas auf sich haben. Hatte es aber eigentlich nicht. Sie wirkten lediglich wie ein Symbol für ein Leben ohne Männer. Nun gibt es in diesem Buch durchaus Episoden, die das Zusammenleben und die Interaktionen der Frauen der Familie verdeutlichen; ich kann jedoch nicht behaupten, sie im Anschluss wirklich gut zu kennen.
Das Konzept und die Sprache haben mir gut gefallen, doch zu meinem Leseglück fehlte mir etwas mehr Konkretes, das die vielen Andeutungen verbindet.

Veröffentlicht am 18.02.2023

Freiheit durch Automatisierung

Freiheitsgeld
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„Das, was durch ein bedingungsloses Grundeinkommen erreicht werden soll - dass jeder nur noch tun muss, was er tun will -, lässt sich nicht durch bloßes Umverteilen von Geld erreichen. Um zu diesem Grad ...

„Das, was durch ein bedingungsloses Grundeinkommen erreicht werden soll - dass jeder nur noch tun muss, was er tun will -, lässt sich nicht durch bloßes Umverteilen von Geld erreichen. Um zu diesem Grad an wirtschaftlicher Freiheit zu gelangen, müssen möglichst viele der Einrichtungen, Abläufe und Systeme, die dazu da sind, menschliche Bedürfnisse zu befriedigen, so weit automatisiert sein, dass sie von selber laufen. Deshalb der Name Freiheitsgeld.“
Das Freiheitsgeld des hier inszenierten zukünftigen Europas führt trotz der vermeintlichen Chancengleichheit zu einer Zweiklassengesellschaft und Kritik. Somit wirft der Tod seines Begründers berechtigte Fragen am System auf. Als Leser folgen wir hauptsächlich zwei Figuren, dem Polizisten, der den Mord aufklären will, und dem Fitnesstrainer des Politikers, deren Wege sich in Anbetracht der Umstände kreuzen.
Die vielversprechende Dystopie von Andreas Eschbach entwirft ein authentisches Szenario einer Zukunft, in der Automatisierung den Alltag bestimmt. Die menschlichen Beziehungen, um die es eigentlich geht, fand ich jedoch wenig überzeugend dargestellt. Klischees, wie die Frau, die aus Frust shoppen geht, und unglaubwürdige Dialoge oder Handlungen lenken zu sehr von der im Kern interessanten Geschichte ab. Somit habe ich diesen Roman als einen der schwächeren des Autors empfunden.