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Veröffentlicht am 08.05.2023

Die einzigartige Geschichte einer von allen Seiten unterschätzten Frau

Die einzige Frau im Raum
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„Erst da ging mir auf, dass ich zwar ein neues Leben beginnen, mein altes Leben aber nie ganz hinter mir lassen konnte. Meine Vergangenheit würde meine neue Welt durchdringen wie Wasser, das durch Risse ...

„Erst da ging mir auf, dass ich zwar ein neues Leben beginnen, mein altes Leben aber nie ganz hinter mir lassen konnte. Meine Vergangenheit würde meine neue Welt durchdringen wie Wasser, das durch Risse in einem nicht ordentlich abgestützten Damm drang – es sei denn, ich stellte mich meiner wahren Geschichte.“ (S. 188)

Kurze Inhaltszusammenfassung
Wien in den 1930ern: Hedwig Kiesler, eine junge Frau jüdischer Abstammung, ist Schauspielerin mit Leib und Seele, doch sie lässt sich von der Macht eines Verehrers, dem österreichischen Waffenhändler Fritz Mandl, blenden und heiratet ihn. Nach kurzer Zeit bemerkt sie nicht nur dessen Gewalttätigkeit, sondern auch wer seine Geschäftspartner sind: Diktatoren wie Benito Mussolini und Adolf Hitler. Gerade noch rechtzeitig gelingt ihr die Flucht nach Amerika – vor ihrem Mann und vor dem, was ihr durch die Ausbreitung des Nationalsozialismus in ihrer Heimat droht. In Hollywood schafft sie den Durchbruch als Schauspielerin Hedy Lamarr, doch ihre Vergangenheit holt sie immer wieder ein. Hinter ihrer Fassade steckt ein reflektierter, intelligenter und erfinderischer Geist, der alle Hebel in Bewegung setzt, um eine Möglichkeit zu entwickeln, die verbreiteten Grauen des NS-Regimes zu stoppen.

Fazit
Das Cover strahlt für mich bereits vieles aus, was man als Leser/in im Buch über die Protagonistin Hedy erfährt und wie ich sie nach der Lektüre empfinde: extravagant, geheimnisvoll, besonders, tiefgründig. Der Schreibstil hat mich überzeugt durch die direkte, aber durchdachte Art und Weise, mit der man Hedys Leben mitverfolgt. Besonders gefallen hat mir die dargestellte Entwicklung von Hedy, ihr Kampfgeist und Mut, ihre Entschlossenheit und Selbstreflexion, ihr Durchhaltevermögen. Charakterlich ist sie mir sehr nahe gegangen durch die vielen Zweifel, Reflexionen, Vorwürfe und Fragen, die ihr letztendlich aber die Motivation dafür geben, ihr erworbenes Wissen als Ehefrau von Mandl gegen das NS-Regime zu verwenden und deren Gräueltaten zu beenden. Hedys Geschichte hat viele Emotionen verschiedenster Art in mir ausgelöst: Bewunderung, Abscheu, Entsetzen, Empathie, Ekel – aber vor allem Fassungslosigkeit über die ständige Unterschätzung, die sich wie ein roter Faden durch Hedys Leben zieht. Niemand nimmt sie Ernst, weder als Frau noch als Persönlichkeit. Jeder ist nur begeistert von ihrer Schönheit und lässt sich von ihrer Schauspielkarriere blenden – aber niemand sieht wirklich hinter diese Fassade und erkennt die geniale Idee, die sie als fachfremde Person verwirklichen konnte und die vielleicht den Verlauf der Geschichte verändert hätte, wenn man Hedwig Kiesler nur Ernst genommen hätte.

Weil sie so gut passen und ihre Lebensgeschichte wirklich auf den Punkt bringen nochmal zwei Zitate aus dem Buch:
„Ich war stets die einzige Frau im Raum gewesen, der einzige Farbtupfer in einem Meer aus dunklen Anzügen.“ (S. 99)
„Ich war immer allein gewesen unter meiner Maske, ich war stets die einzige Frau im Raum gewesen.“ (S. 296)

Empfehlung
Klare Empfehlung von ganzem Herzen! Das Buch thematisiert so viele wichtige Themen und erzählt das ereignisreiche Leben einer Frau, die meiner Meinung nach viel zu unbekannt geblieben ist. Wer Hedy wirklich sehr persönlich kennenlernen will und über ihre Erfahrungen mit Macht, männlicher Dominanz, jüdischer Abstammung zu Zeiten des Nationalsozialismus, der Eigenständigkeit als Frau, technischen Erfindungen, der Bedeutung von Familie und dem vermeintlichen Glanz von Hollywood erfahren will, der bekommt mit „Die einzige Frau im Raum“ eine einzigartige Gelegenheit dazu!

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  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 27.04.2023

Das ist sicherlich (k)eine große Sache!

Der treue Spion
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„Die Wahrheit kommt immer zutage. Sie ist wie ein Gas, das beständig nach oben steigt. Vielleicht wirst auch du eines Tages dafür sorgen, dass es freikommt.“ (S. 389)

Kurze Inhaltszusammenfassung
Ende ...

„Die Wahrheit kommt immer zutage. Sie ist wie ein Gas, das beständig nach oben steigt. Vielleicht wirst auch du eines Tages dafür sorgen, dass es freikommt.“ (S. 389)

Kurze Inhaltszusammenfassung
Ende des 19. Jahrhunderts verschwindet in München ein französischer Diplomat spurlos. Der begabte Kriminalist Gryszinski soll den Verschwundenen wieder aufspüren, vermeintlich keine große Sache. Doch als die Spuren eine Verbindung des Franzosen zu einem ermordeten bayerischen Erfinder, der eine neue Technologie zum Verschicken von telegrafischen Falschmeldungen entwickelt hat, und einem russischen Betrüger-Ehepaar führen, eröffnet sich erst die Tragweite des Falls. Denn am Ende werden sich nicht nur Gryszinski und seine Frau, sondern Jahrzehnte später auch deren Sohn Fritz für die Auflösung des Falls auf eine lebensgefährliche Reise quer durch Europa begeben.

Fazit
Ich habe bisher kaum ein Buch gelesen, das mich von der sprachlichen und stilistischen Gestaltung sowie vom Aufbau der Handlungsstränge und den Charakteren her so beeindruckt hat wie Der treue Spion. Die Autorin schreibt wirklich so, als ob jeder einzelne Satz etwas ganz Besonderes ist, geradezu ein eigenes Kunstwerk – sehr charmant und mit einem konsequenten Hauch von Ironie. Die Figuren sind alle unglaublich authentisch, das Kopfkino lief bei mir beim Lesen dauerhaft mit. Besonders fasziniert war ich von den Verflechtungen zwischen Zeit und Raum, die sich zwischen den beiden Gryszinski-Männern ergibt: beide befinden sich an denselben Orten, aber zu unterschiedlichen Zeitpunkten. Das Schicksal von Vater und Sohn ist eng mit der Auflösung des wahnsinnig detaillierten und unfassbar spannenden Falls zusammen, der ein wichtiges zeitgenössisches Thema zur Sprache bringt: die Überlegenheit und Bedeutung von technologischen Neuerungen im Rahmen des Ersten Weltkriegs. Wie es das wundervolle Cover ganz treffend andeutet, kann man mit Der treue Spion an der Seite der Gryszinskis in eine für uns unbekannte Welt eintauchen: in die der Diplomatie, der Preußen und Bayern, der Hochstapelei, der Kriminalistik, der Spione, des Krieges – und vor allem: der intensiven Gefühle: von Angst, Rache, Patriotismus, Liebe und Hass.

Empfehlung
Der treue Spion kann ich wirklich jedem ans Herz legen, der sich genauso wie ich über einen spannenden, detailreichen und unvorhersehbaren Kriminalfall mitsamt überaus authentischer Figuren hinaus auch über eine stilistisch mehr als durchdachte Sprache und verblüffend geschickt arrangierte zeitliche und räumliche Verbindung der Handlungsstränge freut!

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  • Charaktere
Veröffentlicht am 13.04.2023

Verbrecherjagd statt dolce far niente in Ligurien

Abschied auf Italienisch
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„Im Leben war nichts mehr zu ändern.“ (S. 245)

Kurze Inhaltszusammenfassung
Der römische Kommissar Vittorio Grassi, noch von der älteren Garde der Polizei, verlässt kurzfristig aus einem Bauchgefühl heraus ...

„Im Leben war nichts mehr zu ändern.“ (S. 245)

Kurze Inhaltszusammenfassung
Der römische Kommissar Vittorio Grassi, noch von der älteren Garde der Polizei, verlässt kurzfristig aus einem Bauchgefühl heraus seine Heimat und seine Familie, um das Erbe seines kürzlich verstorbenen Vaters zu beziehen, ein selbstgebautes Häuschen inmitten eines Olivenhains an der ligurischen Küste. Dort treten nicht nur mehrere interessante Frauen in sein Leben wie seine jüngere Kollegin Marta oder die ehemalige Gärtnerin und Mitbewohnerin seines Vaters, Toni, sondern Grassi bekommt direkt die Gelegenheit, sich als Ermittler zu profilieren: in kurzem zeitlichen Abstand werden zwei Leichen gefunden, die verzwicktere Hintergründe offenbaren als zunächst gedacht …

Fazit
Mithilfe des wunderschönen Covers hat man die Gegend um Cinque Terre direkt bildlich vor Augen. In diese Kulisse passen wunderbar die sehr unterschiedlichen, aber umwerfend charismatischen Figuren: Vittorio Grassi, ein eigensinniger aber sympathischer Polizist in einer leichten Midlife-Crisis und Inbegriff des Mottos „harte Schale, weicher Kern“; seine Mitbewohnerin Toni, die undurchschaubare ehemalige Gärtnerin seines Vaters mit einer bewegten Vergangenheit; seine neue selbstbewusste Kollegin Marta, die Grassi gerne auch mal die Stirn bietet und der pfeifende Rechtsmediziner Penza, um nur einige zu nennen. Neben den eindrücklichen Charakteren und dem lockeren und humorvollen, stellenweise aber auch reflektierten Schreibstil macht das Buch sehr viel Spaß zum Lesen auch durch den spannenden Fall, den es für die Ermittler zu lösen gilt. Dieser ist interessant, sehr detailliert, lädt zum miträtseln ein und enthält bis zum Schluss die ein oder andere unerwartete Wendung. Ein wichtiges Thema, sowohl für den Fall als auch für Grassi selbst, sind unausgesprochene Dinge und Missverständnisse zwischen geliebten Menschen. Die Reflexion darüber gibt dem Buch über den Krimi an sich hinaus noch eine weitere tiefgründigere Ebene. Was mir auch noch sehr gut gefallen hat, waren die eingestreuten nützlichen Hintergrundinformationen, wie z.B. zur Aufteilung der Zuständigkeiten innerhalb der italienischen Polizei oder zu wichtigen geschichtlichen Ereignissen wie der Entführung von Aldo Moro oder der Ermordung des berühmten Anti-Mafia-Richters Giovanni Falcone. Dieses Wissen holt auch die Nicht-Italien-Experten unter den Leser/innen ab und schafft ein besseres Verständnis für den Gesamtzusammenhang. Das Beste: der Schluss ist so offen und verheißungsvoll formuliert, dass Grassi in weiteren Fällen ermitteln wird – was das Nachwort des Autors bestätigt!

Empfehlung
Abschied auf Italienisch kann ich jedem empfehlen, der umringt von authentischen und herrlich italienischen Charakteren und vor der atemberaubenden Kulisse der ligurischen Küste einen spannenden Fall lösen möchte, der im Laufe noch weit mehr eröffnet als zwei Morde.

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Veröffentlicht am 31.03.2023

Von Vielseitigkeit, Verrat, Verbündeten und Vorbildern …

Seventeen
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„Man kann sichtbar sein oder unsichtbar. Dazwischen gibt es nichts.“ (S. 9)

Kurze Inhaltszusammenfassung
Der Auftragskiller Seventeen ist – wie der Name bereits andeutet – der siebzehnte seines Metiers. ...

„Man kann sichtbar sein oder unsichtbar. Dazwischen gibt es nichts.“ (S. 9)

Kurze Inhaltszusammenfassung
Der Auftragskiller Seventeen ist – wie der Name bereits andeutet – der siebzehnte seines Metiers. Gezählt wird immer nur der Beste seiner Art. Nachfolgen kann man nur nach dem Tod des Vorgängers – eigentlich. Denn Sixteen verschwand einfach so, ohne Vorwarnung, spurlos. Doch als Seventeen den Auftrag bekommt, ihn ausfindig zu machen und zu töten, ist plötzlich nichts mehr wie es scheint. Aus Jägern werden Gejagte, und Vertrauen kann man absolut niemandem mehr schenken …

Fazit
Bereits das Cover ist besonders: auffällig durch die Farbe und aussagekräftig, gleichzeitig aber schlicht und durch die wenigen Elemente auf das Wesentliche beschränkt. Der Schreibstil ist absolut besonders, da man als Leser/in stellenweise direkt angesprochen wird und sich somit eng in das Geschehen eingebunden fühlt. Dennoch wird aber eine gewisse Distanz gewahrt, da man gesiezt wird und Seventeen nie seinen richtigen Namen verrät. Man erfährt jedoch im Laufe des Buches durch verschiedene Rückblenden viel über seine Vergangenheit und darüber, warum und wie er derjenige geworden ist, der er ist – ein Auftragskiller. Die Ausdrucksweise ist erfrischend direkt, oft sarkastisch und stilistisch wertvoll gestaltet. Es gibt relativ viele und meist eher kurze Kapitel, was den Lesefluss allerdings überhaupt nicht stört, da die Kapiteleinteilung dramaturgisch stimmig eingesetzt ist. Seventeen als Protagonist ist absolut professionell und kaltblütig, man nimmt ihm sofort ab, dass er einer der Besten ist – man lernt aber auch seine menschliche und verletzliche Seite kennen. Die anderen Charaktere sind ebenfalls charismatisch und authentisch. Der Spannungsbogen zieht sich über das gesamte Buch hinweg und ist gespickt von zahlreichen Überraschungen und unerwarteten Wendungen.

Empfehlung
Wer Hochspannung à la James Bond liebt, aber auf Geheimdienst-Allüren und anderem Schnickschnack weitestgehend verzichten kann, der findet in Seventeen einen packenden Thriller mit einem professionellen und eher realistischen Agenten, der einen als Leser/in in eine unbekannte, spannende und gnadenlose Welt entführt.

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Veröffentlicht am 29.03.2023

Wenn die Familie im Leben an oberster Stelle steht

Florentia - Im Glanz der Medici
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„Ich wusste immer, dass du unsterblich werden wirst.“ (S. 526)

Kurze Inhaltszusammenfassung
Der historische Roman spielt im 15. Jahrhundert in Florenz und begleitet aus der Sicht von Giuliano de Medici, ...

„Ich wusste immer, dass du unsterblich werden wirst.“ (S. 526)

Kurze Inhaltszusammenfassung
Der historische Roman spielt im 15. Jahrhundert in Florenz und begleitet aus der Sicht von Giuliano de Medici, dem jüngeren Bruder des Familienoberhaupts Lorenzo de Medici, sowie der jungen engagierten Malerin Fioretta Gorini und von Leonardo da Vinci die Ereignisse rund um die Familie der Medici und das Schicksal der Stadt Florenz. Neben Liebe, Freundschaft und familiären Zusammenhalt spielen auch Neid, Missgunst, Intrigen, Verrat und Mordlust eine wichtige Rolle für den Verlauf der Geschichte.

Fazit
Bereits das verheißungsvolle Cover und der tolle Einband mit einer Karte zur Veranschaulichung und Orientierung im zeitgenössischen Florenz geben einen tollen Einstieg in das Buch und seinen Inhalt. Der Schreibstil ist sehr flüssig zu lesen und durch viele italienische Begriffe sehr authentisch. Dadurch, dass aus der Sicht verschiedener Charaktere geschrieben wird und auch mit Zeitsprüngen und Briefen gearbeitet wird, findet eine abwechslungsreiche Auflockerung statt, welche den Leser gut den Überblick über die verschiedenen Parteien, Ereignisse und Hintergründe behalten lässt.
Wie die Autorin am Ende selbst noch im Nachwort anmerkt: der Roman ermöglicht einen neuen Blick auf eine bereits bekannte Geschichte, indem beispielsweise auch die Homosexualität von Leonardo da Vinci und die damit verknüpften damaligen Probleme thematisiert werden. Besonders toll fand ich persönlich, dass die Personen und Ereignisse möglichst nah an der historischen Wahrheit gehalten sind und lediglich die unbekannten Stellen künstlerisch-fiktiv ausgeschmückt wurden. Dennoch schafft es die Autorin, die Charaktere sehr echt wirken zu lassen, sodass man als Leser/in eine Verbindung mit ihnen aufbauen kann: wie in der heutigen Zeit haben auch die historischen Figuren die gleichen Zweifel, Sorgen, Träume, Hoffnungen und Ängste wie wir auch.

Empfehlung
Jeder, der an der Geschichte von Florenz im späten Mittelalter interessiert ist und gerne in die große Familie der Medici eintauchen möchte, mitsamt entsprechender Treue und Tragik sowie der richtigen Portion an Liebe und Herzschmerz, kommt mit diesem historischen Roman voll auf seine Kosten.

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