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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 04.08.2017

Berührend und komisch zugleich

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Dieses Buch lockte mich zunächst mit dem Cover - »Oh, ein Fuchs!« Die Leseprobe gefiel mir, und das Buch »verschlang« ich an einem Tag. Ein Tag wie ein Jahr ... Denn auch die Handlung des Romans umfasst ...

Dieses Buch lockte mich zunächst mit dem Cover - »Oh, ein Fuchs!« Die Leseprobe gefiel mir, und das Buch »verschlang« ich an einem Tag. Ein Tag wie ein Jahr ... Denn auch die Handlung des Romans umfasst nur einen einzigen Tag im Leben von Katharina. Sie ist Anfang 40, Hausfrau, Mutter mit kleinem Nebenjob, der sie glücklich macht, aber weit entfernt ist, was sie sich als junge Frau mit abgeschlossenem Studium der Musikwissenschaften erträumte. Mit ihrem Mann führt sie seit gut einem Jahr eine Wochenendehe. Alles klingt ganz normal, banal, langweilig, solche Leben werden in unserem Land tausendfach gelebt. Doch seit zwei Wochen weiß nur Katharina, dass ein »Etwas« da ist, das sie in ihrer Brust ertastet hat und das da nicht hingehört. Gedanken um Sinn des Lebens und das, was nach dem Sterben bleibt, beschäftigen sie.

Rückblick, Bestandsaufnahme, Vorausschau und immer wieder ihre heimlich geführten Listen. Das alles beschäftigt Katharina und wird doch immer wieder unterbrochen von dem ganz alltäglichen Chaos und Wahnsinn, der ihr Leben bestimmt. Der Autorin ist eine wundervolle Gratwanderung gelungen zwischen ernsthaften, teilweise fast philosophischen Gedanken und schreiend komischen Situationen. Katharinas Leben ist alles andere als banal und langweilig. Ein pflegeleichter, angepasster Siebzehnjähriger mit Goldkehlchen und eine pummelige, chaotische Elfjährige mit ADHS - unterschiedlicher könnten Kinder nicht sein. Dazu die beiden Nachbarn, die einmal Nachbarinnen waren, ein alter WG-Freund, abenteuerlustige Ratten und Haushaltsgeräte mit Mord- bzw.- Selbstmordabsichten ... Und schließlich das Meer und tatsächlich der Fuchs vom Buchcover. Letzterer ist für mich eine Metapher, denn er lebt sein Leben, ohne dass Katharina sich für ihn verantwortlich fühlen muss. Andere loslassen, zu sich selbst finden, das gelingt ihr im Laufe des Tages immer besser. Dem Ende zu gewinnt die Geschichte an Tiefe, was wohl am Meer liegt, dem Katharina sich endlich wieder zuwendet, auch wenn sie es quasi vor der Haustür hat.

Mir gefällt die Figur der Katharina so gut, weil ich mich an ganz vielen Stellen mit ihr identifizieren kann. Ihr Wunsch nach Perfektion, der oft genug im Chaos endet, die alten, begrabenen Träume, die Wochenendehe, die Flirt-Resistenz. Aber auch die Spontanität, der Mut, aus- und aufzubrechen. Am Ende ist nicht alles gut, aber trotzdem macht mich die Geschichte glücklich. Denn »Glück ist das Gefühl, auf dem richtigen Weg zu sein.« (Jo Jansen)


Fazit: Leseempfehlung und 5*****

Veröffentlicht am 26.11.2020

Spannend, berührend und zum Nachdenken anregend

Still schweigt der See
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„Still schweigt der See“ ist nach „Schreie im Nebel“, „Die dunkle Seite des Sees“ und „Gewittersee“ der vierte Krimi von Tina Schlegel um Kommissar Paul Sito. Packend und berührend fand ich sie alle, weil ...

„Still schweigt der See“ ist nach „Schreie im Nebel“, „Die dunkle Seite des Sees“ und „Gewittersee“ der vierte Krimi von Tina Schlegel um Kommissar Paul Sito. Packend und berührend fand ich sie alle, weil nicht nur die Ermittlungsarbeit der Polizei und das Privatleben von Paul Sito, Miriam, Roman Enzig und weiteren beschrieben werden. Immer geht es auch um moralische Fragen. Dieser vierte Band hat mich besonders bewegt, weil das Geschehen hochaktuell ist. Demonstrationen, Klimaschutz, rechtes Gedankengut, über diese Themen lesen und hören wir täglich etwas in den Medien. Die Autorin nutzt diese Aktualität als Hintergrund für ein nervenzerrendes Geiseldrama. An der Universität Konstanz wurden fünfzig Personen als Geiseln genommen. Zunächst ist unklar, was die Geiselnehmer bezwecken.

Erschreckend fand ich, wie jede Veränderung der Lage sofort in den sozialen Medien verbreitet wurde. Und auch, wie schnell rohe Gewalt sich breitmacht, selbst an einem friedlichen, dem Lernen dienenden und wegen des Blicks über den Bodensee sogar idyllischen Ort wie der Uni Konstanz. Die persönliche Verstrickung der Hauptfiguren in das Geiseldrama ließen mich beim Lesen mitfiebern und auf eine gute Lösung hoffen. Die moralische Frage, ob man ein Leben opfern darf, um viele zu retten, brachte mich zum Nachdenken. Aber Moral ist nicht erpressbar, Unmoral schon. Zu dieser Aussage sehr passend finde ich das Cover mit dem Foto der Imperia.

Viele Dialoge, einige zeitliche Rückblenden und nicht zuletzt die manchmal unkonventionelle Arbeitsweise von Paul Sito lockern das Geschehen auf. Auch wenn es hier um ernste Themen geht, die zum Nachdenken anregen, so ist „Still schweigt der See“ vor allem eins - ein sehr gut geschriebener, packender Bodenseekrimi, den ich nicht aus der Hand legen mochte, bis ich wusste, wie er ausgeht.

Fazit: Spannend, berührend und zum Nachdenken anregend. 5*****

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Veröffentlicht am 24.10.2017

Ein hochinteressantes, objektives Buch

Wolfsfährten
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Bereits im Vorwort zu seinem Buch fordert der Autor den Leser auf:
»Probieren Sie es selbst einmal im Freundes- oder Bekanntenkreis, fragen Sie danach, ob der Wolf hier sein sollte. Eine von zwei Antworten ...

Bereits im Vorwort zu seinem Buch fordert der Autor den Leser auf:
»Probieren Sie es selbst einmal im Freundes- oder Bekanntenkreis, fragen Sie danach, ob der Wolf hier sein sollte. Eine von zwei Antworten kommt meist sofort, ohne jedes Nachdenken:
• Finde ich großartig, das ist das Gleichgewicht der Natur.
• In unserer heutigen Kulturlandschaft ist kein Raum für dieses Raubtier.« (*«Wolfsfährten«, Seite 12, oben)

Wohl kein Tier polarisiert die Meinungen so sehr, wie der Wolf. Die einen feiern seine Rückkehr nach Deutschland als Ergebnis unserer erfolgreichen Naturschutzmaßnahmen. Die Anderen zitieren das Märchen von Rotkäppchen und warnen davor, dass Kinder, die auf dem Lande auf den Schulbus warten, gefressen werden könnten. Recht haben beide nicht. Der Autor Andreas Beerlage zeigt auf, wie es wirklich ist. Zunächst einmal ist die Rückkehr des Wolfes nach Deutschland kein Ergebnis zielgerichteter Maßnahmen, sondern eher eine Folge der politischen Entwicklung in Mitteleuropa. So ist es kein Zufall, dass die ersten Wolfsrudel sich ausrechnet im »Niemandsland« rund um bestehende oder ehemalige Truppenübungsplätze ansiedelten. Dort fanden sie auf ihrer Wanderschaft ideale Bedingungen und blieben.

Beerlage versucht, ein möglichst objektives Bild des grauen Jägers zu zeichnen und mit bestehenden Vorurteilen, egal ob pro oder kontra, aufzuräumen. Dafür sprach er mit Wolfsforschern, Wolfscenterbesitzern, aber auch Wolfsbeauftragten der Landesjägerschaft und vielen weiteren Wolfsexperten. Entstanden ist ein breitgefächertes Bild von Meinungen über den Wolf, eingebettet in eine chronologische Darstellung der Rückkehr der über 100 Jahre als ausgerottet geltenden Tiere. Die Wiederansiedlung der Wölfe in Deutschland ist ein Prozess voller Widersprüche und Halbwahrheiten. Es wurde verschwiegen oder übertrieben, je nach dem, was für eine der beiden eingangs genannten Extremmeinungen nützlich schien. Warum z.B. wurde von staatlicher Seite immer wieder betont, Wölfe würden nie, nie, nie, die Nähe von Menschen suchen und es müsse sich in den gemeldeten Fällen um Hunde gehandelt haben? Und andererseits wurden plötzlich nahezu alle auf Weiden tot auf gefundenen Schafe, die Verletzungen aufwiesen, als Opfer eines Wolfsangriffs deklariert. Die Presse sprang bereitwillig auf diesen Zug auf, Emotionen und Angst verkaufen sich gleich gut.

Mein Respekt gilt dem Autor, der es schafft, beide Seiten der Medaille »Wolf« sachlich darzustellen. Sowohl die Ereignisse und Argumente, die Wolfs-Fans zur Untermauerung ihrer Position benutzen, als auch die, die von Wolfs-Gegnern verwendet werden. Das gibt in der Summe ein objektives, wenn auch widersprüchliches Bild dieses Raubtieres. Der Wolf ist weder ein Gott, noch eine Bestie, er ist weder schwarz noch weiß, sondern grau. Ein Wildtier, das lernt, in unserer modernen Welt seinen Lebensraum zu wieder zu finden. Einziger Kritikpunkt: Es gibt im Buch keine Fotos. Das finde ich schade. Dafür ziehe ich einen halben Stern ab.

Fazit: Ein hochinteressantes, objektives Buch mit viel Hintergrundinformation. 4,5 Sterne

Veröffentlicht am 25.04.2023

Liebenswerte Todsünde

Faul!
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Der Hirzl-Verlag hat sich der sieben Todsünden angenommen. In diesem Buch von Bernd Imgrund geht es um die fünfte, die Faulheit. Der Autor lässt uns zunächst zurückblicken in der Geschichte der Menschheit. ...

Der Hirzl-Verlag hat sich der sieben Todsünden angenommen. In diesem Buch von Bernd Imgrund geht es um die fünfte, die Faulheit. Der Autor lässt uns zunächst zurückblicken in der Geschichte der Menschheit. Bei den antiken Griechen galt Arbeit als unfein. Wir erfahren, dass Faulheit = Nichtstun = keine Erbringung produktiver Arbeit auch als Privileg und Grundvoraussetzung der künstlerischen Entfaltung gesehen wurde.
"Arbeiten um zu leben oder leben um zu arbeiten?" scheint eine Grundsatzfrage zu sein ,die auch heute die Gesellschaft spaltet. Jemand, der für seine Ziele hart arbeitet, neidvoll anerkennend "Worcaholic" genannt wird, während der Arbeitslose der Gesellschaft "auf der Tasche" liegt.

Wir lesen von Kunst und Künstlern, der Bogen spannt sich von Luther bis zum Punkrock, von den Bettelorden des 13. Jahrhunderts bis zu Salman Rushdie. Und auch das Faultier im zoologischen Sinne hat es in dieses Büchlein geschafft. "Faul" ist eine leicht zu lesende, unterhaltsame Lektüre mit vielen interessanten Fakten. Diese werden gekonnt Aufmerksamkeit heischend formuliert, wie beispielsweise "Faulheit rettet Leben". So überraschend und neu diese These zunächst klingt, fasst sie nur bereits Bekanntes zusammen. Nämlich, dass der Mensch Ruhe, Schlaf und Erholung braucht, um gesund und am Leben zu bleiben.

Und so bleibt für mich als Grundaussage des Büchleins, dass Faulsein im Sinne von "nicht produktiv arbeiten" zum Leben dazugehört. Ob dem Autor beim Waldspaziergang eine geniale Idee fürs nächste Kapitel einfällt oder der Fabrikarbeiter auf der Wiese im Freibad seine schmerzenden Muskeln entspannt, Tun und Nichtstun gehören zusammen wie Licht und Schatten, Yin und Yang. Eins ohne das Andere kann es nicht geben und darum sollten wir uns nicht schämen, wenn wir uns "faule" Auszeiten nehmen.

Fazit: 4 Sterne und herzlichen Dank für ein paar vergnüglich faule Stunden.

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Veröffentlicht am 20.11.2019

Der weite Weg zum "Clean Meat"

Neues Fleisch
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„Neues Fleisch – Essen ohne Tierleid – Berichte aus der Zukunft unserer Ernährung.“ Dieser Buchtitel weckte meine Aufmerksamkeit. Was werden wir künftig essen, wenn Massentierhaltung aus den verschiedensten ...

„Neues Fleisch – Essen ohne Tierleid – Berichte aus der Zukunft unserer Ernährung.“ Dieser Buchtitel weckte meine Aufmerksamkeit. Was werden wir künftig essen, wenn Massentierhaltung aus den verschiedensten Gründen nicht mehr praktiziert wird? Kann der Mensch fleischlos glücklich sein? Welche Alternativen gibt es zum Schweinefleisch für 2,99 Euro pro Kilogramm? Auf diese und ähnliche Fragen hoffte ich, im Buch eine Antwort zu finden. Autor Hendrik Hassel hat schon im Alter von 23 Jahren gemeinsam mit anderen die Tierrechtsorganisation „Animal Equality Germany e.V.“ gegründet, die er leitet.

Das Buch lässt mich mit gemischten Gefühlen zurück. Zum Einen, weil unter „neuem Fleisch“ auf ungefähr 90 Prozent der Seiten tatsächlich Fleisch verstanden wird. „Clean Meat“ ist nicht mehr am Tier gewachsen, sondern im Labor gezüchtet, im wahrsten Sinne des Wortes „schweineteuer“ und noch lange nicht massentauglich. Der Weg zum ersten „gebrauten“ Fleisch wird ausführlich und spannend beschrieben. Aber ist das wirklich die Zukunft? Warum mit viel Aufwand, Energie und Kosten pflanzliche Ausgangsstoffe in tierische umwandeln? Vielleicht zeigt die Zeit uns schon jetzt, wer im Rennen um die beste Alternative zum tierleidtriefenden Billigfleisch als massentauglicher Sieger hervorgeht.

Das Vorwort des Autors ist vom Sommer 2019, und doch sind wir im Herbst desselben Jahres, nur wenige Wochen später, schon viel weiter auf dem Weg zum neuen Fleisch. Dass der „Impossible Burger“ lt. Autor in Deutschland gar nicht vertrieben werden sollte, scheint unwichtig. Haben doch seine fleischlosen Kumpel mit ähnlich klangvollen Namen, nicht nur den Weg in Berliner Szene-Bistros gefunden, sondern wartet mittlerweile in jedem Supermarkt und bei jedem Discounter auf ihre Käufer. Der Absatz boomt, die Nachfrage ist da. Das neue (pflanzliche) Fleisch hat längst die Kühlschränke und Bratpfannen eines Großteils der Deutschen erobert. Ob „Clean Meat“ dies auch eines Tages tun wird oder gar tun muss, um auch die Menschen zu überzeugen, die „schon immer Fleisch gegessen haben und immer essen werden“, bleibt abzuwarten.

Fazit: Interessante Einblicke in den langsamen Wandel der industriellen Fleischproduktion. 4****