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Veröffentlicht am 20.07.2023

Wie geht man mit Trauer und Verlust um?

Hotel Silence
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Jonas Ebeneser ist unglücklich. Seine Frau hat ihn nach Jahren der gegenseitigen Entfremdung verlassen und ihm noch die Information mit auf den Weg gegeben, dass die geliebte Tochter nicht von ihm ist. ...

Jonas Ebeneser ist unglücklich. Seine Frau hat ihn nach Jahren der gegenseitigen Entfremdung verlassen und ihm noch die Information mit auf den Weg gegeben, dass die geliebte Tochter nicht von ihm ist. Er sieht keinen Sinn mehr in seinem Leben und plant seinen Selbstmord. Sein Nachbar Svanur, von dem er sich eine Waffe ausleiht, scheint etwas zu ahnen und besucht ihn immer wieder, sozusagen zur Kontrolle. Jonas will seiner Tochter nicht den Fund seiner Leiche zumuten und bucht eine Reise. Sein Gepäck besteht aus einem Werkzeugkoffer mit Bohrmaschine ohne Kleidung zum Wechseln. Er reist in ein namenloses unsicheres, vom Krieg zerstörtes Land mit traumatisierten Überlebenden, die vor dem Nichts stehen – mit dem Hintergedanken, dass dort vielleicht ein Anderer seinem Leben ein Ende setzt. Jonas begegnen die Menschen im Dorf mit Misstrauen. Den harmlosen Touristen nimmt ihm niemand ab. Schon bald führt er im Hotel Silence einfache Reparaturen aus und hilft später auch den Frauen im Dorf bei allen möglichen Arbeiten, was einigen Männern weniger gefällt. Bald hat er sich mit den Geschwistern, die das Hotel führen, so angefreundet, dass er auch ihnen den Anblick seiner Leiche nicht mehr zumuten möchte. Jonas ist im Dorf inzwischen zu einem wahren Helden des Wiederaufbaus geworden, denn viele Männer haben den Krieg nicht überlebt. Er merkt, wie das Leid der anderen sein eigenes Unglück zunehmend relativiert und sein selbstloses Helfen ihn positiv verändert. Seinen geplanten Suizid verschiebt er immer wieder.
Die ruhig erzählte Geschichte überzeugt mit vielen Zitaten und kunst- und literaturhistorischen Anspielungen und enthält trotz der ernsten Themen von Trauer und Verlust auch komische Elemente. Jonas und die Überlebenden im Kriegsgebiet bekommen eine zweite Chance und Perspektiven für einen Neubeginn. Der angenehm zu lesende Roman hat mich gut unterhalten.

Veröffentlicht am 18.06.2023

Wer war der Täter?

Die Affäre Alaska Sanders
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In „Die Affäre Alaska Sanders“, Joel Dickers neuem Roman, ermittelt wieder das Duo Sergeant Perry Gahalowood und Autor Marcus Goldman, die wir aus „Die Wahrheit über den Fall Harry Quebert“ bereits gut ...


In „Die Affäre Alaska Sanders“, Joel Dickers neuem Roman, ermittelt wieder das Duo Sergeant Perry Gahalowood und Autor Marcus Goldman, die wir aus „Die Wahrheit über den Fall Harry Quebert“ bereits gut kennen. Es geht um den Mord an einer jungen Frau 11 Jahre zuvor. Der Fall Alaska Sanders galt eigentlich als aufgeklärt. Ein Täter kam bei der Vernehmung ums Leben, der andere wurde zu lebenslänglich verurteilt, nachdem er auf Anraten seiner Anwältin auf „schuldig“ plädiert hatte, um nicht die Todesstrafe zu riskieren. Er sitzt seit damals im Gefängnis. Seine Anwältin und seine Schwester kämpfen seitdem mit einer Gruppe von Unterstützern um die Wiederaufnahme des Verfahrens, weil sie an seine Unschuld glauben. Der Ermittler und der Autor wollen der Sache auf den Grund gehen und finden schon bald Anzeichen für einen Justizirrtum. Im Verlauf der mit über 570 Seiten recht umfangreichen Geschichte gibt es immer neue Verdächtige, immer neue Spuren. Wenn der Leser ca. 100 Seiten vor Schluss glaubt, nun sei der wirkliche Täter gefunden, wird er eines Besseren belehrt. Man darf bis zum Ende nicht glauben, was man liest. Das lehrt schon „Die Wahrheit…“, als dessen Fortsetzung der vorliegende Roman konzipiert wurde.
Ich habe das Buch trotz der epischen Breite gern gelesen, zumal mich die Konstruktion des Romans im Roman mit dem fiktiven Autor Goldman, der die Bücher des real existierenden Autors Dicker schreibt, durchaus überzeugt, aber es gibt schon Dinge, die mir weniger gefallen. Wenn man den Vorgänger kennt, vermisst man Originalität bei den Plotideen und den Schauplätzen, stößt sich an zu vielen Wiederholungen. Auch die Protagonisten Perry und Marcus sind hinlänglich bekannt, und ich finde ihre kleinen Reibereien nicht mehr besonders witzig. Auch stört mich die Eigenwerbung des Autors für seine anderen Romane, auf die er ständig Bezug nimmt, als ob er die Verkaufszahlen noch einmal positiv beeinflussen wollte. Im Übrigen gehe ich jede Wette ein, dass sein nächstes Buch den Titel „Die Affäre Gaby Robinson“ haben wird. Dennoch bleibt Dicker für mich ein durchaus lesenswerter Autor, der trotz der genannten Mängel einen gewissen Sog auf den Leser ausübt.

Veröffentlicht am 17.06.2023

Jeder verdient eine zweite Chance

Mika im echten Leben
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Als Mika Suzuki ein Kind war, wanderten ihre Eltern von Japan in die USA aus. Die Mutter war strikt dagegen und in der Folge dauerhaft unglücklich und unzufrieden. Ihre negativen Gefühle bekam Mika über ...


Als Mika Suzuki ein Kind war, wanderten ihre Eltern von Japan in die USA aus. Die Mutter war strikt dagegen und in der Folge dauerhaft unglücklich und unzufrieden. Ihre negativen Gefühle bekam Mika über Jahre zu spüren. So fand sie auch keine Unterstützung, als sie mit 18 Jahren zu Beginn ihres Kunststudiums schwanger wurde. Ihre Mutter drängte sie dazu, das Baby zur Adoption freizugeben. Sie fand in Caroline und Thomas liebevolle Adoptiveltern für ihr Kind, die vertraglich verpflichtet wurden, jährlich Bericht zu erstatten und Fotos zu schicken. Dennoch kam Mika nie über den Verlust ihrer Tochter hinweg. Dieses Ereignis warf sie völlig aus der Bahn. Sie gab alle Träume und Zukunftspläne auf. Als ihre Tochter Penny im Alter von 16 Jahren Kontakt zu ihr aufnimmt, sie schließlich sogar besuchen will, kommt sie schwer in Bedrängnis, denn sie hat ihr eine Menge Lügen über ihre Karriere und ihre Lebensumstände aufgetischt. Freunde helfen ihr zwar, das erfundene Leben realistisch wirken zu lassen, aber die Katastrophe ist unaufhaltsam.
„Mika im echten Leben“ ist vieles zugleich: eine coming-of-age- Geschichte, eine Selbstfindung und der Versuch einer 35Jährigen, einen Neustart zu wagen, indem sie alles, was sie als junge Frau verdrängt oder aufgegeben hat, wieder zulässt und mit ihren Freunden darüber spricht. Die Geschichte zeigt, wie schwierig Familie, speziell das Verhältnis von Müttern und Töchtern sein kann. Die Autorin schildert berührend, aber ohne jeden Kitsch, wie Mika sich bemüht, die verlorene Tochter zu einem Teil ihres Lebens zu machen. Dass sie auch nach all den verlorenen Jahren wieder eine neue Liebe zulässt, rundet die Geschichte ab. Mir hat das Buch gefallen, und ich empfehle es gern weiter.

Veröffentlicht am 05.05.2023

Schwierige Zeiten

Fünf Winter
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Im Mittelpunkt des mehrfach ausgezeichneten Romans “Fünf Winter“ von James Kestrel steht Joe McGrady, der nach Jahren bei der Armee im Honolulu Police Department tätig ist. Am Tag vor Thanksgiving im ...


Im Mittelpunkt des mehrfach ausgezeichneten Romans “Fünf Winter“ von James Kestrel steht Joe McGrady, der nach Jahren bei der Armee im Honolulu Police Department tätig ist. Am Tag vor Thanksgiving im Jahr 1941 übernimmt er einen Mordfall. In der Nähe einer Rinderfarm wurde ein grausam ermordeter junger Mann, wenig später auch seine japanische Freundin gefunden. Der junge Mann ist der Neffe von Admiral Kimmel, die Japanerin die Nichte des japanischen Diplomaten Takahashi Kansei. McGrady folgt der Spur eines Mordverdächtigen mit dem offensichtlich falschen Namen John Smith nach Hongkong, wo er direkt nach dem japanischen Angriff auf Pearl Harbour festgenommen wird und in japanische Kriegsgefangenschaft gerät. Der Onkel der jungen Japanerin holt ihn aus dem Gefängnis und versteckt ihn mehrere Jahre bis zur japanischen Kapitulation in seinem Haus in der Nähe von Tokio. Als er nach Honolulu zurückkehrt, verspricht er seinem Retter und der Tochter Sachi, dass er den Täter finden und unschädlich machen wird. McGrady, der all die Jahre als tot galt, bekommt seinen alten Job zurück. Er hat Molly, die Frau die er liebte, an seinen Kollegen verloren, und sein Chef Captain Beamer hatte den ungelösten Fall sofort geschlossen und will nicht, dass er noch einmal aufgerollt wird. McGrady ermittelt eigenmächtig weiter und löst den Fall schließlich.
Es gibt nicht nur sehr viele Handlungsumschwünge, sondern auch viel Personal und viele Schauplätze, bedingt durch das Kriegsgeschehen im Pazifik, das den zeitgeschichtlichen Hintergrund bildet. Es erleichtert das Verständnis, wenn man die wichtigsten historischen Fakten kennt: Japans Kaiser Hirohito auf der Seite der Nazis, der Angriff auf Pearl Harbour mit dem sofortigen Kriegseintritt der USA, die japanische Kapitulation. Es geht um Spionage und die gefährliche Situation von Pazifisten, die ihr Leben riskieren. Der spannende Roman ist Geschichtsbuch und Thriller zugleich mit einer Reihe von grausamen Szenen, die Folter und Mord einschließen. Da ist es für empfindliche Leser sehr wohltuend, dass das Buch auch Liebesgeschichten enthält. Hier gibt es kein schnelles, einfaches Happy End, sondern der Autor thematisiert immer wieder Verlust und Reue und den hohen Preis, den die Menschen in Kriegszeiten zahlen.
Kestrels Roman ist anspruchsvoll, sehr spannend und gut geschrieben und verdient seine hohen Auszeichnungen zu Recht. Eine klare Empfehlung.

Veröffentlicht am 18.04.2023

Schlimmer geht´s nimmer

Die spürst du nicht
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Nach neun Jahren legt Daniel Glattauer mit “Die spürst du nicht“ einen neuen Roman vor. Die Binders und die Strobl-Marineks mieten ein Haus mit Swimmingpool in der Toskana. Sophie Luise, die 14jährige ...


Nach neun Jahren legt Daniel Glattauer mit “Die spürst du nicht“ einen neuen Roman vor. Die Binders und die Strobl-Marineks mieten ein Haus mit Swimmingpool in der Toskana. Sophie Luise, die 14jährige Tochter der Strobl-Marineks, darf ihre Schulfreundin Aayana, ein somalisches Flüchtlingsmädchen mitnehmen. Gleich am Anfang des Urlaubs geschieht dann eine Katastrophe, nach der nichts mehr so ist wie vorher. Die Familien geraten in eine Krise, wobei Sophie Luise am meisten unter den Folgen leidet. Sie wird in der Schule ausgegrenzt und gemobbt. Schon bald reicht ein bislang unbekannter Anwalt im Namen der somalischen Familie Klage ein und fordert 200.000 Euro wegen des Schockschadens. Es kommt zum Prozess, der nicht frei von Komik und grotesken Situationen ist. Vor allem Oliver Steinpichler, der Anwalt der Strobl-Marineks, ist immer bemüht, sich in Szene zu setzen. Menschliche Tragödien interessieren ihn nicht.

Ein allwissender Erzähler berichtet über die Ereignisse, ergänzt von Zeitungsartikeln und Kommentaren in den sozialen Medien. Besonders die unangemessenen Postings voller Arroganz und Hass machen deutlich, wie viele Europäer mit dem Thema „Flüchtlinge“ umgehen. Der Autor zeigt in seinem sozialkritischen Roman, dass jede Person eine Geschichte hat, dass die Flüchtlinge nicht nur gute Gründe hatten, aus ihrem Land zu fliehen, sondern auch während der Flucht furchtbare Dinge erlebten, Familienmitglieder verloren. Die Flüchtlinge müssen sichtbar werden, und wir müssen ihnen zuhören und wirklich versuchen, ihnen zu helfen.

Glattauer ist mit diesem Roman ein wichtiges Buch gelungen, nicht ganz frei von Klischees und stellenweise etwas konstruiert, aber dennoch sehr lesbar und sprachlich gelungen. Auf jeden Fall empfehlenswert.