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Veröffentlicht am 17.06.2023

Jeder verdient eine zweite Chance

Mika im echten Leben
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Als Mika Suzuki ein Kind war, wanderten ihre Eltern von Japan in die USA aus. Die Mutter war strikt dagegen und in der Folge dauerhaft unglücklich und unzufrieden. Ihre negativen Gefühle bekam Mika über ...


Als Mika Suzuki ein Kind war, wanderten ihre Eltern von Japan in die USA aus. Die Mutter war strikt dagegen und in der Folge dauerhaft unglücklich und unzufrieden. Ihre negativen Gefühle bekam Mika über Jahre zu spüren. So fand sie auch keine Unterstützung, als sie mit 18 Jahren zu Beginn ihres Kunststudiums schwanger wurde. Ihre Mutter drängte sie dazu, das Baby zur Adoption freizugeben. Sie fand in Caroline und Thomas liebevolle Adoptiveltern für ihr Kind, die vertraglich verpflichtet wurden, jährlich Bericht zu erstatten und Fotos zu schicken. Dennoch kam Mika nie über den Verlust ihrer Tochter hinweg. Dieses Ereignis warf sie völlig aus der Bahn. Sie gab alle Träume und Zukunftspläne auf. Als ihre Tochter Penny im Alter von 16 Jahren Kontakt zu ihr aufnimmt, sie schließlich sogar besuchen will, kommt sie schwer in Bedrängnis, denn sie hat ihr eine Menge Lügen über ihre Karriere und ihre Lebensumstände aufgetischt. Freunde helfen ihr zwar, das erfundene Leben realistisch wirken zu lassen, aber die Katastrophe ist unaufhaltsam.
„Mika im echten Leben“ ist vieles zugleich: eine coming-of-age- Geschichte, eine Selbstfindung und der Versuch einer 35Jährigen, einen Neustart zu wagen, indem sie alles, was sie als junge Frau verdrängt oder aufgegeben hat, wieder zulässt und mit ihren Freunden darüber spricht. Die Geschichte zeigt, wie schwierig Familie, speziell das Verhältnis von Müttern und Töchtern sein kann. Die Autorin schildert berührend, aber ohne jeden Kitsch, wie Mika sich bemüht, die verlorene Tochter zu einem Teil ihres Lebens zu machen. Dass sie auch nach all den verlorenen Jahren wieder eine neue Liebe zulässt, rundet die Geschichte ab. Mir hat das Buch gefallen, und ich empfehle es gern weiter.

Veröffentlicht am 05.05.2023

Schwierige Zeiten

Fünf Winter
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Im Mittelpunkt des mehrfach ausgezeichneten Romans “Fünf Winter“ von James Kestrel steht Joe McGrady, der nach Jahren bei der Armee im Honolulu Police Department tätig ist. Am Tag vor Thanksgiving im ...


Im Mittelpunkt des mehrfach ausgezeichneten Romans “Fünf Winter“ von James Kestrel steht Joe McGrady, der nach Jahren bei der Armee im Honolulu Police Department tätig ist. Am Tag vor Thanksgiving im Jahr 1941 übernimmt er einen Mordfall. In der Nähe einer Rinderfarm wurde ein grausam ermordeter junger Mann, wenig später auch seine japanische Freundin gefunden. Der junge Mann ist der Neffe von Admiral Kimmel, die Japanerin die Nichte des japanischen Diplomaten Takahashi Kansei. McGrady folgt der Spur eines Mordverdächtigen mit dem offensichtlich falschen Namen John Smith nach Hongkong, wo er direkt nach dem japanischen Angriff auf Pearl Harbour festgenommen wird und in japanische Kriegsgefangenschaft gerät. Der Onkel der jungen Japanerin holt ihn aus dem Gefängnis und versteckt ihn mehrere Jahre bis zur japanischen Kapitulation in seinem Haus in der Nähe von Tokio. Als er nach Honolulu zurückkehrt, verspricht er seinem Retter und der Tochter Sachi, dass er den Täter finden und unschädlich machen wird. McGrady, der all die Jahre als tot galt, bekommt seinen alten Job zurück. Er hat Molly, die Frau die er liebte, an seinen Kollegen verloren, und sein Chef Captain Beamer hatte den ungelösten Fall sofort geschlossen und will nicht, dass er noch einmal aufgerollt wird. McGrady ermittelt eigenmächtig weiter und löst den Fall schließlich.
Es gibt nicht nur sehr viele Handlungsumschwünge, sondern auch viel Personal und viele Schauplätze, bedingt durch das Kriegsgeschehen im Pazifik, das den zeitgeschichtlichen Hintergrund bildet. Es erleichtert das Verständnis, wenn man die wichtigsten historischen Fakten kennt: Japans Kaiser Hirohito auf der Seite der Nazis, der Angriff auf Pearl Harbour mit dem sofortigen Kriegseintritt der USA, die japanische Kapitulation. Es geht um Spionage und die gefährliche Situation von Pazifisten, die ihr Leben riskieren. Der spannende Roman ist Geschichtsbuch und Thriller zugleich mit einer Reihe von grausamen Szenen, die Folter und Mord einschließen. Da ist es für empfindliche Leser sehr wohltuend, dass das Buch auch Liebesgeschichten enthält. Hier gibt es kein schnelles, einfaches Happy End, sondern der Autor thematisiert immer wieder Verlust und Reue und den hohen Preis, den die Menschen in Kriegszeiten zahlen.
Kestrels Roman ist anspruchsvoll, sehr spannend und gut geschrieben und verdient seine hohen Auszeichnungen zu Recht. Eine klare Empfehlung.

Veröffentlicht am 18.04.2023

Schlimmer geht´s nimmer

Die spürst du nicht
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Nach neun Jahren legt Daniel Glattauer mit “Die spürst du nicht“ einen neuen Roman vor. Die Binders und die Strobl-Marineks mieten ein Haus mit Swimmingpool in der Toskana. Sophie Luise, die 14jährige ...


Nach neun Jahren legt Daniel Glattauer mit “Die spürst du nicht“ einen neuen Roman vor. Die Binders und die Strobl-Marineks mieten ein Haus mit Swimmingpool in der Toskana. Sophie Luise, die 14jährige Tochter der Strobl-Marineks, darf ihre Schulfreundin Aayana, ein somalisches Flüchtlingsmädchen mitnehmen. Gleich am Anfang des Urlaubs geschieht dann eine Katastrophe, nach der nichts mehr so ist wie vorher. Die Familien geraten in eine Krise, wobei Sophie Luise am meisten unter den Folgen leidet. Sie wird in der Schule ausgegrenzt und gemobbt. Schon bald reicht ein bislang unbekannter Anwalt im Namen der somalischen Familie Klage ein und fordert 200.000 Euro wegen des Schockschadens. Es kommt zum Prozess, der nicht frei von Komik und grotesken Situationen ist. Vor allem Oliver Steinpichler, der Anwalt der Strobl-Marineks, ist immer bemüht, sich in Szene zu setzen. Menschliche Tragödien interessieren ihn nicht.

Ein allwissender Erzähler berichtet über die Ereignisse, ergänzt von Zeitungsartikeln und Kommentaren in den sozialen Medien. Besonders die unangemessenen Postings voller Arroganz und Hass machen deutlich, wie viele Europäer mit dem Thema „Flüchtlinge“ umgehen. Der Autor zeigt in seinem sozialkritischen Roman, dass jede Person eine Geschichte hat, dass die Flüchtlinge nicht nur gute Gründe hatten, aus ihrem Land zu fliehen, sondern auch während der Flucht furchtbare Dinge erlebten, Familienmitglieder verloren. Die Flüchtlinge müssen sichtbar werden, und wir müssen ihnen zuhören und wirklich versuchen, ihnen zu helfen.

Glattauer ist mit diesem Roman ein wichtiges Buch gelungen, nicht ganz frei von Klischees und stellenweise etwas konstruiert, aber dennoch sehr lesbar und sprachlich gelungen. Auf jeden Fall empfehlenswert.

Veröffentlicht am 16.04.2023

Horowitz und Hawthorne ermitteln auf Alderney

Wenn Worte töten
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Im vorliegenden dritten Band einer Reihe schickt der Verleger seinen Autor Anthony Horowitz und den ehemaligen Detective Inspector Daniel Hawthorne zu einem Literaturfestival auf die Kanalinsel Alderney. ...


Im vorliegenden dritten Band einer Reihe schickt der Verleger seinen Autor Anthony Horowitz und den ehemaligen Detective Inspector Daniel Hawthorne zu einem Literaturfestival auf die Kanalinsel Alderney. Sie sollen durch ihre Teilnahme die Vermarktung des nächsten, noch nicht vollendeten Romans vorbereiten. Horowitz und Hawthorne bilden ein Team, wobei Hawthorne dem Autor Fälle schildert, bei denen er selbst ermittelt hat. Die beiden Männer haben ein ziemlich distanziertes Verhältnis zu einander und mögen sich nicht einmal besonders. Die anderen geladenen Gäste sind eine Kinderbuchautorin, ein bekannter Fernsehkoch mit seiner Assistentin, eine Wahrsagerin, ein Historiker und eine Dichterin, die Gedichte in Cauchois, einem nordfranzösischen Dialekt, vorträgt. Dann wird Charles le Mesurier, der schwerreiche Sponsor des Festivals ermordet aufgefunden. Hawthorne und Horowitz ermitteln sofort in diesem aktuellen Fall. Als später ein zweiter Mord geschieht, kommt Deputy Chief Jonathan Torode mit seiner Assistentin von der Insel Guernsey hinzu. Es zeigt sich, dass hier jeder ein Geheimnis verbirgt und einige nicht die sind, die sie vorgeben zu sein. Hinzukommt, dass die Menschen auf der Insel wegen des geplanten Baus einer Überlandleitung tief zerstritten sind. Da Charles le Mesurier ein Fürsprecher des Projekts ist, könnte der Mörder auch unter seinen Gegnern zu finden sein. Ex-Polizist Hawthorne ist den anderen immer mindestens einen Schritt voraus, weil er gewohnheitsmäßig Details bemerkt, die sonst keiner sieht. Er teilt sein Wissen jedoch nicht einmal mit seinem Partner.
Der Leser folgt der Geschichte mit vielen falschen Fährten gespannt und erlebt in diesem Locked Room Mystery nach dem Vorbild der großen Agatha Christie bis zur Auflösung viele Überraschungen.
Zum Schluss möchte ich noch bemerken, dass ich mich sehr über den deutschen Titel wundere. Welche Worte sollten das wohl sein? Der Originaltitel "A Line To Kill" bezieht sich vielmehr auf die Reihe (!) von zwölf Verdächtigen, die Gegner der Stromtrasse nicht einmal mitgezählt.
Mir hat der Roman gut gefallen, auch wenn er eher konventionell geschrieben ist. Besonders beeindruckt hat mich die gelungene Charakterisierung nicht nur der beiden wichtigsten Protagonisten, sondern auch der anderen Personen. Eine gute Idee ist dabei, dass der Autor selbst als fiktiver Charakter im Roman auftritt und damit den Eindruck erwecken könnte, dass all dies wirklich geschehen ist. Ein gut lesbarer Krimi ohne übertriebene Grausamkeit.

Veröffentlicht am 16.04.2023

Privatsphäre oder Überwachungsstaat?

Going Zero
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In Anthony McCartens neuem Roman arbeitet die Firma Fusion unter Leitung des schwerreichen Social-Media-Moguls Cy Baxter mit der amerikanischen Regierung zusammen, um einen letzten Test der von der Firma ...


In Anthony McCartens neuem Roman arbeitet die Firma Fusion unter Leitung des schwerreichen Social-Media-Moguls Cy Baxter mit der amerikanischen Regierung zusammen, um einen letzten Test der von der Firma entwickelten neuen Software durchzuführen, die dem Schutz des Landes vor terroristischer Bedrohung dienen soll. Der Betatest mit zehn ausgewählten Bewerbern - fünf Spezialisten, fünf Normalbürgern – soll beweisen, dass mit Hilfe dieser neuen Software jeder zu jeder Zeit an beliebigen Orten aufgespürt werden kann. Auf ein Signal hin sollen die Kandidaten sich unsichtbar machen und für 30 Tage unauffindbar bleiben. Dem Gewinner winken 3 Millionen Dollar. Das ist gar nicht so einfach im Zeitalter von Computern, Smartphones, Kreditkarten, allgegenwärtigen Überwachungskameras, Techniken der Gesichtserkennung etc. Einige Kandidaten werden schon bald aufgespürt, aber die harmlos wirkende Bibliothekarin Kaitlyn Day aus Boston erweist sich als überaus clever und entwischt den Verfolgern immer wieder. Ihr geht es nicht in erster Linie ums Geld. Sie verfolgt ein anderes Ziel. Bald gerät Cy Baxter zunehmend unter Druck und muss verhindern, dass illegale Geschäftspraktiken seiner Firma ans Licht kommen genauso, wie die CIA bestimmte fragwürdige Vorgehensweisen weiterhin geheimhalten will.
Die Geschichte dieses gefährlichen und für einen der Protagonisten tödlichen Kräftemessens wird immer raffinierter mit zahlreichen Handlungsumschwüngen. Das ist spannend zu lesen, wenn einen die zugrundeliegende Thematik interessiert: Was ist mir wichtig? Darf der Schutz der Privatsphäre immer weiter zugunsten der (angeblichen) Sicherheit des Landes vernachlässigt werden? Laufen wir Gefahr, in einem Überwachungsstaat zu landen, wenn immer neue Technologien entwickelt und zugelassen werden, um Menschen in aller Welt in jeder Sekunde ihres Lebens auszuspähen? An welchem Punkt dieser Entwicklung sind wir aktuell bereits angekommen? Auf diese Frage liefert der 2014 von der Dokumentarfilmerin Laura Poitras gedrehte Film Citizenfour eine besorgniserregende Antwort. Sie hat zusammen mit zwei Journalisten den US-amerikanischen Whistleblower Edward Snowden interviewt und macht in ihrem Film öffentlich, dass die NSA und andere Geheimdienste mit Hilfe des nach den Anschlägen vom 11.9.2001 geschaffenen Patriot Act umfangreiche Befugnisse bekamen, täglich Millionen von persönlichen Daten zu sammeln und damit praktisch die gesamte Menschheit unter Generalverdacht zu stellen. Die kafkaesk wirkende Realität in McCartens Roman ist also schon längst nicht mehr Teil einer erdachten Zukunft.
Ich habe diesen sehr gut konstruierten Thriller gern gelesen, auch weil es dem Autor gelingt, Spannung ohne Blutvergießen aufzubauen und den Leser vor allem durch die sorgfältig gezeichneten Charaktere und die überraschenden Wendungen der Handlung zu faszinieren.