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Lust_auf_literatur

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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 14.08.2023

Rasanter Roman mit Knalleffekt

Männer töten
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„Würden Sie sagen, dass es hier anders zugeht als im Rest von Österreich?“

„In Engelhartskirchen gibt es keine Fälle von häuslicher Gewalt. Keine Sexualdelikte. Keine Frauenmorde.“

Ja, diesem kleinen ...

„Würden Sie sagen, dass es hier anders zugeht als im Rest von Österreich?“

„In Engelhartskirchen gibt es keine Fälle von häuslicher Gewalt. Keine Sexualdelikte. Keine Frauenmorde.“

Ja, diesem kleinen österreichischen Provinzkaff Engelhartskirchen ist alles ein klein wenig anders.
Das merkt auch Anna Maria, als sie aus der Hauptstadt Wien mit ihrem Neu-Lover Hannes spontan in dessen Heimatdorf zieht.
Der Musikgeschmack ist hier retro, das Essen auch und Sonntags geht es in die (katholische) Kirche.
So weit, so das Landliebe Klischee.
Nur, warum gibt es so viele glückliche Witwen und so viele ungewöhnliche Todesfälle unter der männlichen Bevölkerung?
Die Großstädterin Anna Maria und ich als Leser*in kommen ziemlich schnell auf die Lösung des Mysteriums, schließlich lautet der doppeldeutige Buchtitel „Männer töten“.

Diese Kurzbeschreibung verspricht eine spannende Geschichte und die wahnsinns Cover- und Buchgestaltung hat meine Erwartungshaltung ziemlich hoch geschraubt. So ganz kann der Roman meinen hohen Erwartungen nicht entsprechen.
Der Plot schlingert wild, ändert seine Stimmungslage von lustig-makaber zu ernsthaft-betroffen. Das mag die erwähnte Popkultur-Poesie vom Klappentext sein, bleibt mir persönlich aber zu redundant. Der Roman lässt sich äußerst locker und schnell weglesen, aber mir mangelt es an inhaltlicher Verbindlichkeit. Viele Aspekte werden angerissen, aber letztendlich nicht weiter verfolgt.
Leider zu guter Letzt auch nicht die eigentliche Handlung, was generell bei Romanen für mich kein Muss ist, mich hier aber nicht überzeugen kann.

Männliche Gewalt, Vergewaltigungen und Frauenmorde. Männer, die bestärkt vom Patriarchat glauben, das Vorrecht und die Deutungshohheit über weibliche Körper und Lebenswege zu haben.
Das sind für mich sehr, sehr wichtige gesellschaftliche Themen, die immer noch viel zu wenig in Literatur und in der öffentlichen Diskussion aufgegriffen werden.
Alleine deswegen feiere ich Reisingers modernen und rasanten Roman, auch wenn er mich in seiner Ausarbeitung nicht wirklich überzeugen konnte. Ich denke, er wird auf jeden Fall sein Publikum finden.

Und bei einer Verfilmung werdet ihr mich sicher im Kinosaal wiederfinden.

Side fact: auf Spotify gibts die passende, gleichnamige Playlist

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Veröffentlicht am 09.08.2023

Literarisch interessant, inhaltlich etwas unverbindlich

Belohnungssystem
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Du liest diesen Beitrag vermutlich auf deinem Smartphone. Bist du viel online? Würdest du sagen, du hast deinen digitalen Konsum im Griff?
Wie überschneiden sich deine virtuellen und analogen Verbindungen ...

Du liest diesen Beitrag vermutlich auf deinem Smartphone. Bist du viel online? Würdest du sagen, du hast deinen digitalen Konsum im Griff?
Wie überschneiden sich deine virtuellen und analogen Verbindungen und Beziehungen?

Nicht nur bei mir sind diese Fragen mittlerweile Bestandteil und tägliche Überlegungen meines Leben geworden, sondern unser ganzes Zeitalter und unser Zusammenleben ist geprägt von Digitalisierung und Algorythmen.
Jem Calder hat diese Themen zum Inhalt seines ersten und bereits viel gelobten Romans gemacht.

Allein der Roman selbst spiegelt in seiner Form schon die Hyperkonnektivität (das Wort ist dem Klappentext entnommen) unserer Zeit wieder. Der Aufbau ist durchbrochen und erinnert mit seinen unabhängigen Einschüben an Kurzgeschichten. Es ist ein roter Faden erkennbar, ich sehe die bekannten Figuren im nächsten Kapitel plötzlich als Nebenfigur aus einer ganz anderen Perspektive.

Bestimmt der Kontext, wie ich von andern gesehen werden? Habe ich digital mehr Einfluß auf meine Außenwirkung?

Der britische Autor Jem Calder analysiert in seinem Text viele Aspekte, die mich im Zusammenhang mit digitalen Medien beschäfftigen. Besonders mochte ich den Abschnitt über die beiden User*innen beim Onlinedating.

„Mehrmals ging sie in Gedanken ihre Gesamtstrategie durch, die darin bestand, dem User eine hübsche, übertrieben unbeschwerte Light-Version von sich zu präsentieren; ein menschenförmiges Set attraktiver Gesten und Reaktionen, dessen Umriss sie dann später, nach und nach, mit Elementen ihrer wirklichen Persönlichkeit befüllen könnte.“

Ich fand, hier arbeitet Calder das, was ich als sein Hauptthema zu erkennen glaube, am deutlichsten heraus.
Diesen Widerspruch, dass ich online zwar schneller mit anderen Menschen in Kontakt treten kann, die Verbindungen aber letztendlich oft beliebig und unverbindlich bleiben. Ich sehe eine große Einsamkeit seiner Figuren und einen großen Wunsch nach wahrer und tiefgehender Verbindung.
Sie sind alle connected aber doch isoliert.

Ich bin gerne in diesen Roman eingetaucht und habe mich an Calders facettenreicher Erzählform erfreut. Dennoch, in einigen Abschnitten ist der Funke bei mir nicht übergesprungen. Calders Roman selbst bleibt mir zu unverbindlich, oder besser: Emotional nicht verfügbar.
Auch wenn mein eigenes Leben immens von der digitalen Welt beeinflusst wird, stehe ich doch an einem ganz anderen Punkt in meinem Leben, an dem viele der von Calders aufgegriffenen Aspekte (noch) nicht (mehr) im Vordergrund stehen.

Wäre der Roman vielleicht für dich ein Match?

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Veröffentlicht am 31.07.2023

Lesenswerter Roman über eine unkonventionelle Familie

Die Mütter
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Die Mosuo sind ein kleines chinesisches, matrilinear organisiertes Volk und nach meiner Recherche real existent.
Ihre Kultur spielt eine wesentliche Rolle im neuen Roman von Stefan Györke.
Denn hier sind ...

Die Mosuo sind ein kleines chinesisches, matrilinear organisiertes Volk und nach meiner Recherche real existent.
Ihre Kultur spielt eine wesentliche Rolle im neuen Roman von Stefan Györke.
Denn hier sind Männer und Väter nur Randfiguren, die Gesellschaftt wird von den Frauen dominiert und definiert. Die stärksten Bande gibt es unter Schwestern, die in gemeinsam in Familienbünden leben und die Kinder großziehen.

Györke transfereriert ein solches unkonventionelles Familienkonstrukt direkt ins wohlsituierte Schweizer Bürgertum. Drei Schwestern werden von einer chinesischen Nanny aus dem Volk der Mosuo großgezogen und leben später selbst in einer Lebensgemeinschaft nur aus Schwestern.
Sie bekommen Kinder von verschiedenen Männer, die aber sonst keine weitere Rolle im Leben der Frauen spielen.
Die Töchter können sich am Lebensmodel der Mütter orientieren, aber was wird aus den Söhnen? Wo finden sie Orientierung und Vorbilder?

Ich lese die Geschichte im Wechsel aus der Ich-Erzähler Perspektive von Anton, ein Sohn der Mütter, und aus auktorialler Perspektive. Das bringt Spannung und Abwechslung in den Roman und lässt mich locker über die Seiten fliegen. Ich lese ihn sehr gerne und verfolge sehr interessiert die Konsequenzen dieser ungewöhnlichen Lebensform, die auch auf mich einen großen Reiz ausübt.

„Ein generationenübergreifender, unkonventioneller Liebesroman“ blurbt Dirk Fuhrig vom Deutschlandfunk auf dem Klappentext und dem stimme ich zu.

Doch wie und wo Liebe entsteht und wie es mit dem Lebensmodel der Mütter und Schwestern (und dem Bruder) weitergeht, das empfehle ich euch selbst heraus zu finden.
Manchmal mäanderte mir die Handlung ein bißchen zu undefiniert, hier wären weniger, dafür stärker definierte Erzählthemen besser gewesen. So verwischt mir der Fokus und bleibt oben auf Unterhaltungslevel hängen. In der Story wäre noch mehr gesellschaftshinterfragendes Potential gewesen. Auch für die Figurenzeichnung hätte ich mir ein wenig mehr psychologische Ergründung gewünscht.

Oh ja, aber was für einen zufrieden stellenden Schluss Györke nach einigen unerwarteten Handlungskapriolen noch liefert.
Finde ich schon sehr nice…und auch empfehlenswert, falls ihr euch für unkonventionelle Familienformen oder auch einfach nur für einen guten Roman interessiert!

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Veröffentlicht am 11.06.2023

Luftige Geschichte vom Neuanfang und Loslassen

Wo du mich findest
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Und wieder ein Roman mit dem Cover Hype Schwimmen. Auch im Roman spielt das Wasser und das Schwimmen eine wichtige Rolle.
Nach meinem Leseverständnis steht es sinnbildlich für Loslassen und Neuanfang.

Und ...

Und wieder ein Roman mit dem Cover Hype Schwimmen. Auch im Roman spielt das Wasser und das Schwimmen eine wichtige Rolle.
Nach meinem Leseverständnis steht es sinnbildlich für Loslassen und Neuanfang.

Und einen Neuanfang braucht Sophie dringend nach zwei großen Verlusten in ihrem Leben.
Bei einem kurzen Aufenthalt auf Rügen hat sie eine sehr kurze Zufallsbegegnung mit einem Mann, der sie danach in ihrem Träumen verfolgt.
Sie richtet all ihre unerfüllten Sehnsüchte auf diesen Mann, den sie nur wenige Augenblicke getroffen hat und von dem sie nicht einmal den Namen kennt.
Natürlich merkt Sophie, dass sie massiv projeziert, sie kann und will den Trost der Träume aber nicht aufgeben.
Währenddessen zerbricht ihre Ehe, die schon länger nicht mehr lebendig war und sie beschließt nach Rügen zu fahren und den unbekannten Mann ihrer Träume ausfindig zu machen.
Die Autorin arbeitet schön heraus, dass es bei dieser Suche nicht (nur) um eine romantische Schwärmerei geht.
Sophie ist auf der Suche nach sich selbst. Durch die letzten Schicksalsschläge fühlt sie sich aus der Bahn geworfen und kann sich selbst nicht mehr finden.

Trotz dieser vielversprechenden Ansätze bleibt „Wo du mich findest“ für mich nur eine leichte Urlaubslektüre und geht mir nicht unter die Haut.
Das liegt eher weniger an den (zu) sympathisch ausgearbeiteten Figuren, als an den eingestreuten…Kalendersprüchen der Lebensweisheiten („Du musst nur an dich glaube, Sophie“), was die Lektüre leider für mich manchmal ins Triviale abrutschen lässt. Auch die Geschichte an sich habe ich so oder ähnlich schon öfter gelesen und bietet mir außer netter Unterhaltung nichts wirklich Neues. Wenn ich meine strenge feministische Messlatte anlegen würden, hätte ich sicher noch weitere Kritikpunkte.

Der Schluss ist wunderbar rund und perfektioniert mit seinen zarten Andeutungen diese luftige Geschichte vom Neuanfang und Loslassen, reicht mir aber persönlich nicht, damit ich den Roman in bleibender Erinnerung behalten werde.
Aber das muss ja auch nicht immer sein.

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Veröffentlicht am 22.05.2023

Halbgare Geschichte zwischen historischem Roman und Gesellschaftsparabel

Pompeji oder Die fünf Reden des Jowna
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Dieses Hörbuch fällt für mich in die Kategorie „Outside the box“, ich bewege mich hier nämlich außerhalb meiner üblichen Themen-Komfortzone.
Doch der Titel „Pompeji“ sprach mich einfach spontan an, da ...

Dieses Hörbuch fällt für mich in die Kategorie „Outside the box“, ich bewege mich hier nämlich außerhalb meiner üblichen Themen-Komfortzone.
Doch der Titel „Pompeji“ sprach mich einfach spontan an, da ich ein …äh…leicht voyeuristisches Vergnügen an Katastrophengeschichte habe. Wenn man sich mit diesem Roman von Eugen Ruge beschäftigt, wird allerdings schnell klar, dass man es hier natürlich nicht mit klassischer Action-Dramaturgie zu tun hat, sondern es sich um eine Gesellschaftsparabel handeln soll.

In einigen Amphoren werden Schriftrollen gefunden, auf denen die Lebensgeschichte und die Reden des Jowna, genannt Josse, aufgezeichnet wurden. So ist der Roman folgerichtig nicht in Kapitel, sondern in Amphoren unterteilt. Der Aufbau ist klassisch. Ich lese in den Aufzeichnung des praktischerweise allwissenden Erzählers von Jowna, seiner unspektakulären Kindheit in einfachen Verhältnissen und seinem politischen Erwachen. Oder vielmehr seinen ersten Schritten auf dem gesellschaftlichen Parkett und seiner ersten Rede, die eigentlich fast Zufall ist. Josse tritt dem Verein der Vogelkundler bei, die hauptsächlich philosophieren und sonst so einiges tun was der Vereinsname nahelegt, außer Vogelkunde.
Mit Gründung einer alternativen philosophischen Kommune beginnt Josses politische Karriere, in der er allerdings immer ein Spielball größerer und skrupelloserer Akteure bleibt.
Es werden Intrigen geschmiedet, Allianzen geschlossen und gelöst.
Die Anzeichen des drohende Vulkanausbruch verkommen zum reinen demagogischen Mittel, das je nach eigenem Nutzen umgedeutet wird. Es wimmelt von Samniten, Römern, Epikureern, Pythagoreern, Eumachiern, Garum und dergleichen. Jahrelanger Lateinunterricht und ein kurz zurückliegender kleiner philosophische Crashkurs helfen mir zum Glück beim Grundverständnis der verwendeten Begriffe und Denkströmungen.

Die lustigste Szene ist die Begegnung zwischen Josse und Plinius dem Älteren. Ruge arbeitet hier ziemlich amüsant heraus, wie wandelbar und der Mode unterworfen die Wissenschaft ist, die doch jede Generation für die ultima ratio hält.

Ja, Politikerinnen sind korrupt und hängen ihr Fähnlein in den Wind, bevorstehende Gefahren werden trotz Warnzeichen ignoriert und Geld, Sex und Klüngelei regieren die Welt. Klassismus, Gier und Konservatismus sorgen für den Erhalt des Status Quo.
Alles nichts neues, aber leider auch nicht so lustig und spitz paraphrasiert, dass es mir richtig Spaß macht.

Die eingestreuten Sexszenen mit den für mich peinlich-unangenehmen Formulierungen machen die Sache nicht unterhaltsamer.

Ich denke, intellektuell geschliffenere Geister mit humanistischem Background könnten durchaus ihre Freude an den Amphoren Texten finden. Ich bin jedoch ein
e Liebhaber*in von leichter zugänglicher und unterhaltsamerer Gesellschaftskritik. Für mich ist „Pompeji“ für einen Historienroman zu wenig konkret und zu doppelbödig, bietet mir aber gleichzeitig für eine Gesellschaftsparodie zu wenig Anknüpfungspunkte und Vergleichsmöglichkeiten.

So lautet mein Fazit: „Pompeji“ war für mich ein doch eher lauer Abstecher, der hinter meinen Erwartungen zurückgeblieben ist.

Wunderbar und souverän gelesen von Sprecher und Schauspieler Ulrich Noethen

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