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Veröffentlicht am 07.06.2023

Rache an einer dörflichen Ungemeinschaft.

Ich lüge bis du stirbst: Thriller
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Nach zwölf Jahren kehrt Scarlett Dyer an den Ort ihrer Kindheit und Jugend, das Küstenstädtchen St. Pit im Vale of Glamorgan zurück. Sie hat dort schreckliches erleben müssen und ist inzwischen ein anderer ...

Nach zwölf Jahren kehrt Scarlett Dyer an den Ort ihrer Kindheit und Jugend, das Küstenstädtchen St. Pit im Vale of Glamorgan zurück. Sie hat dort schreckliches erleben müssen und ist inzwischen ein anderer Mensch geworden. Ihre Veränderungen haben ihr Stärke verliehen, die sie nun dabei unterstützt Rache zu nehmen. Rache an allen, die ihr damals Unrecht getan haben.

Als Scarlett dann aufgrund eines Zufalls ihren ehemaligen Peiniger in die Rachepläne einweihen muss, beginnt sie auch diese Tatsache auszunutzen und fängt noch mehr zu manipulieren. Eine Person nach der anderen erlebt Scarletts Rachepläne. Bis sie eines Tages sogar die vermisste Drahtzieherin findet. Nun wird sehr schnell klar, dass sie auch hier ihre Rachepläne etwas anpassen muss, dann aber zu einem finalen Showdown laden kann.

Ein interessantes und spannendes Hörbuch. Zuweilen ist die Handlung etwas skurril, bzw. sie erscheint mir unlogisch: beispielsweise die lange Gefangenschaft in einem Bunker durch eine geistig eingeschränkte Person oder die Tatsache, dass die Protagonistin Scarlett Dyer überhaupt nichts von ihrer düsteren Vergangenheit an ihren Ehemann Jacob preisgegeben hat oder dass sie überhaupt keine echte Autorin ist. Überhaupt habe ich etwas lange gebraucht, um mit Scarlett warm zu werden. Aber am Ende hatte sie doch genügend Sympathiepunkte gesammelt.

Schön dargestellt ist das ländliche walisische Leben, die dörfliche Ungemeinschaft in St. Pit und das daraus resultierende Verlangen Scarletts an einer blutroten Rache. Es sind zwar zu Beginn relativ viele Charaktere, aber sie sind gut gezeichnet und man findet sich zurecht. Die Sprecherin des Hörbuchs Eva Herzig liest gekonnt und bis auf wenige Eigenheiten absolut angenehm.

Mein persönliches Highlight waren insbesondere zum Ende hin die Dialoge mit der Protagonistin. Diese weist einige Anzeichen einer Persönlichkeitsstörung auf, welche die Autorin gekonnt nutzt, um eine ordentliche Spannung aufzubauen und andere Personen im Unklaren zu lassen. Eine klare Empfehlung für alle Spannungsliebhaber, die nicht unbedingt alles logisch erklären können müssen.

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Veröffentlicht am 22.05.2023

Ein etwas anderer Blick auf Venedig.

Der freie Hund
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Antonio Morello wurde nach Venedig zwangsversetzt – angeblich zu seinem eigenen Schutz. Er hatte in seiner Heimatstadt Cefalú auf Sizilien einige Mafia-Größen innerhalb der Politik festgenommen. Gebeutelt ...

Antonio Morello wurde nach Venedig zwangsversetzt – angeblich zu seinem eigenen Schutz. Er hatte in seiner Heimatstadt Cefalú auf Sizilien einige Mafia-Größen innerhalb der Politik festgenommen. Gebeutelt von traumatischen Erlebnissen der Mafia-Racheaktionen muss sich der freie Hund nun um Gewaltverbrechen in Venedig kümmern. Und das ganz ohne ein ordentliches Team, denn die im Untergebenen haben eigentlich überhaupt keine Lust auf einen dahergelaufenen Süditaliener.

Gleich an seinem ersten Arbeitstag stellt er auf dem Weg zur Questura einen kleinen Gauner und landet dabei mitsamt seinem neuen Anzug in einem der zahlreichen Kanäle. Mit seinen eigenwilligen Methoden eckt er sehr schnell bei den Venezianern an und seine Ermittlungen werden zum Spießrutenlauf zwischen Mafiosi, Vorgesetzten und Kollegen.

Wer Antonio Morello besser verstehen möchte, muss auch verstehen, was für eine Vergangenheit er mit sich herumträgt. Dazu gehört nicht nur der jüngste erfolgreiche Schlag gegen die Mafia in seiner Heimatstadt. Auch in seiner Kindheit haben ihn so manche Dinge geprägt.

Nach dem ich schon einige der Dengler-Krimis von Wolfgang Schorlau gelesen hatte, war ich auf dieses Werk neugierig. Und ich muss sagen, ich wurde nicht enttäuscht. Die Hintergrundinformationen zum Mafia-Geschehen waren super recherchiert und würzen die fiktive Story noch einmal mit einer Extra-Portion Spannung. Ich hatte erst kürzlich Agromafia von Oliver Weiler[1] gelesen, und beide Autoren brachten identischen Background in ihre Werke ein. Beeindruckend.

Mit Antonio Morello haben die beiden Autoren einen Protagonisten erschaffen, der durchaus auch an Commissario Montalbano von Andrea Camilleri erinnert. Kein Wunder, widmen sie dieses Buch sogar dem Erfinder von Montalbano. Morello ist ebenso ein Sturkopf und er setzt seinen Willen mit ganzer Kraft durch. Nur damit genügt er seinem eigenen Verständnis von Recht und Ordnung.

Meine geheime Heldin in diesem Roman ist Anna Klotze, auch die „Kampfmaschine“ genannt. Die Polizistin aus Triest ist ebenso mysteriös wie sympathisch. Und dabei bleibt sie undurchsichtig und verrät beispielsweise in diesem Band noch nicht welches Beuteschema sie favorisiert, als sie Morello notgedrungen während der Ermittlungen einen Kuss auf den Mund drückt. Alles in allem macht dieser Band Lust auf mehr und die vielen halbgaren Blicke in die Vergangenheit und die schön gezeichneten Figuren bieten dafür auch genügend Luft. Interessant fand ich auch den nüchternen Blick auf die von Touristen überlaufene Stadt Venedig und deren Probleme. Die durchaus kritischen Worte lassen Venedig in einem ungewöhnlichen aber immer noch sympathischen Licht erscheinen. Ich bin gespannt, wie es weiter geht.

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Veröffentlicht am 30.05.2024

Schwarz und Weiß gegen Hochmut.

Sekunden der Gnade
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Mary Patricia Fennessy lebt mir ihrer Tochter Julia in Commonwealth in South Boston. Die beiden werden dort einfach nur Mary Pat und Jules genannt, und finden sich in der Gesellschaft aus größtenteils ...

Mary Patricia Fennessy lebt mir ihrer Tochter Julia in Commonwealth in South Boston. Die beiden werden dort einfach nur Mary Pat und Jules genannt, und finden sich in der Gesellschaft aus größtenteils irischer Abstammung irgendwie zurecht. Sie haben nicht viel Geld, aber zum Überleben reicht es.

Aktuell schwelt ein Konflikt zwischen der weißen und der schwarzen Bevölkerung da per richterlichem Dekret verfügt wurde, dass zukünftig mehr schwarze Schüler auf eine weiße Schule und umgekehrt gehen müssen. Diese Maßnahme soll ein probates Mittel gegen die Rassentrennung in den ärmeren Vierteln Bostons wirken. Doch weder die schwarze noch die weiße Bevölkerung heißt das Vorgehen gut und ein heftiger Konflikt ist vorprogrammiert.

Als dann eines Tages Jules abends nicht mehr nach Hause kommt, bricht für Mary Pat, die bereits ihren ersten Mann und ihren Sohn verloren hat, eine Welt zusammen. Verzweifelt macht sie sich auf die Suche nach ihrer Tochter.

„»Ich meine, hast du nicht manchmal das Gefühl, etwas sollte so und so sein, aber es ist anders? Und du weißt nicht, wie es sein soll, weil du nie etwas anderes gekannt hast als das, was du siehst? Und was du siehst, na ja« –, sie winkt zur Old Colony Avenue hin, »ist das hier?« Sie schaut ihre Mutter an und weicht ihr auf dem unebenen Boden etwas aus, damit sie nicht zusammenstoßen. »Man weiß es aber.« – »Was weiß man?« – »Dass wir dafür nicht gemacht sind.« Jules tippt sich an die Mulde zwischen ihren Brüsten. »Hier drin.«“ (S. 26)

Den neuen Roman von Dennis Lehane habe ich mir vorgenommen, weil mich sein erster Fall von Kenzie und Gennaro begeistert hat. Auch in „Sekunden der Gnade“ spielt die Handlung in der Heimatregion des Autors nahe Dorchester im Süden Bostons. Banden und Drogen beherrschen Stadtviertel und der Konflikt zwischen Schwarz und Weiß schwelt.

Dennis Lehane nimmt kein Blatt vor den Mund, wenn es um eine authentische Sprache und eine authentische Darstellung der Herausforderungen dieser Zeit geht. Er verwendet Schimpfwörter, hin und wieder werden Zähne ausgeschlagen die vermeintlichen Unterschiede der einzelnen Gesellschaftsschichten werden sehr hart und emotionslos beschrieben. Was auf der einen Seite die gesamte Geschichte lebendig erscheinen lässt, macht einem als Leser durchaus auch zu schaffen. Wer sich mit dem Rassenkonflikt aus der Zeit um 1975 beschäftigen möchte, findet hier aber eine spannende, teilweise autobiographische und sprachlich schön geschriebene Geschichte.

Mir persönlich hat insbesondere der Schluss der Handlung nicht gefallen. Er skizziert ein wahnsinnig düsteres Bild und hat mich emotional runtergezogen. Nicht meine bevorzugte Art ein Buch zur Seite zu legen. Überrascht war ich, wie sehr mich die letzten Zeilen dieses Romans berührt haben. Sie haben mir deutlich vor Augen geführt, dass auf dieser Welt jeder sein Päckchen zu tragen hat. Diese Päckchen sind aber sehr unterschiedlich groß und ich kann mich glücklich schätzen, dass meine eigenen eher klein sind.

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Veröffentlicht am 28.05.2023

Mittelmäßiges Endzeitszenario

°C – Celsius
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Mehrere unbekannte Flugobjekte tauchen über dem chinesischen Luftraum mit Kurs auf Taiwan auf. Die westliche Welt gerät sehr schnell in Aufruhr. Ist das ein Angriff? Sehr schnell wird eine Klima-Wissenschaftlerin ...

Mehrere unbekannte Flugobjekte tauchen über dem chinesischen Luftraum mit Kurs auf Taiwan auf. Die westliche Welt gerät sehr schnell in Aufruhr. Ist das ein Angriff? Sehr schnell wird eine Klima-Wissenschaftlerin der Uno eingebunden und sie erklärte, dass es sich um unbemannte Flugobjekte handelt, die helfen können, das Klima zu beeinflussen.

Gleichzeitig wurde die Weltpresse nach China auf den Mount Everest eingeladen. Ihnen wird das neue chinesische Programm zur kontrollierten Absenkung der weltweiten Durchschnittstemperatur vorgestellt. Gepaart mit dem Vorwurf an die westlichen Nationen ihre Pflichten im Klimaschutz in den letzten Jahrzehnten sträflich vernachlässigt zu haben.

Die ganze Welt ist plötzlich sensibilisiert und versucht die chinesischen Schritte in Richtung Geoengineering zu verstehen. Es gibt weltweit die unterschiedlichsten Reaktionen: von Widerstand bis Zuspruch ist alles dabei.

Celsius ist ein weiters Endzeitszenario von Marc Elsberg. Ein paar seiner Werke habe ich bereits gelesen und ich habe mich auch auf dieses Buch sehr gefreut. Marc Elsberg schreibt wie immer spannend und seine Charaktere gehen sehr schnell ins Leserblut über. Ein bisschen habe ich mich an den extrem kurzen Kapiteln gestört, die doch viele leere (Teil-)Seiten im Buch verursacht haben. Irgendwie ist das skurril, wenn man zwischen den Zeilen zum Klimaschutz mahnt.

Das Buch unterhält gut und auch das Thema ist meiner Ansicht exzellent recherchiert. Superspannend fand ich die kleinen Provokationen zwischen den Zeilen: China als die Supermacht, welche die Welt zum Klimaschutz auffordert oder ein Professor das Aufforsten als aktives Geoengineering darstellt. Das hat richtig Spaß gemacht. Nicht gefallen haben mir die beiden Szenarien, die in den späteren Teilen ausgeführt wurden und deren Kontingenz. Irgendwie war ich das Buch am Ende leid. Vielleicht geht es einfach nicht anders. Der Ausgang des Klimawandels ist nicht vorherzusagen. Das war bei einem weltweiten Stromausfall schon einfacher. Schade ist es trotzdem.

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Veröffentlicht am 14.05.2023

Eiskalte Engel auf einer griechischen Insel.

One of the Girls
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Lexi feiert ihren Junggesellinnenabschied in Griechenland. Sie und ihre Freundinnen haben ein Haus auf einer kleinen Insel für sich allein. Traumhafte Lage, ein direkter Fußweg zum Strand, keine Zivilisation ...

Lexi feiert ihren Junggesellinnenabschied in Griechenland. Sie und ihre Freundinnen haben ein Haus auf einer kleinen Insel für sich allein. Traumhafte Lage, ein direkter Fußweg zum Strand, keine Zivilisation weit und breit. Selbst für den Handyempfang muss man sich auf den Gipfel eines Berges bewegen.

Die zukünftige Braut Lexi hatte sich eigentlich eher was kleines Gemütliches vorgestellt. Aber was kann man schon dagegen tun, wenn die beste Freundin und Trauzeugin die Hen Party plant. Schon am ersten Tag kommen Überraschungen auf die Mädels zu. Geheimnisse werden offenbart und gleichzeitig lernen wir mehr und mehr über die einzelnen Vergangenheiten.

Sechs junge Frauen, jede mit eigenen Gefühlen, eigenen Träumen, eigenen Baustellen und möglicherweise Motiven die einem zu Beginn verborgen sind. Vieles wirkt inszeniert, und auch die zukünftige Braut Lexi lernt viel dazu.

„»Es ist befreiend, etwas für sich selbst zu tun, Robyn. Nicht für die anderen. Nicht für irgendein Publikum – egal ob es zahlende Zuschauer sind, wie bei einer Tanzvorführung, oder deine Familienmitglieder, deine Freunde oder die ganze Gesellschaft, für die du performst.«“ (S. 292)

An verschiedenen Stellen wird One Of The Girls als Thriller gehypt. So bin auch ich über eine Leserunde auf diesen Roman aufmerksam geworden, welche mit dem Satz „Wenn aus einem Kurzurlaub zum Junggesellinnenabschied ein Thriller wird!“ eingeleitet wurde. Ich persönlich wurde genau deshalb enttäuscht:

Der gesamte Roman erwirtschaftet seine Spannung in den ersten zwei Drittel durch subtile Andeutungen in den Zwischensequenzen einzelner Kapitel. Von Beginn an wird dem Leser vorgehalten, dass am Ende jemand sterben wird, dass ein Mörder unter den Mädels ist und alles ganz schlimm wird. Leider macht mich dieser Stil eher mürbe und ich dachte mir die ersten zwei Drittel: na, wann passiert denn endlich was? Bei mir erzeugt das erzwungene Nichtwissen leider kaum Spannung. Viele Mitleserinnen haben jedoch genau diesen Stil der Autorin geliebt. Es funktioniert also offensichtlich bei anderen. Am Ende kommt es dann zum Showdown, der meines Erachtens stark übertrieben ist. Aber gut, irgendwann muss man die ganzen Ankündigungen doch wahr werden lassen.

Alles in allem möchte ich aber nicht nur schlecht über dieses Buch reden: mir gefällt sehr gut, wie nach und nach die Vergangenheit der Protagonistinnen aufgearbeitet wurde. Jedes Kapitel ist einem der sechs Mädels gewidmet. Auch lässt der Schreibstil nichts zu wünschen übrig. Man kann es flüssig lesen. Held des Romans ist und bleibt für mich weiterhin Robyn. So viel Sympathie habe ich in den letzten Büchern keiner Figur entgegengebracht. Das Buch ist speziell, definitiv kein Thriller, aber es ist auch nicht schlecht.

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