Man darf sich nicht vom Äußeren abschrecken lassen:
Diesem schlecht abgescannten, falsch skalierten und mit einem ausdruckslosen Cover versehen Reprint liegt ein mehrere Jahrzehnte altes Original zugrunde, ...
Man darf sich nicht vom Äußeren abschrecken lassen:
Diesem schlecht abgescannten, falsch skalierten und mit einem ausdruckslosen Cover versehen Reprint liegt ein mehrere Jahrzehnte altes Original zugrunde, was einst liebevoll farbig gestaltet war.
Geblieben ist der Inhalt, eine leichte, liebevolle und ganz ohne Männerhass geschriebenen fiktive Biografie der Geliebten und Partnerin von Sokrates, jenes großen griechischen Philosophen, dessen Werk nur über die Aufzeichnungen seines Schülers Platon bekannt wurde.
Maria Regina Kaiser flechtet in die Erzählung historische Hintergründe des alten Griechenlands ein, uneitel und leichtfüßig. Ein großartiges Werk!
Ein Buch, wie Schwanken auf dem Meer. Oder noch besser: wie Beine aus Gummi, wenn man nach einem Tag auf dem Ruderboot oder einer Segeljolle, nachdem man sich an das Auf und Ab des Wellengangs gewöhnt ...
Ein Buch, wie Schwanken auf dem Meer. Oder noch besser: wie Beine aus Gummi, wenn man nach einem Tag auf dem Ruderboot oder einer Segeljolle, nachdem man sich an das Auf und Ab des Wellengangs gewöhnt hat, wieder festen Boden betritt und glaubt, den Halt zu verlieren.
Der Autor war Großteil seines Lebens Theatermann und Pfarrer in Personalunion, wobei eines das andere bedingt, durchdringt und beeinflusst. Gleich eingangs auf den ersten Seiten irritiert eine mittelalterlich anmutende Sprache, die einem so merkwürdig vertraut vorkommt. Richtig: die Lutherbibel, für viele Leser längst vergessen, und doch seit Kindesbeinen ins Blut übergegangen, diese Mischung aus sächsischer Kanzleisprache, aus der unser Hochdeutsch entstand, und Deftigem, dem Volke aufs Maul geschaut. "Er zwang die Wellen, dass sie brüllten" (Seite 30) nur ein Beispiel für die Sprachgewalt Dieter Liebigs.
Während es am Anfang ganz einfach losgeht und junge Blogger wohl schon mit "das fixt mich nicht an" auf Seite 1 qua Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom nach der Wegklick- bzw. Wegwischtaste greifen, fühlt man sich als Leser plötzlich beobachtet, ermahnt von Erzähler hinter der Erzählerfigur, ob man denn auch aufmerksam dem Vorgetragenen lausche: ein Trick, den sowohl Pfaffen als auch versierte Universitätsprofessoren an der Kanzel beherrschen, um das Auditorium in Schach zu halten. Auch hier zeigt sich die große Erfahrung des Autors.
Aber worum geht es überhaupt? Gut, das geht ein einfacher Mann zum Begräbnis einer entfernten Verwandten, bezahlt den Leichenschmaus und schaut des Abends noch einmal rein ins Haus der ärmlichen Verblichenen. Eigentlich nichts von Wert dort in dem einsamen Krempel. Höchstens ein Brieföffner, geschärft zum Öffnen eingehender Post, die sich nach etwas Kramen dann auch findet. Mit Schleifchen verschnürte Papierbündel, belangloser Text auf den ersten Blick. Und eine ungeöffnete Flaschenpost, dort auf der Anrichte.
Die Buddel, denn sie nicht willig, wird aus Übermut zerschlagen, und schon befindet sich der Erbe auf einem Sklavenschiff, vom grausamen Holländermichel mit dem Ochsenziemer ausgepeitscht, im ewigen Ritt über die Weltmeere. Briefe dürfen sie schreiben, die Galeerenhäftlinge. Und am Ruder sitzt ein Kunstmaler: "Als ob er dahin verbannt worden wäre, um niemals Licht in seine Bilder bringen zu können. Wenn uns Muße an Deck verordnet worden war, ließ er die Bilder in die See gleiten." (Seite 33)
Ins Meer hinaus als Flaschenpost müssen auch all jene Briefe, die von den Verdammten verfasst müssen, seien es nun Liebesbriefe oder Gedichte oder Traktate. Die Adressen sind wohl notiert. Doch ob sie jemals die Empfänger erreichen? Die entfernte Verwandte jenes Erbens, den nun zum Kap der Guten Hoffnung fährt, scheint die ihr gedachten Briefe zumindest erhalten zu haben.
Die Schwarze Galeere, ein Totenschiff wie bei Wilhelm Hauff oder Heinrich Heine oder Richard Wagners romantische Oper in drei Aufzügen? Es ist ein Parforceritt durch die der Eroberung der Meere, durch die Literatur- und Geistesgeschichte der Menschheit, den Grausamkeiten der Kolonisation und der Kriege, auf die uns Dieter Liebig hier mitnimmt. Und wenn wir nicht wissen, warum er uns Leser hier als Ruderknechte einspannt, dann werden uns mal eben ein paar deftige Bibelzitate um die Ohren gehauen. Wir sind nun mal alle arge Sünder.
Doch wer glaubt, dies sei brav-christliche Bekehrungsliteratur nach dem Motto "Wenn man die auf die eine Wange schlägt, dann halte auch die andere hin", der wird durch folgende Textpassagen eines anderen belehrt, rutscht auf den Planken aus und verliert wieder einmal festen Boden unter den Füßen: "Als es auf die Geisterstunde zuging, war ich mit meinen Gedanken über den Menschen zu Ende gekommen. Der arme Mensch würde sich auch in Zukunft glücklich preisen, wenn er einige Patronen besitzen würde, mit denen er sich gegen seinen Nächsten zur Wehr setzen könnte." (Seite 197)
Mit den Weibern hat es unser Held auf seinem Wogenritt natürlich auch zu tun, in Hafenschänken und Bordellen und auf hoher See: "Gegen die Hexen half nur einer, der gute Geist des Schiffes, der Klabautermann, der die ganze Zeit ungesehen, aber hörbar auf dem Schiff unterwegs war, um verschobene Ladung zu richten oder durch Kratzen und Schaben an der Bordwand ..." (Seite 218)
Und dann gibt es noch Damen, wie jene Holländerin, die bei der letzten Reise am Ende des Buches nicht freiwillig zugegen ist. Bevor auch sie das Schicksal trifft, wird auf den Schlachtfeldern des Ersten Weltkriegs offenbart, worauf der Buchtitel wirklich anspielt: "Wenn man von hier aufbricht, nimmt man die gute Hoffnung mit, wieder lebend anzulangen. Das Kap der Guten Hoffnung ist der Angelpunkt von Verdun." (Seite 247)
Wobei der Autor nicht in Zynismus oder Misanthropie abgleitet, sondern – und dies macht auch seinen Stil aus – die Menschen so nimmt, wie sie nur einmal sind mit all ihre Licht- und Schattenseiten, wenn er als Kriegserlaubnis auch dies schreibt: "Wie viele Menschen mag diese Hölle verschlungen haben. Wir fuhren stundenlang unter blühenden Bäumen dahin, bis es dem Vizewachtmeister zu bunt wurde Er ließ Wagen und Geschütze mit Blütenzweigen schmücken und sagte dann: ‘Jetzt sehen wir tatsächlich aus wie ein Zug aus Dantes Inferno.’" (Seite 251)
Doch das wirkliche Inferno, das ereignet sich erst im weiten Weltkrieg. Ein schlesisches Kaff namens Kohlfurt, auf dem Eisenbahnzüge ankommen und abfahren. Der Fliegende Holländer, das Galeerenschiff, scheint Räder bekommen zu haben, unser Held wird Rangierer. "Wie das Wasser so in die Lok lief, brüllte es aus den Waggons des Sonderzuges: ‘Wasser.’ Erst da bemerkte ich, dass sich in den Waggons bis aufs Äußerste gepeinigte Menschen befinden mussten." (Seite 298) Unter denen befindest sich auch die erwähnte Holländerin, vom Lager Westerbork nach Auschwitz auf ihrer allerletzten Reise.
Und doch, Dieter Liebigs Roman hat einen Grundton, der nicht anklagend ist und nicht wehleidig. Auf der Seereise, zu der er uns mitnimmt, zeigt er die Höhen und Tiefen der menschlichen Natur, der Kultur- und Philosophiegeschichte, der Eroberung der Welt und ihre Beinahe-Zerstörung in einem fast heiteren Ton. Hat der Leser die letzte Seite zugeschlagen und geht er von Bord, so schwingen die Weller der Ozeane in ihm nach, geht er mit leichter Schlagseite wie ein Seemann nach feuchtfröhlichem Verlassen einer Hafenbar.
Tom Wolfes Thriller beginnt mit der Beschreibung des muskulären Rückens unseres Helden, "A Man in Full" der Buchtitel der US-amerikanischen Erstausgabe.
Wenn ein Thriller so beginnt, dann es eigentlich ...
Tom Wolfes Thriller beginnt mit der Beschreibung des muskulären Rückens unseres Helden, "A Man in Full" der Buchtitel der US-amerikanischen Erstausgabe.
Wenn ein Thriller so beginnt, dann es eigentlich bergab gehen mit dem Helden. Doch wie tief hinab, das versetzt dem Leser in erstaunen. Und so beginnt man, mit diesem neureichen Ekel von Menschen mitzuleiden und mit ihm zu hoffen, dass ihm all jene schmutzigen Tricks, die ihm einst zu Reichtum verholfen haben, auch in der Hölle einer brutalen Gefängniswelt helfen.
Es war Tom Wolfes zweiter Roman nach seinem Weltbestseller "Fegefeuer der Eitelkeiten" und er nahm in seinem Leben viel Prise entgegen. Seine politische Haltung kann im besten Sinne als linksliberal gekennzeichnet werden. Er war und blieb ein Aufklärer, der seine Finger auf die Wunden der Gesellschaft legte - stets unterhaltsam, nie Mitleid heischend und gerade deshalb so beliebt.
Den belgischen Autor kennt man hierzulande eigentlich nur durch seine oft verfilmten Krimis mit dem grummeligen Kommissar Maigret, der auf eigenwillige Weise seine Fälle löst, stur und unnahbar, jedoch ...
Den belgischen Autor kennt man hierzulande eigentlich nur durch seine oft verfilmten Krimis mit dem grummeligen Kommissar Maigret, der auf eigenwillige Weise seine Fälle löst, stur und unnahbar, jedoch derart unterhaltsam vom Autor beschrieben, dass es sogar für die breite Masse ein absolutes Lesevergnügen.
Vor wenige Jahren hatte der schweizerische Kampa-Verlag die Rechte am Gesamtwerk George Simenons übernommen und seinen 1948 geschriebenen und erstmals in den 70-er Jahren in Deutschland herausgebrachten Roman "Der Schnee war schmutzig" neu aufgelegt.
Es handelt sich nicht um einen Krimi, sondern um eine Kriegsroman, um die Verrohung ganz normaler Menschen in Zeiten, wo das Militär die Straßen beherrscht. Vermutlich spielt Simenon damit auf die Zeit der Besetzung Belgiens durch deutsche Truppen während des Zweiten Weltkriegs an - wobei er seine belgischen Landsleute nicht sämtlich als Engel darstellt, sondern das Abgleiten einiger von ihnen in die Kriminalität schildert, sicherlich damals kurz nach dem Zweiten Weltkrieg nicht sonderlich populär, sah sich doch fast jeder in Europa damals als Opfer dar, egal welcher Nation er angehörte.
Daniel Kehlmann wurde 2018 vom Verlag um ein Vorwort gebeten. Er gibt vollkommen unvoreingenommen an das Werk heran, hatte nach eigener Aussage niemals zuvor ein Buch George Simenons in der Hand gehabt. Sein Text ist eine gute Einführung in das Werk, lesenswert - zumal Kehlmann mit "Till" einen Roman schrieb, der zur Zeit des DreißigjährigenAuch Krieges spielt, bei dem die Hälfte der Menschen Europas starben.
Hochaktuell Simenons "Der Schnee war schmutzig" jetzt in 2022. Auch der Ukraine betrifft mehr und mehr die Zivilbevölkerung. Nicht alle werden als brave Engel darauf reagieren. Krieg führt zur Verrohung der Menschen. Wie dies ganz unmerklich geschieht, ist im Roman von 1948 eindrücklich geschildert.