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Veröffentlicht am 28.08.2017

Zelle 7

Marthas Widerstand
1

In einem England, in dem Gerichte, Richter und Beweismittelaufnahme abgeschafft wurden, werden alle Mörder per Telefonvoting verurteilt. Sieben Tage lang kommen sie jeden Tag in immer kleinere Einzelzellen, ...

In einem England, in dem Gerichte, Richter und Beweismittelaufnahme abgeschafft wurden, werden alle Mörder per Telefonvoting verurteilt. Sieben Tage lang kommen sie jeden Tag in immer kleinere Einzelzellen, während "das Volk" entscheiden kann, ob sie schuldig oder nicht schuldig sind. Maßgeblich beeinflusst und manipuliert werden sie durch die Sendung Death Is Justice, die in einem reißerischen Format die mutmaßlichen Täter präsentiert und die Leute aufhetzt. Die Popularität der Sendung steigt noch einmal an, als Martha festgenommen wird - ein sechzehnjähriges Mädchen, das gestanden hat, Jackson Paige, den Volkshelden, umgebracht zu haben. Doch ist sie wirklich eine Mörderin? Und falls nicht - interessiert das überhaupt jemanden?

Was dieses Buch so absolut gänsehauterzeugend werden lässt, ist seine absolute Authenzität. Wie bitte, werden sich jetzt viele empören. So was kann NIE geschehen! Da frage ich: Wirklich? In einer Welt, in der ein Mann zum mächtigsten eines Staates gewählt wird, der mit alternativen Fakten (in einem anderen Universum würde man dazu Lügen sagen) aufwartet, in der die Manipulation durch die Medien höher ist denn je, in so einer Welt sollte so was nie geschehen können? Nicht authentisch sein? Doch, denke ich. Jetzt eher denn je. Das ist es, was dieses Buch so intensiv macht, der hervorragende Aufbau beim Wechsel zwischen den Perspektiven von Martha, ihrer psychologischen Betreuerin, der Sendung, wenn man die Bemerkungen der Zuschauer hört, die genauso auch von Facebookkommentaren stammen könnten, die Boshaftigkeit von Leuten, die sich rechtschaffen fühlen, es aber nicht sind. Einen Abzug in der Kür gibt es leider, weil der Schluss tatsächlich unglaubwürdig und ein bisschen unlogisch ist, aber um ehrlich zu sein, ich kann es kaum erwarten, dass der zweite Teil der Reihe herauskommt. Es hat wirklich großes Potenzial, diese Story.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Atmosphäre
  • Originalität
  • Spannung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 24.08.2017

Nur eine Armlänge entfernt

Der Mann zwischen den Wänden
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Die neunjährige Alva ist todunglücklich. Ihre Mutter hat sich von ihrem Vater getrennt und ist mit ihr und ihren beiden Schwestern in die Stadt gezogen, und das ausgerechnet in ein altes Haus mit 32 Mietparteien. ...

Die neunjährige Alva ist todunglücklich. Ihre Mutter hat sich von ihrem Vater getrennt und ist mit ihr und ihren beiden Schwestern in die Stadt gezogen, und das ausgerechnet in ein altes Haus mit 32 Mietparteien. Weder hier noch in der neuen Schule noch in der neuen Stadt kennt sie irgendjemanden, und das will sie auch nicht. Alva zieht sich zurück, und das Einzige, was sie wirklich interessiert, ist ihr großes Buch des Okkulten. Eines Tages verschwindet eine Nachbarin spurlos - nur um zwei Wochen später unvermittelt tod und halb verwest in ihrer eigenen Wohnung wieder aufzutauchen. Die Polizei glaubt natürlich, der Ehemann war es, doch Alva findet etwas - und jemanden - anders. Jemanden, bei dem sie zum ersten Mal in ihrem Leben rückhaltlose Anerkennung findet. Und was macht ein Mord oder auch zwei aus unter Freunden?

Ich glaube, wer dieses Buch liest, wird sich in seiner eigenen Wohnung nie wieder perfekt sicher fühlen. Das Grauen schleicht sich immer wieder kurz und langsam ein, erst die Gänsehaut auf den Armen zeigt, wie unheimlich wieder einmal eine Stelle in diesem Buch gewirkt hat. Es ist nicht jedermanns Sache - wer Haudraufhorror aka Stephen King erwartet, wird enttäuscht werden. Wer keine Empathie für einsame Kinder und vernachlässigte Menschen aufbringen kann, wem der Mord an Tieren mehr Schmerzen bereitet als an Menschen, der ist bei diesem Buch völlig falsch. Auch andere können sich fragen, ob das wirklich alles so möglich ist (meiner Meinung nach nicht), aber diese immer mehr in den Abgrund böser Taten getriebenen Hauptpersonen fesseln wirklich, obwohl man sie ab einem bestimmten Zeitpunkt nur noch verabscheuenswürdig findet. Ein ungewöhnliches Buch, das sogar einen Nachfolger vertragen könnte.

Veröffentlicht am 05.08.2017

Wie man sich einen reichen Junggesellen angelt

Stolz und Vorurteil
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Die Familie Bennett gehört zum (relativ) armen Landadel mit (relativ) wenig Einfluss. Leider existieren nur fünf Töchter - leider deshalb, weil zum Ende des 18. und Beginn des 19. Jahrhunderts jeder Besitz ...

Die Familie Bennett gehört zum (relativ) armen Landadel mit (relativ) wenig Einfluss. Leider existieren nur fünf Töchter - leider deshalb, weil zum Ende des 18. und Beginn des 19. Jahrhunderts jeder Besitz an einen männlichen Erben fällt. Da können Töchter noch so schön, gebildet und wohlerzogen sein, sie können sich nur auf einen Bruchteil des Erbes verlassen. Deshalb ist es für Mrs Bennett des Wichtigste auf der Welt, dass sie ihre Töchter so "gewinnbringend" wie möglich an reiche, wenn möglich adlige Junggesellen verheiratet. Schwierig, da das alle Mütter versuchen und vor allem, weil die Standesunterschiede jede Rolle spielen, es sei denn, man stünde bereits so hoch, dass man das ignorieren kann. Als ein junger, reicher Herr namens Bingley in der Nachbarschaft einzieht, der gleich ein Auge auf Jane, die älteste Tochter, wirft, scheint Anlass zur Hoffnung zu bestehen. Doch sein noch reicherer Freund Darcy tut scheinbar alles, um diese Verbindung zu verhindern, und sein Standesdünkel verdirbt noch einiges andere. Elizabeth, zweitälteste Tochter der Bennetts, und Darcy müssen sich oft aneinander reiben, um zu erkennen, was wirklich wichtig ist.

Dieses Buch von Jane Austen hat mir besser gefallen als Verstand und Gefühl - vielleicht, weil Letzteres dieses Mal nicht so übertrieben war. Austen hat wohl eine Vorliebe dafür, zwei Schwestern des Landadels zu beleuchten, hier hat für mich einfach der Charakter der beiden besser gepasst. Wo Marianne einfach nur ein nerviges Gör war, war Elizabeth mutig, schlagfertig und gewitzt - dass diese Frau einen Mann erobert, kann ich mir weitaus besser vorstellen. Jane hatte mir ein wenig zu viel Ähnlichkeit zu Elinor, wobei die ja nicht unsympathisch ist. Vielleicht sollte man die Bücher nicht zu sehr vergleichen, aber es drängt sich auf, wenn man sie hintereinander ließt. Interessant sind auch die immerwährenden Verwicklungen und Intrigen, die geschmiedet werden, aber auch da lassen sich große Ähnlichkeiten und Parallelen ziehen. Für mich ist Stolz und Vorurteil daher einfach nur eine bessere Version von Verstand und Gefühl, nur mit größerem Lesegenuss und witzigeren/sympathischeren ProtagonistInnen.

Veröffentlicht am 30.07.2017

Warum Theseus ein Held und Idiot war

Der magische Faden
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Markus (13), Lukas (11) und Jannie (8) leben seit dem Verschwinden ihres Vaters allein mit ihrer Mutter. Ihr Vater war Archäologe und vor seinem Verschwinden in Griechenland. Fünf Jahre lang haben sie ...

Markus (13), Lukas (11) und Jannie (8) leben seit dem Verschwinden ihres Vaters allein mit ihrer Mutter. Ihr Vater war Archäologe und vor seinem Verschwinden in Griechenland. Fünf Jahre lang haben sie nichts mehr von ihm gehört - und plötzlich kommt ein Päckchen von ihm. In ihm befindet sich ein schwarzer Faden, zu einem Wollknäuel zusammengerollt. Als Markus ihn berührt, passiert etwas Seltsames, unter anderem leuchtet ihr Haus eine ganze Nacht lang blau. Markus, seine Geschwister und das neue Mädchen aus seiner Klasse, Aster, kommen einer Riesensache auf die Spur, und das Labyrinth des Minotaurus ist nur eines davon.

Ziemlich cool fand ich, dass Markus, seine Geschwister und auch Aster keine supercoolen Kids waren. Jeder von denen hatte authentische Züge, die auch jeden von uns in dem Alter ziemlich genervt hätten/haben. Markus neigt dazu, loszuheulen, sein Bruder prügelt erst und fragt später, und die kleine Schwester ist hochintelligent, spricht aber nicht. Und Aster hat auch eigene Probleme, die man höchstens seinen Feinden wünscht. Dass darin dann auch noch ganz nebenbei ein paar interessante griechische Mythologien zur Sprache gebracht werden und dass Freundschaft einen hohen Stellenwert einnimmt, macht das Ganze spannender. Manche Ausdrücke oder Sachen haben mich ein wenig genervt, dürften auf Kinder aber wahrscheinlich lustig wirken, ansonsten ist das ein kurzweiliger Spaß auch für Leute, die vielleicht nicht gern dicke Wälzer lesen, sich aber gern gut unterhalten lassen wollen.

Veröffentlicht am 28.07.2017

Ein nicht ganz gewöhnlicher Mörder

Das Eulenhaus
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Ins Eulenhaus zu Lady Angkatell kommen sie gern: ihre Cousinen und Cousins, Neffen, Nichten, Verwandte. Sie ist zwar äußerst skurril, die gute Lady, aber so charmant, dass man ihr auch die taktlosesten ...

Ins Eulenhaus zu Lady Angkatell kommen sie gern: ihre Cousinen und Cousins, Neffen, Nichten, Verwandte. Sie ist zwar äußerst skurril, die gute Lady, aber so charmant, dass man ihr auch die taktlosesten Bemerkungen mit einem Lächeln verzeiht. Aber dieses Mal hat sie wohl nicht nur den Takt, sondern auch den Sinn für die richtige Mischung ihrer Gäste verloren, denn wie sonst ist es zu erklären, dass ausgerechnet der beliebte Dr. Christow ermordet wird? Wobei die Tat klar zu sein scheint - man hat seine etwas unscheinbare, naive und in Denkprozessen etwas langsame Frau mit einem Revolver in der Hand über den sterbenden Mann gefunden. Einfach aufzuklären, denkt Inspector Grange, doch dann ist da noch Hercule Poirot, und er weiß eines: Wenn alles aussieht wie bei einem Theaterstück inszeniert, so ist es das in der Regel auch.

Immer, wenn ich ein Buch von Agatha Christie lese, bin ich überrascht, wie modern mir diese vorkommen. Gut, niemand zieht ein Smartphone aus der Tasche und macht ein Selfie von sich und der Leiche, aber die Handlungen und Taten könnte man problemlos in die heutige Zeit übertragen. Und das ist auch die große Stärke der Autorin, denke ich. Sie schafft Protagonisten, die einen hautnah heranlassen, ob man sie jetzt mag oder nicht. Das Eulenhaus oder The Hollow, wie es eigentlich heißt, ist nicht einmal eines ihrer besten Bücher, und doch blitzt allein im Aufbau und Logik dieses Falles eine Genialität auf, von denen viele heutige Krimiautoren nur träumen können. Während ich bei den meisten Krimis sehr schnell auf Mörder und Motiv komme, so bin ich mir bei A. C. bestenfalls "sicher", auf der richtigen Spur zu sein. Und deshalb verzeihe ich ihr auch gern die gelegentlichen Längen, zu denen sie sich hinreißen lässt und werde immer wieder zu einem ihrer Bücher greifen.