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Veröffentlicht am 23.02.2026

Beklemmende Dystopie

Ich, die ich Männer nicht kannte
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Meine Erwartungen an dieses Buch sind voll erfüllt worden: eine beklemmende Zukunftsdystopie à la „Report der Magd“, die sich dennoch durch einen eigenen Charakter davon absetzt. „Ich, die ich ...

Meine Erwartungen an dieses Buch sind voll erfüllt worden: eine beklemmende Zukunftsdystopie à la „Report der Magd“, die sich dennoch durch einen eigenen Charakter davon absetzt. „Ich, die ich Männer nicht kannte“ hat mich atemlos und einem leichten Schauer zurückgelassen und war sehr lesenswert.

Inhaltlich geht es darum, dass 40 Frauen in einem Kellergewölbe gefangen gehalten werden und sie weder wissen, wie sie dort hingekommen sind, noch wo sie sich genau befinden oder wie die Gesellschaft in der Außenwelt aussieht. Einzig die Erzählerin, die vermutlich durch ein Versehen als Kind mit den Frauen gefangen genommen wurde, kennt keine andere Welt als die im Kellergewölbe und ihr sind die Erinnerungen der andere Frauen fremd. Als durch einen mysteriösen Zwischenfall ein Alarm ausgelöst wird und die Bewacher der Frauen verschwinden, gelingt es den Frauen aus dem Keller zu entkommen, doch die Welt, die sie draußen vorfinden, ist leer und wie von einem anderem Planeten. Jahrelang ziehen sie umher, um zu erfahren, wo sie sich befinden und was passiert ist, doch alles bleibt ein unbefriedigendes Rätsel, bis zuletzt nur die Erzählerin auf der Suche nach Gemeinschaft und Zivilisation zurückbleibt - ein Ziel, das sie weiterhin verfolgt, obwohl sie weder Männer noch andere Formen der Gesellschaft je kannte.

Thematisch befasst sich der Roman wie erwähnt mit gesellschaftlichen und kulturellen Fragen unter einer feministischen Perspektive. Es geht u.a. um Sexualität und Kulturgenese und erinnert stark an einen Bildungsroman. Von umherstreifenden Nomaden werden die Frauen zu einer sesshaften Gemeinde und beginnen sich wieder mehr für nicht existenzielle Dinge wie Mode, Sprache und Spiel zu interessieren. Im Großen und Ganzen ist der Roman die Geschichte einer weiblichen Emanzipation.
Da lediglich in der ersten Person erzählt wird, lernen die LeserInnen aber nur die eingeschränkte Sicht der namenlosen Protagonistin kennen, was sie einem sehr nah bringt, zugleich aber von Anfang an viele Leerstellen lässt. Dadurch wird der Roman sehr mysteriös und spannend, weil so viele Fragen unbeantwortet bleiben und man ständig versucht, sich einen Reim auf die Ereignisse zu machen. Zusätzliche Spannung kommt dadurch auf, dass die Erzählerin zurückblickend auf die Geschichte schaut und viele Andeutungen macht, die man auch aufgeklärt haben möchte.
Gegliedert ist der Roman in drei Teile, vergleichbar mit Exposition, Hauptteil und Schluss wie in einem Drama. Im ersten Teil wird das Leben der Gefangenen im Keller beschrieben, der zweite Teil handelt von ihrem Leben in der fremden Außenwelt, die aufgrund der begrenzten Möglichkeiten und dem Fehlen von menschlicher Zivilisation jedoch einem zweiten Gefängnis gleicht. Im finalen Teil ist dann die Erzählerin nach dem Tod aller anderen Frauen auf sich allein gestellt und sucht weiterhin nach dem Sinn ihrer Existenz. Obwohl sie keine Verbindung zu der alten Welt, wie die anderen Frauen sie kannten, hat, sehnt sie sich dennoch nach der Gemeinschaft anderer Menschen und wird zunehmend hoffnungsloser, je länger ihre Suche erfolglos bleibt.
Diese düstere, hoffnungslose Atmosphäre prägt den ganzen Roman und es sei gewarnt, dass einige Szenen richtig gruselig sind. Ebenso schonungslos und radikal ist die Sprache und es wird z.B. offen über Sexualität gesprochen. Man sollte also nicht zu zart besaitet sein, wenn man sich dieser Dystopie aussetzt. Außerdem muss man damit klarkommen, dass der Roman viele Leerstellen hat und es nicht auf jede Frage eine Antwort gibt. Wie im wahren Leben auch ist es quasi unmöglich hinter das Rätsel des menschlichen Lebens zu kommen.
Dass am Schluss ein runder Abschluss fehlt, ist auch ein Grund für mich, einen Stern abzuziehen. Zwar mag ich offene Enden, aber hier bleibt doch zu vieles mysteriös und unlogisch, sodass es schwerer wird, die Aussageabsicht zu deuten. Außerdem fand ich einige Aspekte an der Entwicklung der Erzählerin unlogisch; beispielsweise, dass sie sich so mühelos Lesen und Schreiben beibringt oder plötzlich Begriffe für Dinge kennt, die sie noch nie gesehen hat und sich alles wie von selbst erschließt. Das wirkte auf mich dann doch etwas zu wenig durchdacht.
Nichtsdestotrotz hat mich „Ich, die ich Männer nicht kannte“ ziemlich begeistert und ich habe das spannende Buch fast am Stück durchgelesen. Die düstere, teils grausame Dystopie lässt einen nicht los und veranlasst zum Nachdenken über Sinnfragen der menschlichen Existenz. Auf jeden Fall eine Empfehlung wert, auch wenn es kein einfaches Buch ist.


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Veröffentlicht am 31.01.2024

Schockierende Jagd über die Seiten

Trophäe
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Atemlos habe ich da Buch nach der letzten Seite zugeschlagen und war schockiert von diesem kraftvollen Roman. Gaea Schoeters stellt moralische Fragen über die Würde des Menschenlebens vor allem im Kontext ...

Atemlos habe ich da Buch nach der letzten Seite zugeschlagen und war schockiert von diesem kraftvollen Roman. Gaea Schoeters stellt moralische Fragen über die Würde des Menschenlebens vor allem im Kontext der Kolonialisierung des afrikanischen Kontinents auf bewegende Weise, die in dieser Intensität seinesgleichen sucht.
Der reiche Amerikaner Hunter White geht regelmäßig in Afrika auf legale Trophäenjagd und redet sich ein gutes Gewissen ein, da er durch sein Geld den Schutz der wilden Tiere in den Reservaten fördere, wo sie vor Wilderern geschützt sind. Gleichzeitig können die Mitglieder der heimischen afrikanischen Stämme dort leben, doch für van Heeren, den Reservatbesitzer und Hunters Jagdleiter, sind sie mehr als nur Teil der afrikanischen Kulisse: er unterbreitet Hunter ein schockierendes, unmoralisches Jagdangebot, das über die Grenzen des Menschlichen hinausgeht…
Obwohl der Roman am Ende so ein gewaltiges Tempo aufnimmt, habe ich dennoch etwas Anlaufzeit gebraucht, da die Jagdszenen auf verschiedene Tiere sehr detailliert und teilweise minutiös geschildert werden, was auf Dauer langweilig werden kann. Die Jagd ist wirklich das zentrale Thema und der Fokus der Handlung, wobei die Autorin ethische Fragen zu mehreren Themen aufwirft. Da wären z.B. die Moral der Jagd, Kolonialismus und die Dominanz der Weißen, Pantheismus der Naturvölker oder Respekt vor der Natur, in der Mensch, Fauna und Flora Eins sind. Was unterscheidet überhaupt den Menschen vom Tier?
Ebenso detailliert beschreibt Gaea Schoeters die Wildnis Afrikas. Es entsteht der Eindruck, dass sie ihr Setting gut kennt und sie schafft es, mit Worten ein intensives Bild der afrikanischen Savanne vor dem inneren Auge der Leser zu erschaffen. Jedoch kann ich selbst nicht beurteilen, wie authentisch diese Bild ist, da ich noch nie in Afrika war, oder ob die Autorin hier eine westliche Perspektive bei der Beschreibung einnimmt. Jedenfalls hat mir der Roman den Blick in eine neue Welt eröffnet, da ich vorher nicht viel über die Kultur und das Jagdverhalten der afrikanischen Naturvölker wusste.
Der Roman weist eine steile Spannungskurve auf. Während das erste Kapitel der Exposition eines Dramas gleicht und im zweiten Kapitel sich die Handlung langsam entwickelt, beginnt im dritten Abschnitt die entscheidende Jagd und endet als Höhepunkt mit einem Abschuss. Aber erst dann im vierten Kapitel nimmt die Handlung so richtig Fahrt auf und die atemlose Jagd um Leben und Tod über die Seiten beginnt. Dabei ist man als Leser ganz nah im Kopf des Protagonisten und spürt seine zum Zerreißen gespannten Nerven selbst beim Lesen. Die Atmosphäre wird in diesem Teil des Buches deutlich dramatischer und dunkler. Im letzten Kapitel wird die bedrohliche Situation mit besonders grausamen Bildern beschrieben, was sicher nicht für jedermann leicht zu verkraften ist und mich atemlos zurückgelassen hat. Stilistisch unterstreicht die Autorin diese Hetzjagd durch ein Satzstakkato, das die Leser von Seite zu Seite treibt. Deswegen hat es sich gelohnt, den etwas lahmenden Anfang durchzuhalten und weiterzulesen, denn „Trophäe“ ist thematisch aufrüttelnd und in seiner Drastik provokativ, sodass es mich erschüttert und zum Nachdenken über die aufgeworfenen, moralischen Fragen gebracht hat.
Zuletzt sei bemerkt, dass der Roman auch literarisch sehr interessant ist, da die Autorin auf andere Werke wie „Heart of Darkness“ oder die Jagdliteratur von Ernest Hemingway verweist. Da lohnt sich sicher noch das Querlesen!

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Veröffentlicht am 04.08.2023

Stille Wasser sind tief

Bei euch ist es immer so unheimlich still
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Wie in Alena Schröders erstem Roman geht es auch in ihrem zweiten Werk „Bei euch ist es immer so unheimlich still“ um generationenübergreifende Familiengeheimnisse, unausgesprochene Konflikte und die Beziehung ...

Wie in Alena Schröders erstem Roman geht es auch in ihrem zweiten Werk „Bei euch ist es immer so unheimlich still“ um generationenübergreifende Familiengeheimnisse, unausgesprochene Konflikte und die Beziehung zwischen Müttern und Töchtern.
Die Romanhandlung spielt auf zwei Zeitebenen. Zum einen ist da Silvia Borowski, die vor einigen Jahren ihre spießige schwäbische Heimat verlassen und einen alternativen Lebensstil gepflegt hat. Nun kehrt sie 1989 überraschend mit ihrer neugeborenen Tochter Hannah nach Hause zurück, da sie nicht recht weiß, wie es für sie weitergehen soll und Unterstützung bei ihrer Mutter Evelyn zu finden hofft. Doch unausgesprochene Konflikte erschweren die Beziehung zwischen den beiden und Silvia versucht hinter die Geheimnisse zu kommen, die schon lange das Familienleben belasten.
Die andere Zeitebene spielt in den 50er-70er Jahren und beleuchtet die Vergangenheit der Familie Borowski. Evelyn könnte als junge Ehefrau und Mutter glücklich sein, doch sie sehnt sich danach, sich als Ärztin zu verwirklichen und nicht nur als Hausfrau am Herd zu stehen. Ihre Schwägerin Betti führt dagegen ein eher unangepasstes Leben, kümmert sich wenig um das Gerede anderer Leute und ist für Silvia eine größere Vertrauensperson als ihre Mutter. Somit ist Konfliktpotenzial innerhalb der Familie vorhanden und wie beide Handlungsstränge am Ende ineinandergreifen erzählt Alena Schröder auf emotionale, teils erschütternde Weise.
Beim Lesen hat mich der Roman oft bedrückt und traurig gestimmt, da alle Charaktere irgendwie unzufrieden sind und mit ihrem Leben hadern. Es herrscht vor allem in der ersten Hälfte eine melancholische, fast schon hoffnungslose Stimmung und einzig Silvia scheint trotz ihrer nicht ganz einfachen Lebenssituation die Welt etwas positiver zu sehen. Vor allem ihre kleine Tochter Hannah ist ein Lichtblick, der Glück in Silvias aber auch Evelyns Leben bringt. Obwohl der Roman sehr emotional ist, ist Alena Schröders Schreibstil dennoch nicht kitschig-sentimental. Sie schreibt flüssig und verfasst die Gedankengänge der Charaktere in einem authentischen Ton. Wörtliche Rede gibt es passend zur Thematik des Romans eher wenig. Die LeserInnen lernen die Figuren vor allem durch die Innenperspektive kennen, wenn diese in Gedanken versunken ihre Probleme reflektieren. Gerade weil man dadurch so nah an den Charakteren ist, schafft es die Autorin, die LeserInnen emotional mitzunehmen.
Allerdings fand ich manchmal das Verhalten oder die Reaktionen der Charaktere unlogisch. Zum Beispiel wurde mir Silvia zu schnell wieder in ihrem Heimatdorf Ildingen willkommen geheißen, von der Mutter ins Haus aufgenommen und von den alten Schulfreunden und Bekannten eingeladen. Nachdem Silvia jahrelang verschwunden war, hätte ich da mehr Skepsis oder Nachfragen erwartet. Ebenso fragwürdig ist in der zweiten Hälfte des Romans das Auftauchen des Charakters Georg. Er spielt zwar bei der Zuspitzung der Konflikte eine entscheidende Rolle, aber die Art, wie er eingeführt wird, dabei alle anderen Personen so rasch um den Finger wickelt und wie Silvia und Georg am Ende wieder zufällig aufeinandertreffen, war für mich doch etwas unglaubwürdig.
Außerdem wurde das kleinbürgerliche Leben in Ildingen sehr stereotyp dargestellt. Dies wurde zu oft mit typischen Klischees betont, sodass diese am Ende redundant wirkten. Auch mit weniger Beschreibungen der engen, spießigen Atmosphäre der schwäbischen Kleinstadt, hätte die Autorin die Stimmung des Ortes einfangen können ohne ständig ähnliche Stereotype zu wiederholen.
Nichtsdestotrotz hat mir alles in allem der Roman gut gefallen. Vor allem nach etwa er Hälfte der Lektüre wurde es durch überraschende Wendungen richtig spannend und man wollte hinter die Familiengeheimnisse kommen. Alena Schröder verknüpft in ihrer Geschichte dabei zahlreiche Themen wie z.B. Selbstverwirklichung und -ermächtigung von Frauen, Homosexualität, Flucht aus dem bürgerlichen Leben, Emanzipation von den Erwartungen anderer Leute oder Mutterschaft. Treibend bei all diesen konfliktträchtigen Themen ist die Diskrepanz zwischen der scheinbar perfekten Fassade und den im Stillen dahinter verborgenen Wahrheiten, die manchmal wahre Abgründe sind. Dass solche Geheimnisse aber ausgesprochen werden sollten, da sie sonst ganze Leben und Beziehungen zerstören können, zeigt die Familiengeschichte der Borowskis hier in eindringlicher Weise.

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Veröffentlicht am 06.01.2024

Mrs. Quinn kriegt’s gebacken

Der späte Ruhm der Mrs. Quinn
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Eigentlich lese ich solche „Frauenromane“ eher selten, doch dieser Roman war für mich eine ganz nette Abwechslung. Liest sich flott weg, tut niemandem weh, sympathische Charaktere: locker-leichte ...

Eigentlich lese ich solche „Frauenromane“ eher selten, doch dieser Roman war für mich eine ganz nette Abwechslung. Liest sich flott weg, tut niemandem weh, sympathische Charaktere: locker-leichte Lektüre wie ein Sahnewölkchen. Interessiert hat mich der Roman wegen des Themas „Backen“ und das kommt wirklich nicht zu kurz. Die Kapitel sind mit Backrezepten betitelt, die Mrs. Quinn dann auch jeweils in die Tat umsetzt. Für sie sind die Gebäcke auch immer mit bestimmten Lebenserinnerungen verknüpft, sodass man in ihre Vita eintaucht. Sie hatte stets das Gefühl, nicht alle Ziele im Leben erreicht zu haben und fühlt eine Lücke wegen der sie meint, anderen nicht zu genügen. Nun will sie sich und ihre Träume durch die Teilnahme an der britischen Version des TV-Backduells „Das große Backen“ verwirklichen.
All das wird in einem sympathischen Ton erzählt, der sich leicht wegliest. Die Handlung ist zwar recht vorhersehbar und ohne Dramatik, aber die Autorin kann gut und interessant schreiben, sodass man am Ball bleibt und mehr über die liebenswürdige, alte Dame Mrs. Quinn erfahren möchte. Der Roman wälzt keine Probleme, kommt ohne Antagonisten aus und ist somit ein echter „Wolldeckenroman“ zum Entspannen. Dabei ist er aber wie gesagt auch nicht zu kitschig oder seicht, weswegen er selbst mir gefallen hat, die sich sonst eher abseits dieses Genres bewegt. Das typisch britische Flair war außerdem nach meinem Geschmack, ganz wie die vielen leckeren Backwerke! Und deswegen zum Schluss noch das größte Manko des Buches: es fehlen die Rezepte! Zu gerne hätte ich ein Backbuch zum Roman, um Mrs. Quinn nachzueifern… Denn soviel sei zum Ausgang der Geschichte verraten: Mrs. Quinn kriegt‘s gebacken.

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Veröffentlicht am 08.06.2026

Zwei Seiten der Geschichte

Yesteryear
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Ist „Yesteryear“ den aktuellen Hype wert oder ist es doch eher ein überschätztes Buch? Für mich hat die Geschichte zwei Seiten: einerseits kann ich es verstehen, weil es ein modernes, witzig ...

Ist „Yesteryear“ den aktuellen Hype wert oder ist es doch eher ein überschätztes Buch? Für mich hat die Geschichte zwei Seiten: einerseits kann ich es verstehen, weil es ein modernes, witzig geschriebenes Buch über aktuelle Themen wie Social Media, Tradwife-Lifestyle und Medienpräsenz im Allgemeinen ist, andererseits hat der Roman auch klare Schwächen im Plotaufbau und der Figurenausarbeitung, weswegen ich denke, dass „Yesteryear“ eine unterhaltsame Lektüre für zwischendurch, aber kein Buch mit Nachwirkung ist.
Zwei Seiten hat nicht nur mein Urteil, sondern auch das Leben der Protagonistin und Erzählerin Natalie. Sie führt vor der Kamera ein scheinbar perfektes Leben mit ihrer Familie auf einer Ranch wie zu Zeiten der Pioniere, doch die Online-Natalie ist nicht gleichzusetzen mit der verbissenen und ehrgeizigen Offline-Natalie. Es gibt viel Doppelbödigkeit und Bigotterie, um den schönen Schein ihres Social Media-Imperiums am Laufen zu halten. Doch eines Tages passiert etwas Merkwürdiges: Natalie findet sich in der echten Pionierzeit wieder und muss mit deren Härten klarkommen. Was da passiert ist, wird nun wiederum auch auf zwei Ebenen erzählt. Die Doppelbödigkeit hat hier eben in mehrfacher Hinsicht Konzept.
Auf der einen Seite fand ich die Plotidee originell und ich habe so etwas Ähnliches noch nie gelesen. Die Handlung ist skurril, teilweise aber auch verwirrend, da man erst gar nicht richtig weiß, was das Ganze soll und in welcher Realität sich Natalie befindet. Ebenso originell und außergewöhnlich ist der Erzählstil. Die Autorin verwendet einen sehr umgangssprachlichen Plauderton, der sich leicht weglesen lässt. Erzählerin Natalie ist furchtbar zynisch und selbstverliebt; wenn man aus ihrer Perspektive liest, fühlt man sich fast abgestoßen von ihr, so unsympathisch und arrogant kommt sie rüber. Trotzdem ist es ein großer Lesespaß, weil es der Autorin gelingt einen alltagsnahen, modernen, um nicht zu sagen „rotzigen“ Ton zu treffen und wirklich witzige Szenen zu entwickeln. Besonders im dritten Teil hat mich das überzeugt. Somit zielt „Yesteryear“ meiner Meinung nach vor allem auf eine junge Leserschaft ab. Auf ältere LeserInnen mag die skurrile Thematik und Erzählstimme vielleicht etwas zu befremdlich und affektiert wirken.
Auf der anderen Seite hat der Roman aber auch seine Schwächen, sodass ich sagen würde, er ist eher „over-hyped“. Die Geschichte weist deutliche Längen auf, in den keine Entwicklung stattfindet, und auch die Figuren wirken größtenteils stereotyp und wie am Reißbrett entworfen. Die Abschnitte, in denen Natalie die Entwicklung und Bigotterie ihres Online-Imperiums beschreibt, waren für mich am interessantes und vieles dazwischen empfand ich als belanglos, weswegen es dem Roman gut getan hätte, um die Hälfte kürzer zu sein. Teilweise war die Handlung und vor allem der Plottwist am Ende auch dann zu absurd und effektheischerisch - eben darauf bedacht, eine möglichst große Leserschaft anzuziehen. Dafür ist einiges an Stringenz und Logik draufgegangen und auch die Figuren verschenken Entwicklungspotential. Dadurch ist eine differenziertere Betrachtungsweise auf das ganze doppelbödige Geschehen leider verloren gegangen.
Aus diesen Gründen wirkte „Yesteryear“ im Großen und Ganzen etwas befremdlich auf mich und man konnte merken, dass es weniger um literarische Qualität als um möglichst viel Aufmerksamkeit für das Buch geht. Nichtsdestotrotz bringt einen diese aktuelle Satire über Social Media, Internet und Medien immerhin zum Nachdenken über die Problematik und Doppelbödigkeit des Ganzen. Ein außergewöhnliches Debüt! Vielleicht kein Buch, das „bleibt“, aber auf jeden Fall eine kurzweilige, witzige Unterhaltungslektüre.

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