Tolja ist des Lebens satt. Zu feige zum Selbstmord hat er bereits einen Killer auf sich ansetzen lassen und dafür bezahlt. Da kommt ihm Lena in die Quere, eine an sich lebenslustige Prostituierte, die ...
Tolja ist des Lebens satt. Zu feige zum Selbstmord hat er bereits einen Killer auf sich ansetzen lassen und dafür bezahlt. Da kommt ihm Lena in die Quere, eine an sich lebenslustige Prostituierte, die für kurze Zeit noch schrecklicher drauf ist als er selbst, und das Leben macht wieder Spaß. Aber wie wird man einen unbekannten Mörder los, für dessen Job man schon bezahlt hat?
Wer die slawische Mentalität liebt, ihren Mischung aus Lebenslust und Morbidität, kommt bei diesem großartigen Hörbuch voll auf seine Kosten - zumal es von Zeit zu Zeit von einer heiteren Gesangsdarbietung unterbrochen wird, die voll von jener Freude ist, wie sie bei ausgiebigen Wodka-Trinkrunden ist Osteuropa so üblich ist.
Einst lebte und arbeitet ich für einige Monate in Warschau, eine Stadt, die man man all ihrer Brutalität nur lieben oder hassen kann. Polnische Freunde waren erstaunt von meiner Begeisterung und meinten, wenn dir Warschau wirklich gefällt, dann muss du unbedingt mal nach Kiew fahren. Die Ukraine steht seitdem auf meiner Liste. Wenn dort irgendwann nicht mehr scharf geschossen wird (wollen wir es hoffen!), werde ich dorthin reisen und mich auf die Roman-Spuren des großartigen Schriftstellers Andrej Kurkow begeben.
Können Duftstoffe Erinnerungen an Ereignisse auslösen, die weit zurückliegen? Ist es möglich, Delinquenten damit zu Geständnissen zu zwingen, wie es bei den allseits bekannten Lügendetektoren praktiziert ...
Können Duftstoffe Erinnerungen an Ereignisse auslösen, die weit zurückliegen? Ist es möglich, Delinquenten damit zu Geständnissen zu zwingen, wie es bei den allseits bekannten Lügendetektoren praktiziert wird? Wenn all dem so wäre und es ein allmächtiger Parfümkonzern einerseits mit der Polizei und andererseits mit dem organisierten Verbrechen zusammenarbeitet, wäre damit eine Macht geschaffen, die tief in die Privatsphäre jedes Einzelnen eingreifen kann.
Man sollte dieses Buch nicht unbedingt lesen, wenn einen die Grippe erwischt hat oder anderweitig die Nasengänge verstopft sind – es würde ein Phänomen unterdrücken, das sich automatisch einstellt: das Entdecken der eigenen Nase, der Geschmacksknospen des Gaumens. Eine Welt jenseits der Sinnenflut des Internets erschließt sich. Augen und Ohren lassen sich elektronisch via TikTok, Facebook. YouTube und Co. mit Musikclips und Videos auf jedes Smartphone übertragen. Doch die Welt des Geruchs bleibt davon (noch) verschont.
Dass in Paul Richardots Thriller verstopfte Geruchskanäle die Aufklärung eines Verbrechens verhindern, sei nur am Rande bemerkt. Schließlich soll diese Rezension nicht ein Finale vorwegnehmen, in dem sich bis auf die letzte Seite in immer neuen Wendungen lose Handlungsfäden auflösen. Der Autor versteht es meisterhaft, Spannung aufzubauen – und das ohne blutige Morde, abgetrennte Körperteile, ach so knallharte Kriminalkommissare, feministisch-männerhassende Ermittlerinnen, jenseits einer heutzutage in der Belletristik mitunter dogmatisch daherkommenden Political correctness oder Gendersternchen.
Wie schafft es dieser junge Schriftsteller in seinem Erstlingswerk bloß, sich gegen die Flut depressiv-bestialischer Massenmörder-Krimis aus Skandinavien und anderswo durchzusetzen! Selbst in seinem Heimatland sind Bestseller wie »Die Purpurnen Flüsse« gestickt mit genüsslich verhackstückten Körperteilen. Unwillkürlich stellt der Leser Vergleiche mit dem deutschen Roman »Das Parfum. Die Geschichte eines Mörders« an, ebenfalls ein blutrünstiges Stück Literaturgeschichte.
Auf all das verzichtet Paul Richardot, und man könnte sich fragen, ob dies überhaupt ein Thriller ist. Es ist ein Thriller, ein Thriller der besonderen Art, vielleicht sogar der Beginn einer neuen Zeit in diesem Genre, wo Intelligenz und elegante Charakterführung wichtiger werden als eine immer sadistischere Anhäufung von Perversion, wie es heutzutage die Regel ist.
Zugegebenermaßen macht es uns der Autor nicht leicht, in seiner Welt heimisch zu werden. Gleich zu Beginn werden wir mit Figuren, räumlichen und zeitlichen Perspektiven und einer Unmasse an Fremdwörtern aus der Welt der Parfümerie und Chemie überschüttet. Damit zwingt er uns, das gewohnte Lesetempo herunterzuschalten, noch einmal zurückzublättern, innezuhalten, das Buch vielleicht für eine Tag zur Seite zu lesen und ihm dann noch eine Chance zu geben. Diese Chance geben wir letztlich uns selbst. Denn all die Kompliziertheit löst sich mit der Zeit auf. Fachbegriffe werden ab der Mitte des Buches ganz in Ruhe und ohne lästiges Infodumping erklärt, die Figuren und auf liebevolle Weise ans Herz gelegt, und Stück für Stück wird unser kriminalistischer Entdeckertrieb geweckt, zu verstehen, um was zum Teufel es hier eigentlich geht, wer gegen wen intrigiert.
Es ist besonders die intelligente Heiterkeit, mit der uns Paul Richardot überrascht, hauptberuflich Miteigner von »Les Parfums de Violet«, eines uralten und vor langer Zeit untergegangenen Pariser Duftstoffhauses, dass er und zwei Mitstudenten vor kurzem zu neuem Leben erweckte. In einer Zeit, da einerseits Wutbürgerhass und andererseits Gutmenschenrechthaberei weltweit im Streit liegen, ein wichtiger Gegenimpuls. Der Kriegsgott Mars und Venus, Göttin der Liebe, im spannenden Wettstreit. Ein grandioser Thriller.
Als der US-amerikanische Musiker in den 70ern seinen Krimi schrieb, war der Kalte Krieg in vollem Gang. Seine Story basierte auf Tatsachen, das Jazz-Festival mit Musikern aus den USA, die vom Einmarsch ...
Als der US-amerikanische Musiker in den 70ern seinen Krimi schrieb, war der Kalte Krieg in vollem Gang. Seine Story basierte auf Tatsachen, das Jazz-Festival mit Musikern aus den USA, die vom Einmarsch in die Tschechoslowakei überrascht wurden, basiert auf historischen Tatsachen. Die Armeen des Warschauer Pakts hatten 1968 dem Tauwetter in der Tschechoslowakei ein jähes Ende bereitet. Das hatten die Russe 1956 bereits in Ungarn erfolgreich zelebriert, 1961 beim Mauerbau in der DDR, und 1980 zwangen sie die Volksrepublik Polen, das Kriegsrecht auszurufen.
Dies war wohl der Anlass, dass sich in Amerika endlich ein kleiner Verlag fand, der Willens war, den Agententhriller herauszubringen. Kleines Problem: Das Verlagshaus brannte ab. Auch dies historische Tatsache. Größeres Problem: Ende der 80er war Gorbatschow und dem Fall des Eisernen Vorhangs war das Interesse an Ost-West-Verschwörungsgeschichten »out of time«. Tschechen, Slowaken und alle anderen in den Warschauer Pakt gezwungenen Vasallen der UdSSR hatten die Fremdherrschaft abgeschüttelt. Russland und Amerika wurden ziemlich gute Freunde – vorerst.
Ob sich Geschichte doch wiederholt? Nachdem Putin 2015 die Krim annektiert hatte, »Der Spion, der Jazz spielte« endlich in die Buchhandlungen. Doch dankt des Minsk-Abkommen erkaltete der Konflikt schnell. Ost und West gingen wieder auf Schmusekurs. Russisches Öl floss via Nordstream 1 durch die Ostsee, und weil wirtschaftliche Einbinden für Frieden sorgt, bastelte man gemeinschaftlicher Harmonie am Nordstream 2. Hätte ich es damals den Ost-West-Thriller gelesen, wäre ich vor Langweile gestorben.
Geschichte wiederholt sich! Jetzt in 2017, wo mir Bill Moodys Roman unter die Finger kommt, besteht kein Zweifel, dass sich Geschichte wiederholt. Russlands Überfall auf die Ukraine erinnert fatal an den Ersten Weltkrieg von 100 Jahren. Wer immer es liest, wird fasziniert sein von den detaillierten Schilderungen jener Tage in 1968, als sich Jung und Alt verzweifelt den Panzern entgegenstellten, letztendlich erfolglos – und zugleich an die Gegenwart denken. Die Ukrainer, damals unter kommunistischer Herrschaft und militärisch aufseiten Russlands an der Invasion beteiligt, habe die Russen in Kiew zurückgeschlagen. Ihren langen (und hoffentlich erfolgreichen) Freiheitskampf unterstützen die Tschechen und Slowaken mit großzügigen Panzerlieferungen.
Bill Moodys Agententhriller ist nicht nur zeitlos, sondern auch gut geschrieben, lesenswert!
Die Ambivalenz provokanter Satire in der Rockmusik am Beispiel Rammstein:
Was kann und darf Satire, wo ist ironische Überspitzung wichtig, um verkrustete Gesellschaftsstrukturen aufzubrechen, und wird ...
Die Ambivalenz provokanter Satire in der Rockmusik am Beispiel Rammstein:
Was kann und darf Satire, wo ist ironische Überspitzung wichtig, um verkrustete Gesellschaftsstrukturen aufzubrechen, und wird die Menschenwürde verletzt. Zweifelsohne ist die MeToo-Debatte wichtig, muss sexueller Missbrauch im Kulturbereich skandalisiert werden. Doch auch Frauen- und Männeremanzipation ist vor Machtmissbrauch nicht gefeit, wie es Camille Paglia, US-amerikanische Hochschulprofessorin und bekennende Lesbe, bereits Mitte der 80er-Jahre in »Die Masken der Sexualität« beschrieb.
Ob sich in der 2017 von Christian „Flake“ Lorenz eine Antwort finden lässt? Ich bekam es im Sommer 2023 in die Hand gedrückt, just als die Missbrauchsvorwürfe zu Rammstein in allen Medien diskutiert worden.
Die Antwort ist: Ja, auf jeden Fall!
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Deutschlands weltweit erfolgreichste Rockband ist erklärtermaßen ostdeutsch, hat ihr Wurzeln in der Punkszene der DDR, arglistig bewacht von der Stasi, und nach der Wende mussten sie sich ewig abmühen, bis sie endlich, mehr oder weniger zufällig, von mächtigen Managern der Musikindustrie hochgepäppelt wurden.
All dies beschreibt Rammstein-Pianist »Flake« amüsant und unterhaltsam. Das Buch las ich an einem Abend und dem anschließenden Vormittag in einem Rutsch. Es muss daran liegen, dass er Berliner ist, genau wie ich. Während ich Ende der 70er in meiner Kreuzberger Altbauküche, also Rostberlin, am selbst gebastelten Keyboard psychedelische Töne entlockte, der Drummer drauflos drosch und sich der Gitarrist sein Opiumpfeifchen zum Glimmen brachte, bevor im stets die gleichen drei Akkorde über einen Phaser an dem Amp schickte (als einziger Besitzer eines Verstärkers mussten wir das dulden), über der gute Flake drüben hinter der Mauer im Prenzlberg, d.h. Restberlin, brav Kadenzen und Sonatinen am Klavier einübte.
So jedenfalls entnehme ich es der Autobiografie von Christian Lorenz, der stets Außenseiter geblieben ist – und genau das macht die Faszination dieses unterhaltsamen Buches aus. Es ist klar strukturiert. Ein Erzählstrang spielt in der Gegenwart, von den Vorbereitungen zu einem gigantischen Rockkonzert in Budapest mit riesigem Equipment bis zur verpassten After-Show-Party und anschließender Reise zur nächsten Touretappe in Zagreb. Der zweite Erzählstrang beginnt eben in jenen 70ern, wo ich diesseits der Mauer musikalisch rumdillettierte und Rockstars wie David Bowie und Iggi Popp nebenan in Neukölln und Schöneberg ihre Platten aufnahmen. Davon konnte der gute Flake nur träumen. Aber immerhin, er hörte Tag und Nacht Sender Freies Berlin und nahm die paradiesischen Klänge des nichtsozialistischen Auslands mit seinem Ost-Kassettenrekorder auf.
Ein zweites Mal hätte ich mich mit Flake beinahe in den 90ern getroffen. Er und seine Rammstein-Gründungsmitglieder lebten von Arbeitslosengeld und trieben sich im Prenzlberg rum. Da war ich in mein Bauernhaus im Havelland gezogen und kam nur zum Wochenende in die Stadt. Ein Franzose spielte Free-Jazz auf der Klarinette, genau wie ich (bloß nicht so grässlich, ansonsten hätte mich sicherlich Flakes Feeling-B als Bandmitglied akzeptiert, deren Sound ebenfalls Trommelfelle platzen ließ). Also wie gesagt: André lud beim U-Bahn-Fahren Leute zu seinen Keller-Sessions in der Schönhauser ein, Lorenzo mixte gegen nachts um zwei Kir Royal und Sabinchen mit dem Cello schleppte ich hernach ab, ins Havellandhäuschen.
Flake und Co. hingegen übten wie der Teufel im stinkenden Keller der Kulturbrauerei. Und als ihnen das Arbeitsamt die Pistole auf die Brust setzten, verpflichteten sie sich bangen Herzens, nach Zahlung einer bescheidenen Summe niemals mehr Stütze kassieren. Wenn die Rammsteins damals nicht doch noch Staatsknete kassiert hätten, über den Senats-Rockwettbewerb, wären sie wohl zu ihren alten Hilfsjobs zurückgekehrt, als Kartenabreißer wie Flake, oder als Korbflechter in Mac Pom, wie der olle Lindemann. Genauso unverblümt, trocken und gnadenlos realistisch beschreibt es Christian Lorenz in »Heute hat die Welt Geburtstag« (natürlich ohne meine Wenigkeit, denn irgendwie sind wir damals aneinander vorbeigelaufen, vermutlich mit Currywurst in der Hand, denn die an der U-Bahn-Station dort ist einfach legendär).
Die Autobiografie des Keyboarders der weltberühmten Rockband, die trotz ausschließlich deutscher Songtexte sowohl in den USA als auch in Russland und sonst wo ganze Fußballstadien füllt, bietet detaillierte Einblicke in das Musikbusiness, verfasst aus erster Hand. Was die Faszination dieses Buchs ausmacht, ist jedoch einerseits die abgeklärte Sichtweise eines »gelernten DDR-Bürgers«, der zwar in jenem Land, in der er aufgewachsen ist, Punkrebell war und nichts mehr hasste als Stasi und Skinheads, sich andererseits von »Goldenen Westen« niemals blenden lässt, die hinter die Masken schaut, selbst im hautnahen Kontakt mit Ami-Superstars.
Und andererseits – hier komme ich auf die Eingangsfrage bzgl. Satire versus Menschenwürde zurück – hat sich Flake bei aller Provokation auf der Showbühne seine Außenseiterrolle bewahrt. Anstatt sich wie bei den eingangs geschilderten Konzertauftritten in Budapest und Zagreb in üblichen Showstar-Allüren zu produzieren und seine Position als Projektionsfläche für »Starfucker« hernach im Backstage-Bereich zu missbrauchen, ist er erklärtermaßen »Passant«, nutzt die Bandauftritte in Europa und Übersee für lange Spaziergänge, in denen er sich unter die ganz normalen Menschen mich, sich darüber freut, dass er nicht erkannt wird, teilweise als einer von ihnen angesehen wird. Jene inneren Monologe, die ihm dabei durch den Kopf gehen, auf Papier gebracht: Dies sind für mich als Leser die schönsten Passagen dieses beeindruckenden Buches. Nun gut, ich bin Berliner, genau wie Flake. Wir sind eigen ganz eigenen Spezies, ordinär und vulgär, geliebt und gehasst zugleich. Doch irgendwie respektiert man uns, traut man uns alles zu, haben wir Narrenfreiheit. Es wird daran liegen, dass wir, wie jüngst im November ’89, (es kommt mir vor wie gestern), schier unüberwindliche Mauern einreißen können
Habilitation aus dem Jahr 2000 im neuen Fachgebiet transdisziplinäre Sozialökonomie
Mit dem als Titel und Paradigma gewählten Begriff des "Integralen Menschen" knüpft Hosang neben Bahro an visionäre Vordenker ...
Habilitation aus dem Jahr 2000 im neuen Fachgebiet transdisziplinäre Sozialökonomie
Mit dem als Titel und Paradigma gewählten Begriff des "Integralen Menschen" knüpft Hosang neben Bahro an visionäre Vordenker wie Fichte, Marx, Aurobindo, Gebser u.a. an. Die zentrale These geht davon aus, dass es für ein würde-, sinn- und freudvolles Überleben der Spezies Mensch vor allem darauf ankommt, die Denken und Handeln lähmenden Spaltungen in und um sich bewusst zu integrieren.
Dies betrifft nicht nur die Spaltung zwischen Natur- und Geisteswissenschaften sondern auch die zwischen Erkenntnis, Liebe und Arbeit, zwischen Wirtschaft und Ökologie, Gesellschaft und Gemeinschaft, Individuum und Kosmos, Materie und Geist.
Nicht die natürliche Um- sondern die zu eng, egozentrisch und abgespalten gedachte Innenwelt des Menschen droht die Erde unbewohnbar zu machen. Ein integrales, im mitfühlenden und mitgestaltenden Menschen gipfelndes Identitätsbewusstsein der nur äußerlich getrennt erscheinenden Dinge könnte ein neues Sein von Mensch und Erde ermöglichen.
2023 für die Hörbuchfassung bearbeitet und eingesprochen von Jürgen G. H. Hoppmann