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Veröffentlicht am 08.09.2023

Stichtag

Kleine Probleme
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Manchmal müsste der Tag 36 Stunden haben um alles zu schaffen und das Jahr gern 13 Monate, damit der Jahreswechsel nicht immer so plötzlich kommt. Für Lars, den Alleinunterhalter in der vorliegenden Geschichte, ...

Manchmal müsste der Tag 36 Stunden haben um alles zu schaffen und das Jahr gern 13 Monate, damit der Jahreswechsel nicht immer so plötzlich kommt. Für Lars, den Alleinunterhalter in der vorliegenden Geschichte, wir die Zeit am letzten Tag des Jahres knapp, stehen doch noch so viele unerledigte Dinge auf seiner Liste.

Wer kennt es nicht, 31. Dezember, ein Resümee steht an und plötzlich fällt einem auf, dass eigentlich noch so viel zu tun ist in diesen wenigen Stunden des alten Jahres. So viele Aufgaben wären noch zu erledigen, um nicht als Altlasten mit ins neue Jahr genommen zu werden und letztlich vielleicht, um etwas wieder ins Gleichgewicht zu bringen mit den Personen die man liebt, denn all zu oft wird auch das Zwischenmenschliche aufgeschoben. Die Autorin lässt ihren Protagonisten Lars als ziemlich gescheiterte Persönlichkeit durch diesen Tag stolpern, zurückgeworfen auf sich selbst reflektiert er sein Leben, seine Ehe, seine Karriere als Schriftsteller und muss leider feststellen, es sieht düster aus, so düster wie das verregnete Grau vor dem Wohnzimmerfenster.

Nele Pollastschek schreibt so herrlich ironisch überspitzt und doch so mitten aus dem Leben. Sie beschreibt einen Mann, der sich jahrelang für den Nabel der Welt hielt und nun plötzlich feststellt, dass er das eben nicht ist. Nach Schuldzuweisungen und einer intensiven Phase Selbstmitleid folgt dann die Kampfansage und so baut Papa, mit einer Wolldecke als Superheldenumhang, endlich ganz allein das Ikeabett der Tochter auf und schafft es sogar die, nach einem fiktiven Kampf mit einem Wildschwein entstandene, Verwüstung des Wohnzimmers zu beseitigen. Es ist so herrlich ihm und seinen aberwitzigen Gedankengängen zu folgen, ihn kämpfen und scheitern zu sehen, man weiß nicht ob man ihn anfeuern, oder bedauern soll. Die Geschichte ist vollkommen abstrus, aber auch so voller Realität, sie ist melancholisch, aber auch voller Hoffnung, ernst und doch unglaublich komisch, sie ist Ende und Neuanfang in einem. Und die Autorin erzählt si mit einem solchen Selbstverständnis, dass es ein Fest ist sie zu lesen.

Der Stil von Nele Pollatschek ist unglaublich weich und kraftvoll. Zu Beginn des Buches schreibt sie über Regen, Nieselregen, Nieselregen im Dezember. "Im Grunde nieselt es die ganze Zeit. Manchmal regnet es auch. So ein peitschender Regen, wie fettgeschmiertes Leder, ein Regen, der einen sofort wieder ins Haus prügelt. Aber meistens nieselte es. Feiner Nadelstreifenniesel, der in der Regenrinne klimpert und wenn man rausgeht, um die Hecke zu schneiden oder das Schuppendach zu reparieren, dann sticht es in den kalten Händen und dann geht man wieder rein. Am gefährlichsten aber ist der unsichtbare Niesel. Man steht am grauen Fenster und fragt, regnet es eigentlich noch. und erst wenn man draißen ist, sieht man die Kreise in den Pfützen, kleine Punkte, die sich ausdehnen in die Unendlichkeit..."

Und was soll ich sagen? Wenn diese Frau auf 400 Seiten über nichts anderes, als über Nieselregen geschrieben hätte, ich hätte das Buch nicht aus der Hand legen können. Und bitte, liebe Ikea-Aufbauanleitungschreiber, nehmt Lars unter Vertrag. Das mit seinem Roman hat ja nicht so geklappt, aber von seinem Knowhow in Sachen Namensfindung könnt ihr echt nur profitieren.

Herrlich, Kunst mit Worten - Wortkunst. Ich will mehr davon!

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Veröffentlicht am 08.09.2023

Alles weg

Eigentum
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Die Mutter, noch täglich vom Pflegepersonal in den Rollstuhl gesetzt, erkennt oft den eigenen Sohn nicht, erinnert sich aber minutiös an ihre Kindheit und Jugend. 95 harte, entbehrungsreiche Jahre, einen ...

Die Mutter, noch täglich vom Pflegepersonal in den Rollstuhl gesetzt, erkennt oft den eigenen Sohn nicht, erinnert sich aber minutiös an ihre Kindheit und Jugend. 95 harte, entbehrungsreiche Jahre, einen Weltkrieg und mehr als einmal die Erfahrung, wie es ist, wenn das Geld plötzlich nichts mehr wert ist. Ein lebenlang hat sie gespart und sich nie den Traum vom Eigentum erfüllen können, bis zu ihrem Tod und dem damit verbundenen Umzug in ihre eigenen 1,7 Quadratmeter.

Es liest sich schon stellenweise etwas schräg, wenn der Autor hier so über seine eigenbrötlerische Mutter schreibt, wie er ihre Lebenserinnerungen wiedergibt. Aber gerade das ist es, was das Buch interessant macht und abhebt vom Mainstream. Die nicht ganz 160 Seiten sind schnell weggelesen, der Stil des Autors macht es einem leicht ihm zu folgen, auch wenn seine Gedankengänge manchmal schon etwas konfus sind und auch die Erinnerungen der Mutter oft leicht wirr daher kommen. Sei es dem Alter geschuldet, oder einfach ihrer Dialektik. In den Ausführungen der Mutter kann es einem dann auch manchmal etwas lang werden, ähnlich wie in einem Gespräch mit der eigenen Großmutter, deren Geschichte vom Gottesdienst zu Ostersonntag, in den sie mit Rock und Strümpfen gezogen sind und bei dessen Ende ein plötzlicher Kälteeinbruch für Schneeverwehungen gesorgt hatte. Alles schon tausendfach in den verschiedensten Varianten gehört und trotzdem muss man Interesse vorgeben und an den richtigen Stellen zustimmend, oder erstaunt murren. Man kennts und mich hat es nicht gestört, wurden diese Episoden doch immer wieder unterbrochen von den Gedankengängen des Sohnes.

Der Autor erzählt auf berührende Weise von einer Frau, die es nie leicht hatte im Leben und die dadurch bis zuletzt geprägt wurde, einer Frau, die Andere mit ihrer offenen, direkten Art oft beleidigt hat, deren Nachhilfeschüler aber allesamt an ihrem Grab geweint haben. Er erzählt eine Lebensgeschichte, wie sie stellvertretend für viele aus dieser Generation ist, einer Generation, die wir bald einzig aus solchen Erzählungen kennen werden.

Das Buch kommt als schmales Hardcover mit Schutzumschlag daher, wobei ich den an braunes Packpapier erinnernden Umschlag jetzt etwas nichtssagend finde, aber man hat sich sicher etwas dabei gedacht. Hier sollte man sich tatsächlich nicht von der Optik abschrecken lassen und dem Buch eine Chance geben.

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Veröffentlicht am 27.08.2023

Berührend

Die Erinnerungsfotografen
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Man sagt ja immer, wenn man stirbt zieht das ganze Leben an einem vorbei. Aber welche Bilder, welche Erinnerungen sind es wohl, die einem da ins Gedächtnis kommen? Der erste Schultag, die Hochzeit, Geburt ...

Man sagt ja immer, wenn man stirbt zieht das ganze Leben an einem vorbei. Aber welche Bilder, welche Erinnerungen sind es wohl, die einem da ins Gedächtnis kommen? Der erste Schultag, die Hochzeit, Geburt der Kinder, welche Erinnerungen sind so gewichtig, so wertvoll, dass sie für die letzten Momente ausgewählt werden.
Im Fotostudio von Herrn Hirasaka darf jeder Verstorbene selbst aus seinen vielen Erinnerungen die Schönsten, Emotionalsten, Wichtigsten auswählen und sich diese in der Phase des Übergangs ansehen. Und sollte eine Erinnerung einmal verblasst sein, reist man mit zu ihrem Ursprung zurück und archiviert sie neu.

Sanaka Hiiragi hat einen eher ungewöhnlichen Handlungsort für sein Buch gewählt, ein vermeintliches Fotostudio als Zwischenstopp auf dem Weg ins Jenseits. Eine recht tröstliche Vorstellung wie ich finde. Kein Fegefeuer erwartet einen, oder Götter die das Herz wiegen, sondern ein netter älterer Herr, der einem eine Tasse Tee anbietet, die Lieblingssüßigkeit serviert und dann in Lebenserinnerungen schwelgt, die man längst vergessen glaubte, um so den Übergang so angenehm wie möglich zu gestalten.

Der Leser begegnet drei von Herrn Hirasakas Kunden und erfährt anhand ihrer Erinnerungen was für Menschen sie waren. Da ist die nette alte Dame, Kindergärtnerin aus Berufung, ein Gauner mit weichem Herz und letztlich ein kleines Mädchen, das unendliches Leid erfahren hat. Alle begleitet Herr Hirasaka, hat teil an ihren Erinnerungen, wohl auch weil er selbst keine hat.

Mich hat das Buch sehr berührt. Die leisen Töne, die letztlich so viel Kraft und Energie enthalten hallen noch lange beim Leser nach. Man wird während der Lektüre daran erinnert, wie schön das Leben auch in den kleinsten Momenten ist, man muss halt einfach nur genau hinsehen.

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Veröffentlicht am 27.08.2023

Invormativ

Wer zur Hölle ist der Teufel?
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Ich bin Christin, glaube an Gott, müsste also zwangsläufig auch an den Teufel glauben, allerdings habe ich als Mitglied der evangelischen Kirche das Glück, dass dem Teufel, dem Gegenspieler Gottes, hier ...

Ich bin Christin, glaube an Gott, müsste also zwangsläufig auch an den Teufel glauben, allerdings habe ich als Mitglied der evangelischen Kirche das Glück, dass dem Teufel, dem Gegenspieler Gottes, hier nicht die Bedeutung beigemessen wird, wie zb bei den Katholiken. Trotzdem begegne auch ich diesem Thema ständig, hauptsächlich natürlich in Film und Fernsehen, oder in Büchern, hier treibt der Teufel in seinen verschiedenen Gestalten sein Unwesen und dabei ist er nicht mehr nur das furchteinflößende Konstruckt mit Hörnern und Ziegenfuß, sondern oft der charmante, gutaussehende Verführer.

Simone Paganini als Professorin für Biblische Theologie und Sebastian Huncke, Autor und Moderator des Wissensmagazins TM Wissen auf Servus TV beleuchten in diesem Buch auf 105 Seiten nun die Frage, was uns so an dem Bösen fasziniert und welche Bedeutung der Teufel in der Bibel und der Geschichte tatsächlich hat. Unterstützt werden sie vom Zeichner Christian Wischnewski, der jedem Kapitel eine Illustration voranstellt.

Der Schreibstil der Autoren ist leicht zu lesen, die im Buch enthaltenen Fakten für den Leser leicht verständlich erzählt, oft mit einem Augenzwinkern. Man erfährt, wie ältere Kulturen mit dem Thema umgegangen sind, dass schon früh das Böse mit einer weiblichen Gottheit assoziiert wurde und das es nicht diesen einen Teufel gab, sondern Viele, quasi für jede Lebenslage einen Speziellen. Interessant wird es dann mit der Deutung der Bibel, in der es ursprünglich gar keinen Teufel gab und wie dieser dann quasi aus älteren Mythen mehr oder weniger erschaffen wurde, um die Gläubigen bei der Stange zu halten (man denke nur an den Ablasshandel, oder die Hexenprozesse) und das Vieles in der umfangreichen Geschichte des teuflisch Bösen auf fehlerhafte Übersetzungen, oder andere Deutungsfehler zurückzuführen ist.

Im Laufe der Zeit musste der Teufel für Vieles herhalten. So war er es, in Gestalt der Schlage, der Eva verführt und so die Vertreibung aus dem Paradies anstößt. Bei unerkärbaren Krankheiten gilt die Person als vom Teufel besessen, man kann sich aber auch bei einem Verbrechen damit herausreden, dass der Teufel in einen gefahren wäre. Aus heutiger Sicht betrachtet wirkt Vieles in diesem Zusammenhang fast absurd, wenn beispielsweise Holzwürmer als Handlanger des Teufels vor Gericht gestellt werden, Anderes ist ein schreckliches Zeichen für den Machtmissbrauch der Kirche.

Am Ende des Buches diskutieren die Autoren darüber, wie "zeitgemäß" die Figur des Teufels noch ist und wie wir aufgeklärten, zivilisierten Menschen der Neuzeit sie immernoch gern als Sündenbock hernehmen. Da wir eine Pandemie eben schnell mal von teuflischen Mächten gesteuert, oder bestimmten Personen werden satanische Machenschaften angedichtet. Tausende Jahre Kampf des Guten gegen das Böse in Gestalt des Teufels lassen sich halt nicht so einfach durch ein paar Folgen Luzifer bei Amazon Prime wegwischen.

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Veröffentlicht am 17.08.2023

Anomalie

Das Meer der endlosen Ruhe
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Der renitente Sohn einer englischen Adelsfamilie, abgeschoben in die britische Kolonie Kanada hat im Wald eine merkwürdige Erscheinung. Weit in der Zukunft baut ein Musiker ein Video seiner Schwester in ...

Der renitente Sohn einer englischen Adelsfamilie, abgeschoben in die britische Kolonie Kanada hat im Wald eine merkwürdige Erscheinung. Weit in der Zukunft baut ein Musiker ein Video seiner Schwester in eines seiner Werke ein, Inhalt eine merkwürdige Erscheinung in einem Wald in Kanada. Eine Schriftstellerin beschreibt in einem Roman eben diese Erscheinung. Mehrer Personen erleben zu unterschiedlichen Zeiten eine Art Anomalie, 2401 soll ein Zeitreisender von einer der Mondkolonien aus genau diese Anomalie untersuchen. Was sich jetzt vielleicht etwas verwirrend anhört beschreibt nur sehr grob den Inhalt des Buches.

Schon der erste Satz des Buches, fast die gesamte Seite lang, lässt den Leser tief einatmen. In diesem einen Satz erzählt die Autorin so viel wichtiges über ihre Figur Edwin St. Andrew und kreiert gleichzeitig die perfekte Grundstimmung für den Einstieg in ihr Buch. Ihre Sätze sind zwar manchmal wirklich lang und verschachtelt, aber dabei so virtuos konstruiert, wie es nur wenige Schriftsteller hinbekommen, ganz zart und unaufgeregt schafft sie Stimmungen, Landschaften, Situationen.

Zu Beginn weiß man als Leser ebensowenig wo die Reise hingeht, wie es Edwin im Jahr 1912 weiß. Man schwimmt durch die Seiten, durch die verschiedenen Zeiten, lernt weitere Figuren kennen. Da sind Mirella und Vincent 2020, Schriftstellerin Olive 2203, oder Gaspery und seine Schwester 2401. Anfangs stehen diese Figuren in ihrer jeweiligen Zeit für sich, später werden sie auf unterschiedlichste Weise über die besagte Anomalie miteinander verbunden. Was auf den ersten Blick wie ein wirres Knäuel wirkt, wird am Ende dann aber logisch zueinander geführt.

Die Geschichte ist eine von denen, in die man als Leser von der ersten Seite an eintaucht, die einen mitnimmt, die einen aber auch zwingt aufmerksam zu sein mit ihren Sprüngen und Verknüpfungen. Wahrscheinlich ist das Buch eines, das man ein zweites und auch ein drittes Mal lesen muss und kann und am Ende fällt einem immer wieder eine neue Winzigkeit auf, die man vorher übersehen hat, ein kleines Detail, dass das Gesamtbild noch klarer werden lässt.

Zu Beginn hatte ich direkt die Assoziation zu "Die Frau des Zeitreisenden", ohne das ich genau sagen könnte warum genau. Am ehesten war es wohl die Grundstimmung. Später hab ich dann eher Parallelen zu "12 Monkeys", oder "Matrix" gezogen, natürlich ohne den epischen Kugelhagel und die Ledermäntel. Wer das Buch liest wird wohl merken warum mir diese Gedanken gekommen sind. Die Geschichte hat viele der dort verwendeten Elemente (Zeitreisen, Anomalien, Systemfehler, Pandemie, Technologie), ist aber trotzdem so anders, so viel mehr. Trotz der eindeutigen SciFi Ausrichtung ist das Buch als Roman deklariert und auf Grund der darin enthaltenen Erzählkunst funktioniert diese Einordnung recht gut. Das Buch funktioniert so auch für Leser, die mit diesem Genre eher nicht so bekannt sind.

Das Meer der endlosen Ruhe ist ein wunderbar leichtes Buch, das den Leser noch lange nach der Lektüre beschäftigt. Ein Buch, das man mit zeitlichem Abstand immer mal wieder zur Hand nehmen und neu für sich entdecken kann. Ein Buch, das definitiv das Zeug zum modernen Klassiker hat. Unbedingte Leseempfehlung.

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