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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 17.11.2023

Unterhaltsam

Florence Butterfield und die Nachtschwalbe
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In letzter Zeit war einiges los in Babbington Hall, der in einem alten Herrenhaus gelegenen Seniorenresidenz. Ein Todesfall im Garten und ein Sturz aus dem Fenster in einer Gewitternacht - nicht unbedingt ...

In letzter Zeit war einiges los in Babbington Hall, der in einem alten Herrenhaus gelegenen Seniorenresidenz. Ein Todesfall im Garten und ein Sturz aus dem Fenster in einer Gewitternacht - nicht unbedingt alltäglich an einem Ort, an dem die Menschen normalerweise eher an Altersschwäche sterben. Zumal es sich bei der vermeintlichen Fenster-Springerin um Heimleiterin Renata handelt, die zwar sehr zurückgezogen lebt und stets etwas melancholisch wirkt, kurz zuvor jedoch noch begeistert Pläne für die Zukunft geschmiedet hat. Während die einen also bei Kaffee, Kuchen, Klatsch und Tratsch zusammensitzen und die anderen ihre Nachmittage im Mahjong-Club verbringen, beginnt die 87-jährige Florence Butterfield, eigene Nachforschungen anzustellen. Denn dass hinter dem Sturz ein Suizidveruch steckt, wie alle annehmen, können Florrie und ihr Freund Stanhope Jones nicht glauben.

Unterhaltsam und humorvoll, dabei aber nie anstrengend erzählt, ist "Florence Butterfield" ein toller Roman für ein paar gemütliche Lesestunden. Die teils exzentrischen Bewohner der Residenz und die blumenreichen Gärten des Anwesens hat man beim Lesen stets vor Augen, und zwischen alledem Florrie, die sich trotz der Irrungen und Wirrungen ihres langen Lebens nicht damit zufriedengibt, teetrinkend in der Sonne zu sitzen und ihren Lebensabend zu genießen. Stattdessen versucht sie, die Umstände des Sturzes zu ergründen, und erinnert sich dabei immer öfter an ihr eigenes Leben zurück, an all die Abenteuer, an die Männer, die sie geliebt hat, auch an die dunklen, fast unaussprechlichen Dinge.

"Florence Butterfield" ist ein herzerwärmender Roman, zwar mit ein paar Längen, dafür aber mit unglaublich gemütlicher Atmosphäre, und genau richtig für graue Regentage.

Veröffentlicht am 29.09.2023

Digital Detox bis zur Obsession

Zeiten der Langeweile
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Mila geht offline. Und zwar nicht nur kurz, sondern so richtig: Nach und nach löscht sie alle Informationen, die über sie je im Internet zu finden waren, und kehrt auch Social Media den Rücken. Einzig ...

Mila geht offline. Und zwar nicht nur kurz, sondern so richtig: Nach und nach löscht sie alle Informationen, die über sie je im Internet zu finden waren, und kehrt auch Social Media den Rücken. Einzig eine Messenger-App nutzt sie weiter als Desktop-Anwendung, allerdings nur für ein kurzes Zeitfenster pro Tag, und auch SMS sind noch erlaubt; von Instagram, Twitter, selbst von Google-Suchen und dem Smartphone als solchem verabschiedet sie sich jedoch vollkommen. Auch auf Fotos und Video-Aufnahmen will sie fortan nicht mehr zu sehen sein, was nicht nur gesellige Abenden mit Freundinnen, sondern auch das Vors-Haus-Gehen im Allgemeinen merklich erschwert. Teil ihrer Planung ist nun immer die Überlegung, zu welcher Tageszeit ein bestimmter Ort am sichersten ist, sprich, wann dort möglichst wenige Menschen anzutreffen sind, da mit der Personenanzahl auch die Gefahr steigt, dass irgendjemand mit dem Handy Aufnahmen macht, auf denen sie absichtlich oder unabsichtlich zu sehen sein könnte.
Was harmlos beginnt und von ihrem Bekanntenkreis zunächst noch recht positiv als Detox-Maßnahme aufgenommen und unterstützt wird, entwickelt sich erschreckend schnell zur Obsession. Die Wohnung verlassen kann Mila quasi nur noch nachts, sämtliche elektronischen Geräte sind eine Gefahr. Der Kontakt zu anderen Menschen geht gegen Null.

Bald schon erinnert Mila in ihrem Verhalten und ihren Ansichten immer mehr an eine Verschwörungstheoretikerin. Kurios auch die Annähreung an ihren Bruder, der seinerseits bei Oma A. auf dem Land lebt und eingefleischter Corona-Leugner und Impfgegner ist - zwar kritisiert Mila sein Verhalten zu Beginn, die Vehemenz hinter ihrer Ablehnung lässt jedoch im Laufe der Zeit spürbar nach und sie entwickelt eine ganz eigene und auf vollkommen andere Weise radikale Sichtweise und Systemkritik.

So unverständlich einige von Milas Ansichten und Verhaltensweisen sind, so nachvollziehbar sind doch manch andere - phasenweise wird man auch als Leser
in des Romans durchaus etwas paranoid, was technische Geräte anbelangt. Die dramaturgische Gestaltung des Romans hat mir ausgesprochen gut gefallen, denn ja, es gibt einige Längen und irgendwann wiederholt sich alles für eine gewisse Zeit, aber das veranschaulicht auch extrem gut den Alltag Milas, indem einfach nichts mehr passiert. Erst beim vollständigen Verzicht auf Social Media und das Internet wird deutlich, wie groß die Bedeutung derselben in unserem Alltag geworden ist, und wie wenig da noch bleibt, wenn man nicht mal gerade etwas googeln, Musik hören oder mit irgendwem auf irgendeiner Plattform kommunizieren kann. Denn sind wir mal ehrlich, so ist es doch. Man möchte sich unterhalten? Schnell jemandem schreiben. Etwas mitteilen? Ein Post. Unterhaltung? Netflix, Spotify und Co. Etwas kaufen? Tausend Möglichkeiten. Eine Information? Google, die Wetter-App, der Onlinefahrplan. Etwas zu Essen bestellen oder irgendeine Eintrittskarte besorgen? Alles schnell per App. Die Uhrzeit? Blick auf Smartphone oder Smartwatch. Und wenn das alles wegfällt, wenn wir plötzlich analog sind, also so richtig, was bleibt dann noch übrig? Kein Wunder also, dass bei Mila schon bald nichts mehr los ist. Beim Lesen ist das vielleicth etwas langweilig, aber absolut passend und sehr realistisch und nachvollziehbar. Und darauf, dass Jenifer Beckers Roman topaktuell und am Puls der Zeit ist, muss wohl nicht weiter eingegangen werden.

Ich habe "Zeiten der Langeweile" mit einigen kleineren Abzügen sehr gerne gelesen und empfehle es gerne weiter.

Veröffentlicht am 30.10.2022

Kolonialgeschichte meets Feminismus

Die Meerjungfrau von Black Conch
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Als David im Jahr 1976 in seinem Fischerboot vor der Küste der karibischen Insel Black Conch sitzt und plötzlich eine Meerfrau aus den Wellen auftaucht, um seinem Gitarrenspiel zu lauschen, kann er seinen ...

Als David im Jahr 1976 in seinem Fischerboot vor der Küste der karibischen Insel Black Conch sitzt und plötzlich eine Meerfrau aus den Wellen auftaucht, um seinem Gitarrenspiel zu lauschen, kann er seinen Augen zunächst kaum glauben. Dass es Wassermänner gibt, davon erzählen die alten Legenden und Sagen; aber Meerfrauen? In den folgenden Wochen und Monaten entspinnt sich eine zarte Freundschaft zwischen den beiden, doch dann findet in der Gegend ein großer Angelwettbewerb statt und Aycayia, die Meerfrau, vor Jahrhunderten von den Frauen ihres Dorfes verflucht und seitdem zu einem Leben halb als Mensch, halb als Fisch verdammt, gerät zwei Amerikanern an den Haken. Und sie, die seit Urzeiten Gefangene, wird machtlos von einer Knechtschaft in die nächste gezwungen.

Roh, holprig, dialektal geprägt, das ist die Sprache des Romans. Angelehnt an den Slang der Einheimischen ist der Schreibstil gerade anfangs eine Herausforderung für sich, stoßen sich die ständigen Wortwiederholungen und ungewohnten Begrifflichkeiten teilweise doch sehr mit unserer Standardsprache. Und doch trägt diese Übersetzung der dialektalen Sprache, so irritierend sie manchmal sein mag, wesentlich zur Atmosphäre des Romans bei und unterstreicht wie nebenbei die lange Liste an Kontrasten, die Monique Roffey in ihrem Roman aufzeigt. Denn der Roman ist ein ständiges Spiel der Gegensätze: Frau und Fisch (Mensch und Tier), Black-Conch-Englisch und Standardenglisch, das indigene Volk der Taíno und die Kolonialisten, Eingeborene und US-Touristen, Mythen und Realität. Und inmitten alldessen Aycayia, die einst ob ihrer Schönheit und verführenden Wirkung auf Männer von Frauen verflucht wurde, nur so den Grausamkeiten der Kolonialmächte entkam und sich nun, Jahrhunderte später, in der Badewanne eines Fischers wiederfindet.

Ihre Geschichte ist die einer jungen Frau auf der Suche nach Selbstbestimmung, eine Geschichte von Einsamkeit, vom Fremd-Sein und vom Nirgendwo-Hingehören. Eng verknüpft mit der Erinnerung an die tiefen Wunden, die einst der Kolonialismus Land und Leuten zugefügt hat, wird "Die Meerjungfrau von Black Conch" so zu einem Roman, der vor einer magisch anmutenden Kulisse und doch voller Ernst längst vergangene und zugleich bis heute nachwirkende Zeiten wachruft. Eine große Leseempfehlung.

Veröffentlicht am 29.08.2022

Hält, was der Titel verspricht

Sanfte Einführung ins Chaos
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Dass das Thema "Schwangerschaftsabbruch" nicht immer mit Pauken und Trompeten besprochen werden muss, zeigt Marta Orriols in ihrem neuen Roman ganz wunderbar. Behutsam führt die Autorin an die Fragen und ...

Dass das Thema "Schwangerschaftsabbruch" nicht immer mit Pauken und Trompeten besprochen werden muss, zeigt Marta Orriols in ihrem neuen Roman ganz wunderbar. Behutsam führt die Autorin an die Fragen und Ungewissheiten heran, die mit einer ungeplanten Schwangerschaft einhergehen können. Im Zentrum stehen dabei Marta und Daniel, beide Anfang 30, beide mehr oder weniger zufrieden und erfolgreich in ihrem Job. Seit etwa 2 Jahren sind sie zusammen, das Thema "Kinder - ja oder nein" kam bisher nie auf den Tisch. Und dann, plötzlich, der positive Schwangerschaftstest.
Marta weiß: Sie will das Kind nicht.
Daniel weiß: Er will das Kind.

Was nun? Während der sechs verbliebenen Tage bis zum geplanten Termin in der Klinik begleitet man als Leserin das junge Paar. Dabei plädiert der Roman weder klar für die eine, noch für die andere Seite. Und das ist wunderbar erfrischend, weil man sich als Leserin nicht in die eine oder andere Richtung gedrängt fühlt, sondern Zeit bekommt, sich selbst ein Bild zu machen. Ganz ohne den Zwang, sofort ein Urteil fällen, eine Entscheidung treffen zu müssen.
Beim Lesen hatte ich das Gefühl, dass der Roman weniger ein "So-soll-es-sein" als vielmehr ein "So-ist-es-tatsächlich" skizziert. Denn ja, in der Realität haben wir selten das Privileg, uns nicht klar positionieren zu müssen; und dennoch, ich glaube, dass wir uns gerade deshalb häufig in gewisser Weise dazu verpflichtet fühlen, eine bestimmte Meinung anzunehmen. Weil diese Meinung die ist, die allgemein anerkannt ist. "Sanfte Einführung ins Chaos" verlangt das aber nicht von uns. Der Roman prangert nicht die an, deren Meinung anders aussieht. Statt zu sagen, wie wir die Dinge sehen und uns verhalten sollen, und alles an diesem Maßstab zu messen, zeigt Orriols die Ich-Bezogenheit und den Egoismus, der heimlich in vielen schlummert und aus dem Gefühl einer Pflicht zur Anpassung heraus in der Regel totgeschwiegen wird.

Sicherlich gibt es einige Punkte, die man am Roman kritisieren kann; dennoch finde ich, dass der Autorin hier eine gute und einfühlsame Heranführung an das Thema gelungen ist. Und genau das verspricht der Titel ja auch immerhin.

Veröffentlicht am 25.08.2022

Feine Nuancierungen

Intimitäten
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"Intimität" - ein Begriff, den wir im ersten Moment am ehesten mit zwischenmenschlichen Beziehungen in Verbindung bringen. Mit Gefühlen, mit "Einander-Nahekommen" und mit einem Zustand, der sehr schön ...

"Intimität" - ein Begriff, den wir im ersten Moment am ehesten mit zwischenmenschlichen Beziehungen in Verbindung bringen. Mit Gefühlen, mit "Einander-Nahekommen" und mit einem Zustand, der sehr schön sein kann, der aber unter Umständen auch schnell ein Zuviel mitsichbringt und dazu führt, dass Geborgenheit umschlägt in Zweifel bis hin zu Unwohlsein. "Intimität" ist kein absoluter Begriff, er hat tausend Nuancen, die sich in kürzester Zeit abwechseln können, ohne dass die Veränderung von außen sofort sichtbar wäre.
In ihrem Roman spielt Katie Kitamura mit den Feinheiten und Grenzen dieses Begriffs, mehr noch, sie wendet sie auf unsere Sprache im Allgemeinen an. Denn ebenso schnell, wie sich die Natur einer intimen Beziehung verändern kann, kann es auch unsere Wahrnehmung einer Person oder einer Handlung aufgrund dessen, welche Worte die Person wählt. Bemerkbar macht sich das vor allem immer dann, wenn wir uns mithilfe von Dolmetscher*innen verständigen müssen. Denn für die meisten Worte gibt es nicht "die eine, richtige Übersetzung" - es liegt stets auch im Ermessen desjenigen, der zwischen den Sprachen, zwischen den Menschen vermittelt, welche Wortwahl für angemessen erachtet wird. Und das kann mitunter große Auswirkungen auf das Bild haben, das wir von einer Person oder ihrer Handlung bekommen.

Mit all diesen Schwierigkeiten - den zwischenmenschlichen, den sprachlichen - sieht sich Kitamuras namenlose Protagonistin konfrontiert. Frisch aus New York nach Den Haag gezogen und noch neu in ihrem Job als Dolmetscherin für Kriegsverbrecher am Europäischen Gerichtshof, muss sie bald feststellen, dass es gar nicht so einfach ist, für beides das richtige Maß zu finden. Nicht für die Geschwindigkeit der Annäherung an eine Person und das Aufbauen von Nähe, und auch nicht für das Außenvorlassen subjektiven Empfndens beim In-Worte-Fassen von Taten, die an Grausamkeit ihresgleichen suchen.

In leisen Tönen und feinfühliger Sprache zeichnet Kitamura die Gefühlswelt einer jungen Frau nach und spielt dabei gekonnt mit den schillernden Facetten menschlicher Empfindungen und den zarten Nuancen der Sprache. Ein Roman, der nicht nur problemlos ohne klar festgelegte, greifbare Grenzen auskommt, sondern gerade mit dem Aufzeigen der Schwierigkeiten überzeugt, die mit einer solchen Fragilität und Vagheit einhergehen.