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Veröffentlicht am 12.08.2025

Auf der Suche nach Liebe und sich selbst

Öffnet sich der Himmel
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Das ist eine andere Liebesgeschichte. "Öffnet sich der Himmel" nimmt uns mit in das Jahr 2002 in Nordengland. Der jugendliche James ist auf der Suche nach sich selbst und seinen Platz in Familie, Schule, ...

Das ist eine andere Liebesgeschichte. "Öffnet sich der Himmel" nimmt uns mit in das Jahr 2002 in Nordengland. Der jugendliche James ist auf der Suche nach sich selbst und seinen Platz in Familie, Schule, Gesellschaft. Er hat sich als schwul geoutet, was von seiner Umgebung nicht offen mit Ablehnung, aber auch nicht wirklich mit Unterstützung aufgefasst wird. Wenn ihm schon im Buch für diesen mutigen Schritt niemand Respekt zollt, so will ich das zumindest tun. Er findet keinen Anschluss, ist einsam und in der Familie wird ihm neben der Schule ein Job und die Betreuung des kranken kleinen Bruders abverlangt. Dann kommt Luke neu ins Dorf, dem nachgesagt wird, ein schlechter Umgang zu sein. Die beiden Außenseiter haben einen Draht zueiandern, ohne dass sich aber eine tiefere Beziehung entwickelt. Es ist weder eine Bilderbuchfreundschaft und wohl auch nicht die Liebesgeschichte, die James sich wünscht, was das ganze aber durchaus realistischer machte. Die Unsicherheit von James, was seine Liebe, sein Begehren und das richtige Verhalten allgemein und speziell gegenüber Luke betrifft, ist immer spürbar. Dabei verschwimmen auch die Grenzen zwischen Realität und (Wunsch-)Traum.
Es ist das Roman-Debüt von Seán Hewitt, der aber zuvor schon als Lyriker und Literaturkritiker publiziert hat. Ihm ist eine ruhige, manchmal traurige Coming-of-Age-Geschichte mit einem Hauptdarsteller, der in Erinnerung bleibt, gelungen. Hervorheben möchte ich noch die sehr stimmungsvollen Beschreibungen des nordenglischen Dorfes, der Natur und der Jahreszeiten, die die Geschichte begleiten. Diese Bilder haben mir auch sehr gut gefallen.

Veröffentlicht am 08.07.2025

Eine starke Familie

Vaterländer
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Sabin Tambrea beschreibt in "Vaterländer" autofiktional die Geschichte eines Jungen und seiner Familie, die in den 1980'er Jahren von Rumänien nach Westdeutschland migrieren. Sehr einfühlsam beschreibt ...

Sabin Tambrea beschreibt in "Vaterländer" autofiktional die Geschichte eines Jungen und seiner Familie, die in den 1980'er Jahren von Rumänien nach Westdeutschland migrieren. Sehr einfühlsam beschreibt er dabei nicht nur die Erlebnisse und Gefühle des kleinen Jungen, sondern auch die seiner toughen Schwester und der manchmal überforderten, aber immer liebenden Eltern. Alle Familienmitglieder haben mit Hürden, Rückschlägen und Heimweh zu kämpfen. Die Familie bleibt aber stark und bietet ein Stück Rückhalt, ohne dass das überhöht dargestellt wird. Rührend auch das Verhältnis zu den in Rumänien bleibenden Großeltern. Das Buch ist trotz der beschriebenen Hürden und Probleme sehr respektvoll gegenüber allen Beteiligten.
Ich fand es wie gesagt sehr einfühlsam beschrieben - dieser Eindruck wurde für mich als Hörerin vermutlich noch mal dadurch verstärt, dass das Hörbuch vom Autoren selbst gelesen wird.

Veröffentlicht am 22.11.2024

Mehr Hans als Magda

Reichskanzlerplatz
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Ein Portrait Magda Goebbels? Ja schon, aber nicht nur. Und wer tatsächlich mit der Erwartung eines ‚intensives Porträts‘ dieser Frau an die Lektüre heran geht, wird vielleicht enttäuscht werden. Magda ...

Ein Portrait Magda Goebbels? Ja schon, aber nicht nur. Und wer tatsächlich mit der Erwartung eines ‚intensives Porträts‘ dieser Frau an die Lektüre heran geht, wird vielleicht enttäuscht werden. Magda Goebbels, geschiedene Quandt ist eine zentrale, wiederkehrende Person in Nora Bossongs „Reichskanzlerplatz“, bleibt aber immer unscharf bzw. uneinschätzbar. Auch für den Ich-Erzähler Hans, der sie seit seiner Jugendtage kennt und sich ihrer Präsenz bis zum Schluss nicht erwehren kann. Es ist auch eher seine Geschichte, die hier beschrieben wird. Das Leben eines queeren Jugendlichen in der Weimarer-Republik, der später als Beamter im Nationalsozialismus noch ambivalenter als zuvor lebt. Das wäre auch ohne Magda Goebbels eine interessante Geschichte gewesen. So ergibt sich aus beiden Figuren eine interessante wenn auch nicht zwingende Kombination.
Ein Buch über den Nationalsozialismus, das nur subtil über sein Personal wertet und in dem Verantwortliche im Nationalsozialismus erschreckend menschlich dargestellt werden. Interessant auch die unbeantwortbar bleibenden Fragen, was wäre gewesen wenn.

Veröffentlicht am 14.08.2024

Besser als man denken könnte

Pi mal Daumen
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Anfangs hat man bei Alina Bronskys neuem Roman "Pi mal Daumen" vielleicht das Gefühl, dass diese Geschichte der zwei gegensätzlichen Charaktere Oscar und Moni etwas einfach und schnell auserzählt ist, ...

Anfangs hat man bei Alina Bronskys neuem Roman "Pi mal Daumen" vielleicht das Gefühl, dass diese Geschichte der zwei gegensätzlichen Charaktere Oscar und Moni etwas einfach und schnell auserzählt ist, aber das ist nicht so. Die Figuren waren mir am Anfang zu überzeichnet, wuchsen mir aber mit der Zeit dann trotzdem richtig ans Herz. Moni, Oscar und auch Justin hätte ich gerne noch weiter durchs Leben begleitet.
Die Geschichte erzählt von Freundschaften, ungerechten Bildungschancen, dem Wissenschaftsbetrieb an einer Universität und davon, sich nicht vom ersten Eindruck einer Person blenden zu lassen. Das ist jetzt alles nicht neu und auch nicht hoch komplex, aber sehr unterhaltsam und liebenswert geschrieben.
Für mich hat diese Geschichte sehr viel mehr Inhalt, skurrilen Charme und Aussagekraft als es anfangs wirkte und das hat mir sehr gut gefallen.

Veröffentlicht am 08.12.2023

Anderer Blickpunkt auf die deutsche Nachkriegszeit

Als wir an Wunder glaubten
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Die Autorin behandelt die Nachkriegszeit nicht plakativ - Themen wie Kriegsversehrtheit, die Nazi-Vergangenheit und Armut werden zwar erwähnt, stehen aber gleichberechtigt mit der eigentlichen Geschichte ...

Die Autorin behandelt die Nachkriegszeit nicht plakativ - Themen wie Kriegsversehrtheit, die Nazi-Vergangenheit und Armut werden zwar erwähnt, stehen aber gleichberechtigt mit der eigentlichen Geschichte der Jugendlichen Betty und ihrer Mutter Edith. Über die Vergangenheit wird meist nicht gesprochen - das bezieht sich nicht nur auf die Nazi-Vergangenheit, sondern auch auf die Beziehungsgeflechte im norddeutschen Dorf, in dem die beiden Leben. Um so interessanter für Betty und die Lesenden, was die verschrobene Guste zu erzählen hat. Was ist hier Fakt und was Fiktiv - das bleibt lange offen. Das passt auch zum dritten großen Thema des Romans: Aberglaube. Vermeintliche Heilsbringer stehen bei vielen hoch im Kurs - eine Fortsetzung der Versprechen der Nazis und gleichzeitig Hoffnung in trüben Zeiten. Dennoch etwas, das ich noch nie als Thema speziell für die Nachkriegszeit auf dem Schirm hatte.
Für mich insgesamt eine ruhige, gut erzählte, andere Geschichte über die Nachkriegszeit in Deutschland. Gefallen hat mir auch die Konzentration auf den weiblichen Blickwinkel.