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Venatrix

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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 05.02.2024

Ein gelungener Abschluss der Reihe

Kinderklinik Weißensee – Geteilte Träume (Die Kinderärztin 4)
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Wie der Untertitel „Geteilte Träume“ andeutet, spielt dieser Abschlussband im Berlin der ersten Nachkriegsjahre.
Die Ärztin Marlene und ihrem Mann Maximilian ist es gerade noch rechtzeitig vor der Verhaftung ...

Wie der Untertitel „Geteilte Träume“ andeutet, spielt dieser Abschlussband im Berlin der ersten Nachkriegsjahre.
Die Ärztin Marlene und ihrem Mann Maximilian ist es gerade noch rechtzeitig vor der Verhaftung durch die sowjetische Besatzung gelungen, in den alliierten Teil Berlins zu flüchten, da man ihnen vorwirft, als adelige Großgrundbesitzer mit den Nazis kollaboriert zu haben. Als dann Maximilian an einem Herzinfarkt stirbt, bricht Marlenes Welt endgültig zusammen. Marlene und ihre Schwester Emma leben nun jeweils im anderen Teil Berlins und haben sich nichts mehr zu sagen. Die Politik hat das zuvor innige Verhältnis der Schwestern nachhaltig zerrüttet.

Das Kinderkrankenhaus Weißensee steht nun unter sowjetischer Führung und Emma, die schon früher den sozialistischen Ideen nahe gestanden ist, ist dort Pflegeleiterin. Nun soll ihre Tochter Elisabeth „Lissy“ als Ärztin in der Kinderklinik beginnen.

Wenig später häufen sich die Fälle von Kinderlähmung, einer Krankheit, die auch Lissy in ihrer Kindheit betroffen hat und die sie nur mit eiserner Disziplin überwunden hat.

Obwohl der sowjetische Klinikleiter ständig das Kollektiv lobt, das die Klinik ohne entsprechende Mittel und Medikamente betreibt, ist es doch das Engagement von Emma, das den Betrieb des Krankenhauses mithilfe ihres Improvisationstalentes sowie ihrer Bekannten aufrechterhält.

Meine Meinung:

Antonia Blum ist es sehr gut gelungen, die Zustände im Berlin kurz vor der Gründung der DDR darzustellen. Zunächst sind alle froh, den Krieg überlebt zu haben. Man wartet noch auf den einen oder anderen Heimkehrer. Als sich die Lage im sowjetischen Sektor Berlins nicht ganz so entwickelt wie gehofft, beginnt es Emma und Kurt langsam zu dämmern, dass sie eine Diktatur gegen eine andere getauscht haben. Man droht den beiden mit einschneidenden Konsequenzen, die auch Lissy betreffen, wenn Kurt das Schreiben kritischer Zeitungsartikel nicht sofort einstellt.

Die Epidemie der Kinderlähmung ist nicht nur in Deutschland aufgetreten, sondern auch in Österreich. In meinem persönlichen Umfeld kenne ich einige, die daran erkrankt sind. Die Mutter und Tante meiner Freundin (Jahrgang 1938 und 1939), ein Bürokollege (Jahrgang 1939) und meine Cousine (Jahrgang 1948). Alle vier Betroffenen haben unterschiedlich schwere Beeinträchtigungen davongetragen.

Fazit:

Gerne gebe ich diesem gut gelungenen Abschluss dieser Reihe rund um die Schwestern Marlene und Emma 5 Sterne.

Veröffentlicht am 03.02.2024

Penibel recherchiert und gekonnt erzählt

Das Lächeln der Königin
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Dieser historische Roman ist das Debüt der in Berlin lebenden Autorin Stefanie Gerhold.

Im Mittelpunkt stehen nicht nur die titelgebende Königin Nofretete, sondern vor allem der jüdische Textilunternehmer ...

Dieser historische Roman ist das Debüt der in Berlin lebenden Autorin Stefanie Gerhold.

Im Mittelpunkt stehen nicht nur die titelgebende Königin Nofretete, sondern vor allem der jüdische Textilunternehmer und Kunstmäzen James Simon (1851-1932) und der Ägyptologe Ludwig Borchardt (1863-1938).

Nachdem Napoleon ab 1799 mit seinen Truppen in Ägypten einmarschiert ist und seine Wissenschaftler zahlreiche Kunstschätze entdeckt und anschließend nach Paris gebracht haben, ist ein regelrechter Wettlauf um Ägyptens Schätze entstanden. England und Frankreich plündern die antiken Stätten mit staatlicher Unterstützung. Das deutsche Kaiserreich kommt ein wenig zu spät, und baut auf private Geldgeber um an den Ausgrabungen teilzunehmen. Einer davon ist eben der kunstsinnige James Simon. Neben zahlreichen sozialen Projekten finanziert er unter anderem die Grabungskampagne im Tell el-Amarna. Die Freude ist groß, als Borchardts Mitarbeiter im Dezember 1912 die Büste der Nofretete, der Gattin von Echnaton, ausgräbt.

Nun muss das Kunstwerk nur noch an der Antikenkommission der Franzosen vorbeigeschleust werden, bevor es nach Berlin gebracht werden kann.

Meine Meinung:

Dieser historische Roman ist penibel recherchiert. Er erzählt, wie in der Vergangenheit (?) Kunstschätze früherer Epochen ausgegraben und in die diversen Privatsammlungen und Museen verbracht worden sind. Die Diskussion um die Restituierung dieser geraubten Artefakte ist ja seit Langem im Gang. Das würdelose Geschachere, wer welches Kunstwerk für welches Museum erhält, ist hier sehr gut beschrieben.

Stefanie Gerhold ist es sehr gut gelungen, die handelnden Personen dazustellen. Zum einen Ludwig Borchardt, der es als seine Lebensaufgabe sieht, vor allem die Bautechnik des antiken Ägyptens zu erforschen, und zum anderen James Simon, der einen beträchtlichen Teil seines Vermögens dafür verwendet, als Jude in der antisemitischen Gesellschaft des deutschen Kaiserreichs anerkannt zu werden.

Der Schreibstil gefällt mir gut. Der Roman liest sich flüssig und die Leser können leicht in diese Zeit abtauchen. Dadurch ist er ein gelungenes Stück Zeitgeschichte. Geschickt sind Fakten und Fiktion miteinander verbunden. Auch das Gerücht, dass es zwei Büsten der Nofretete geben soll, wird hier eingearbeitet.

Im Epilog gibt es einen chronologischen Überblick über die wichtigsten Charaktere und die Ereignisse, die mit der Büste der Nofretete zusammenhängen.

Fazit:

Gerne gebe ich diesem gelungenen Debütroman, der auch ein Stück Zeitgeschichte ist, 5 Sterne.

Veröffentlicht am 30.01.2024

Hochspannung pur!

Die Nacht des Blutadlers
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Als der suspendierte Schweizer Kriminalbeamte Andreas Auer erfährt, dass er adoptiert worden ist, reist er für vorerst drei Wochen nach Gotland, Schweden, um nach seiner Herkunft zu suchen. Denn seit einiger ...

Als der suspendierte Schweizer Kriminalbeamte Andreas Auer erfährt, dass er adoptiert worden ist, reist er für vorerst drei Wochen nach Gotland, Schweden, um nach seiner Herkunft zu suchen. Denn seit einiger Zeit leidet er an unerklärlichen Albträumen, die nicht ausschließlich mit seiner beruflichen und privaten Situation zusammenhängen können. In Gotland, auf dem alten Bauernhof seiner Adoptivfamilie stößt er auf einen nach wie vor ungeklärten Mord an einer sechsköpfigen Familie aus dem Jahr 1979.

Doch je mehr er in Erfahrung bringen kann, desto verworrener wird die Geschichte. Seine Albträume nehmen konkretere Formen an. Was verheimlicht Albin Petterson, der Kriminalbeamte, der den Mord damals untersucht hat? Und warum ist seine damalige Kollegin Johanna Melander just seit jenen Tagen verschwunden?

Kann es sein, dass er, Andreas Auer, der einzige Überlebende dieses Massakers ist?

Meine Meinung:

Marc Voltenauer ist hier ein spannender Krimi gelungen. Wir Leser wissen nicht immer, woran wir sind. Manches, das in einem Kapitel klar erscheint, ist wenig später wieder im Nebel verschwunden. Zudem pendeln wir zwischen mehreren Zeitebenen hin und her. Das heißt, hier muss konzentriert gelesen werden.

Die Spannung ist stellenweise kaum auszuhalten: da eine neue Spur, dort eine Sackgasse. Wieder ein Erinnerungsfetzen, oder direkt ein Wechsel in die Vergangenheit.

Die Auszüge aus dem Obduktionsbericht der Opfer, in denen das Blutadler-Ritual beschrieben wird, ist nichts für Zartbesaitete. Man kann darüber hinweglesen. Vom barbarischen Tötungsritual „Blutadler“ habe ich in historischen Romanen aus der Wikingerzeit gelesen. Dabei sind sich Historiker nicht einig, ob es wirklich so stattgefunden hat oder ob es einer der zahlreichen Mythen rund um die Wikinger ist/war. Deshalb war ich neugierig, wie dieses Ritual in die Gegenwart transportiert wird.

Die Nebenhandlung, warum Auer suspendiert ist und die Krankengeschichte seines Lebenspartners Mikaël hätten für meinen Geschmack durchaus kürzer gehalten werden können. Aber das stört nur wenig.

Interessant habe ich auch die Passagen zur estnischen sowie zur schwedischen Geschichte im Zweiten Weltkrieg gefunden, zumal ich 2023 ein paar Tage in Tallin (Estland) war. Wer weiß, wer damals seinen Namen und seine Herkunft verschleiert hat.

Fazit:

Ein spannender Krimi, den ich nicht so schnell vergessen werde und 5 Sterne gebe.

Veröffentlicht am 27.01.2024

Fesselnd bis zu letzten Seite

Letztes Zuckerl
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Es ist Winter in Altaussee, ein Winter, fast so wie er früher einmal war: mit viel Schnee und Straßenglätte. Gasperlmaier will die Tage zwischen Weihnachten und Neujahr dazu nützen, um mit Christine Skifahren ...

Es ist Winter in Altaussee, ein Winter, fast so wie er früher einmal war: mit viel Schnee und Straßenglätte. Gasperlmaier will die Tage zwischen Weihnachten und Neujahr dazu nützen, um mit Christine Skifahren zu gehen. Doch dann ist alles ein wenig anders. Anstatt Sohn Christoph, der in Altaussee eine Landarztpraxis übernehmen will, kommen nur Schwiegertochter Richelle mit Enkel Theo aus Kanada. Dafür tauchen Tochter Katharina mit Ehefrau Stephanie ungeplant, aber herzlich willkommen auf, denn die beiden werden von sogenannten Incels, also Männern, die Frauen hassen, bedroht. Also, nichts ist mit dem Skifahren.

Als dann Gasperlmaier in das Haus des Zuckerlfabrikanten Grafenfeld gerufen, weil der alte Herr tot am Fuße der steilen Treppe liegt, ist es mit seiner Muße endgültig vorbei. Das Zuckerlpapierl, das unter der Leiche liegt, steckt er gedankenverloren ein.

Geht man beim Tod vom alten Grafenfeld zunächst noch von einem Unfall aus, so ist der Tote, den wenig später ein Hund beim Gassi-Gehen aus dem Schnee ausbuddelt, eindeutig ermordet worden. Das der Hund die Leiche ausgiebig markiert hat, freut die Spurensicherung naturgemäß nicht wirklich.

Damit Franz Gasperlmaier sich auf die Ermittlungen konzentrieren kann, übernimmt Ehefrau Christine die Regie über das „Full House“. Zusätzliche Unterstützung erhält er von Dr. Altmann, dem pensionierten Richter und Nachbarn, der es mit der Assimilierung an Altaussee ein bisschen übertreibt, wenn er im Winter die Krachlederne mit langen Unterhosen trägt. Altmann gibt Ezzes und hilft mit köstlichem Schnaps aus.

Doch ganz so einfach lassen sich Dinge nicht lösen. Hat es Gasperlmaier mit diesem Fall oder mit einem oder mehreren Tätern zu tun? In diesem Fall ist wenig, wie es scheint.

Meine Meinung:

Eigentlich will es der Gasperlmaier seit dem letzten Fall ein wenig ruhiger angehen, spürt er doch die Last seiner sechzig Jahre. Aber, Autor Herbert Dutzler gönnt ihm das nicht, sondern stellt ihn vor neue Herausforderungen wie den Genuss der veganen Küche oder den Bedrohungen auf den diversen Plattformen im Internet. Immerhin kann er sich zwischendurch kurz mit seinem Enkel Theo beim Bobfahren entspannen.

Herbert Dutzler flicht in seinen Altaussee-Krimi immer wieder tagaktuelle Ereignisse ein. Diesmal sind es die Incels, über die sich Gasperlmaier so seine eigenen Gedanken macht. Herzlich lachen musste ich über Olaf, der in Tränen ausbricht, als sich ausgerechnet eine der verhassten Frauen ans Steuer seines aufgetakelten Boliden setzt. Orange mit schwarzen Streifen und Spoiler - willkommen in der Vergangenheit!

Wie immer spielen Land und Leute rund um Altaussee eine wichtige Rolle. Liebevoll beschreibt der Autor die Schrullen der „Mitspieler“. So darf Gasperlmaier auch diesmal in das eine oder andere Fettnäpfchen tappen. Er ist nicht der intellektuelle Ermittler, der Schopenhauer zitiert oder einen vierzig Jahre alten Whisky zelebriert. Er sagt, was er sich denkt, liebt seine Leberkassemmel und das Bier dazu, was ihn bodenständig und liebenswürdig macht. Veränderungen machen ihm in wenig Angst, sodass er die Ambitionen der toughen Frau Dr. Kohlross, die Karriereleiter weiter emporzusteigen mit Argwohn betrachtet.

Das eröffnet nun bei der Leserschaft allerlei Spekulationen, ob der Gasperlmaier noch einen Fall lösen wird dürfen, denn dann wäre das Dutzend voll.

Fazit:

Dieser gelungenen Fortsetzung, in der wenig so ist, wie es scheint, gebe ich gerne 5 Sterne.

Veröffentlicht am 25.01.2024

Quo vadis, Türkei?

Die rissige Brücke über den Bosporus
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Quo vadis Türkei?

Im Jahr 2023 feiert die Türkei ihren 100. Geburtstag als Republik. Can Dündar, ein seit mehreren Jahren in Deutschland im Exil lebender türkischer Journalist zieht Bilanz über diese ...

Quo vadis Türkei?

Im Jahr 2023 feiert die Türkei ihren 100. Geburtstag als Republik. Can Dündar, ein seit mehreren Jahren in Deutschland im Exil lebender türkischer Journalist zieht Bilanz über diese 100 Jahre, die vor allem von zwei Männern dominiert wird: Mustafa Kemal Pascha Atatürk und Recep Tayyip Erdoğan.

Dündar, der in seiner Heimat Türkei als „Terrorist“ zu 27 Jahren Haft verurteilt worden ist, weil er einige, dem Präsidenten nicht genehme Zeitungsartikel geschrieben hat, erzählt eingangs wie er und zahlreiche andere Exil-Türken die Wahlnacht vom 28. Mai 2023 erlebten, als Recep Tayyip Erdoğan abermals zum Präsidenten gewählt worden ist.

„Unser Land brannte, die Massen feierten, stolz darauf Benzin in das Feuer gegossen zuhaben, das sie selbst versengte. Und wir schauten aus der Ferne zu, verzweifelt, weil wir keinen Eimer Wasser reichen konnten, um das Feuer zu löschen, das auch unsere Liebsten verbrannte.“ (S. 10)
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Der Autor versucht, in 16 Kapiteln darzustellen, wie sich die Türkei nach dem Ersten Weltkrieg aus dem zerfallenen Osmanischen Reich in einen autokratischen Staat entwickeln konnte. Dazwischen liegen neben den Modernisierungsmaßnahmen von Atatürk zahlreiche Militärputsche.

„Immer wenn die Zivillisten das Land in Sackgasse manövrieren, kommt das Militär und rettet es.“ (S. 89)

Nur, wo steht das Militär heute? Ob es das Land aus der aktuellen Sackgasse holen kann? Und zu welchem Preis?

Can Dündar zeigt auch die Beziehungen zwischen der Türkei und anderen Ländern, insbesondere Deutschlands auf.

Das Bild, das der Autor von der Zukunft der Türkei zeichnet, ist kein optimistisches. Immer wieder glimmt zwar ein Funken Hoffnung auf, denn die Opposition arbeitet unter Einsatz des eigenen Lebens versteckt weiter. Doch mit diesem Präsidenten an der Spitze ist die Kluft innerhalb des Landes breiter als je zuvor.

Fazit:

Ein eindrucksvolles Porträt eines Staates, der 100 Jahre nach seiner Gründung wenig Grund zum Feiern hat. Gerne gebe ich hier 5 Sterne.