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Veröffentlicht am 15.03.2024

Eine solide Geschichte

Die Arbeiter
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Sommerferien. Wie immer geht es an die Nordsee. Drei Kinder auf der Rückbank des alten Polo. Lisbeth, deren Rollstuhl im Kofferraum liegt, der zweitälteste Kristof und er, “der Kurze”. Die Mutter sitzt ...

Sommerferien. Wie immer geht es an die Nordsee. Drei Kinder auf der Rückbank des alten Polo. Lisbeth, deren Rollstuhl im Kofferraum liegt, der zweitälteste Kristof und er, “der Kurze”. Die Mutter sitzt auf dem Beifahrersitz und steckt dem Vater, der fährt, eine Zigarette nach der anderen an.

Als sie endlich ankommen, ist der Vater kaputt von der Fahrt und muss sich erstmal hinlegen. Die Mutter sitzt in der Küche und raucht. Weil sie kaum Luft kriegt, sitzen sie bald beim Kurarzt im Wartezimmer. Das Reizklima.

Der Vater hat wieder sein Ritual zelebriert. Das ganze Jahr über sammelte er Münzen und kleine Scheine, nun zählen sie alle zusammen nach, über 350 Mark für Pommes, Hamburger und Cola. Jetzt werden sie sich mal richtig erholen von der Maloche, den Bausparverträgen und Ratenkrediten.

Mein Vater, der nie genug arbeiten konnte, um am Ende des Monats nicht im Minus zu landen. Meine Mutter, die ständig in Sorge war, irgendwo zu kurz zu kommen: So waren wir. S. 87

Viele Jahre später ist “der Kurze” vierzig. Für ihren Sohn wollen er und seine Frau Katja alles anders machen als die Eltern. Aber dann sind sie doch auf Kante genäht, brüllen sich an, sind cholerisch und kalt zueinander, fallen, verlieren fast alles und fangen sich im letzten Moment wieder.

“Der Kurze” muss es erst noch lernen, das Sprechen über Gefühle. Zuhause war kein Platz fürs Fühlen, erst recht nicht, um darüber zu sprechen. In seiner Familie wurde alles verdrängt, später dann auch der Tod seines Vaters.

Fazit: Eine solide geschriebene Geschichte über eine Arbeiterfamilie, die Generation davor und die Kinder. Martin Becker schreibt in lockerem, gut lesbarem Stil. Frischt mit lustigen Anekdoten auf, die tatsächlich passiert sein könnten. Gut gezeichnet, hat er die Charaktere. Der cholerische Vater, der bei jedem Konflikt seine Überforderung herausbrüllte und damit jeden Widerspruch unter seine Kontrolle brachte. Die Mutter, die unter grausigen Verhältnissen aufgewachsen war und versuchte, sich so viel wie möglich vom Leben zu gönnen, dazu leider aber auch “den Kurzen” benutzte. Bei aller Liebe, die “der Kurze”als Erwachsener für seine Familie empfindet, ist er auch zornig, weil manches anders, besser gelaufen wäre. Ich habe es, wie beabsichtigt als Ode an die Arbeiterfamilie gelesen, die weder beschönigt, noch sentimental verklärt, aber auch nichts übertreibt und sich damit abfindet, wie es war. Und ich habe das gerne gelesen.

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Veröffentlicht am 04.03.2024

Ein außergewöhnliches Buch

wir sind pioniere
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Bruckner wacht verkatert in einem Hotel in Graz auf, weil jemand im Flur ununterbrochen “hoaskeeping” ruft. Gestern war er mit den Start Up Leuten noch um die Häuser gezogen, heute wird er sie im Rahmen ...

Bruckner wacht verkatert in einem Hotel in Graz auf, weil jemand im Flur ununterbrochen “hoaskeeping” ruft. Gestern war er mit den Start Up Leuten noch um die Häuser gezogen, heute wird er sie im Rahmen des ESC interviewen. Gerade erfährt er per Whats App, dass Vero schwanger ist. Bruckner freut sich wie Bolle, aber nur ganz kurz, denn dann trift ihn der Kater im Kopf volle Breitseite.

Auf dem Weg zum ESC grübelt er über den Namen nach “Kuno, Bruno, Juno”. Dann fragt er sich, wie er auf der Flucht vor dem Dispo im Rücken eine Familie finanzieren soll. Jetzt mit 33 ist er beruflich noch nicht so gefestigt, wie er das gerne wäre.

Veros Affäre, der Amphetaminjunky Keno weilt in Mannheim, wo er seit dem Studium festhängt, aber damit ist jetzt Schluss. Bruckner und Vero waren sich einig, dass, sobald sie eine Familie gründen ist Ende mit Keno, denkt Bruckner.

Währendessen folgt Vero ihren ganz eigenen Gedanken. Nachdem sie das mit Keno via Skype zuendegebracht und gesehen hat, dass der da gar nicht mit klar kommt, macht sie sich auf den Weg nach Mannheim. Allerdings kennt sie ja die Abmachung mit Bruckner und die macht es ihr jetzt nicht ganz so leicht.

…die probleme formen eine schlange und wollen eins nach dem anderen durchgedacht werden eine problemschlange und wenn ich mit einem fertig bin stellt es sich wieder hinten an und so geht das immer weiter.

Fazit: Ein wirklich außergewöhnliches Buch. Kaleb Erdmann hat sich entschieden jedes Wort klein zu schreiben und ganz auf Interpunktion zu verzichten und es liest sich überraschend leicht. Ich mag die vielen Eindrücke der unterschiedlichen Städte, das verspielte Graz, das kommerzielle München, das hässliche Mannheim, das nur aus Betonklötzen zu bestehen scheint. Und ich liebe seinen Humor. Kaleb Erdmann erfasst Situationskomik und schafft es, sie slapstikmäßig zu transportieren. Und so durfte ich mich Passagenlang fast totlachen. Die Geschichte an sich handelt von Freiheit, Eifersucht, Sicherheit und Wut, auf dem Boden einer Frindship with benefits-Beziehung, versus romantischer Beziehung. Ich empfehle dieses locker geschriebene Debüt gerne weiter.

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Veröffentlicht am 24.02.2024

Eine feine humorvolle Storry

Trabant
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Georg Himmel ist ein besonderer junger Mann mit einer Vorliebe für das Weltall. Dabei interessieren ihn weniger die Planetenkonstellationen als viel mehr was der unendliche Raum noch alles birgt. Sterne, ...

Georg Himmel ist ein besonderer junger Mann mit einer Vorliebe für das Weltall. Dabei interessieren ihn weniger die Planetenkonstellationen als viel mehr was der unendliche Raum noch alles birgt. Sterne, die uns umkreisenden Satelliten, deren Halbwertszeit und natürlich, der Schrott.

Wenn er sich allein fühlt, lauscht er den Schwingen des Beteigeuze, die in seiner Einbauküche lagern, wenn er nervös ist, dem Lichtblitz FRB 121102. Sein Zweifel, seine Person, seine Welt versinkt im Flüstern der Sterne. S. 12

Georg ist der Sohn eines erfolgreichen Einzelhandelskaufmanns, der sich bestens auf Haustürgeschäfte versteht und einer Mutter, die ihre Lehre zur Automechanikerin abgeschlossen hätte, wenn sie nicht mit Sohnemann schwanger geworden wäre. Mitte der Neunziger sind sie nach Bayern gekommen. Zuvor haben sie immer wieder den Wohnort gewechselt und Georg die Schule, die Mitschüler und Freundschaften. Seit seinem Abitur arbeitet Georg als Hausmeister im örtlichen Planetarium.

Sein bester Freund Vedad, den er unter abstrusesten Umständen kennengelernt hat heiratet, und als erstklassiger Trauzeuge hat Georg natürlich eine glänzende Rede vorbereitet. Leider wecken die Unmengen fremder Menschen Georgs Urangst, sich vor den Augen Fremder seltsam zu verhalten und an ihn gerichtete Erwartungen nicht erfüllen zu können. Deshalb kommt Georg, die sowohl unverständliche, wie geheimnisvolle SMS seines Vaters nicht ungelegen. Überraschend bricht Georg auf und stürzt sich ungewollt ins Abenteuer.

Fazit: Die Geschichte ist überraschend unterhaltsam. Ein kunterbuntes kleines Potpourrie an komischen aufeinanderfolgenden Ereignissen. Der Protagonist begibt sich auf einen Roadtrip an dessem Ende er seinen Vater zu finden hofft. Unterwegs hegt er ängstliche Befürchtungen. Verschiedene Situationen und Anekdoten seiner jungen und doch ereignisreichen Vergangenheit fallen ihm ein. Der Autor hat einen jungen Charakter mit Ecken und Kanten geschaffen, dem ich gerne dabei zu gesehen habe, wie er seine Ängste und Unsicherheiten überwindet. Eine feine humorvolle Storry, die ich gerne gelesen habe.

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Veröffentlicht am 19.02.2024

Eine Geschichte über Vertreibung

Die lichten Sommer
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Liz arbeitet seit ihrem 14. Lebenjahr in der Batteriefabrik. Auf dem Weg dorthin schwätzt sie mit den anderen Mädchen und erfreut sich mit ihnen an ihrem Alltag. Den Rückweg meistert sie allein, läuft ...

Liz arbeitet seit ihrem 14. Lebenjahr in der Batteriefabrik. Auf dem Weg dorthin schwätzt sie mit den anderen Mädchen und erfreut sich mit ihnen an ihrem Alltag. Den Rückweg meistert sie allein, läuft ganz beschwingt und überlässt sich ihren umherflatternden Gedanken. Unten am Fluss entlang, erinnert sie ihre Herkunft.

Wie aus dem Nichts waren sie nach Kriegsende plötzlich hier aufgetaucht und hatten das Dorf in helle Aufregung versetzt, es plötzlich gesprächig und streitsüchtig gemacht. S. 11

Ihre Eltern waren aus Tschechien geflüchtet und hatten in den Barracken unten am Fluss gelebt. Jahre später schafften sie es, aus ihrer eigenen Hände Arbeit, ein kleines zweistöckiges Haus zu mieten. Die Eltern lebten oben und richteten unten eine Gaststätte ein, als Liz geboren wurde.

Ihr Vater Ladislaus trägt die alten Narben auf dem Rücken, das hatte sie mal beobachtet. Jeden Tag steht er hinter dem Thresen und ihre Mutter Nevenka steht in der Küche und bereitet den Mittagstisch. Dass sie feine böhmische Gerichte zu günstigen Preisen anboten, hatte sich bald rumgesprochen und auch, dass Ladislaus großzügig die Schnapsflasche rumgehen ließ. Mit der eigenen Gaststätte kam der Aufstieg, der Schnaps und die Bedürfnisse. Auf das Haus! Auf die Frau! Auf das Kind! Auf die Freude! Auf den Kummer! Prost!

Als Liz ein Ausbildungsangebot von ihrem Vorgesetzten bekommt, weigert sich der Vater, den Vertrag zu unterschreiben. Liz solle weiter in der Gaststätte aushelfen und auch ihre Mutter brauche sie noch.

Fazit: Es ist eine Geschichte über Vertreibung und Ankommen, über Schuld und Demütigung. Und es ist eine Geschichte darüber, wie sich Traumen über Generationen weiterverbreiten. Die Geheimnisse, die Liz Mutter Nevenka in sich verbirgt und die Erlebnisse von Nevenkas Mutter, färben auf Liz ab und bestimmen ihr Sein. Liz hat den schweren Weg zu gehen, zu kränkeln und in Melancholie zu fallen, oder ihrem Partner zu sagen, was sie stört, gleichzeitig ihr Gesicht zu wahren und ihre Herkunft zu verbergen. Ich mochte die Geschichte, in die ich allerdings erst ab Seite 100 so richtig reingerutscht bin. Die Autorin hat Kapitelweise aus der Gegenwart erzählt und ist dann immer wieder in die Rückschau gegangen. Wenn sie mich aus Vergangenheit wieder in die Gegenwart brachte, habe ich den Faden verloren, wusste nicht mehr mit welchem Cliffhanger sie geendet hatte. Die fremden Namen haben es auch nicht leichter gemacht. Alles in allem eine gut geschriebene Geschichte, in deren Technik ich mich leider verloren habe.

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Veröffentlicht am 13.02.2024

Eine Spurensuche

Krummes Holz
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Jirka ist neunzehn als er in sein Heimatdorf “Krummes Holz” zurückkehrt. Erwartungsgemäß ist niemand glücklich ihn zu sehen. Leander nicht, der ihn auf dem Weg zum väterlichen Hof aufsammelt, Magret, seine ...

Jirka ist neunzehn als er in sein Heimatdorf “Krummes Holz” zurückkehrt. Erwartungsgemäß ist niemand glücklich ihn zu sehen. Leander nicht, der ihn auf dem Weg zum väterlichen Hof aufsammelt, Magret, seine Schwester nicht und sein Vater Georg ganz sicher auch nicht, aber den wird er erstmal nicht zu sehen bekommen. Er steigt in den verbeulten Taunus und erinnert sich an Leanders Vater Vilém Dorodzala. Er war der beste einarmige Suffkopp, der jemals gelebt hat, bevor der Tod ihn aus Jirkas Leben gepflückt hat. Vilém war der einzige von den ganzen Wanderarbeitern auf dem Hof, der ihn aus dem Hundezwinger wieder rausließ, in den sein Vater ihn regelmäßig sperrte.

Im Grunde hätte Jirka schon eher kommen müssen, weil seine Schwester ihn darum gebeten hatte, vor einigen Wochen. Doch dann hatte der weltbeste Sozialarbeiter Jochen ihn bekifft erwischt und Hausarrest erteilt. Für Jirka war das kein Problem, für seine Schwester schon.

Im Taunus muss er seine heiße Stirn an die kühle Scheibe der Beifahrertür lehnen. Leanders starker Unterarm, mit dem roten Flaum verwirrt ihn, sein Geruch nach Erde und Zigarettenrauch lässt ihn die Augen schließen. Fünf Jahre haben sie sich nicht gesehen. Eine lange Zeit, die alles verändert, wenn man so jung ist wie Jirka.

Fazit: Zuerst einmal, die vielen Namen und Infos brachten mich zu Anfang ins Stolpern. Die Geschichte ist aber so interessant gemacht, dass ich dran bleiben musste. Mir gefällt die Technik des Rückblicks sehr. Die Autorin packt ganz langsam und bedächtig aus, was Jirka und seiner Schwester passiert ist. Die Charaktere sind sensibel gezeichnet. Leanders erotische Aura, die Jirka die Luft nimmt und zutiefst verunsichert, war spürbar, Jirkas Unsicherheit nachvollziehbar. Jirka begibt sich auf Spurensuche, um sich selbst zu verstehen. Er ist ein sensibler, trotziger, junger Mann. Wie traumatisiert er ist, wird ihm erst durch seinen Besuch auf dem Hof klar, wo sein Vertrauen mehrfach missbraucht wurde. Doch ja, ich mag dieses Debüt sehr und empfehle es ganz klar.

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