Die britische Journalistin Sarah Sands hat in diesem wunderschön gestalteten Memoir die letzten Monate mit ihrem Vater festgehalten. Während er immer schwächer wird und sein Leben sich offensichtlich dem ...
Die britische Journalistin Sarah Sands hat in diesem wunderschön gestalteten Memoir die letzten Monate mit ihrem Vater festgehalten. Während er immer schwächer wird und sein Leben sich offensichtlich dem Ende zuneigt, sorgt sie sich gleichzeitig um ein junges Igelweibchen, das sie in ihrem Garten gefunden hat. Ihr Mann bringt das Tier in ein Igelkrankenhaus und ab diesem Zeitpunkt befasst sich die Autorin nicht nur mit diesem speziellen Igel, sondern mit der Rolle von Igeln in allen Bereichen der britischen Kultur.
Der Autorin ist das Kunststück gelungen, einerseits sehr berührend über die Zeit des Abschieds von ihrem Vater zu berichten, andererseits aber auch überraschend vielseitig über Igel zu informieren. Das geschieht mal sachlich, mal emotional, und man spürt, wie wichtig die intensive Beschäftigung mit einem ganz anderen Thema in diesem Winter für die Journalistin ist.
Obwohl es in diesem Buch um Sterben, Abschied und Trauer geht, empfand ich es nicht als bedrückend. Das lag nicht nur an den vielen unterschiedlichen Blickwinkeln auf Igel, sondern in erster Linie an dem leicht lesbaren, sehr unterhaltsamen Schreibstil.
Neben dem schönen Cover haben mir die Illustrationen zu Beginn jedes der elf Kapitel besonders gefallen.
Als Jella und Yannick sich kennenlernen ist Jella überglücklich, die ganz große Liebe gefunden zu haben. Ihr Leben scheint perfekt und so willigt sie mit nur ganz leichten Zweifeln ein, gemeinsam in eine ...
Als Jella und Yannick sich kennenlernen ist Jella überglücklich, die ganz große Liebe gefunden zu haben. Ihr Leben scheint perfekt und so willigt sie mit nur ganz leichten Zweifeln ein, gemeinsam in eine Wohnung zu ziehen, die für sie als Studentin viel zu teuer ist. Und dann fängt die Hochglanzfassade an zu bröckeln. Auf heftigste Auseinandersetzungen folgen ebenso heftige Versöhnungen, bis Jella schließlich auf einer Polizeiwache Anzeige wegen häuslicher Gewalt erstattet und zurück zu ihrem Vater in ihr altes Kinderzimmer flüchtet.
In den folgenden elf Tagen versinkt Jella in ihrem Schmerz, versucht das Geschehene zu verstehen, blickt auf die Vergangenheit zurück. Und die hat es in sich. Eine Kindheit in der Lausitz, die Trennung der Eltern ohne dramatische Zerwürfnisse, die Entscheidung beim bedürftigeren Vater zu bleiben, Freundschaften, erste negative Erfahrungen mit Männern. Und dann Abitur, Studium und schließlich Yannick, den sie so gerne auch jetzt noch lieben würde.
Für mich gehört dieser Roman zu meinen absoluten Lesehighlights des Jahres! Sprachlich überzeugend, wenn auch teilweise sehr drastisch formuliert. Wichtiger finde ich aber die Innenansichten und den Blick auf die weibliche Sozialisation, die am Beispiel von Jella alltägliche Gewalt in heterosexuellen Beziehungen aufzeigt, die mit Yannick nur ihren Höhepunkt erreicht hat. Das fatale Bemühen von Mädchen und Frauen zu gefallen und dabei die eigenen Bedürfnisse hintenanzustellen oder gar nicht erst zu entdecken, wird in diesem Roman sehr eindrucksvoll hinterfragt.
Eigentlich würde ich dieses Buch am liebsten jedem Menschen empfehlen, aber es benötigt definitiv eine Triggerwarnung.
Sam und Elena sind Schwestern, Ende 20, und leben mit ihrer todkranken, pflegebedürftigen Mutter auf den San Juan Islands im Nordwesten der USA. Als Teenager haben sie gemeinsam davon geträumt, die Insel ...
Sam und Elena sind Schwestern, Ende 20, und leben mit ihrer todkranken, pflegebedürftigen Mutter auf den San Juan Islands im Nordwesten der USA. Als Teenager haben sie gemeinsam davon geträumt, die Insel zu verlassen und irgendwo zusammen ein besseres Leben zu führen. An diesem Traum hält Sam sich fest, wenn sie in anstrengenden Schichten im Bistro auf der Fähre arrogante Touristen bedient. Elena arbeitet wie sie in der Gastronomie und kümmert sich hauptsächlich um die Pflege der Mutter und um die Verwaltung der immer stärker wachsenden Schuldenberge.
Eines Tages sichtet Sam während ihrer Schicht einen schwimmenden Bären und berichtet Zuhause von der kleinen Sensation, die etwas Abwechslung in den tristen Alltag bringt. Doch dabei bleibt es nicht. Kurz darauf sichten sie das eindrucksvolle Tier direkt vor ihrer Haustür. Während Sam sich durch den Bären bedroht fühlt, sucht Elena die Nähe des Tieres. Erstmals in der Beziehung der Schwestern beginnt Sam, Elenas Handeln in Frage zu stellen und unabhängige Entscheidungen zu treffen.
In leisen, ruhigen Tönen wird die Geschichte einer nur aus Frauen bestehenden kleinen Familie erzählt, die trotz harter Arbeit nie genug Geld verdienen, um ihren Lebensunterhalt zu bestreiten. Während der Corona Pandemie sind die Jobs in der Tourismusbranche weggefallen, Lohnersatzleistungen gab es in den USA ebenso wenig wie eine ausreichende Krankenversicherung. Während Elena angesichts der horrenden Hypotheken- und Arztrechnungen resigniert hat, hat Sam naiv an den Träumen ihrer Jugend festgehalten.
Mich hat dieser Roman nachhaltig beeindruckt, obwohl ich mit der märchenhaften Beziehung zwischen Elena und dem Bären meine Schwierigkeiten habe. Trotzdem haben mich der Schreibstil, die sehr gelungenen Charakterisierungen und vor allem die Beschreibung der Lebensbedingungen überzeugt. Ich kann mir gut vorstellen, dieses Buch irgendwann noch einmal zu lesen.
Die 16jährige Schülerin Odile lebt in einem Tal, das im Osten und Westen von völlig identischen Tälern begrenzt wird. Einziger Unterschied ist die Zeit, denn in dem einen Tal leben die Menschen zwanzig ...
Die 16jährige Schülerin Odile lebt in einem Tal, das im Osten und Westen von völlig identischen Tälern begrenzt wird. Einziger Unterschied ist die Zeit, denn in dem einen Tal leben die Menschen zwanzig Jahre zuvor, in dem anderen zwanzig Jahre in der Zukunft. Die Grenzen werden bewacht, ein Überschreiten ist streng verboten und nur auf Antrag und in Begleitung möglich. Entschieden wird darüber von den Mitgliedern des Conseils, deren Autorität nicht in Frage gestellt wird. Die genauen Kriterien, warum Besuche gestattet oder abgelehnt werden, sind nicht transparent.
In der Schule herrscht ein autoritärer Unterrichtsstil, zu dem auch ganz selbstverständlich körperliche Züchtigungen gehören. Obwohl Odile augenscheinlichlich gemobbt wird, schreitet der Klassenlehrer nicht ein, lediglich Alan und Edme, zwei Mitschüler, stellen sich auf ihre Seite.
Am Ende des Schuljahres steht der Übergang in die Ausbildung bevor, am begehrtesten ist natürlich die Aufnahme in die Ausbildung am Conseil. Zunächst bewirbt Odile sich nur, weil es ihrer Mutter so wichtig ist. Doch ein Erlebnis hat Odile zutiefst irritiert, ohne dass sie darüber sprechen konnte. Sie hat Edmes Eltern als Besucher aus der Zukunft gesehen, sie weiß also, dass Edme sterben wird, ohne den genauen Zeitpunkt oder die Ursache zu kennen. Durch einen Zufall erfährt ihr Lehrer davon und empfiehlt sie deshalb für die Ausbildung. Für sie selbst überraschend, beginnen die herausfordernden Aufgaben sie zunehmend zu faszinieren und ihren Ehrgeiz zu wecken. Gleichzeitig ändert sich ihr Status bei ihren Klassenkamerad:innen und sie wird Teil einer Clique. Insbesondere zu Edme fühlt sie sich hingezogen, ohne ihm von ihrem Wissen über seinen bevorstehen Tod zu berichten.
Während dieses ersten Teils liest sich der Roman wie ein Jugendbuch, in dem es im Rahmen einer Dystopie um die ganz typischen Themen wie Außenseitertum, Mobbing, erste Liebe und langsames Erwachsenwerden geht. Gerade Odile wirkt in einigen Szenen viel jünger als 16 Jahre, um dann aber insbesondere im Zusammenleben mit ihrer Mutter viel zu erwachsen für das Alter zu handeln und zu denken. Insgesamt wirkt Odile sehr beherrscht und zeigt viel weniger Emotionen, als zu erwarten wären.
Der zweite Teil spielt 20 Jahre später. Sprachlich unterscheidet er sich gravierend von Teil I. Auch die Stimmung ist viel düsterer, von Aufbruchstimmung keine Spur. Odiles Dasein lässt sich nur als trist und monoton beschreiben, ihre Wünsche sind bescheiden. Doch dann geschehen einige Dinge, die sie aus ihrer Erstarrung aufwecken und Gedanken in Gang setzen, die sie bisher nicht zugelassen hat.
Der promovierte Philosoph Scott Alexander Howard erinnert mit seinem ersten Roman an berühmte Vorbilder, in denen es um autoritäre Systeme oder um klassische Zeitreisen geht. Diese beiden Themen verknüpft er geschickt und unterhaltsam, fordert seinen Leser:innen aber auch einiges an Konzentration ab. Unweigerlich stellt man sich die Frage, wie man selbst handeln würde. Was würde geschehen, wenn man die Vergangenheit ändern könnte? Welche Auswirkungen hätte das, nicht nur für die eigene Person, sondern für ganze Systeme?
Das andere Tal ist kein Wohlfühlbuch, dafür ist die Atmosphäre über weite Strecken zu düster. Der erste Eindruck, es könnte ein Jugendbuch sein, ist spätestens zu Beginn des zweiten Teils verflogen.
Auch Odile, die die tragende Figur des Romans ist, eignet sich nicht als Identifikationsfigur, obwohl sie letztlich eine Sympathieträgerin ist. Ebenso wie sie sind die anderen Hauptcharaktere überzeugend herausgearbeitet.
Klare Leseempfehlung für Leser:innen, die sich auf das Thema einlassen mögen und sich von düsteren Szenarien nicht abschrecken lassen.
Nach dem berührenden und sprachlich überzeugenden Roman "Der Gesang der Berge" widmet sich die Autorin in ihrem neuen Roman dem bisher wenig beachteten Schicksal der Amerasier.
So werden die Kinder genannt, ...
Nach dem berührenden und sprachlich überzeugenden Roman "Der Gesang der Berge" widmet sich die Autorin in ihrem neuen Roman dem bisher wenig beachteten Schicksal der Amerasier.
So werden die Kinder genannt, die während des Vietnamkrieges gezeugt wurden und deren Väter in Vietnam stationierte GIs waren. Meist handelte es sich bei den jungen Müttern um arme Vietnamesinnen, die aus materieller Not zur Prostitution gezwungen waren, gelegentlich entstammten die Kinder aber auch Liebesbeziehungen.
Viele dieser Kinder wuchsen in Waisenhäusern auf und wurden wegen ihrer Herkunft geächtet, insbesondere wenn die Hautfarbe sie als Kinder schwarzer GIs auswies. Aus diesem Grund versuchten viele, Vietnam zu verlassen und in den USA ein vermeintlich besseres Leben zu führen. Allerdings mussten sie dazu einen Abstammungsnachweis erbringen, was ihnen kaum möglich war.
Vor diesem realen Hintergrund erzählt der vorliegende Roman auf zwei Zeitebenen die fiktive Geschichte von mehreren Personen, deren Leben auf tragische Weise durch den Vietnamkrieg geprägt wurden.
Da sind die Schwestern Trang und Quynh, die noch Teenager sind, als der Krieg und die Armut sie zwingen, in Saigon als Barmädchen zu arbeiten und sie erkennen müssen, was das tatsächlich heißt.
Da ist der unter PTBS leidende ehemalige Hubschrauberpilot Dan, der im Jahr 2016 mit seiner amerikanischen Ehefrau nach Vietnam zurückkehrt, allerdings ohne ihr von seiner damaligen Geliebten erzählt zu haben.
Und da ist Phong, der als Amerasier in einem Waisenhaus aufwuchs und es als Kind eines schwarzen GIs noch schwerer hat. Inzwischen selbst Vater, versucht er für sich und seine Famile ein Visum für die USA zu bekommen und scheitert an den Vorgaben.
Die Geschichte dieser so unterschiedlichen Menschen, deren Wege sich im Laufe des Romans kreuzen, weist auf die tragischen Folgen eines Krieges hin, über die viel zu wenig berichtet wird. Letzten Endes sind immer Kinder die Leidtragenden, die im Laufe eines Krieges vom sogenannten Feind gezeugt wurden. Aber eben auch die Zivilbevölkerung und die meist jungen Soldat:innen, die für den Rest ihres Lebens mit den schrecklichen Erlebnissen klarkommen müssen.
Ein absolut lesenswerter Roman und empfehlenswerter Einstieg in das Thema.