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Veröffentlicht am 14.07.2024

Goldrausch in Ardnakelty

Feuerjagd
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In Tana Frenchs neuem Roman “Feuerjagd“ begegnen wir wieder Ex-Cop Cal Cooper aus Chicago und seinem Schützling Theresa “Trey“ Reddy, 15. Es handelt sich um die Fortsetzung von “Der Sucher“. Cal lebt jetzt ...

In Tana Frenchs neuem Roman “Feuerjagd“ begegnen wir wieder Ex-Cop Cal Cooper aus Chicago und seinem Schützling Theresa “Trey“ Reddy, 15. Es handelt sich um die Fortsetzung von “Der Sucher“. Cal lebt jetzt seit über zwei Jahren in dem fiktiven Ort Ardnakelty im Westen von Irland. Die verschworene Dorfgemeinschaft, immer misstrauisch und abweisend gegenüber Fremden, hat sich mit ihm arrangiert. Cal und Trey betreiben eine kleine Schreinerei und reparieren Möbel für die Dorfbewohner. Eines Tages kehrt Treys Vater Johnny Reddy nach vier Jahren aus London zurück und bringt einen anscheinend vornehmen reichen Engländer mit, der sich Cillian Rushborough nennt und angeblich mit den Feeneys am Ort verwandt ist. Von seiner Großmutter hat er gehört, dass es am Fuß des Bergs und vielleicht auch auf dem Land der Bauern Gold geben soll. Johnny gelingt es, die Dorfbewohner in eine Art Goldrausch zu versetzen und zu Investitionen zu bewegen. Cal spürt, dass etwas Bedrohliches auf sie zukommt und dass Trey ihre eigenen Pläne verfolgt. Er liebt sie wie eine Tochter und will sie unbedingt beschützen, ohne sie zu bevormunden. Trey hat den Tod ihres älteren Bruders Brendan zwei Jahre zuvor nicht verschmerzt und will die neuesten Entwicklungen nutzen, um sich an dem verhassten Dort zu rächen. Dann kommt es zu einem Mord, und die Polizei ermittelt. Nichts ist mehr, wie es war. Jeder ist verdächtig.
“Feuerjagd“ ist kein konventioneller Krimi über Verbrechen, die aufgeklärt werden, sondern eine komplexe Geschichte mit weit zurückreichenden Verflechtungen und Geheimnissen. Der Roman besticht durch viel Lokalkolorit und lebendige Dialoge. Besonders die Szenen im dörflichen Pub finde ich sehr gelungen. Mir hat der Roman trotz einiger Längen gut gefallen – wie schon zuvor “Der Sucher“. Wer sich auf das langsame Erzähltempo einlässt, kommt hier durchaus auf seine Kosten. Eine klare Leseempfehlung.

Veröffentlicht am 22.06.2024

Wer wollen wir sein, und wen wollen wir lieben?

Die Sache mit Rachel
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In Caroline O´Donaghues Roman “Die Sache mit Rachel“ geht es um die Studentin Rachel Murray, die sich kurz vor Ende ihres Literaturstudiums fragt, welchen Job sie in dieser brotlosen Kunst angesichts der ...

In Caroline O´Donaghues Roman “Die Sache mit Rachel“ geht es um die Studentin Rachel Murray, die sich kurz vor Ende ihres Literaturstudiums fragt, welchen Job sie in dieser brotlosen Kunst angesichts der Rezession von 2009/2010 überhaupt finden soll. Weil ihre Eltern nicht genug Geld hatten, ihr Studium zu finanzieren, hat sie einen Job in einer Buchhandlung in Cork angenommen, wo sie James Devlin kennenlernt, mit dem sie sich eine Wohnung teilen wird. James ist schwul, und sie hütet lange sein Geheimnis, obwohl sie dadurch in große Schwierigkeiten gerät. Sie hat sich in ihren Literaturprofessor Dr. Fred Byrne verliebt, der mit einer ehemaligen Studentin verheiratet ist. Vielleicht gelingt es ihr ja auch, den umschwärmten Professor zu erobern. Rachel und James organisieren in ihrer Buchhandlung eine Lesung von Byrnes Buch über die irische Hungersnot im 19. Jahrhundert und das Verhalten der Engländer, das er als Genozid deutet. Doch dann entwickelt sich in dieser Dreierkonstellation alles ganz anders als erwartet.
Die Autorin erzählt in diesem Coming-Of-Age-Roman auf mehreren Zeitebenen Rachels Geschichte als junge Studentin und gut zehn Jahre später als verheiratete Ehefrau. Es wird gefeiert und viel Alkohol getrunken, und Rachel hat zahlreiche Partner, bis sie Jahre später James Carey, ihrer großen Liebe mit Anfang 20 wiederbegegnet. Es geht in diesem Roman um Liebe, Freundschaft, Loyalität und Verrat, um sexuelle Orientierung und den Umgang mit denen, die anders sind, aber auch um Wirtschaftskrisen und ihre Folgen, die Nachwirkungen der großen Hungersnot und den langen Kampf irischer Frauen um das Recht auf Abtreibung.
Ich habe diesen Roman trotz kleiner anfänglicher Schwierigkeiten mit der zeitlichen Orientierung gern gelesen, vor allem auch wegen der gelungenen Charakterisierung der Hauptfiguren, der sprachlichen Qualität mit vielen witzigen Episoden und Wortwechseln und wegen des Porträts der engen Beziehung zwischen Rachel und ihrem besten Freund James Devlin, die intensiver wirkt als alle anderen im Roman dargestellten. Ein sehr empfehlenswertes Buch.

Veröffentlicht am 05.05.2024

Trophäenjagd in Afrika

Trophäe
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Ein Amerikaner mit dem sprechenden Namen Hunter White ist durch Börsen- und Immobilienspekulationen steinreich geworden. Er wurde schon als Junge von seinem Vater und Großvater zum Jagen mitgenommen und ...

Ein Amerikaner mit dem sprechenden Namen Hunter White ist durch Börsen- und Immobilienspekulationen steinreich geworden. Er wurde schon als Junge von seinem Vater und Großvater zum Jagen mitgenommen und hat schon damals seine ersten Tiere erschossen. Jetzt fliegt er wieder einmal nach Afrika, wo er seinen Freund Van Heeren trifft. Van Heeren hat ihm für eine gewaltige Summe die Lizenz für die Jagd auf ein Spitzmaulnashorn verkauft. Wenn er dieses geschützte Tier tötet, macht er die Big Five voll. Die anderen vier - Löwe, Leopard, Elefant und Wasserbüffel - hat er bereits erlegt und seiner Frau als Trophäen mitgebracht. Zusammen mit Van Heeren und den Fährtenlesern verfolgen sie das ausgewählte Tier. Doch dann kommt alles anders. Wilderer töten das Nashorn, bevor Hunter vor Ort ist. Sein Freund bietet dem enttäuschten und wütenden Hunter die Big Six an. Für 500.000 Dollar kann er einen jungen Afrikaner jagen und töten. Hunter kann diesem Angebot nach kurzem Zögern nicht widerstehen. Er lernt die ausgewählte Beute kennen und nimmt an den vorbereitenden Stammesritualen in der Siedlung der Afrikaner teil. Dann nimmt die Handlung eine dramatische Entwicklung?
Auch wenn man alles andere als ein Fan von Jagen und Töten ist, liest sich der ungewöhnliche Roman sehr spannend. Man stellt sich den mit der Jagd auf Tiere und Menschen verbundenen ethischen Fragen, liest die packenden Beschreibungen von Flora, Fauna und Klima und begreift, dass die Ausbeutung des Kontinents auch in der postkolonialen Zeit nie aufgehört hat. Für Dollars ist alles zu haben: „Die Menschenjagd ist ein Nebenprodukt der Trophäenjagd.“ (S. 93). Mit den Riesensummen, die Van Heeren einnimmt, finanziert er paradoxerweise Artenschutz und bietet der indigenen Bevölkerung Lebensraum sowie medizinische Versorgung und eine Chance auf Bildung.
„Trophäe“ fasziniert und schockiert gleichermaßen und hat zu Recht große Beachtung gefunden.

Veröffentlicht am 28.04.2024

Leben im Vielvölkerstaat Singapur

Zuckerbrot
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Im Mittelpunkt des Romans steht die 10jährige Parween genannt Pin, die aus ihrer Perspektive über ihr Leben in Singapur zu Beginn der 90er Jahre berichtet. Sie besucht eine christliche Eliteschule als ...


Im Mittelpunkt des Romans steht die 10jährige Parween genannt Pin, die aus ihrer Perspektive über ihr Leben in Singapur zu Beginn der 90er Jahre berichtet. Sie besucht eine christliche Eliteschule als Stipendiatin, denn die Familie ist arm. Dennoch ist das Mädchen glücklich, bis sich ihr Leben vollständig ändert. Eines Tages zieht Nani-ji, die Großmutter mütterlicherseits bei ihnen ein, eine herrische, sehr unsympathische Frau. Von da an gelten ihre Regeln in Bezug auf korrektes Benehmen und die Beachtung religiöser und kultureller Traditionen. Pins wunderschöne Mutter mit dem lebenslangen Hautproblem hat am meisten zu leiden. Es gibt offensichtlich ein Geheimnis, über das nie gesprochen wurde und das nun irgendwann ans Licht kommen muss. Nani-ji verachtet ihre Tochter, die angeblich als junges Mädchen eine Tragödie verschuldet und den Ruf der Familie für immer ruiniert hat.
Erzählt wird die Geschichte mehrerer Generationen auf zwei Zeitebenen: 1967 und 1990-1991. Sie zeigt, wie das Leben im Vielvölkerstaat Singapur war, wie sich malaiische, indische und chinesische Sprachen begegneten. Diese Vielfalt zeigte sich auch in den Ernährungsgewohnheiten. Pins Mutter ist eine hervorragende Köchin, deren Stimmung sich in den zubereiteten Gerichten spiegelt. Neben den Essgewohnheiten geht es aber auch immer wieder um Rassismus und Kastendenken, um Sexismus, Patriarchat und den Kontrast zwischen arm und reich. Pin wird vom Bus-Onkel als „mungalee“ beschimpft – ein herabsetzender Ausdruck für Inder mit dunklerer Hautfarbe - und in der Schule öfter ausgegrenzt. Von ihren Eltern ermutigt, versucht sie dennoch ihren Weg zu gehen und ein selbstbewusstes Individuum zu werden. Mir hat der Roman sehr gut gefallen, entführt er den Leser doch in eine exotische Welt. Unbedingt empfehlenswert.

Veröffentlicht am 28.04.2024

Alles kommt ans Licht

Treibgut
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Ken und Abby Gardner standen einander als Kinder sehr nahe. Doch ihre Mutter war nach Abbys Geburt gestorben, als Ken drei Jahre alt war, und er hat der Schwester immer die Schuld gegeben. Der Vater Adam, ...


Ken und Abby Gardner standen einander als Kinder sehr nahe. Doch ihre Mutter war nach Abbys Geburt gestorben, als Ken drei Jahre alt war, und er hat der Schwester immer die Schuld gegeben. Der Vater Adam, ein bekannter Meeresbiologe, der sich auf Buckelwale spezialisiert hat, zieht seine Kinder allein auf, interessiert sich im Zweifelsfall aber mehr für seine Forschungen als für seine Kinder und hat nicht mitbekommen, dass sich Abby und Ken – inzwischen etwa 38 und 41 Jahre alt – voneinander entfernt haben. Ein Geheimnis aus der Kindheit hat Abby ihr Leben lang gequält. Ken ist ein erfolgreicher Immobilienhändler mit politischen Ambitionen geworden, Abby eine bisher noch nicht besonders erfolgreiche Künstlerin. Sie waren immer schon Rivalen um die Liebe und Aufmerksamkeit des Vaters und später um sichtbaren Erfolg. In Kens Ehe mit Abbys ehemals bester Freundin Jenny kriselt es. Die zwölfjährigen Zwillinge Tessa und Frannie kommen in ein schwieriges Alter und sehen den Vater inzwischen kritisch. Dann hat sich eine bisher unbekannte junge Frau namens Steph mit ihrem kleinen Sohn und ihrer Partnerin Toni in das Leben der Familie gedrängt. Auch hier gibt es etwas Verschwiegenes in der Vergangenheit. Adam Gardner will noch vor seinem bevorstehenden 70. Geburtstag und dem Ausscheiden aus dem Berufsleben zur Krönung seines Lebenswerks das eine große Forschungsergebnis erzielen: die Entschlüsselung der Sprache der Buckelwale. Dabei geht der lebenslang an einer bipolaren Störung leidende Wissenschaftler ein großes Risiko ein. Die Gardners wollen zum 70. Geburtstag des Vaters ein großes Fest geben. Hier kommt es erwartungsgemäß zum großen Showdown, bei dem alle Geheimnisse enthüllt werden.
Adrienne Brodeur erzählt die Geschichte einer nur nach außen mehr oder weniger intakten Familie aus fünf verschiedenen Perspektiven, so dass der Leser schon lange vor den Betroffenen weiß, was an schmerzlichen Erfahrungen und Geheimnissen so lange verschwiegen wurde. Die Autorin entwickelt das inzwischen gängige Thema der dysfunktionalen Familie geschickt und facettenreich. Die Flora und artenreiche Fauna der Küste bei Cape Cod spielen eine besondere Rolle, vor allem Buckelwale, Gardners mit dem Jahr 2016 auch die entscheidende Phase vor der Präsidentschaftswahl, die Amerika grundlegend veränderte. Ein gut lesbarer Roman, der mich dazu veranlasst, jetzt auch “Wild Game“, Brodeurs autofiktionalen Vorgänger aus dem Jahr 2019 zu lesen.