Platzhalter für Profilbild

Aglaja

aktives Lesejury-Mitglied
offline

Aglaja ist Mitglied der Lesejury

Melde dich in der Lesejury an, um dich mit Aglaja über deine Lieblingsbücher auszutauschen.

Anmelden

Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 18.01.2025

Flucht

Über allen Bergen
0

Ein jüdischer Junge, zwölf Jahre alt, wird von Paris aus auf die Flucht geschickt. Er heißt Vadim, doch jetzt muss er sich an den Namen Vincent gewöhnen. Er fährt, von einer Nonne begleitet nach Chamonix. ...

Ein jüdischer Junge, zwölf Jahre alt, wird von Paris aus auf die Flucht geschickt. Er heißt Vadim, doch jetzt muss er sich an den Namen Vincent gewöhnen. Er fährt, von einer Nonne begleitet nach Chamonix. Zum ersten Mal sieht er die Berge der Alpen, alles ist tief verschneit und zum ersten Mal kann er frei atmen, kann er als Asthmatiker einen unglaublichen Weg beschreiten, ein nie für möglich gehaltenes Leben führen.
Aus dem schwachen Stadtkind Vadim wird ein starker Vincent, der all das macht, was die Vallorcinischen Kinder in der harten Welt am Fuße des Mont Blanc auch machen. Er will verwurzelt sein mit diesem Ort, wie ein Einheimischer will er sein, er beobachtet alles ganz genau und seine zehnjährige Freundin Moinette begreift das und ist stolz darauf und eifrig dabei, ihm ihre Welt zu erklären. Alles was er in Paris noch nie gesehen hat, im Winter die weißen Geheimnisse, die der Schnee in sich birgt, im Sommer die völlig veränderte bunte Welt der warmen Sonne.
Vadim ist Synaesthetiker, er sieht Zahlen, Buchstaben und ganze Worte in Farben. Paris zum Beispiel ist lila, sein Name Vadim ist leuchtend rot, doch seinen neuer Name Vincent sieht er in Grün. Dunkelgrün wie der Wald um das Dorf herum, der Mensch und Tier Schutz bietet. Als er das entdeckt, kann er sich in seinem neuen Namen wohlfühlen, sich geschützt fühlen, so empfindet es der Junge, der noch nie vorher einen Wald gesehen hatte.
Sogar der Lehrer sagte, dass der Wald den Krieg auf Abstand halte.
Vincent sieht seine Welt, wie etwa die Gemälde von Münter oder Kandinsky.
Auch die Sprache und ihre verschiedenen Dialekte ändern ihre Farben mit den jeweiligen Betonungen und Aussprachen, er hat bemerkt, dass Klang und Bedeutung nicht untrennbar miteinander zusammenhängen.
Vadim-Vincent ist eine tiefe Künstlerseele.
...und dann fallen die Worte unerwartet in sein Leben:"Hörst du Vincent? Du musst gehen." Und noch in derselben Nacht muss sich Vincent wieder zurückverwandeln in Vadim.
Sehr schade, dass das Buch hier geendet hat!
Die Autorin hat mit all ihrer dichterischen Kraft die Gewaltigkeit der Natur in den Bergen, die ungeheuere Lebendigkeit und Kraft, die dem Menschen für seine pure Existenz abverlangt wird beschrieben. Man muss diese elementare Welt sehr gut kennen, will man in ihr überleben.
Vadim hatte es auch gelernt, wozu? Wie hat es ihm in seinem späteren Leben gedient?

Die Autorin hat dem Leser einen wunderbaren Text geschenkt, in einer unvergleichlichen Vorsicht und Zartheit beschreibt sie die Wucht der Eindrücke auf den Jungen, wie aus seiner eigenen Künstlerseele entsprungen.
Ihre literarische Sprache ist getragen von Wissen, Verstehen und tiefen Reflexionen. Ein Stück gelungene Literatur im besten Sinne.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 11.10.2024

Das, was Kinder bezaubert.

Die geheimsten Orte der Welt
0

Ein außergewöhnlich schönes und interessantes Buch hat E.A. Seemanns Bilderbande auf den Weg gebracht. Schon der Titel "Die geheimsten Orte der Welt" mit der Beifügung "Betreten auf eigene Gefahr!", lässt ...

Ein außergewöhnlich schönes und interessantes Buch hat E.A. Seemanns Bilderbande auf den Weg gebracht. Schon der Titel "Die geheimsten Orte der Welt" mit der Beifügung "Betreten auf eigene Gefahr!", lässt Kinderherzen höher schlagen. Auch der vorlesende Erwachsene wird manches daraus erfahren, was er vielleicht noch nicht wußte, oder wieder vergessen hat.
Das Kind wird als Du angesprochen, das auf einem fliegenden Teppich zu all diesen außergewöhnlichen Orten reist, z.B., dass es tief im Marianengraben schnell wieder umdrehen sollte, da es sonst Ohrenschmerzen bekommen könnte. Die Texte sind nicht unanspruchsvoll.
Die Illustrationen des Buches von Whooli Chen sind ein bezaubernder Traum, in leicht orientalischer, chinesischer Manier, manchmal an den Jugendstil erinnernd. Ich möchte die meisten dieser Bilder als Poster haben, um mich jeden Tag im Vorübergehen daran zu erfreuen.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 28.08.2024

Ein Buch, wie das Ballett "Boléro von Maurice Ravel. Ein Buch, über das man ein Buch schreiben könnte.

Mein Mann
0

Ein Buch, aufgebaut ähnlich dem Ballett "Boléro" von Maurice Ravel. Eine ständige Wiederholung im gleichen Rythmus mit wachsendem Crescendo, bis zum dramatischen, misstönenden Paukenschlag der Wahrheit.
Der ...

Ein Buch, aufgebaut ähnlich dem Ballett "Boléro" von Maurice Ravel. Eine ständige Wiederholung im gleichen Rythmus mit wachsendem Crescendo, bis zum dramatischen, misstönenden Paukenschlag der Wahrheit.
Der Leser besteigt eine Wendeltreppe der Wochentage und Gedanken, deren immer geiche Spiralen sich im Raum nach oben bewegen, einer Höhe entgegenstreben, einem Endpunkt zu.
Eine Frau von vierzig Jahren, die vermeintlich alles hat, jagt einem Phantom hinterher, dem ewigen Verliebtsein. Sie hat sich durch ihre Ehe die Heilung von all ihren Ängsten versprochen. "In Wahrheit hat mir die Heirat keinen Frieden gebracht." "Verpflichtungen fand ich überall, aber die Liebe nirgends."
Ihr Leben sieht sie von außen, wie ein Theaterstück, in dem jeder eine Rolle spielt. Durch ihr Beharren in ihren inneren Defiziten nimmt sie sich die Chance, eine wahre, umhüllende, tiefe Liebe kennenzulernen, die nicht vom Äußeren lebt.
Ihr Leben ist wie ein Tanz auf einem Seil, gespannt zwischen griechischer Tragödie und Komödie, zum Lachen und zum Fürchten, von süßester Romantik bis zu klarster Berechnung, zwischen Intelligenz und Unreife, zwischen glasklarer Logik und tiefster Verunsicherung, zwischen Aufopferung und grenzenloser Egomanie. Ein Buch zwischen Ideal und Psychiatrie.
Ein Buch, über das man ein Buch schreiben könnte.

Das Buch hat ein anziehendes Cover von einer schönen jungen Frau, die erstaunliche Ähnlichkeit mit der Autorin selbst hat, so wie auch in dem Buch eigene Erfahrungen der Autorin ihren Niederschlag finden

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 11.08.2024

Der Bär

Cascadia
0

Zwei Schwestern leben mit ihrer totkranken Mutter auf der Insel San Juan, umgeben von Meer und uralten nordpazifischen Regenwäldern - Kaskadien. So paradiesisch ihr Wohnort ist, umso weniger paradiesisch ...

Zwei Schwestern leben mit ihrer totkranken Mutter auf der Insel San Juan, umgeben von Meer und uralten nordpazifischen Regenwäldern - Kaskadien. So paradiesisch ihr Wohnort ist, umso weniger paradiesisch ist ihre Lebenswelt. Vor allem die jüngere Schwester Sam, setzt alle ihre Erwartungen in das Weggehen von diesem Ort, diesen prekären Verhältnissen, ihrer verhassten, schlecht bezahlten Arbeit. Sie hängt an ihrer Schwester und orientiert sich in allem an ihr, ein fast symbiotisches Verhältnis. Sie geht davon aus, dass ihre Schwester genau so denkt wie sie, sie reden nicht darüber, so wie über vieles Wesentliche nicht geredet wird, aus Angst vor Verletzung. Doch eines Tages, mit dem Erscheinen eines Bären tut sich zwischen beiden eine Kluft auf, die Sam in Verzweiflung stürzt. Sie will unbedingt die Schwester zurückhaben, die sie vermeintlich all die vergangenen Jahre kannte. Sie fasst einen Plan, der in einer Katastrophe endet.

Die Autorin hat ein Buch geschrieben, das tief berührt, das im Gedächtnis bleibt. Sie hat von der ersten Seite an eine Spannung erzeugt, die den Leser atemlos läßt, bis zur letzten Seite. Es ist ein Buch über den Menschen in der Gesellschaft mit anderen und mit sich, ohne Halt an übergeordneten Entitäten, eingebettet in die Natur dieser Welt.

Den ursprünglichen amerikanischen Titel "The Bear" hätte ich als aussagekräftiger empfunden.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 05.08.2024

"berührende Erzählkunst"

Das Wesen des Lebens
0

Die Autorin, eine junge Frau, die sowohl naturwissenschaftliche Forschung betreibt, als auch Literatur studiert hat, erstaunt den Leser, auf wie meisterliche Weise sie diese beiden akademischen Fächer ...

Die Autorin, eine junge Frau, die sowohl naturwissenschaftliche Forschung betreibt, als auch Literatur studiert hat, erstaunt den Leser, auf wie meisterliche Weise sie diese beiden akademischen Fächer zusammenbringt.
Eine Zartheit und Zärtlichkeit für die Schöpfung der Natur spricht aus ihren Worten, die sich trotzdem an der reinen Lehre der Wissenschaft orientieren.
Sie übersetzt die blanken Fakten der Wissenschaft in die schönste Literatur.
In ihrem federleichten, poetischen Stil bringt die Autorin dem Leser die Geschichte um die Entdeckung der Stellerschen Seekuh nahe, deren "Begegnung mit dem Menschen kurz und schrecklich war", wie auch bei vielen anderen Kreaturen, die der Gier des Menschen zum Opfer gefallen sind.
Der Ansatz der Wissenschaft war vor dreihundert Jahren ein anderer, niemals hätte man gedacht, dass es durch die Hand des Menschen möglich sein könnte, eine so tiefgreifende Änderung, wie die Ausrottung von Arten herbeizuführen.
"Selbst der größte wissenschaftliche Geist ist fehlbar."

Naturwissenschaft und Literatur - eine gelungene Marriage

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere