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Veröffentlicht am 27.11.2024

Ausgewogen in Schwächen und Stärken

Nachtwald
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Da ich im Herbst wesentlich mehr Thriller als sonst lese, entdecke ich dort auch oft neue Autorenstimme. So bin ich dann auch auf „Nachtwald“ von Tríona Walsh gestoßen, eine irische Autorin. Ich fand das ...

Da ich im Herbst wesentlich mehr Thriller als sonst lese, entdecke ich dort auch oft neue Autorenstimme. So bin ich dann auch auf „Nachtwald“ von Tríona Walsh gestoßen, eine irische Autorin. Ich fand das Cover ganz gut gestaltet, aber der Klappentext klang auch vielversprechend.

Ich bin durch das Geschehen von „Nachtwald“ durch die Sprecherin Christiane Marx begleitet worden, die mir nun schon öfters begegnet ist und ich kann mich wirklich immer schnell und gut mit ihr arrangieren und mich so fallen lassen. Vielleicht hat sie einer Figur zu viel Persönlichkeit mitgegeben, weil ich im Nachhinein schon dachte, es war irgendwie offensichtlich, worauf es hinausläuft, aber es ist zugegeben auch sehr tricky, weil man natürlich als Sprecherin auch den unterschiedlichen Figuren (je Geschlecht noch zusätzlich) etwas mitgeben will, damit man sie sofort tonal auseinanderhalten kann. Während das bei vielen anderen Genres dann endgültig völlig egal ist, so ist es bei Krimis/Thrillern doch etwas anderes, denn man ist ohnehin schon ständig am spekulieren und da steigert sicherlich auch die Sensibilität. Genauso kann es aber auch sein, dass sonst niemand das kritisieren würde, weil gerade auf akustischer Ebene natürlich auch Vorlieben eine Rolle spielen und ich reagiere sicherlich auf manche Tonhöhen anders als andere.

Nach diesem Hörbuch-Abschnitt kommen wir aber zu „Nachtwald“ selbst. Ich musste schon relativ früh daran denken, dass es in eine Richtung von Lucy Clarke geht, die in den letzten Jahren einiges an Hype erfahren hat. Aber es sind schon große Parallelen in dem Sinne, dass ein konkreter Personenkreis abgelegen zusammenkommt und jede Menge Geheimnisse ans Licht kommen und Mysterien ausgeklärt werden müssen. Ein größerer Unterschied war die Perspektivengestaltung. Clarke arbeitet mit vielen parallel, was ich persönlich sehr großartig finde, Walsh verzichtet aber darauf, so dass wir alles nur durch Lizzies Perspektive erleben. Es ist sicherlich so, dass eine Perspektive es leichter macht, die Geheimnisse der anderen verdeckt zu halten, aber Clarke hat mir eben bewiesen, dass es hier Mittel und Wege gibt. Gerade so im Vergleich wird auch offensichtlich, dass Walsh es nicht so ideal gelingt, die Gefühlsleben aller anderen Hauptfiguren zu gestalten. Lizzie war für mich schnell völlig transparent und ich finde sie in der Gesamtsicht auch mit weitem Abstand am besten gestaltet. Sie ist nach ihrem Entzug sicherlich noch in einem labilen Zustand, aber unterm Strich fand ich, dass sie an diesem Wochenende auf dem Anwesen den besten Überblick über alles hatte. Man hat auch ihre Therapie deutlich gemerkt, weil so viel Reflexion dabei war und sowas weiß ich immer sehr zu schätzen. Bei den anderen war alles undurchsichtiger und das auch schon bei Lizzies eigenen Verwandten, die ihr eigentlich näher sind und die man so leichter hätte aufbereiten können. Aber dennoch ist die Figurenausarbeitung eher Meckern auf hohem Niveau, denn die Charaktere war unterschiedlich genug und sie haben auf jeden Fall Zug ins Geschehen hineingebracht.

Was ich eher kritischer sehen will, das ist die Entwicklung der Handlung. Es ist bei Walsh durchaus gelungen, dass es immer wieder Spannungsausschläge nach oben gibt. In dem Sinne bleibt man also in jedem Fall am Ball, weil ständig etwas passiert, auch weil Lizzie sich mutig hinter alle Hinweise setzt. Gleichzeitig passiert aber extrem früh ein echter großes Ausrufezeichen, hinter dem ich schon gewisse Fragezeichen der Glaubwürdigkeit gesetzt habe, aber man konnte immerhin mit arbeiten. Aber wie sich danach alles entwickelt hat? Das fand ich gruselig, wie ruhig bis auf Lizzie alle geblieben sind. Ich wäre wohl richtig ausgetickt und dort herrschte völlig entspannte Atmosphäre. Selbst wenn es verdeckte Pläne jeweils gab, aber angesichts eines solchen Schreckens hätte ich die auch sofort aufgegeben. Es war also wirklich befremdlich, wie alles weitergelaufen ist. Lizzie war da echt mein Kompass, weil sie meine Stimmung am besten aufgegriffen hat. Dass sie für ihre Familie geblieben ist, klar, aber alle anderen, echt seltsam und hat mich beim Lesen immer wieder irritiert. Wer letztlich hinter allen Taten steckte, ja, es war für mich klar, aber ich denke auch ohne das Hörbuch wäre ich wohl drauf gekommen. Denn der Personenkreis war nun wahrlich nicht üppig, so dass das Ausschlussverfahren auch enorm geholfen hätte. Auch wenn am Ende alles an Spannung und Action hochgefahren wurde, aber es war auch fast wieder zu viel. Ich denke mir bei Thrillern oft, dass es einen schmalen Grat bei der Psychologie des Täters gibt. Denn hier war es zu viel, in vielen anderen ist es zu wenig. Aber ich will ungerne hinterher das Gefühl einer Gehirnwäsche haben.

Fazit: „Nachtwald“ hatte seine Stärken. Das war sicherlich die Atmosphäre, es waren konstant angebotene Höhepunkte mit Spannung am Anschlag, aber dem gegenüber stehen auch gewisse Defizite bei den Charakteren, eine merkwürdige Unglaubwürdigkeit und letztlich auch eine Vorhersehbarkeit. Kann man also lesen, muss man aber nicht.

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Veröffentlicht am 28.08.2024

Mehr Selbstfindung als Liebegeschichte

Zwei in einem Leben
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Nachdem es in diesem Frühjahr bei Netflix eine Serienadaption zu „Zwei an einem Tag“ gegeben hat, ist mir der Name David Nicholls nochmal richtig in Erinnerung gerufen worden. Ich habe ihn tatsächlich ...

Nachdem es in diesem Frühjahr bei Netflix eine Serienadaption zu „Zwei an einem Tag“ gegeben hat, ist mir der Name David Nicholls nochmal richtig in Erinnerung gerufen worden. Ich habe ihn tatsächlich nach seinem riesigen Erfolg etwas aus den Augen verloren, aber die Serienadaption hat mich eindeutig noch einmal darin bestätigt, dass „Zwei an einem Tag“ damals wirklich etwas Besonderes war. Nun ist „Zwei in einem Leben“ mit dem Titel ganz eindeutig auch von Marketing her eine Verbindung dazu und deswegen war es für mich jetzt an der Zeit, noch einmal bei Nicholls zuzuschlagen.

Auch wenn „Zwei an einem Tag“ schon sehr lange her ist, dass ich das Buch gelesen habe, so habe ich doch gleich einiges in „Zwei in einem Leben“ wiederentdecken können. Das sind eindeutig eckige und kantige Figuren, die viele ungewöhnliche Details mitbekommen und damit nicht sofort nahbar sind, die aber dadurch gleich im Kopf bleiben und sich langsam entfalten können. Aber es ist sicherlich auch der Humor, der Hang zu Monologen bei der Frauenfigur. Also es war definitiv so, dass ich für mich sagen konnte, ja, wo Nicholls drauf steht, da ist er auch drin. Ansonsten sind es aber dennoch zwei sehr unterschiedliche Geschichten. Während „Zwei an einem Tag“ einfach diesen besonderen Kniff hatte, dass eine Geschichte über einen speziellen Juli-Tag hinweg erzählt wurde, hat „Zwei in einem Leben“ diesen speziellen Faktor nicht. Dennoch ist sich mit der Aufmachung Mühe gegeben worden, weil die Karten, die den Wanderweg für den jeweiligen Tag zeigen, eine nette Idee ist, um sich bei entsprechendem Interesse selbst kundig zu machen, sich einen Atlas hinzuziehen etc. oder wenn man selbst schon in der Gegend war, sich zu orientieren. Abseits davon ist es aber eine gewöhnliche Liebesgeschichte.

Wobei Liebesgeschichte auch ein Begriff ist, den ich für „Zwei in einem Leben“ erst auf zweiter Ebene sehen würde. Denn für Marnie und Michael ist es jeweils keine Liebe auf den ersten Blick, dafür sind beide auch noch zu sehr mit sich selbst beschäftigt, weil sie ein großes Kapitel aus der Vergangenheit noch nicht beschlossen haben. Deswegen sind die ersten Begegnungen und Kontakte auch eher von Skepsis und Vorurteilen geprägt. Dann kommt hinzu, dass Marnie und Michael eben sehr speziell mit einigen Eigenschaften sind, so dass es auch wenig zu einer romantischen Stimmung beiträgt. Deswegen habe ich es lange so empfunden, dass der Wanderweg in erster Linie wirklich eine Selbstfindung war und die Liebe dann eher zufällig noch aufgesprungen ist. Dass zwischen Marnie und Michael nicht sofort eine Chemie war, hat das Buch an einigen Stellen für mich etwas zäh gemacht, was ich schade fand. Teilweise waren die inneren Monologe auch sehr lang. Ich musste mich also wirklich erst bewusst davon verabschieden, nicht in erster Linie eine Liebesgeschichte zu haben.

Mit einer etwas anderen Einstellung war es eindeutig auch leichter, Marnie und Michael für sich schätzen zu lernen. Marnies missbräuchliche Beziehung, die sie in einem sehr langen Gespräch mit Michael aufarbeitet, hat mich durchaus berührt, weil viele Menschen in solchen Beziehungen feststecken bleiben, auch weil sie glauben, dass sie es verdient haben und es da draußen nichts anderes gibt. Bei Michael wiederum ist es eine schleichend zu Ende gegangene Beziehung, bei der im Urkern aber vieles stimmte, so dass es ihm dementsprechend schwer gefallen ist, loszulassen. Es war auf jeden Fall gut, dass sie sehr unterschiedliche Erfahrungen gemacht haben und dennoch Verständnis füreinander zeigen konnten, auch weil sie letztlich der Wunsch nach Zweisamkeit geeint hat. Auch wenn die irgendwann sich im Spiel befindenden Gefühle für mich etwas zu abrupt kamen, aber ich fand das letzte Viertel noch einmal mit am stärksten. Da war dann doch das Hinfiebern, dass es diese beiden packen.

Fazit: „Zwei in einem Leben“ ist einerseits mit „Zwei in einem Tag“ auf stilistischer Ebene zu vergleichen, andererseits dann auch wieder nicht. Aber letztlich ist „Zwei in einem Leben“ vor allem mehr individuelle Selbstfindung und dann Liebesgeschichte. Neben zähen Passagen gibt es auch noch andere Aspekte zum Durchkämpfen, aber letztlich habe ich sehr gut Frieden mit diesem Buch schließen können.

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Veröffentlicht am 26.08.2024

Etwas zu viel von allem

Diviners – Aller Anfang ist böse
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Ich kann mich noch vage an die ursprünglichen Cover der Erstveröffentlichung von „Diviners“ nach Libba Bray erinnern. Vielleicht erinnere ich mich auch nur an die Art der Gestaltung, da viele historische ...

Ich kann mich noch vage an die ursprünglichen Cover der Erstveröffentlichung von „Diviners“ nach Libba Bray erinnern. Vielleicht erinnere ich mich auch nur an die Art der Gestaltung, da viele historische Romane diesen Stil pflegten und es ist ein Genre, in dem ich wirklich sehr selten etwas lese. Vielleicht sind die Diviners deswegen 2015 etc. nicht bei mir rübergekommen. Nun von dtv eine Neuauflage, das Cover geändert und schwupps, da hatte es meine Aufmerksamkeit. Auch wenn für mich nun nicht zu erkennen ist, was die Neuauflage bewogen hat, vielleicht auch der Erfolg von „Only Murders in the Building“? Aber mich hatte man ja jetzt auf jeden Fall am Haken.

Der erste Band hat sehr viele Seiten, was mir schon aufgefallen ist, da doch viele Bücher eines Genres sich inzwischen auf einen Durchschnittswert eingependelt haben, auch wenn es natürlich immer Ausreißer nach oben geht. Solche Seitenzahlen reizen natürlich vor allem dann, wenn man sich schon in eine Reihe verliebt hat und einfach nicht genug bekommen kann. Hier ist es aber der Einstieg und ich habe mir tatsächlich zwischendurch gewünscht, dass es ruhig etwas weniger Seiten sein könnten. Gleichzeitig könnte ich im Rückblick auf das Geschehen aber auch nicht sagen, was man hätte streichen können, was mich dann eher zu dem Gesamteindruck führt, dass das Buch einfach an sich sehr voll war. Es war voll an Genres, voll an Ansätzen, voll von Charakteren, einfach ein extrem inhaltsschwerer Eintopf. Das ist einerseits ein Lob an Bray und ihre offenbar sprudelnde Fantasie, aber es ist auch zum Einstieg wirklich viel. Fangen wir daher erstmal bei den Genres an. Damals der Stil der historischen Cover war sicherlich nicht verkehrt, denn das Geschehen spielt im New York der 1920er Jahre. Ich fand es von der ganzen Atmosphäre her auch gut getroffen, gerade auch im Spannungsfeld verschiedener gesellschaftspolitischen Auseinandersetzungen. Dann wiederum wirkte manches auch sehr modern, das war dann eher irritierend, aber alles in allem kam schon gut rüber, in welcher Epoche das Geschehen sich ereignet.

Dann haben wir auch ein Whodunit-Muster, denn Evie und die Männer an ihrer Seite jagen einen Serienmörder. Ich hatte oben in der Einleitung schon „Only Murders in the Building“ angesprochen und ich musste da wirklich mehrfach dran denken. Evie war zwar durch Jericho und Sam mehr mit Gleichaltrigen unterwegs, aber die etwas unkonventionelle Art der Ermittlung und der Umgang miteinander passte durchaus gut. Die Suche nach dem Serienmörder ist auch wirklich das Herzstück des ersten Bandes und wird immer wieder konstant vorangetrieben. Zum einen durch die sehr kurzen Abstände, in denen der Täter zuschlägt, aber auch durch die Opferperspektiven. Letztlich haben wir dann noch Fantasy, durch die Diviner, die übernatürliche Fähigkeiten haben. Das sind schon relativ große Blöcke, die selbstredend ineinander übergehen. Für mich am stärksten war eindeutig der Fall. Denn an diesem Ende wurde konsequent erzählt. Auch wenn es manchmal etwas seltsam war, wenn die Erzählung andere Schwerpunkte suchte, vor allem bei Evie, die ja mittendrin steckte und dennoch dann unverständliche Unbeschwertheit gezeigt hat, so war es der intensivste rote Faden.

Das Historische ist ohnehin der Deckel, aber was für mich noch sehr holprig war, das war das Fantasy-Anteil. Auch wenn es schon früh mit Evies Demonstration auf der Party losging, aber teilweise ging fast verloren, dass sie eine Gabe hat. Auch bei Sam war es oft der Gedanke „ach, da war noch was“. Dann haben wir auch noch Memphis, seinen Bruder und andere, die ebenfalls Diviners sind, aber es ist ein Bereich, der mit vielen Vorurteilen und auch Abscheu verbunden ist, weswegen niemand aktiv Antworten sucht. Auch Onkel Will wirkte teilweise sehr zurückhaltend, obwohl ich mir von ihm mehr Initiative gewünscht hätte. Insgesamt hatte ich stark den Eindruck, dass bei den Diviners nur wenig aufgebaut wird, um das Mysterium für den nächsten Band zu haben. Das erzeugt insgesamt natürlich den Eindruck, dass die Diviners ein größeres Mysterium sind, aber nicht der eigentliche Hauptfokus. Als sei so ein Fall pro Buch die Struktur, was nochmal eine besondere Form durch die Diviner bekommt. Das hätte ich so im Vorfeld eher nicht erwartet. Ich hätte die Diviner wahrscheinlich viel konkreter in den Fokus gepackt, auch um die verschiedenen Formen zu verstehen und so Lust zu machen. Die Wahl durch Bray hier war keinesfalls falsch, aber zwischendurch konnte ich auch mal vergessen, dass es auch um die Diviners geht.

Auch etwas ungünstig fand ich den Klappentext. Das fällt mir in letzter Zeit häufig auf. Um eine gewisse Lesergruppe anzuziehen, werden Liebesdreiecke angedeutet, die dann aber in der eigentlichen Erzählung gar nicht so dominant sind. Das ist hier auch so. Ich habe „Diviners“ sehr lange nicht als Liebesgeschichte empfunden und habe es auch nicht vermisst. Sowohl mit Jericho als auch mit Sam kann noch Spannendes passieren, aber es ist noch nicht wirklich aufgebaut worden. Der Unterschied zwischen den beiden ist aber auf jeden Fall eine gute Voraussetzung. Da wir schon bei den Charakteren sind. Jericho und Sam gefallen mir beide und ich sehe auch Potenzial, aber sie sind angesichts von Evies Persönlichkeit doch eher im Schatten. Evie dominiert alles. Auch wenn es so viele Perspektiven gibt, aber sie in einer Szene und irgendwie sind alle sprachlos. Evie war unfassbar anstrengend. Bei ihr musste ich auch ständig denken, dass sie sich eigentlich wie eine Protagonistin der Generation Alpha verhält. Alles drehte sich nur um sie selbst, ich fand sie sehr, sehr unsensibel und es fiel mir doch schwer, zu ihr einen Draht aufzubauen. Auf die Menschen um sie herum schaut sie herab, dabei ist sie erst 17! Will hat sie immerhin ab und zu in die Schranken weisen können, aber ansonsten puh. Sie muss auf jeden Fall etwas runtergeschraubt werden. Auch ein Memphis ist sehr faszinierend, dazu auch Theta und Henry. Da ist noch einiges, mit dem man arbeiten kann, wenn Bray nicht für Band 2 schon die Leser verloren hat.

Fazit: Es ist sicherlich einen zweiten Versuch wert, „Diviners“ an die Leserschaft zu bringen, weil viel Modernes drinsteckt. Doch es sind schon viele Seiten und auf diesen auch unfassbar Inhalt. Die Ermittlungen gegen den Täter sind der rote Faden, der Rest ist noch etwas chaotisch und groß aufgezogen, ohne aber mehr Highlights anzubieten. Dazu die anstrengende Evie… Mir war alles etwas zu viel, aber ich habe dennoch unter all dem die Ansätze gesehen, die sehr gut funktioniert haben.

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Veröffentlicht am 19.08.2024

Fehlt noch was Pepp

Verbrannte Gnade
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Auch wenn das Cover von „Verbrannter Gnade“ sicherlich optisch etwas ist, an dem man unschwer vorbeikommt, so hat mich zu dem Krimidebüt von Margot Douaihy mehr die Thematik hingezogen und da ist das Thema ...

Auch wenn das Cover von „Verbrannter Gnade“ sicherlich optisch etwas ist, an dem man unschwer vorbeikommt, so hat mich zu dem Krimidebüt von Margot Douaihy mehr die Thematik hingezogen und da ist das Thema Glauben. Sich zu seinem Glauben zu bekennen, ist oftmals schon ein großer Akt der Überwindung, auch weil es stereotyp oft mit einer starren Kirche verbunden wird, was spätestens seit Aufdeckung von Vertuschen von Missbrauchsfällen noch einmal gewaltiger geworden ist. Dementsprechend hatte ich gleich im Gefühl, dass Schwester Holiday vielleicht einen modernen Blick darauf wirft. Dazu ist das Genre Krimi bei mir nie zu verachten, so dass ich gerne zugegriffen habe.

Ich habe Schwester Holiday durch Gisa Flake kennengelernt, die im Hörbuch zu ihrer Stimme wird. Auch wenn der Eindruck jetzt natürlich auch auf Stereotypen beruht, aber das, was ich inhaltlich zu Schwester Holiday bekommen habe, das hat für mich Gisa Flake sehr gut aufgefangen. Die Stimmfarbe hat da echt gut gepasst. Sie ist etwas rotzig und rauchig, aber dennoch voller Emotionen, was zur Protagonistin passt, die sich sicherlich eine harte Schale zugelegt hat, aber durchaus viele weiche Seiten hat. Die Stimme war für das Hörbuch also der Jackpot, aber ich fand „Verbrannte Gnade“ als Hörbuch zu konsumieren, dennoch stellenweise etwas schwierig. Hauptgrund ist da vor allem, dass Schwester Holiday sich oft in der Vergangenheit verliert. Wer weiß, wie das in der gedruckten Version rüberkommt, aber so vorgelesen fand ich die Übergänge oft so fließend, dass ich kurz irritiert war, wo in der Handlung wir uns gerade befunden. Stellenweise passiert das auch in spannenden Szenen und schwupps sind wir beim Bruder, Eltern oder Nina. Das war durchaus an einigen Stellen irritierend.

Aber es war für mich nicht nur aus Hörersicht komplizierter, sondern auch inhaltlich habe ich mich öfters gefragt, ob die Rückblicke wirklich in diesem Ausmaß sein mussten. Natürlich helfen sie, um Holiday als Figur besser zu begreifen, vor allem in einem Leben, als sie noch keine Nonne war. Gleichzeitig hatte auch der Klappentext schon prophezeit, dass sich Holiday ihrer Vergangenheit stellen muss, um den Fall zu knacken. Das klang ja eigentlich nach einer sinnigen Verschränkung, aber so habe ich es letztlich nicht bestätigen können. Wenn die Autorin tatsächlich plant, weitere Bücher zu schreiben, vielleicht hätte man sich manche Aspekte aufheben können, aber so war es zu viel Vergangenheit ohne konkrete Zielrichtung.

Insgesamt lässt sich für mich urteilen, dass ich die Grundidee echt gerne mag. Sie ist anders, sie hat durch New Orleans auch ein spannendes Setting, dem sich authentisch gewidmet wird. Auch hat Holidays Art, wie sie ermittelt, genau die richtige Mischung aus Professionalität und ungeschickt in Fettnäpfchen treten. Es ist also vieles vom Papier her da, was auf jeden Fall rechtfertigt, eine solche Geschichte zu wagen. Doch es hat noch gewisse Anlaufschwierigkeiten. Der Erzählstil verliert sich zwischendurch zu sehr in Nebensächlichkeiten und ist damit eine Gefahr, den ein oder anderen ganz zu verlieren, aber ansonsten auch einen konsequenten roten Faden anzubieten. Letztlich ist der Fall sicherlich in der ganzen Struktur nichts, was man noch nie gelesen hätte und er ist auch nicht übertrieben vielschichtig angelegt. Aber für diese konkrete Erzählidee reicht es für mich auch vollkommen. Zudem finde ich auch, dass der Täter auch nicht sofort ersichtlich war, dementsprechend gab es eine angemessene Auswahl an Kandidaten und gerade die Beweisverschleierung war auch gut gewählt. Mir war zwar der Personenkreis sehr früh klar, aber letztlich habe ich lange genug miträtseln und mitfiebern können.

Insgesamt sind die Figuren alle speziell, was ideal passt. Es sind die Schwestern mit ihren Eigenarten, aber natürlich auch die Schüler und die sonstigen Angestellten an Schule/Kloster. Holiday pflegt anerkennende/verschwörerische Beziehungen, aber gleichzeitig auch einige Fehden und dennoch war es keinesfalls so, dass man sich nur bei den Fehden nach Verdächtigen umsehen musste. Die echten Ermittler von Polizei und Brandinspektion waren genauso keine aalglatten Figuren, dementsprechend war alleine auf der Charakterebene doch viel los. Einige Beziehungen sind sicherlich für die Zukunft auch etwas, was die Autorin im Hinterkopf behalten sollte. Wenn ich jetzt noch an den Glaubensaspekt denke, dann muss da noch mehr kommen. Mir gefällt es, in welcher Bandbreite Holiday ihren Glauben auslebt, da sehe ich auch bei mir selbst ein großes Feld, was also passt. Aber ich will dazu noch mehr in ihre Gedankenwelt einsteigen. Hat sie einfach nur etwas von ihrer Mutter übernommen, um sie zu ehren? Und wie sieht sie die Welt, denn die anderen Schwestern sind doch deutlich strenger in ihren Überzeugungen und dennoch fühlt sich Holiday in der Gruppierung wohl. Da ist also noch einiges offen, aber ich könnte mir gut vorstellen, dass man das in weiteren Bänden noch näher ergründet. Wenn nicht, dann wäre Schwester Holiday als Figur zu austauschbar. Dann könnte sie auch jeden anderen Beruf haben.

Fazit: „Verbrannte Gnade“ ist ein Auftakt, der noch nicht ideal funktioniert, aber durchaus genug Potenzial für die Zukunft aufzeigt. Das Setting und die Art, wie Schwester Holiday ermittelt, das stimmt für mich. Der Fall war zwar nicht komplex, aber es passte alles. Aber der Schreibstil war noch etwas zäh und von zu vielen Rückblenden untermalt, die den Lesefluss unterbrochen haben. So peppig wie Schwester Holiday auf dem Papier wirkt, so braucht die gesamte Handlung noch mehr Pepp.

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Veröffentlicht am 11.07.2024

Wurde mir nochmal zu sehr dunkel

Auch am hellsten Tag
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Ali Kassemyar hat mich mit seinem Erstlingswerk, „Selbst in dunkelster Nacht“, gut unterhalten. Auch wenn er das Genre nicht neu erfunden hat, so hat er sehr echte Figuren geschaffen, auch bei den Nebenfiguren ...

Ali Kassemyar hat mich mit seinem Erstlingswerk, „Selbst in dunkelster Nacht“, gut unterhalten. Auch wenn er das Genre nicht neu erfunden hat, so hat er sehr echte Figuren geschaffen, auch bei den Nebenfiguren und er hat viele Emotionen mit leisen, sanften Tönen erzeugt. So überzeugend ich ihn als Erzähler also fand, so habe ich gleichzeitig schon am Ende gedacht, warum ein zweiter Band? Auch wenn es natürlich einen Cliffhanger nach Band 1 gab, so fühlte sich die Geschichte nicht unendlich weit vom Happy End entfernt. Wie ist nun also dieser zweite Band geworden, der sich nicht so anfühlte, als müsste es ihn geben?

Das Marketing von reverie hat es sehr geschickt gemacht, denn die Dilogie war auf jeden Fall alleine optisch mit der Idee der dunklen und hellen Seite hervorstechend. Die Idee ist natürlich auch passend, denn in Band 1 haben wir Liora und Kieran in all ihrem Leid kennengelernt und nun haben sie das Potenzial zur Genesung, so dass sie wieder das Licht im Leben sehen können. Dementsprechend bin ich schon mit gewissen Hoffnungsgefühlen in die Geschichte reingegangen, denn auch wenn ich Band 1 nicht schwermütig fand, aber ich fand es dennoch an der Zeit, da quasi den Frühjahrsputz zu machen, um die Figuren mit gutem Gewissen gehen lassen zu können. Dementsprechend erdrückend war dann aber der Einstieg in Band 1. Kierans ganze Art war diesmal wirklich extrem schwermütig und runterziehend. Aber auch in der Kleinstadt bei Liora liegt so viel Leid über dem Geschehen und dann noch Jos Schicksal… Es war wirklich sehr, sehr viel Dunkles zum Einstieg, durch das ich mich erstmal graben musste.

Letztlich hat mir hier das Zurückgreifen auch weiteres Leid auch gezeigt, dass dieser Band 2 nicht unbedingt die clevere Wahl war, denn der Inhalt alleine hat nur den Umfang eines runden Buches, zumindest in meinem Empfinden. Das wurde dann auch später deutlich, indem immer nochmal ein Schlenker dazu erfunden wurde, um die Geschichte auf eine typische Buchlänger zu bringen. Vielleicht hat sich das im Schreibprozess für Kassemyar so gar nicht angefühlt, aber ich fand es konstruiert. Auch wie Liora und Kieran sich dann näherkommen, nur damit er dann doch nochmal Abstand und Zeit braucht. Es ist aus wenig nochmal viel versucht worden zu machen, aber es ist einfach nur ein Versuch. Denn mir fiel auch auf, dass es fast nur noch Kierans Geschichte war. Auch wenn wir weiterhin beide Perspektiven haben, aber bei Liora ging es fast nur noch um Kieran. Jos Gesundheit war natürlich nochmal ein Punkt, der vor allem sie betraf und ihre Verlustängste, aber das war auch nur ein kleiner Teil. Ihre Familie spielte keine große Rolle mehr und auch sonst gab es für sie kein Material zum Wachsen mehr.

Kieran war dagegen die sehr dominante Figur und auch wenn ich finde, dass es gelungen ist, sein Gefühlschaos nachvollziehbar darzustellen, so sorgte die Einseitigkeit doch auch dafür, dass ich an manchen Stellen etwas genervt von ihm war. Das hat sich zum Glück immer schnell wieder aufgelöst, weil er eben mit Luke, aber dann auch später mit Chris wirklich emotional und nahbar umgeht. Da fällt es wirklich schwer, genervt zu sein. Deswegen denke ich auch wirklich, dass es einfach ein Nachteil infolge des einseitigen Schwerpunktes war. Denn so wirkte Kieran deutlich egoistischer, während Liora ihre Gefühle quasi geopfert hat und brav wartete. Aber die Geschichte wird tatsächlich noch hell und ich finde auch, dass am Ende alles wirklich schön und rund zusammenkommt. Aber das wäre auch am Ende von Band 1 schon drin gewesen.

Fazit: „Auch am hellsten Tag“ hat mich leider nicht so überzeugen können wie noch der erste Band von Ali Kassemyar. Ich hatte sowas schon befürchtet, weil sich die dargestellte Handlung für mich zu wenig für zwei Bände anfühlte. Das hat sich bestätigt und dazu fand ich auch, dass nochmal viel neues Leid drauf gepackt wurde und dann waren die Perspektiven bzw. die Herausforderungen für Kieran und Liora nicht gerecht verteilt. Es fühlte sich zu sehr nach Kierans Spielweise an. Aber das Ende war auf jeden Fall rund und sehr angemessen für alle.

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