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Veröffentlicht am 23.08.2025

Notizen eines Lebens

Meine Mutter
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Das Cover war für mich ein Grund zu diesem Buch zu greifen. Welche Mutter möchte nicht wissen, wie die erwachsenen Kinder sie sehen? Doch in diesem Buch geht es mehr: Die Mutter der Autorin hat vor Jahrzehnten ...

Das Cover war für mich ein Grund zu diesem Buch zu greifen. Welche Mutter möchte nicht wissen, wie die erwachsenen Kinder sie sehen? Doch in diesem Buch geht es mehr: Die Mutter der Autorin hat vor Jahrzehnten Suizid begangen. Warum? Was hat sie dazu bewegt? Dieser Frage versucht Bettina Flitner in ihrem Roman auf den Grund zu gehen.

Sie begibt sich auf die Reise nach Niederschlesien, wo ihre Vorfahren lebten und ein Sanatorium betrieben. Dieser Teil der Recherchen nimmt den größten Teil des Buches ein. Anhand von Tagebüchern und Briefen nähert sich die Autorin der Kindheit des verwöhnten Nesthäkchens an. Hitlers Macht zerstörte das unbeschwerte Leben und bewog die Familie nach 1945 nach Celle umzusiedeln. Die Untreue des Großvaters und die eigene Unfähigkeit Nähe zu leben erschwerten das Dasein der Familie.
Bettina Flitner erzählt ohne zu werten, was ich sehr sympathisch finde. Trotz des nicht immer leichten Verhältnisses zu ihrer Mutter zeugen viele Zeilen auch von der Liebe zu ihr. Schließlich kümmerten Bettina und ihre Schwester sich während des Schulabschlusses um die schwer depressive Frau.

Trotz der gut lesbaren Sprache hatte ich Probleme mit diesem Buch. Häufige Zeitsprünge machten es mir schwer, mich in der jeweiligen Zeit zurecht zu finden. Zwar rundet sich im Laufe der Erzählung der Blick auf die Mutter, doch wirklich erreicht hat mich der Lebensroman nicht. Vielleicht liegt zwischen dem Tod vor 40 Jahren und dem Heute ein zu großer Abstand?

Aber etwas ist Frau Flitner gelungen: Sie hat mich neugierig auf den Vorgängerroman „Meine Schwester“ gemacht. Denn auch die hat Suizid begangen.

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Veröffentlicht am 20.08.2025

Zwiespältiges Werk

Die Sonne und die Mond
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Der Titel, das Cover und der Diogenes Verlag zogen mich wie ein Magnet zu diesem Buch. Zwei Freundinnen und deren wechselhafte Vergangenheit weckten mein Interesse.
Das Lesen forderte mich dann sehr heraus. ...

Der Titel, das Cover und der Diogenes Verlag zogen mich wie ein Magnet zu diesem Buch. Zwei Freundinnen und deren wechselhafte Vergangenheit weckten mein Interesse.
Das Lesen forderte mich dann sehr heraus. Denn ich landete im Bestattungsinstitut „Sommernachtstraum“, das in der „Totenbäckerei“ seine Geschäftsräume hatte. Hingerissen zwischen Entsetzen ob des makabren Humors und Stellen, die mich laut auflachen ließen, lernte ich viel über das Handwerk von Bestattern. Und noch mehr über Freundschaften, über Verrat und Versöhnung.
Schon allein die Vorstellung, dass eine Frau ihren bei einem Verkehrsunfall ums Leben gekommenen Ehemann und seine schwangere Freundin zusammen beerdigen lassen will, warf viele Fragen auf. Und warum hatten die ehemals besten Freundinnen Jana von Mond und Sonja Meling jahrelang keinen Kontakt? Wie kam die einstige Träumerin von einer Kabarettkarriere dazu, ein Beerdigungsunternehmen zu leiten?
Der Autor beantwortete im Laufe des Buches alle Fragen. Aber manchmal schoss er in seiner Erzählwut über das Ziel hinaus und brachte mich mit langatmigen Passagen fast zum Einschlafen, um mich am Ende des Kapitels mit einem Cliffhänger daran zu hindern, das Buch auf die Seite zu legen.

Ganz zum Schluss erklärt Chris Kraus (*1963 in Göttingen, Schriftsteller, Drehbuchautor und Filmemacher) in einem Nachwort den Zweck seines Geschriebenen: Er verarbeitete den Tod seiner großen Liebe. Das macht Sinn und lässt vieles in einem anderen Licht erscheinen.

Für mich war das Buch ein zwiespältiges Leseerlebnis, das ich teilweise genoss und dann vor lauter Langeweile am liebsten zu- und nicht mehr aufgeschlagen hätte.

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Veröffentlicht am 11.10.2024

Zwischen Lebensfreude und Todessehnsucht

Honey
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Honey ist 82 und will ihren nächsten Geburtstag nicht mehr erleben. Zu viel hat sie im Laufe ihres Lebens schon durchgemacht. Der letzte Tiefschlag war der Tod ihres Freundes, dessen Heiratsantrag sie ...

Honey ist 82 und will ihren nächsten Geburtstag nicht mehr erleben. Zu viel hat sie im Laufe ihres Lebens schon durchgemacht. Der letzte Tiefschlag war der Tod ihres Freundes, dessen Heiratsantrag sie nicht mehr annehmen konnte, weil sein Tod ihre Zusage verhinderte.
In diesem Buch darf ich die dekadente Frau durch ihre Erinnerungen an ein ausgefülltes Leben begleiten. Die sind so liebevoll beschrieben, dass sie schnell mein Herz erobert – egal, ob sie über gewesene oder derzeitige Liebesbeziehungen nachdenkt oder alltägliche Begegnungen. Natürlich gab es auch dunkle Seiten in ihrem Leben. Ihr erstes und einziges Kind durfte sie nicht aufwachsen sehen, ihre Familie hatte und hat zu rigorose Vorstellungen, wie alles zu laufen habe.
Nun geht es darum, ihre Besitztümer an die Erben zu verteilen und das ist keine leichte Aufgabe:

„Honey war in einem Spiegelkabinett aufgewachsen, das ihrem Gedächtnis Streiche spielte.“

„Vom Selbstmord zum Rumpfbeugen. Vom existenziellen schwarzen Schleier zum blassrosa Gymnastikanzug. Aber sie war nicht immer so gewesen – kapriziös, überspannt, eitel bis ins Mark.“

In der Familie galt sie als >Persona non grata<, weshalb sie sich eher auf andere Kontakte konzentriert. Zum Beispiel einen jungen Maler und ihre Nachbarin; die sie abwechselnd mag und ablehnt. Der will sie ihr Mantra nahebringen:
„Man muss stark sein, um zu leben, und noch viel stärker, um zu sterben.“


Der 1968 geborene, amerikanische Dramatiker Victor Lodato hat nach eigener Aussage lange gebraucht, um diese Geschichte zu Papier zu bringen. Er hat das Buch in sechs Teile geteilt und viele unterschiedliche Aspekte des Lebens aufgegriffen. Der zu Beginn noch recht humorvolle Stil ändert sich leider im Laufe des Buches. Zumindest mir ging ab dem vierten Teil die anfängliche Freude verloren. Die Räubergeschichte hat meine Begeisterung für dieses Buch zerstört. Und die folgenden Kapitel erzählen für meinen Geschmack zu viel. Doch das muss jeder selbst erkunden.

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Veröffentlicht am 21.09.2024

Familiengeschichte aus Indien

Der Gott der kleinen Dinge
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Nachdem mir vor Jahren >Das Ministerium des äußersten Glücks< von Arundhati Roy sehr gut gefallen hatte, wollte ich unbedingt ihr Debüt lesen, das ebenfalls von vielen Lesern für gut befunden wurde. Doch ...

Nachdem mir vor Jahren >Das Ministerium des äußersten Glücks< von Arundhati Roy sehr gut gefallen hatte, wollte ich unbedingt ihr Debüt lesen, das ebenfalls von vielen Lesern für gut befunden wurde. Doch die Autorin hat es mir nicht leicht gemacht. Zu viele Zeitsprünge, Ausschmückungen und dadurch entstandene Längen erschwerten mir das Lesen. Die Struktur der gesamten Textes erinnerte mich an ein in sich verschlungenes Paisley-Muster.

Lange war mir nicht klar, worum es in der Geschichte geht, die um 1970 im ländlichen Indien spielt. Esthappen und Rahel sind zweieiige Zwillinge einer geschiedenen Mutter. Sie leben im Haus der Großmutter, ebenso wie ihr ebenfalls geschiedener Onkel Chacko. Sie bekommen Besuch von dessen, zum zweiten Mal verheirateten, englischen Exfrau und seiner Tochter Sophie Mol. Die ist mit ihren acht Jahren gerade mal ein wenig älter als ihr Cousin und die Cousine. Nachdem ein schrecklicher Unfall passiert ist, wird Esta zu seinem Vater geschickt („zurückgegeben“). Nun müssen die bisher unzertrennlichen Zwillinge die nächsten 23 Jahre ohne einander auskommen. Dieses Buch erzählt die gesamte Familiengeschichte; ehe zum Schluss klar wird, wie das Unglück zustande kam.

Auffallend ist die Lust der Autorin am Fabulieren:

„Nachdem die Stille erst einmal da war, blieb sie und breitete sich in Esta aus. Sie wucherte aus seinem Kopf heraus und nahm ihn in ihre morastigen Arme. Sie sandte ihre unsichtbaren mit Saugnäpfen versehenen Tentakeln in seinem Gehirn aus, wo sie die Kuppen und Täler seines Gedächtnisses absaugten, als Sätze entfernten, sie von seiner Zungenspitze fegte.“ (Seite 21)

Um die Fremdheit in Indien zu begreifen, sind zwar Erklärungen zum Verständnis von Land und Leuten unumgänglich, forderten mich als Leserin aber gewaltig heraus. Zu leicht verlor ich zwischendurch den Faden, weil die Autorin vom Hundertsten ins Tausendste kam. Die Personen blieben mir sehr lange merkwürdig fremd, so manches konnte ich nicht nachvollziehen.

Doch es gab auch Abschnitte, die mich fesselten und am Aufgeben hinderten. Ich lasse mich von meiner Lektüre gerne in fremde Länder mitnehmen und gerade Indien zeigte mir mit seinem Kastendenken, Aberglauben und seinen verschiedenen Göttern eine Welt, die mich fasziniert. Auch der immer wieder aufblitzende Humor der Autorin gefiel mir. Doch endgültig für sich eingenommen hat mich das ergreifende Ende des Buches. Das hat bewiesen, dass sich das Durchhalten gelohnt hat. Es trieb mir vor Entsetzen und Wut Tränen in die Augen.

Fazit: ein Buch für geduldige Leser, die an Längen nicht scheitern.

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Veröffentlicht am 19.08.2024

Traumreise am Ende des Lebens

Reise nach Laredo
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Dieses Buch entführt uns ins Jahr 1558. König Karl ist 58 Jahre alt, körperlich und seelisch erschöpft. Gichtkrank und fiebrig verbringt er seine letzten Tage im Kloster von Yuste in Spanien. Sein Tagesablauf ...

Dieses Buch entführt uns ins Jahr 1558. König Karl ist 58 Jahre alt, körperlich und seelisch erschöpft. Gichtkrank und fiebrig verbringt er seine letzten Tage im Kloster von Yuste in Spanien. Sein Tagesablauf ist langweilig, bis er auf Geronimo trifft, einen unehelichen Sohn, der nicht weiß, dass sie verwandt sind. Mit ihm zusammen geht er auf eine abenteuerliche Traumreise.

Da der Klappentext nicht viel über die Geschichte verrät, habe ich erst im Laufe der Geschichte recherchiert, dass Arno Geiger hier das Ende des realen Karl V. imaginiert hat. Mit vielen nachgewiesenen Tatsachen gewürzt ist eine Geschichte entstanden, die mich etwas konfus zurückgelassen hat. Gepflegte Langeweile wechselte sich mit lebhafteren Episoden ab. Dabei gerät Karl „über die Ränder der ihm bekannten Welt hinaus“ (Seite 71). Manch gelungene Redewendung versöhnte mich immer wieder mit der Enttäuschung, die mir dieses Buch bereitete.

Die Idee des Autors, sich dem Lebensende anzunähern, fand ich eigentlich ganz interessant. Doch trotz zum Teil an die damalige Zeit angepasste Sprache konnte ich mit dem Inhalt des Buches wenig anfangen. Vielleicht lag es an der niederdrückenden Stimmung, die sich hier verbreitete. Dabei haben mir Arno Geigers Bücher bisher ganz gut gefallen.

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