Platzhalter für Profilbild

bedard

Lesejury Profi
offline

bedard ist Mitglied der Lesejury

Melde dich in der Lesejury an, um dich mit bedard über deine Lieblingsbücher auszutauschen.

Anmelden

Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 30.10.2024

Die hohen Erwartungen wurden leider nicht ganz erfüllt

Aus dem Haus
0

Der Klappentext und die ersten Seiten dieses autofiktionalen Romans haben eine humorvolle Auseinandersetzung mit familiären Beziehungen versprochen. Tatsächlich gibt es diese Momente auch immer wieder, ...

Der Klappentext und die ersten Seiten dieses autofiktionalen Romans haben eine humorvolle Auseinandersetzung mit familiären Beziehungen versprochen. Tatsächlich gibt es diese Momente auch immer wieder, aber über weite Strecken begegnet man einer dreiköpfigen Familie, in der die stets schwarzsehende, missmutige Mutter die dominierende Rolle spielt. Und natürlich das HAUS, im Text immer großgeschrieben, das vermeintlich die Ursache des andauernden Familienunglücks ist.

Nach einer glücklichen Phase an der Bergstraße zieht die Familie wegen einer Beförderung des Vaters zurück nach Kassel. Doch der Karrieresprung des Vaters und der Bau des immerhin 300 qm großen Hauses wird von der Mutter als größtes Unglück abgetan. Kassel ist in jeder Hinsicht furchtbar, das HAUS ebenfalls. Die Familie schottet sich ab, soziale Kontakte, insbesondere zur eigenen Verwandtschaft, werden vermieden. Trotzdem zieht es später die erwachsene Tochter ungewöhnlich häufig für Besuche dorthin zurück. Die Versuche, das HAUS zu verkaufen, bleiben jahrelang erfolglos. Als es wider Erwarten doch klappt mit einem zudem äußerst zufriedenstellenden Verkaufspreis, tun sich die Eltern der Ich-Erzählerin extrem schwer loszulassen. Die telefonischen Lageberichte, die die Tochter vom Vater einholt, lassen nichts Gutes erwarten. Und nach dem Umzug wird das HAUS und die Vergangenheit im Rückblick glorifiziert. Dafür ist die neue Wohnung jetzt eine Zumutung.

Obwohl der Schreibstil und auch einzelne feine Charakterzeichnungen durchaus überzeugen, auf Dauer fehlt den wiederkehrenden Beschreibungen des Unglücks die Perspektive. Da helfen auch die gelungenen skurrilen Szenen und die nachdenklich stimmenden Beschreibungen von missglückten Versöhnungsversuchen nicht, die vermutlich die meisten Lesenden so oder so ähnlich selbst erlebt haben.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 30.10.2024

Karriere, Kind oder Beides

Glück
0

Im Mittelpunkt des neuen Romans von Jackie Thomae stehen zwei Frauen, die auf den ersten Blick sehr unterschiedlich sind. Marie-Claire, genannt MC, ist eine bekannte Radiomoderatorin, groß, auffallend ...

Im Mittelpunkt des neuen Romans von Jackie Thomae stehen zwei Frauen, die auf den ersten Blick sehr unterschiedlich sind. Marie-Claire, genannt MC, ist eine bekannte Radiomoderatorin, groß, auffallend und lebenslustig. Anahita ist Politikerin, seit kurzem Senatorin, zart und dezent, stets darauf achtend, keine Angriffspunkte zu bieten. Anders als MC kann sie sich ihrer großen Familie nur schwer entziehen.
Was beide Frauen eint: sie haben weder eigene Kinder noch einen Partner und sie sind 39 Jahre alt.
Und damit drängt sich nicht nur für sie, sondern auch für ihre Umgebung, die Frage nach einem eigenen Kind auf.

Die unterschiedlichen Charaktere der beiden Hauptpersonen werden auch sprachlich sehr gut herausgearbeitet. Obwohl beide gedanklich um das Thema Kind kreisen, wirkt MC oberflächlicher, Anahita viel verletzlicher und nachdenklicher. Gemeinsam ist ihnen aber der Druck, der ihnen auch von außen gemacht wird. So bekommt MC wenig subtil von ihrer Mutter ohne Kommentar ein Paket mit Fruchtbarkeitsartikeln zugeschickt und Anahita von ihrem Bruder bzw. ihrer Schwägerin ein teures Seminar zum Thema Kinderwunsch zum Geburtstag.

Die beiden Hauptprotagonistinnen stehen exemplarisch für alle Frauen, die sich aufgrund ihres Alters mit ihrem Kinderwunsch auseinandersetzen müssen. Gerade beruflich erfolgreiche Frauen haben viel zu verlieren, wenn das Umfeld das nicht auffängt. Das hier auch angesprochene „social freezing“ wurde deshalb bereits 2014 von zwei Konzernen in den USA Mitarbeiterinnen angeboten, damit diese ungestört ihre Karriere weiterverfolgen können. Insofern ist auch der dritte Abschnitt gar nicht so unrealistisch.

Nach leichten Startschwierigkeiten bin ich relativ gut in den Roman hineingekommen, allerdings haben mich einzelne Passagen dann wieder nicht mehr so angesprochen. Im Nachhinein finde ich sie auch für den Handlungsverlauf nicht unbedingt notwendig. Dafür hätte ich mir an anderen Stellen tatsächlich eine Vertiefung gewünscht, wo wichtige Ereignisse im Leben der Frauen nur gestreift wurden.
Titel und Cover hätten mich ohne Kenntnis des Inhalts nicht angesprochen, da ich ein historisches Buch erwartet hätte. Allerdings passt es zu den mir bekannten Covern des Verlages.

Mit einer Leseempfehlung tue ich mich schwer: Jüngere interessiert das Thema möglicherweise noch nicht, Ältere nicht mehr und die Altersgruppe um die vierzig ist entweder selbst betroffen und will deshalb nicht auch noch einen Roman zum Thema lesen oder hat das Thema abgehakt. Wer aber einen unterhaltsam geschriebenen Roman zu dieser Thematik lesen mag, für den könnte das Buch passen.

Veröffentlicht am 20.06.2024

Potential nicht ganz ausgeschöpft

Das Baumhaus
0

Nora und Henrik reisen mit ihrem fünfjährigen Sohn Fynn nach Schweden, in ein lange leerstehendes Ferienhaus, das Henriks Großvater gehörte. Bereits bei der Ankunft kommen Nora erste Zweifel, ob die Idee ...

Nora und Henrik reisen mit ihrem fünfjährigen Sohn Fynn nach Schweden, in ein lange leerstehendes Ferienhaus, das Henriks Großvater gehörte. Bereits bei der Ankunft kommen Nora erste Zweifel, ob die Idee wirklich gut war und die angespannte Beziehung verbessern wird. Zu groß ist der Unterschied zwischen dem phantasievollen, aber in praktischen Dingen wenig begabten Schriftsteller Henrik und ihr, der erfolgreichen und pragmatischen Karrierefrau, die sich in einer Männerdomäne behauptet. Als Fynn nach einem Versteckspiel mit seinem Vater nicht wieder auftaucht, wird der Traumurlaub zum Horrortrip.

Der Roman wird aus der Perspektive von vier Personen erzählt, dazu gehören Henrik und Nora. Die Perspektivwechsel geschehen relativ schnell, und nicht immer ist sofort deutlich, wann die jeweilige Szene spielt. Das erhöht langfristig die Spannung, verlangsamt aber gerade zu Beginn auch das Tempo. Die Hauptcharaktere sind aufgrund des Erzählstils am Ende sehr genau herausgearbeitet, bieten sich aber eher nicht als Identifikationsfiguren an. Dazu sind sie zu sperrig oder einfach nicht sympathisch genug.

Gegen Ende zieht das Tempo deutlich an. Sicher geglaubte Einschätzungen stellen sich als falsch heraus, nicht alles wird logisch aufgelöst.

Der dritte Roman von Vera Buck konnte mich leider nicht ganz überzeugen. Die Grundidee und auch die Charaktere haben wirklich Potential. Aber zu Anfang fehlte mir das Tempo, gegen Ende wirkte es dagegen fast schon gehetzt. Einige Szenen fand ich unnötig brutal, dafür hätte ich mir mehr Szenen gewünscht, in denen die Autorin gekonnt psychologische Erkenntnisse einsetzt. Die Dynamik gerade in der Beziehung zwischen Henrik und Nora ist allerdings gut getroffen.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 13.12.2023

Serienauftakt mit interessantem Ermittlerduo, aber zu wenig Krimispannung

Schwarzvogel
0

Im Auftakt der Krimireihe um Fredrika Storm muss diese gleich am ersten Arbeitstag in ihrer neuen Dienststelle in ihrem Heimatdorf ermitteln. Eine junge Frau ist anscheinend auf den zugefrorenen See geflüchtet, ...

Im Auftakt der Krimireihe um Fredrika Storm muss diese gleich am ersten Arbeitstag in ihrer neuen Dienststelle in ihrem Heimatdorf ermitteln. Eine junge Frau ist anscheinend auf den zugefrorenen See geflüchtet, ins Eis eingebrochen und ertrunken.
Fredrika wird der Fall vor allem deshalb übertragen, weil sie über Ortskenntnisse verfügt. Gemeinsam mit ihrem Kollegen Henry Calment muss Fredrika auch innerhalb ihrer eigenen Familie unangenehme Fragen stellen. Dabei rücken Themen aus der Vergangenheit in den Vordergrund, die eine objektive Ermittlung zusätzlich erschweren.

Die Vielzahl an Personen und familiären Verflechtungen erfordern gerade zu Beginn viel Aufmerksamkeit und stören sowohl den Lesefluss als auch den Spannungsaufbau etwas. Trotzdem lässt sich der Roman auch aufgrund der kurzen Kapitel gut lesen.
Die Annäherung des sehr gegensätzlichen Ermittlerteams ist gut herausgearbeitet und glaubwürdig beschrieben. Insbesondere Henry Calment ist ein sehr interessanter, vielschichtiger Charakter. Im Zusammenspiel mit Fredrika Storm hat das für den nächsten Band wirklich Potential.
Aber auch die meisten anderen Charaktere haben im Laufe des Romans an Kontur gewonnen.

Ein Fazit fällt mir tatsächlich schwer, weil der Krimi ein typischer Serienauftakt ist, in dem Charaktere eingeführt werden. Hilfreich wäre in diesem Fall aber tatsächlich ein vorangestelltes Personenregister gewesen. So musste ich mehrfach Personen neu zuordnen.
Die familiären Verstrickungen der Hauptperson waren mir zu bestimmend für einen Krimi. Empfehlen würde ich Schwarzvogel Leserinnen, die persönliche Verwicklungen der Ermittlerinnen in Krimis mögen und die einen langsamen Spannungsaufbau schätzen.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 12.03.2023

Auftakt einer Trilogie mit abruptem Ende

Der Strand: Vermisst
0

Im ersten Teil der Trilogie wird die gehörlose 19jährige Lilli vermisst. Sie ist zu einer Verabredung am Strand nicht erschienen und bei der ungewöhnlich schnell eingeleiteten Suchaktion wird ihr Fahrrad ...

Im ersten Teil der Trilogie wird die gehörlose 19jährige Lilli vermisst. Sie ist zu einer Verabredung am Strand nicht erschienen und bei der ungewöhnlich schnell eingeleiteten Suchaktion wird ihr Fahrrad aufgefunden. Der verwitwete Kommissar Tom Engelhardt, der sich erst kürzlich auf die Halbinsel Fischland-Darß-Zingst hat versetzen lassen, ermittelt gemeinsam mit der Kryptologin Mascha Krieger. Sie wurde hinzugezogen, weil Lillis Freundin Fabienne seltsame Nachrichten vom Handy der Vermissten erhält.

Besonders reizvoll an diesem Roman ist der Handlungsort sicher für diejenigen, die die Halbinsel kennen, auch wenn der Ort Sellnitz fiktiv ist. Sowohl die reizvolle Landschaft als auch die langen Wege hat die Autorin treffend beschrieben. Die Machtstrukturen, die eine nicht unerhebliche Rolle spielen, sind ebenfalls gut nachvollziehbar dargestellt. Allerdings kommen im Lauf der Geschichte zu viele Personen und Nebenschauplätze ins Spiel, die der Spannung abträglich sind. Vieles wird angedeutet, aber nicht zu Ende gebracht. Auch die ausführlichen Einblicke in den privaten Alltag insbesondere von Tom Engelhardt sind etwas zu viel des Guten.

Aufgrund des angenehm lesbaren Schreibstils und des völlig offenen Endes, in dem nicht einmal ansatzweise das Verschwinden Lillis aufgeklärt wird, werde ich vermutlich auch den jetzt erscheinenden nächsten Teil lesen.
Als Neueinstieg in die Trilogie würde ich aber empfehlen, den Sommer abzuwarten und alle drei Romane am Stück zu lesen.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere