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Evy_Heart

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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 03.11.2024

Wenn du's weißt, dann weißt du's

Blackwood Hall - Dirty Little Liars
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Nachdem ich kürzlich einen Beitrag über "Dark Romance" gelesen hatte, wollte ich mich ins Genre wagen. Leider war das Buch nicht die beste Wahl. Weniger, weil es skandalös wäre oder schlecht geschrieben. ...

Nachdem ich kürzlich einen Beitrag über "Dark Romance" gelesen hatte, wollte ich mich ins Genre wagen. Leider war das Buch nicht die beste Wahl. Weniger, weil es skandalös wäre oder schlecht geschrieben. Sondern weil über 240 Seiten sehr wenig passiert.

Rezi enthält Spoiler!

Worum geht es?

Seraphina hat sexuelle Phantasien, in denen sie gewaltsam und mit Würgen genommen wird, und begibt sich deshalb in Therapie auf einem einsamen Schloss.

Wie hat mir das Buch gefallen?

Wenn ein Buch ständig betonen muss, wie düster und geheimnisvoll alles ist, dann erzeugt das bei mir weniger Spannung als Ermüdung. Die Einleitung ins Geschehen wirkt irgendwie ungelenk und so, als müsste man die Figur nach Blackwood schaffen. Dass dort nicht seelisch, sondern körperlich therapiert wird, wird Leser:innen des Genres klar sein. Dafür gibt es ausführliche Umgebungsbeschreibungen - Leser:innen halten bitte ein Bingo für getäfelte Holzwände, unsichgtbare Türen, ein Labyrinth und ähnliches bereit. Wenn man als Konsument:in genau das mag, wird man daran seine Freude habe. Ich fand's ziemlich unkreativ.

Schade ist, dass ich den Ansatz, sich seine Ängste und Phantasien einzugestehen, was ein wichtiger Schritt zur Heilung ist, sogar nachvollziehen kann. Aber es kommt bei mir nicht an. Es hat mich auch emotional kaum gepackt.

Dafür lenkt uns die Autorin mit drei (oder vier?) Figuren ab, die alle charismatisch sind, alle einen Hang zu Gewalt und Kontrolle haben und auf eine liebenswerte Art übergriffig sind. Dass sie auch alle schwer zu unterscheiden sind, ist nicht wichtig.

Ca. 20 % des Buches nehmen die erotischen Szenen ein. Hat die Figur anfangs einen Hang zu Würgespielen und Messern, wird später simpler, aber zu dritt korpuliert. Erotisch fand ich das nicht, neu auch nicht. Es gibt Autor:innen, die das besser hinbekommen.

Was ich gut fand, war die Spannung am Ende. Ab dem letzten Drittel entspinnt sich ein Krimiplot, am Ende gibt es eine Szene, die an Shutter Island erinnert, und die Auflösung eines Rätsels, die schon nach der Hälfte offensichtlich war. Ich hatte nach 240 Seiten nicht das Gefühl, dass ich ein ganzes Buch gelesen habe, sondern nur die Hälfte eines größeren Werkes. Auch das: nicht gut. Trotzdem hat mich das im positiven Sinne aufgeregt. Denn natürlich fragt man sich, welche grausamen Dinge die drei Musketiere erleben mussten, damit sie so wurden, wie sie sind.

Auch das Motiv der leidenden Männern, die durch die ebenfalls leidende Frau erlöst werden, fand ich interessant und ich habe ein bisschen mitgefühlt.

Der Schreibstil ist unauffällig, etwas langatmig, aber genre-typisch.

Fazit

Ich honoriere die Arbeit, die alle Beteiligten investiert haben, aber für 17 Euro bekommt man sehr wenig. Bekanntes Setting, bekannte Motive, wenig emotionale Bindung. Leser:innen, die genau das mögen, werden ihren Spaß damit haben. Für mich war's nur gutes Handwerk.

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Veröffentlicht am 31.10.2024

Info-Overload

Eine Geschichte des Römischen Reiches in 21 Frauen
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Ich hatte das Buch angefordert, weil ich mich seit der Schule nicht mehr mit Rom beschäftigt hatte und den Ansatz, dabei die Frauen zu betrachten, interessant fand. Mein Problem mit dem Buch liegt weniger ...

Ich hatte das Buch angefordert, weil ich mich seit der Schule nicht mehr mit Rom beschäftigt hatte und den Ansatz, dabei die Frauen zu betrachten, interessant fand. Mein Problem mit dem Buch liegt weniger am Schreibstil als an der Materie selbst - denn es gibt nur wenige Informationen über die Frauen. Was die Autorin auch ständig betont.

Worum geht es?

Das Buch beleuchtet die Leben von 21 Frau im alten Rom zwischen Beginn und Untergang. Den Anfang bildet Romulus' Frau, das Ende die Tochter des letzten Kaisers, Placidia Galla.

Wie hat mir das Buch gefallen?

Die Auswahl ist dabei vielfältig: Wir sehen Rebellinnen in Britanien, Dichterinnen, eine Leiterin eines Vergnügungszentrums bzw. Bades in Pompei und viele Frauen der Oberschicht. Auch das Christentum und die Kritik daran findet im letzten Viertel Platz. Das fand ich gut.

Außerdem habe ich einen guten Einblick bekommen in eine Welt, die so weit weg ist.

Ich hatte aber große Probleme, die Informationen festzuhalten. Das liegt zum einen an der Materie: Die meisten Namen kommen aus einer Sprachregion, die mir nicht vertraut ist - Latein. ES fiel mir schwer, mir die Namen einzuprägen, besonders, wenn Mutter und Tochter ähnliche Namen haben. Oder wenn die Autorin zwei Frauen gegenüber stellt und zwischen beiden wechselt. Außerdem hätte ich mir einen kurzen historischen Abriss pro Abschnitt gewünscht - die Autorin gibt hier nur sehr wenige Informationen. Mein größtes Problem ist aber, dass von all den Frauen nur wenige Informationen existieren. Sie duften nicht selbst schreiben, stattdessen haben Männer ÜBER sie geschrieben, manchmal Jahrzehnte später. Die Autorin beleuchtet gut, wie der jeweilige Autor der Bild auf die Frau verzerrt und hinterfragt, warum. Das wird häufig betont und lenkt vom Geschehen ab. An anderen Stellen füllt die Autorin die Leere mit seitenlangen Umgebungsbeschreibungen oder der Interpretation eines Gedichtes.

Ich hatte das Gefühl, dass die Autorin sehr, sehr viele Informationen hat und möglichst viele dieser in das Buch einbringen wollte. Ich fühlte mich aber erschlagen von all diesen Fakten. Obwohl vieles davon interessant ist.

Der Schreibstil ist, wie in solchen Büchern typisch, eher locker. An seltenen Stellen verrennt sich die Autorin in ihrem Humor z.B. 31 % "Kaum hatte Caesar Italien hinter sich gelassen, um Pompeius in Mazedonien zu stellen, da carpe-ten Milo und Caellius den diem und versuchten, ganz Italien zu einer Rebellion anzustacheln."

Ein nettes Gimmick in der Danksagung war aber der Verweis auf die Dragqueens Trixie Mattel und Katya.

Fazit

Es gibt Menschen, die all die schillernden Puzzelteilchen dieses Buches mögen, mir war die Informationsflut im Buch aber zuviel. Wer schon mit der Materie vertraut ist, wird hier eine tolle Ergänzung finden. Ich habe als Anfängerin leider nur wenig mitgenommen.

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Veröffentlicht am 12.10.2024

Ödnis is happening

Hidden Tracks 1. All Your Secret Songs
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Am Buch hat mich der Journalismus-Aspekt gereizt, weil ich großen Respekt für diese Mischung aus Fakten und Kunst habe. Ich dachte, dass das einer klassischen Liebesgeschichte Würze gibt. Leider sieht ...


Am Buch hat mich der Journalismus-Aspekt gereizt, weil ich großen Respekt für diese Mischung aus Fakten und Kunst habe. Ich dachte, dass das einer klassischen Liebesgeschichte Würze gibt. Leider sieht man von der journalistischen Arbeit wenig, stattdessen schmachen sich die Figuren 75 % des Buches an.

Rezi enthält Spoiler.

Worum geht es?

Ryan ist ein erfolgreicher Teil der aufstrebenden irischen Band "Lovesuckerz", hadert aber damit. Allie ist Musikjournalistin, die von ihrem Vater, der im Bereich Wirtschaftsjournalismus tätig ist, nicht ernst genommen wird. Ihre wahre Liebe ist die Musik. Gleichzeitg lesen wir von Liz, die anonym Songs auf Instagram covert, und Conor, der seine Freunde vermisst und sich in Liz verliebt.


Meine Meinung zum Buch

Für mich war es inhaltlich wenig, es gibt nur wenige Konflikte. Aus dem Dreiecke zwischen Allie, ihrem Vater und dem Bruder, der die Erwartungen des Vaters erfüllen konnte, hätte man viel machen können, das bleibt aber an der Oberfläche. Interessant ist z.B. dass Allie sich tätowieren und piercen ließ, um gegen ihren Vater zu rebellieren - Conor aber diese Äußerlichkeiten anziehend findet. Es wäre interessant gewesen, zu sehen, wie Allie das aufarbeitet und was das mit der Beziehung macht. Der Streit aus "Ryan", der seinen Traum leben darf, und "Conor", der seine alte Band zurücklassen musste, zieht sich durch das Buch, war für mich aber auch wenig prägnant. Bei 75 % kommt plötzlich eine Anschuldigung wegen sexueller Belästigung auf, die vorher kaum angedeutet wurde, und die vom eigentlichen Konflikt ablenkt. Dramaturgisch sinnvoll, weil es die Spannung kurz vor dem Ende erhöht, aber letztlich ein alter Hut.

Vom Alltag der Band, von den Auftritten, von der Leidenschaft und dem Kick sieht man wenig. Ganz im Gegenteil: Oft blendet die Handlung bei Konzerten aus und erst danach wieder ein.

Das Buch hätte auch vor 20 oder 30 Jahren spielen können, nur ohne soziale Medien. Was keinen Unterschied macht. Die Welt ist geprägt von fiesen Journalist:innen und es ist ein Skandal, wenn Mitglieder von Boybands schwul sind oder eine Freundin haben. Nichtmal eine nicht-binäre Figur gibt es.

Die Fronten sind klar: Boybands, deren Songs Massenware sind, auf der einen Seite. Oberflächliche Kunst für konsumierende Teenager-Mädchen. Auf der anderen Seite Indiebands, deren Lieder mit Herz geschrieben sind. Das schillernde, weil ehrliche Leben einer Band, die mit Freude in kleinen Clubs spielt und nebenbei einen oder zwei andere Jobs hat. So einfach ist das aber nicht. Nur, weil Songs in Camps gemeinsam mit anderen geschrieben sind, bedeutet das nicht, dass sie nicht aus einem tiefen Gefühl heraus entstanden sind. Perlen der Musikgeschichte wurden in 10 Minuten heruntergeschrieben, ohne dass der Künstler oder die Künstlerin wusste, was der Sinn des Liedes ist. Und mit Veranstaltern über Gagen verhandeln zu müssen und/oder das Projekt nur in der Freizeit betreiben zu können, weil die Band die Miete nicht bezahlt, wird ausgeblendet.

Die Welt im Buch ist einfach, aber die Autorin schafft es nicht, ihr neue, interessante Aspekte beizufügen

Auch von Allies journalistischen Fähigkeiten sieht man wenig. Dafür, dass sie seit Jahren Musikkritiken schreibt, sind ihre Texte eher blumig. Nett, aber nicht, so knackig, dass sie auf Social Media verkaufen können. Aus meiner Sicht passen sie eher zu Kolumnen oder längeren Reportagen. Sie interviewt die Band, fotografiert usw. - wie sieh das verarbeitet, davon sieht man nichts. Immerhin waren die Kommentare unter den Posts sehr vielfältig und die Menge nicht zu hoch. Sie geben ein gutes Bild davon, wie Menschen auf solche Beiträge reagieren. Mich hätte auch interessiert, wie Allie, die mit einem Wirtschaftsjournalisten und dessen Stil aufgewachsen ist, den Übergang zu eher unterhaltsamen Musikkritiken geschafft hat.

Es geht im Buch viele interessante Figuren, von denen wir nur wenig sehen.

Auch die Spannung war nicht vorhanden, die Geschichte war von Anfang an klar, ich habe mich bis 60 % gefragt, ob etwas Interessantes passiert, dann merkte ich, dass nichts mehr kommt.

Was mich am meisten gestört hat, war das ständige Schwärmen und die fehlenden Emotionen. Conor ist besessen von Allies Piercings und ihrem Duft nach Rosen und den Fuchsialippen und den ebenholz-farbenen Haar. Sie mag seinen Pinienduft. Die beiden wollen sich, ständig. Ihre Gespräche gehen aber nur selten in die Tiefe. Allies Eltern spielen eine Rolle, Conors nicht. Dafür Conors ehemaige Band, irgendwann. Songwriting ist ein Thema, Selbstverwirklichung. Ich habe nicht mitgefühlt, weil ich kaum eine Beziehung zu den Figuren hatte. Gutes Handwerk, aber nicht einzigartig.

Es gibt nur eine Erotikszene, die sehr ausführlich ist, aber weder technisch noch erzählerisch auffällt.

Der Schreibstil ist flüssig und unauffällig, nur manchmal fand ich Worte nicht so stimmig. Und ich mochte die Metapher, dass die beiden als eine Einheit aus Endorphinen und Serotonin funktionieren. Auch Allies Humor gefällt mir, aber er wird durch die Schwärmereien und die fehlende Substanz überdeckt. Ich glaube der Figur nicht, dass sie SO sarkastisch ist.

Fazit

"All your secret Songs" ist solides Handwerk, dem es leider an Inhalt fehlt. Für mich hat das Buch nichts Besonderes. Ich erkenne die Arbeit aller Beteiligten an und ich sehe in Allies Sarkasmus stilistisches Potential, das ich in "erwachsenen" Büchern gern lesen würde.

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Veröffentlicht am 01.10.2024

Nett, aber wenig Konflikt

Das Wohlbefinden
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Ich habe das Buch über eine Leserunde gewonnen und ich fand das Thema "Beelitz" interessant. Verglichen mit dem Historien-Roman davor geht das Thema leider unter, stattdessen verstrickt sich die Autorin ...

Ich habe das Buch über eine Leserunde gewonnen und ich fand das Thema "Beelitz" interessant. Verglichen mit dem Historien-Roman davor geht das Thema leider unter, stattdessen verstrickt sich die Autorin in zwei Traumata, die über mehrere Generationen getragen werden.

Rezi enthält Spoiler!

Worum geht es?

Der Text spielt auf drei Ebenen: Im Jahre 1907/08 erleben wir die Schriftstellerin Johanna, die ihren Erfolgsroman schreibt und wir sehen die Vorgänge in Beelitz. Außerdem erleben wir das Medium Anna, das zur Schlüsselfigur wird. Im Jahre 1967 ist Johanna dement und Erinnerungen kommen auf. 2020 findet ihre Urenkelin Vanessa Notizen Johannas, gleichzeitig hadert sie mit ihrem eigenen Leben. Und wieder spielt Beelitz eine Rolle. Über allem schwebt das Thema Okkultismus.

Wie hat mit das Buch gefallen?

Das Cover finde ich toll, es erinnert mich an Wandbilder der 20er Jahre im Jugendstil. Verglichen mit anderen Titelbildern ist es ein bisschen einzigartig - es würde auffallen, aber ich habe das Gefühl, schon ähnliches gesehen zu haben.

Der Inhalt selbst war nett, aber nicht prägnant. Johanna ist eine Frau des Bürgertums, die vom Vater ein Haus geerbt hat und mit einem Arzt verheiratet ist. Dieser verkörpert die Naturwissenschaften im Buch. Im Gegensatz zu Johanna fühlt er sich von Übersinnlichem abgestoßen und sucht ein Heilmittel gegen Tuberkulose. Johanna selbst sieht sich als Autorin, fühlt sich aber von vielem gestört - Geräuschen, ihrem Mann, den Kindern. Umso empfänglicher ist sie für Natur und Übersinnliches. Auf mich wirkte sie hochsensibel. Ihr Problem ist, dass sie es der herrischen Mutter nie recht machen konnte und daher in Anna jemanden findet, der sie unterstützt. Auch in ihre Familie findet sie sich nicht hinein, zu sehr ist sie in der Angst verhaftet "nicht richtig" zu sein.

Anna bleibt bis zum Schluss eine Figur, die man nicht greifen kann, und wahrscheinlich nicht greifen soll. Auch sie hat einen Hang zum Übersinnlichen, sieht Dinge, bevor sie passieren. Sie kommt mit Tuberkulose nach Beelitz und wird gleichermaßen ausgegrenzt und vereehrt. Nach einer Nahtoderfahrung verstärkt sich das Gefühl, dass das Göttliche durch sie spricht, sie wird als Medium, auch missbräulich, erforscht und benutzt. Später dient sie Johanna als Mutterersatz und Muse. Sie schleicht sich aber auch in das Leben der Familie und nutzt ihre Fähigkeiten selbst für Vorführungen. Anhand Annas sehen wir unterschiedliche Strömungen des Okkulten und hinterfragen, welchen Sinn das hat. Viele Figuren im Buch glauben mehr oder weniger daran und es ist nie klar, was fiktiv und was echt ist.

Aus dem Kampf zwischen Übersinnlichem und Naturwissenschaftlichen, verkörpert durch beide Eheleute, entwickelt sich ein Spannungsfeld, das der Roman nur wenig ausnutzt. Stattdessen sehen wir Johanna, die ständig mit sich kämpft, und vom Ehemann sehen wir wenig. Die Auflösung des Konfliktes ist nett, aber nicht überraschend.

Im Roman klingt sovieles an, das man hätte näher ausführen können. Welche gesellschaftliche Funktion das Übersinnliche hatte, wie (vor allem) Frauen ausgenutzt wurden, weil man davon ausgeht, dass sie empfänglicher sind. Wie man mit Menschen umgeht, bei denen das mit einer psychischen Erkrankung einhergeht. Aber auch, dass Beelitz ein fortschrittliches Kurheim war, das aber einen kapitalistischen Hintergrund hatte: Man wollte die Menschen arbeitsfähig machen.

Die anderen Zeitebenen haben für mich die Spannung nur mäßig erhöht. Johannas Demenz zu sehen und zu erkennen, dass sie sich als Schriftstellerin wichtiger empfindet, als sie nach 60 Jahren ist, das war traurig. Vanessa stellt die Verbindung zur Jetzt-Zeit nach und gibt Möglichkeiten für Gesellschaftskritik. Trotzdem hätte ich auf beide Perspektiven verzichten können. Ohnehin hätte ich ganze Absätze überlesen können, ohne, dass ich etwas verpasst hätte.

Die Figuren haben mich emotional nicht gepackt, ich konnte mich mit allen etwas identifizieren, aber ich habe nicht mitgelitten.

Manche Leser:innen haben im Buch einige Verweise an reale Personen gefunden z.B. Rudolf Steiner und Thomas Mann. Wer gern zwischen den Zeilen liest, wird also seine Freude daran haben.

Fazit

Für mich hat das Buch leider nur wenige Spuren hinterlassen. Den Grundkonflikt fand ich auf emotinonaler und gesellschafticher Ebene interessant, es wurde aber zuviel angedeutet, zuviel erzählt.

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Veröffentlicht am 29.07.2024

100 Seiten zu lang

Experienced. Die Liebe bietet unbegrenzte Möglichkeiten
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Ich hatte das Buch angefordert, weil ich die Grundgeschichte interessant fand. Außerdem hatte ich mich auf eine Figur gefreut, die wechselnde Partner genießt, anstatt am Ende reuevoll zur Monogamie zurückzukehrn. ...

Ich hatte das Buch angefordert, weil ich die Grundgeschichte interessant fand. Außerdem hatte ich mich auf eine Figur gefreut, die wechselnde Partner genießt, anstatt am Ende reuevoll zur Monogamie zurückzukehrn. Spoiler: Die Monogamie bleibt gewahrt. Puh!

Worum geht es?

Bette ist seit einem Jahr offiziell lesbisch und das erste Mal verliebt. Doch ihre Partnerin Mei möchte, dass sie sich austobt, damit sie sich sicher in der Beziehung ist. Bette geht widerwillig auf die Suche und findet einige Partnerinnen und noch mehr.

Ein Wort zum Cover

Das Titelbild zeigt eine leicht verfremdete Frau in Ölfarben-Optik. Andere Bücher ähnlicher Thematik vom selben Verlag haben ein ähnliches Design. Durch die Perspektive und Platzierung wirkt das Motiv sehr dynamisch, durch die Farben lebendig. Es hat mich aber eher an ein populärwissenschaftliches Sachbuch erinnert als an einen klassischen Liebesroman. Für sich genommen ein wunderschönes Motiv! Beim englischen Cover hat man sich aber für zwei gezeichnete Frauen entschieden, die normalgewichtig, sogar kurvig sind. Das Cover vermittelt dort eher, dass Figuren nicht schlank sein müssen, um Protagonistinnen zu sein. Im Buch spielt das Gewicht keine Rolle, aber ich finde es wichtig, dass Menschen jedes Gewichts in der Literatur präsent sind.



Wie hat mir das Buch gefallen?

Der Einstieg ins Buch war flott und ab 20 % dachte ich, dass mir die Figur aus der Seele spricht. Nach 50 % habe ich aber ganze Absätze überlesen. Denn Bette ist ein typische Figur in Liebesromanen: Ich-bezogen, fühlt sich für alles verantwortlich, tut aber selbst fast nichts. Muss ständig von Freund:innen aufgebaut und bestätigt werden. Gerät ständig in kleine Schwierigkeiten, aus denen sie aber durch ein Wunder wieder herauskommt. Betrachtet alles im Detail, findet alles sehr, sehr wichtig. Hat ansonsten kaum nennenswerte Charaktereigenschaften.

Bette ist eine Figur, mit der man nicht zusammen sein möchte, weil sie so mit Selbstmitleid beschäftigt ist, dass für einen Partner kein Platz ist. Man möchte sie anschreien.

Auch der Subplot mit der konservativen Familie wird so kurz abgehandelt, dass man ihn hätte weglassen können.

Der Konflikt selbst ist ja interessant: Muss man sich als Mensch austoben oder kann man das auch später machen, wenn man sich bereit fühlt? Ist die Wahrscheinlichkeit jemanden zu verlassen geringer, wenn man sich ausprobiert hat, weil man weiß, was man will?

Und anfangs macht Bette gute Fortschritte: Sie hat mit drei verschiedenen Frauen Sex und erlebt eine freigeistige und technisch tolle, eine anhängliche und eine Frau, die nicht mehr will.

Doch dann kommt das Love-Interest und spätestens nach 30 % ist klar, wie es ausgeht. Das Interest selbst hilft Bette immer, egal, was sie tut. Ist wie ihre beste Freundin, nur in lesbisch und etwas schüchterner. Das Love-Interest hat ein Problem, das sich am Ende aber in Luft auflöst. Obwohl der Konflikt Potential hätte.

Der Grundkonflikt wird sehr erwartbar gelöst, und ich fand sowohl den Höhepunkt als auch dessen Aufklärung schwer nachvollziehbar. Die Figuren wissen alles voneinander. Warum sie dann in Streit geraten, wusste ich nicht. Immerhin fand ich das zentrale Gespräch mit Mei sehr nahbar.

In der fallenden Handlung gibt es auch eine Szene, die auf einem Treffen für queere Frauen spielt, in dem sich vor allem Bi-Frauen befinden. Die Figur wurde nicht müde zu betonen, wie wichtig solche Treffen, auch ohne Männer, sind. War gewollt.

Es gibt ein paar kleinere Erotik-Szenen und eine größere, die aber verkrampft und nicht sinnlich wirkt. Dazu passt, dass die Autorin im Nachwort schreibt, sie hätte sich mit "Mechanik und Choreografie von lesbischem Sex" (99 %) beschäftigt. Es wirkte nicht natürlich.

Nett waren die Nebenfiguren, allen voran Ash, die beste Freundin unserer Hauptfigur. Sie hat für alles Verständnis und eine Lösung. Die Figuren beider Freundeskreise waren vielfältig, mir aber zuviel. Ich habe den Überblick verloren. Schwierig fand ich, dass bei einer nicht-binären Figur das Pronomen "dey" genutzt wird - ich wusste nicht, ob es sich um einen Namen handelt und da es ein englisches Lehnwort ist, fühlte es sich wie ein Fremdkörper an. Eine andere Form des Pronomens hätte ich besser gefunden.

Auch hat mich gestört, dass zwei "Panikattacken" vorkommen, bei denen "Angstzustand" aus meiner Sicht treffender gewesen wäre. Über die Verwendung des Begriffs wird immer wieder gestritten. Die Gründe für die Angst sind in beiden Fällen real, die Attacke kommt nicht aus dem Nichts, sondern es sind Probleme, von denen sich die Figuren überwältigt fühlen. Körperliche Symptome treten auf, die für mich nachvollziehbar waren. Trotzdem war ich nicht glücklich damit.

Nett fand ich aber manche sprachliche Metapher, die ganzen Bilder und Wahrnehmungen. Wem es Spaß macht, all die Puzzelteilchen der Welt zu entdecken, der wird mit Bette Spaß haben.

Fazit

Hinter einen tollen Grundidee verbirgt sich ein klassischer Liebesroman mit einer nervigen Figur und einer vorhersehbaren Dramaturgie. Nett zu lesen, aber eher Flop.

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