Profilbild von Leseclau

Leseclau

Lesejury Profi
offline

Leseclau ist Mitglied der Lesejury

Melde dich in der Lesejury an, um dich mit Leseclau über deine Lieblingsbücher auszutauschen.

Anmelden

Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 26.01.2025

Blick hinter die Wohnzimmergardinen

Coast Road
0

Alan Murrin nimmt uns mit in das Irland der 90er: streng katholisch, man heiratet nicht immer ganz freiwillig und ist aneinander gebunden bis zum Tod. Gerade gibt es erste Initiativen für das Recht auf ...

Alan Murrin nimmt uns mit in das Irland der 90er: streng katholisch, man heiratet nicht immer ganz freiwillig und ist aneinander gebunden bis zum Tod. Gerade gibt es erste Initiativen für das Recht auf Scheidung.

Wir sind in einem kleinen Ort, jeder kennt jeden und man versucht, nach außen eine heile Welt zu spiegeln. Das ist so bei Izzy, einer mutigen modernen klugen Frau, die an der Seite eines Abgeordneten lebt, der nun gar keine Angriffsfläche nach außen bieten möchte. Um so heftiger der verbale Kampf in den eigenen 4 Wänden. Das ist so bei Dolores, deren Mann permanent fremd geht und die lange dazu schweigt. Und das ist etwas anders bei Colette, denn die hat ihre Familie verlassen, um mit einem anderen Mann glücklich zu sein. Das Glück ist von kurzer Dauer und Colette kehrt zurück in den Ort. Ihr Mann verbietet es ihr, die Kinder zu sehen. Und Colette verliert den Halt, wirkt nach außen wie eine freie, unabhängige Frau und ist im Inneren komplett zerrissen. Diese Frauen kämpfen um ihr Glück und wir dürfen sie ein Stück auf ihrem (teilweise sehr hartem) Weg begleiten.

Sprachlich ist das Buch ein Genuss, das langsame Tempo und die Wortwahl passen für mich perfekt in die Zeit. Ich kann ganz tief eintauchen in die Welt der Frauen, mich identifizieren und mitfühlen. Es sin die kleinen Momente, die mich berühren und die Welt lebendig werden lassen.

Auch optisch ist das Buch ein Highlight – nicht nur der Schutzumschlag ist sehr gelungen mit dem „Blick hinter die Kulissen“, auch das Hardcover ist farbig gestaltet und ein Schmuckstück.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 21.12.2024

Spannend von der ersten bis zur letzten Seite

Finsteres Herz
0

In einem furiosen Einstieg erleben wir hautnah mit, wie ein Zeugenschutzhaus auffliegt. Dies ist so plastisch beschrieben, dass ich mich mitten im Geschehen glaube. In zwei parallelen Erzählsträngen, die ...

In einem furiosen Einstieg erleben wir hautnah mit, wie ein Zeugenschutzhaus auffliegt. Dies ist so plastisch beschrieben, dass ich mich mitten im Geschehen glaube. In zwei parallelen Erzählsträngen, die häufig am selben Ort, aber zu unterschiedlichen Zeiten spielen, begleiten wir zwei Ermittlerteams. Das Team Mendt/Elling (bekannt aus Teil 1 des Buchs) hat den Originalfall bearbeitet und ist nach dem Auffliegen des Zeugenschutzhauses nicht mehr ansprechbar. Mendt/Elling haben alle Unterlagen zum Fall vernichtet. Und da setzt das zweite Team an. Dudek und Kaminski aus unterschiedlichen Behörden versuchen, den Fall zu rekonstruieren. Und gleich zu Beginn wird klar, dass mindestens einer von ihnen ein eigenes Süppchen kocht.

Und diese Frage, wer nun falsch spielt im Umfeld der Ermittlungen, zieht sich durchs ganze Buch und macht faktisch eine dritte Ebene auf. Es ist faszinierend, wie Holger Karsten Schmidt, die Fäden in der Hand behält und sie zu einem logischen Ende führt. Dabei kommt ihm die Erfahrung als Drehbuchautor sehr entgegen. Ich kann mir die Orte und Menschen direkt vorstellen. Gerade die zentralen Charaktere sind hervorragend skizziert.

Das Buch spielt vor knapp 20 Jahren und die Zeit wird durch kleine Details immer wieder lebendig. Auch das ist hervorragend gelungen.

Es braucht beim Lesen ein gewisses Maß an Konzentration, um in der Komplexität des Falls (der eine stringente innere Logik hat) nicht verloren zu gehen. Gleichzeitig liest sich das Buch flüssig und ich bin nur so durch die Seiten geflogen, um endlich Klarheit in dem ganzen Verwirrspiel zu haben.

Ein absoluter Lesetipp.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 31.10.2024

Lange nachhallende Familiengeschichte

Wenn nachts die Kampfhunde spazieren gehen
0

Ein bisschen beliebig fängt das Buch schon an: narzisstische Mutter, gutmütiger Stabilität gebender Vater und zwei Töchter, die sehr unterschiedlich mit den mütterlichen Ansprüchen umgehen. Doch ganz schleichend ...

Ein bisschen beliebig fängt das Buch schon an: narzisstische Mutter, gutmütiger Stabilität gebender Vater und zwei Töchter, die sehr unterschiedlich mit den mütterlichen Ansprüchen umgehen. Doch ganz schleichend entwickelt sich eine packende, vielschichtige und emotional sehr aufgeladene Geschichte über den Wunsch nach Bindung und Familienzugehörigkeit, nach Anerkennung und gesehen werden.
Wir begleiten die Familie von 1998 bis in die Gegenwart. Und diese zeitliche Einordnung ist zwingend notwendig, um die Protagonistinnen zu verstehen. Auch wenn ich die immer um sich selbst kreisende Mutter am liebsten aufgerüttelt hätte, so wird doch insbesondere in den letzten Kapiteln auch ihre Geschichte verständlich. Und so wie die Mutter um ihren Weg gekämpft hat, tun dies auch ihre beiden Töchter. Wir tauchen tief ein in das Seelenleben von Wanda, die immer gefallen möchte und Antonia, die sich eher zurückgezogen abgrenzt. Und beide Schwestern verlieren sich und einander in dieser aufreibenden Familienkonstellation. Anna Brüggemann schreibt dabei fast szenisch. Ich kann mich in die Töchter total hineinfühlen und möchte gerade Antonia gerne immer wieder ein „bravo“ und „weiter so“ zurufen.
Die Sprache des Buchs ist wunderbar klar. Gerade in den späteren Jahren, als die Töchter sich emanzipieren, fallen unglaublich starke und analytische Sätze wie dieser: „Mama legt immer ein Standard fest, wie bei einer Maßtabelle, und entweder man passt da rein oder nicht. Und wenn wir Idealmaße haben, machen wir sie glücklich“. Besser kann man diese dysfunktionale Beziehung nicht beschreiben.
Ein glaubwürdiges, ganz starkes Buch, das mich auch Tage nach dem Lesen noch beschäftigt. Vielleicht weil ich mich einfach unglaublich mit den Töchtern identifizieren konnte?

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 10.08.2024

Lebensweg zwischen Glück und Verzweiflung

Genau so, wie es immer war
0

Ein ganzes Leben verpackt Claire Lombardo in rund 700 Seiten. Manchmal wünsche ich mir das Buch etwas kompakter, manchmal genieße ich den Detailgrad und verliere mich geradezu in den Seiten. Immer wieder ...

Ein ganzes Leben verpackt Claire Lombardo in rund 700 Seiten. Manchmal wünsche ich mir das Buch etwas kompakter, manchmal genieße ich den Detailgrad und verliere mich geradezu in den Seiten. Immer wieder bleibe ich bei einzelnen Sätzen hängen, die mich packen („Eine Partnerschaft am Laufen zu halten ist wahrlich nicht einfach gewesen, sich bei öffentlichen Anlässen blind darauf zu verlassen dagegen nie ein Problem“).

Julia ist belastet durch extrem schwierige Kindheitsverhältnisse, bindungsunsicher, immer die Antennen ausgefahren, um abzuschätzen, was von ihr erwartet wird. Nun ist sie selbst Mutter und Ehefrau und kämpft mit ihren Dämonen. Sie kennt es einfach nicht, anderen zu vertrauen.

Und peu à peu wird ihr Leben aufgerollt. Episoden aus der Kindheit wechseln sich mit dem Erwachsenenleben ab. Und auch hier springt die Autorin zwischen dem hier und jetzt und Erlebnissen, als Julia junge Mutter war. Die Mühelosigkeit dieser Zeitsprünge begeistert mich. Ich leide mit Julia mit, wenn ihre Beziehung zur Mutter aufgearbeitet wird, versuche ihre depressiven Phasen zu verstehen, frage mich, wie sie Frieden finden kann und freue mich mit ihr, wenn ihr Mann Mark und die Kinder immer wieder Fels in der Brandung sind. Mich würde diese Geschichte extrem aus der Sicht von Mark interessieren. Wie er wohl die ganze Zeit empfindet? Einzelne Einblicke gibt es.

Das Buch wirkt auf jeden Fall nach. Vielleicht, weil es eine ganz normale Geschichte ist. Die zeigt, dass jeder um seinen Platz im Leben kämpfen kann und manchmal auch muss.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 21.07.2024

Geht unter die Haut

Kleine Monster
0

Der Klappentext hat mich ganz schön in die Irre geführt. Hatte ich doch die Auseinandersetzung einer Mutter mit ihrem Sohn erwartet. Jessica Lund geht jedoch viel weiter. Es geht um die Auseinandersetzung ...

Der Klappentext hat mich ganz schön in die Irre geführt. Hatte ich doch die Auseinandersetzung einer Mutter mit ihrem Sohn erwartet. Jessica Lund geht jedoch viel weiter. Es geht um die Auseinandersetzung mit der eigenen Vergangenheit. Es geht darum, wie man eigene – nicht verarbeitete – Erlebnisse ins hier und jetzt transferiert. Wie sich der Blick verschiebt, wenn man traumatisiert ist und gar nicht mehr ans Harmlose, Gute denken kann.
Pia wuchs mit zwei Schwestern auf, eine davon adoptiert. Und genau dieses Mädchen war dabei, als die andere Schwester verunglückt. Schicht für Schicht wird abgetragen, was im Vorfeld und im Nachgang zu diesem Ereignis geschah. Innerhalb der Familie, mit den Eltern, unter den verbliebenen Geschwistern. Pia lernt sehr schmerzhaft „Vielleicht ist nicht alles schwarz oder weiß. Es ist Zeit, in den Schattierungen zu leben“.

Mich hat dieses Buch zutiefst berührt. Die kurzen Kapitel – mal als Rückblende, mal in der Gegenwart – sind sprachlich sehr klar und lassen mich den Schmerz und die Verzweiflung von Pia spüren. Aber nicht nur ihre Perspektive ist großartig beschrieben, auch Mann und Sohn werden lebendig und haben Tiefe.

Eine absolutes Lesehighlight.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere