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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 25.11.2024

Lesenswerter Kommentar zur Erschaffung und dem Umgang mit Bildmaterial in der Psychiatrie des 20. Jhr.

Visuelle Gewalt
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Dieses Buch hat mich mehrere Jahre begleitet, mit immer wieder großen Lesepausen. Sehr angenehm daher, dass sich die einzelnen Kapitel auch gut als alleinstehende Essays lesen lassen und im Zweifelsfall ...

Dieses Buch hat mich mehrere Jahre begleitet, mit immer wieder großen Lesepausen. Sehr angenehm daher, dass sich die einzelnen Kapitel auch gut als alleinstehende Essays lesen lassen und im Zweifelsfall Kernpunkte im Verweis wiederholen. Trotzdem schlägt das Buch einen beeindruckenden Bogen von Anfang bis Ende und zeichnet Entwicklungen und Veränderungen gut nach. Der angedeutete Kommentar auf die gegenwärtige visuelle Praxis regt zum Nachdenken an, die Möglichkeiten zur Analyse hat die Autorin am historischen Beispiel eindrucksvoll demonstriert. Trotz der ansehnlichen wissenschaftlichen Zitatkultur liest sich das Buch flüssig. Ein gewisser historischer Überblick im Vorwissen hilft natürlich dem Verständnis und Lesefluss. Im Kontext der visuellen Darstellung greift die Autorin verschiedene relevante Themen auf und spezifiziert sorgsam ihren Kommentar. Ich musste mich nie fragen, worum es gerade geht, wer an wem handelt. Diese Klarheit der Beschreibung hat mich überzeugt. Ebenso überzeugend empfand ich die ethischen Überlegungen, die die Autorin nicht nur auf ihren Untersuchungsgegenstand, sondern genauso transparent auf ihr eigenes Handeln anwendet. Gewalt- und Machtkritik wird konsequent vor dem jeweiligen gesellschaftlichen Zeitverständnis und aus heutiger Sicht mitgedacht.

Mein persönliches Highlight war Kapitel 2 zu Anstaltsräumen.

Veröffentlicht am 13.10.2024

Gute Unterhaltung, bei der man’s nicht zu genau nehmen sollte

The Games Gods Play – Schattenverführt
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Innerhalb kürzester Lesezeit begegnen sich die Sterbliche Lyra und der Gott Hades und es ist klar, da funkt was zwischen den beiden. Der große Stellvertreter-Wettkampf der olympischen Götter, das sogenannte ...

Innerhalb kürzester Lesezeit begegnen sich die Sterbliche Lyra und der Gott Hades und es ist klar, da funkt was zwischen den beiden. Der große Stellvertreter-Wettkampf der olympischen Götter, das sogenannte Crucible, steht an und Hades wählt Lyra als seine Championesse. Für welche Ziele kämpfen Lyra und Hades und die anderen Götter und Champions bei diesem Spektakel? Die Krone als König der Götter, das nackte Überleben oder ist da Raum für mehr?

Abigail Owens Schreibstil ist gleichermaßen kurzweilig wie langatmig, die Geschichte ist immerhin knapp 700 Seiten lang, liest sich aber in der Regel flüssig und unterhaltsam. Die kurzen Kapitel mit den prägnanten Überschriften unterbrechen zur Mitte hin den Lesefluss etwas, machen den Einstieg aber auch sehr leicht. Insbesondere zu Beginn dominiert ein wunderbarer sarkastischer Humor, nicht nur in den Interaktionen zwischen Lyra und Hades. Mit der Zeit nehmen dann ernstere Töne zu. Die Sprache ist alltagsnah und Lyras Hang zu deftiger bis vulgärer Sprache wird von der Autorin mit zum Teil herrlichem Timing zur Schau gestellt. Nicht nur aufgrund der vulgären Sprache, sondern auch aufgrund der konkreten sexuellen Anziehung ist dies definitiv ein adult Romantasy. Angepriesen als „slow burn“ brennt es hier dennoch sehr schnell sehr heftig. Für mich stand eher die Sehnsucht, das Verzehren und nicht-können (oder wollen) im Vordergrund, für mich daher eher ein „forbidden love“ als ein „slow burn“, denn natürlich sind die Umstände mit Lyra als Sterblicher, Hades als Gott und dann auch noch dem Crucible gewisse Hindernisse. Der Stil erinnert an eine Mischung aus „fifty shades of grey“ und „Percy Jackson“.
Weder Hades noch Lyra scheinen eine bedeutsame charakterliche Entwicklung durchzumachen, auch wenn es sich durch die Entwicklung der Beziehung die wir Lesenden mit Lyra aufbauen oberflächlich so anfühlt.

Im Worldbuilding erfahren wir wenig über die Welt der Sterblichen, da der Großteil der Handlung in der Welt der Götter stattfindet. Die Verbindung der uns bekannten modernen Welt mit dem Fortbestand und der Fortentwicklung der griechischen Götter finde ich sehr gelungen. Die alten Erzählungen werden aufgegriffen, aber auch deutlich verändert.

Leider werden im Laufe der Erzählung sehr viele Themen auf den Tisch gebracht aber nicht konsequent behandelt. Andeutungen, die ins Nichts führen, zumindest in diesem ersten Band, und ungenaue Schilderungen von Ereignissen, die Fragen aufwerfen. Ich habe den Eindruck, man darf es alles nicht so genau nehmen, sonst hängt sich die Erzählung an diesen Mängeln auf. Die manchmal künstlich gepushte Spannung geht dann vor allem am Ende auf Kosten eines adäquaten Erzähltempo, vielleicht fehlte der Autorin der Mut an der richtigen Stelle aufzuhören und den Epilog wegzulassen.

Wer’s gern hot und spicy mag und darauf auch den Fokus legt, bekommt das hier vor dem Hintergrund einer spannenden aber etwas oberflächlichen Fantasy geboten.

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Veröffentlicht am 03.06.2024

authentisch, lyrisch, gewaltig

Beat vor der Eins
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In „beat vor der eins“ lernen wir die Jugendliche Ina kennen, sie schreibt aus der Ich-Perspektive kurze Tagebucheinträge aus denen das Buch besteht.

Der sprachliche Stil ist so authentisch, dass es ...

In „beat vor der eins“ lernen wir die Jugendliche Ina kennen, sie schreibt aus der Ich-Perspektive kurze Tagebucheinträge aus denen das Buch besteht.

Der sprachliche Stil ist so authentisch, dass es mich umhaut. Genau so habe ich meine lyrische Prosa geschrieben als ich so 15 oder 16 war. Nicht alle Themen des Buches waren meine, hier werden wirklich sämtliche klassischen Jugendthemen abgedeckt, Liebe, Sex, Körper(unzufriedenheit), Schule, Eltern... Aber vielleicht fehlt grade angesichts dieser Fülle und Authentizität etwas, was es besser verdaulich macht und für uns Lesende ein wenig aufbereitet. Die volle Wucht dieses Buches ist sowohl seine besondere Stärke als auch seine Schwäche.

Es passiert gleichzeitig zu viel und zu wenig, etwas mehr Rahmen und Handlung wären vielleicht gut gewesen oder auch einfach ein paar mehr Seiten um tiefer einzusteigen. Das Ende kommt doch etwas abrupt und offen. Andererseits passt das genau zum Inhalt und Stil des Buches.

Die anderen Charaktere kommen alle nur Schemenhaft hervor, in ihren aktuellen Handlungen und ihrer Relevanz jeweils für Ina. Auch Ina selber bleibt irgendwie ungreifbar, wie ein Prototyp-weiblicher-Teenager in den sich alles und nichts reinprojizieren lässt. Deutlich wird hauptsächlich ihre Zerrissenheit, das Suchen, das sich-verlieren des Alters in dem sie ist.

Dieses Buch zu bewerten fällt mir entsprechend schwer, ich empfand es als dicht und das Lesen als emotional und anstrengend und dabei eben auch sehr bereichernd. Die Themen des Buches wirken aufgrund der gewählten Erzählweise darüber hinaus, wie ein überschwappendes Gefäß oder ein Kissen, was aus der Vakuumverpackung herausgenommen wird. Diesen Effekt zu erschaffen bedarf einigem an schreiberisch-erzählerischem Können.

Wer überlegt dieses Buch zu lesen sollte unbedingt die content note zu sexueller Übergriffigkeit beachten!

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Veröffentlicht am 25.04.2024

eine ruhige, fein erzählte tiefgründige Geschichte

Zuckerbrot
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Ich mag die Unaufgeregtheit mit der wir in „Zuckerbrot“ Pin und ihre Familie kennenlernen. Pin, aus deren Sicht der Großteil der Geschichte erzählt wird, merkt die Untiefen der Familiengeschichte an ihren ...

Ich mag die Unaufgeregtheit mit der wir in „Zuckerbrot“ Pin und ihre Familie kennenlernen. Pin, aus deren Sicht der Großteil der Geschichte erzählt wird, merkt die Untiefen der Familiengeschichte an ihren klugen Beobachtungen der Gegenwart. Die Beschreibungen von Jinis Kochkünsten und Pins Interpretation der Gefühle ihrer Mutter über diese sind berührend. Im Verlauf der Geschichte werden langsam aus Andeutungen und Ahnungen Wissen. In beständigem Erzähltempo und mit Beschreibungen Singapurs die eindrücklich und zugänglich sind, folgen wir Pin zur Schule, in den Sikh-Tempel und auf den Platz zum Fußballspielen. Jeder der Charaktere ist mir schnell ans Herz gewachsen, nicht zuletzt weil Pins Liebe für ihre Familie aus den Beschreibungen spricht. Gleichzeitig ist da die Vorsicht, das auf Eierschalen laufen, die Abgründe, die die Charaktere auch haben. Langsam, wie Perlen in einem Wasserglas, brechen Konflikte auf, zeitweise hatte ich den Eindruck drückender Luft bei einem Sommergewitter. Meisterhaft vermittelt die Autorin diese Stimmungen und die sanften Entwicklungen. Es ist eine Familiengeschichte, ein Gesellschaftsroman und auch einfach eine berührende Coming-of-age Geschichte in der die verschiedenen Themen immer wieder die verschiedenen Ebenen berühren, insbesondere das Thema Religion. „Zuckerbrot“ liest sich gut, im Anhang gibt es noch ein Glossar zu kulturellen oder singlischen Begriffen, ich musste nie nachschlagen um dem Text folgen zu können, mochte diese Einblicke aber trotzdem.

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Veröffentlicht am 17.04.2024

Poetisch, drückend: Portrait der Odile Ozanne

Das andere Tal
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„Das andere Tal“ folgt in der Erzählung dem Leben von Odile, zu Beginn des Romans 16 Jahre alt. Das Besondere: Gleichzeitig existieren in den Tälern nach Ost und West jeweils 20 Jahre zeitversetzt Odile ...

„Das andere Tal“ folgt in der Erzählung dem Leben von Odile, zu Beginn des Romans 16 Jahre alt. Das Besondere: Gleichzeitig existieren in den Tälern nach Ost und West jeweils 20 Jahre zeitversetzt Odile und die anderen Bewohner. So kommt es, dass Odile Besucher erkennt und aufgrund der Regelungen zur Genehmigung solcher Zeitreisen absehen kann, dass einer ihrer Mitschüler wohl sterben wird. Damit muss Odile umgehen.

Dieses Buch hat mich schnell in seinen Bann gezogen, es ist wie ein düsteres Loch, das mich verschluckt hat. Die Zeitreisemöglichkeit, die erstmal wie süße Freiheit klingt, wird stark reglementiert, die (räumliche) Existenz und Anwesenheit von Zukunft und Vergangenheit wird zwar auch zum reizvollen Gedankenspiel, hauptsächlich aber zur drückenden Last. So sind die Themen des Romans Fragen zu Freiheit, Vorherbestimmung und dem Umgang mit einer Gegenwart die doch nicht so ganz gegenwärtig sein will. Hin und wieder tauschen sich auch die Charaktere über die philosophischen Fragen aus, viel mit Explizitem oder gar mit festen Antworten dient das Buch aber nicht.

Odile ist eine Hauptperson, die mich stark mitgezogen hat, so wie sie sich mitziehen ließ. Bei mir kam selten der Frust mit ihr hoch, ich fand es eher tröstlich ihre fortlaufende Existenz mitzuerleben. Wer sich nach Action sehnt wird das womöglich ganz anders sehen. Die wenigen wirklich wichtigen Charaktere sind alle interessant, viele Entwicklungen bleiben angedeutet, trotzdem findet sich eine überzeugende Tiefe.
Dieses Buch besticht mit einer durchweg poetische Sprache, bei der immer wieder ganze Sätze oder Satzteile hängen bleiben und nachhallen. Sie trägt die Stimmung und macht das größtenteils langsame Tempo der Handlung gewinnbringend. Trotz seiner diesbezüglichen Anlagen bleibt mir dieses Buch nicht als Logikrätzel, sondern als Biografie, als Portrait von Odile, in Erinnerung.

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