Berührend
Mandel„Mandel“ von Won-pyung Sohn
Verlag: Aufbau digital /Blumenbar
Ein bezauberndes Monster nannte ihn seine Oma liebevoll.
Alexithymie - ein Begriff für die Unfähigkeit, Gefühle zu empfinden und auszudrücken. ...
„Mandel“ von Won-pyung Sohn
Verlag: Aufbau digital /Blumenbar
Ein bezauberndes Monster nannte ihn seine Oma liebevoll.
Alexithymie - ein Begriff für die Unfähigkeit, Gefühle zu empfinden und auszudrücken. In der Umgangssprache spricht man oft von Emotionslosigkeit. Genau damit lebt Yunjae. Seine Amygdala, der sogenannte Mandelkern im Gehirn, ist zu klein, weshalb er kaum Freude, Angst oder Wut empfindet. Seine Mutter hat alles versucht, um ihm zu helfen, doch die ersten Symptome wurden bereits im Alter von sechs Jahren sichtbar. In der Grundschule verschlimmerte sich das Problem, und Yunjae wurde als seltsam und unnormal abgestempelt.
Bis zu einer schicksalhaften Gewalttat standen seine Mutter und seine Großmutter schützend an seiner Seite. Sie erklärten ihm Situationen und lehrten ihn, wie er in bestimmten Momenten reagieren sollte. Ein Satz seiner Mutter hat sich besonders in sein Gedächtnis eingebrannt:
„Zu viel Ehrlichkeit kann dein Gegenüber verletzen“ (Pos.41)
Doch plötzlich ist Yunjae auf sich allein gestellt. Neue Menschen treten in sein Leben, darunter Gon, ein schwieriger, gewalttätiger und auffälliger Mitschüler, sowie Dora, eine energiegeladene Läuferin, die Bücher langweilig findet, dafür selbst immer in Bewegung bleibt. Dora vermittelt Yunjae Gefühle, die er zunächst nicht versteht.
Mit der Zeit beginnt der 15jährige, seine Amygdala zu „trainieren“. Aus seiner Perspektive erzählt der Roman die Geschichte zweier Außenseiter, die eine zarte Freundschaft eingehen. Doch die Freundschaft ist vor allem anfangs alles andere als sanft: Gon vermittelt seine Gefühle mit Gewalt, während Yunjae ohne jegliche Gefühlsregung, mit klaren, sachlichen und ehrlichen Worten seine Emotionen ausdrückt.
Während Dora für Yunjae ein positiver Lichtblick ist, stehen sich Gon und er als Gegenspieler gegenüber.
Beide Jungen haben schwere Schicksale: Yunjae, der nicht in der Lage ist, Emotionen zu erkennen und zu zeigen, und Gon, der mit Gewalt aufgewachsen ist. Dennoch lernen sie voneinander, jeder auf seine eigene Weise.
Die Charaktere wurden bildlich ausgearbeitet, und man konnte sich unglaublich gut in die Situationen hineinversetzen. Durch den flüssigen Schreibstil ist man durch die Seiten geflogen.
Won-Pyung Sohn beschreibt in ihrem bewegenden Debütroman die Gefühlswelt von Außenseitern und zeigt auf eindrucksvolle Weise, welche Wege Menschen trotz aller Widrigkeiten gehen können. Die Geschichte macht deutlich, wie wichtig Toleranz gegenüber Vielfalt ist und dass „Normalität“ ein dehnbarer Begriff ist.
Durch gezieltes Training gelingt es Yunjae schließlich, seine Emotionen besser zu verstehen - ein Mut machender Roman über Freundschaft und die Kraft, Emotionen zuzulassen.
Mich hat der Roman sehr angesprochen, die Erzählung über die beiden jungen Menschen und deren Schicksale, sowie die wunderbare Freundschaft machen Mut.
Außenseiter zu sein, seltsam oder anders, kann etwas Wundervolles sein - man muss nur genau hinsehen!
Wunderschön erzählt und zutiefst berührend.