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Veröffentlicht am 24.12.2024

Unerwartet schwungvoller Roman mit historischem Hintergrund

Die Erfindung der Flügel
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Dieser Roman war für mich ganz anders (im positiven Sinne) als erwartet. Über einen recht langen Zeitraum von über 30 Jahren hinweg begleitet Sue Monk Kidd ihre beiden Protagonistinnen Sarah und Handful ...

Dieser Roman war für mich ganz anders (im positiven Sinne) als erwartet. Über einen recht langen Zeitraum von über 30 Jahren hinweg begleitet Sue Monk Kidd ihre beiden Protagonistinnen Sarah und Handful auf ihrem Weg hin zu einer inneren und vielleicht auch äußeren Befreiung. Sarah ist die Tochter einer Plantagenbesitzerdynastie, der im Alter von 11 Jahren die fast gleichaltrige Sklavin Handful als Kammerzofe übereignet wird. Doch Sarah stehts anders als ihre Familie zum Thema Sklaverei und so entwickelt sich eine interessante Geschichte um die Lebenswege der beiden Mädchen.

Auf den ersten Blick könnte man befürchten, dass der Roman zu einem schwülstigen "Weißes-Mädchen-freundet-sich-mit-Sklavenmädchen-an"-Geschichte wird. Best buddies forever sozusagen. Dem ist nicht so. Oft wird die Beziehung zwischen diesen beiden Menschen, die unterschiedlicher zum Zeitpunkt des Romanbeginns in den Südstaaten der USA in 1803 kaum angesehen werden konnten, gar nicht harmonisch oder gar gleichgestellt dargestellt. Meist gibt es Zeiten der Bewegung voneinander weg und wieder zueinander hin. Sehr wichtig ist die Entscheidung der Autorin hier stetig wechselnd die Kapitel sowohl aus Sicht der weißen Sarah als auch aus Sicht der schwarzen Handful zu erzählen. So kommt es nicht zu einem kritischen Ungleichgewicht zwischen einer "weißen Heldin" (erzählt von einer weißen Autorin) und einer (behüte) "schwarzen Geretteten". Nein, beide Mädchen- bzw. später Frauenrollen sind auf ihre Weise stark und ermächtigen sich gegen ihre eigenen Lebensumstände. Der Roman ist mitreißend geschrieben und entwickelt sich zu einem Pageturner. Ein kleines bisschen zu oft holt dabei die Autorin immer wieder dieselben Bilder hervor, um die Aspekte der Verbundenheit und Freiheit den Leser*innen aufs Brot zu schmieren. Ein wenig mehr Raum für eigene Gedankengänge hätte dem Roman noch besser zu Gesicht gestanden.

Nichtsdestotrotz handelt es sich bei diesem Buch um eine durchaus lohnenswerte Lektüre, umso mehr als die Figur Sarah und weitere Protagonisten historisch existiert haben und man dadurch noch mehr über die amerikanische Anti-Sklaverei- und Frauenbewegung erfährt. Dies erläutert die Autorin übrigens im sehr ausführlichen und unglaublich interessanten Nachwort der mir vorliegenden Hardcover-Ausgabe des Buches. So etwas wünsche ich mir häufiger bei historisch angelehnten Texten, damit eine Einordnung nicht nur über "Wikipedia" geschehen muss.

Veröffentlicht am 08.12.2024

Ein rundum gelungenes Handbuch

Das Kräuterhandwerk
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Das Praxishandbuch zu Heilpflanzen und das Gewinnen derer Wirkstoffe durch verschiedene Verfahren von Karin Buchart ist nicht nur gefüllt mit Wissenswertem sondern auch ganz wunderbar illustriert.

Die ...

Das Praxishandbuch zu Heilpflanzen und das Gewinnen derer Wirkstoffe durch verschiedene Verfahren von Karin Buchart ist nicht nur gefüllt mit Wissenswertem sondern auch ganz wunderbar illustriert.

Die Ernährungswissenschaftlerin hat ihr Heilpflanzen-Erfahrungswissen mit ihrem zeitgemäßen, wissenschaftlichen Hintergrundwissen kombiniert und legt ein Nachschlagewerk ebenso wie praxisorientiertes Handbuch zum Thema vor. Man sollte allerdings bedenken, dass dieses großformatige Schwergewicht von einem Buch keins ist, welches man mal eben unter den Arm klemmt und beim Pflanzensammeln mit in die Wildnis nimmt. Vielmehr ist es mit den zahlreichen Illustrationen von Veronika Halmbacher im Innenteil ein wunderschönes und vor allem auch übersichtlich strukturiertes Nachschlagewerk. So kann man perfekt seine Vorhaben planen und dann in der Praxis umsetzen.

Gerade die Übersichtlichkeit des Buches überzeugt mich am meisten. Die verschiedenen Themengebiete wie "Frischpflanzen", "Wässrige Auszüge", "Alkoholische Auszüge", "Fermentierte Kräuter" etc. pp. sind nicht nur klar eingeteilt mit einer kurzen Einleitung, benötigte Zutaten, handwerkliche Schritte und konkrete Rezepte, sondern auch im Buch durch unterschiedliche Farbgebungen am Seitenrand schnell zu finden. Übersichtliche Tabellen machen es einfach hier etwas zu berechnen. Die Illustrationen passen immer genau zum Inhalt und helfen dadurch beim schnellen Begreifen, was gebraucht wird, wie vorzugehen ist.

Ich bin wirklich begeistert von diesem Handbuch und freue mich schon darauf, die ersten Anwendungen auszuprobieren.

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Veröffentlicht am 25.10.2024

Unverzichtbar!

Unversehrt. Frauen und Schmerz
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Mit ihrem Sachbuch „Unversehrt“ legt die Autorin Eva Biringer ein fesselnd geschriebenes Werk zum lange übersehenen Thema Frauen und Schmerz vor, welches durch seine Verständlichkeit besticht und die wichtigsten ...

Mit ihrem Sachbuch „Unversehrt“ legt die Autorin Eva Biringer ein fesselnd geschriebenes Werk zum lange übersehenen Thema Frauen und Schmerz vor, welches durch seine Verständlichkeit besticht und die wichtigsten wissenschaftlichen und kulturell(-historisch)en Fakten zum Thema zusammenführt. Gerade wenn man/frau sich gerade erst in das Thema neu einlesen will, ist dies ein sehr guter Startpunkt und eine klasse Übersicht.

Nach ein paar persönlichen, einführenden Worte, die sich um die Leidensgeschichte von Biringers Großmutter drehen, leitet die Autorin nachvollziehbar her, wie es sein kann, dass noch bis zum heutigen Tage die Schmerzen von Frauen, schwere, schmerzauslösende Erkrankungen bei Frauen und bedenkliche aktuelle Tendenzen in den sozialen Medien weiterhin übersehen werden, nicht ausreichend behandelt werden, nicht ausreichend unterbunden werden. Dabei bringt sie unglaubliche Beispiele von Unterdrückung durch das patriarchale System aber auch dadurch bei vielen Frauen eingeprägte, dysfunktionale Verhaltensweisen sich selbst gegenüber, die Schmerzen auslösen. So bekommt man ein punktgenau zusammengefasstes und trotzdem weitreichendes Bild dieses Themenkomplexes und kann während und nach der Lektüre nur geschockt und wütend zurückbleiben.

Kaum zu glauben ist der Hinweis darauf, dass zum Beispiel in 1986 eine Studie zum Einfluss von Übergewicht auf Brust- und Gebärmutterkrebs durchgeführt wurde, die ohne eine einzige weibliche Teilnehmerin auskam! Genauso eine weitere beispielhaft erwähnte Studie über den hormonellen Einfluss auf Herzerkrankungen, bei der nicht eine einzige Frau zur Stichprobe gehörte!

Sprachlich löst die Autorin dies immer gekonnt, wissenschaftlich genug, aber gleichzeitig nicht zu hochtrabend, manchmal sogar humorvoll bis sarkastisch. Dadurch werden die Leiden der Frauen und der Umgang damit in unserer Gesellschaft und in Sprechzimmern jedoch nie verharmlost oder lächerlich gemacht. Immer ist während der Lektüre klar, wie tiefgreifend der problematische Umgang mit weiblichem Schmerz ist und wie wichtig ein Wandel hin zu einem wertschätzenden Umgang ist. Dafür zeigt die Autorin zum Ende hin auch Beispiele auf, deren Nachahmung nur unterstützenswert ist.

Ebenso unterstützenswert ist diese Buchveröffentlichung. Ich hoffe sehr, dass viele, viele Menschen (weiblich/männlich/divers!) dieses und ähnliche Bücher lesen werden, damit der bisher nur zaghaft eingeschlagene Weg, weg von diskriminierendem Umgang innerhalb der Gesellschaft und speziell in der Medizin und Psychosomatik gegenüber Frauen und weiblich gelesenen Menschen vorangetrieben wird.

Eine klare Leseempfehlung von mir, die unglaublich viel gelernt hat durch die Lektüre.

5/5 Sterne

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Veröffentlicht am 20.07.2024

Nichts ist so wie es scheint

Kleine Monster
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Wer Jessica Linds Debütroman „Mama“ kennt, weiß, dass in ihren Romanen nichts ist, wie es zunächst anmutet. In „Kleine Monster“ erleben wir eine Mutter (Pia), die erfahren muss, dass ihr Sohn in der Grundschule ...

Wer Jessica Linds Debütroman „Mama“ kennt, weiß, dass in ihren Romanen nichts ist, wie es zunächst anmutet. In „Kleine Monster“ erleben wir eine Mutter (Pia), die erfahren muss, dass ihr Sohn in der Grundschule einen – für die Lesenden - nicht näher bezeichneten sexuellen Übergriff gegenüber einer Mitschülerin unternommen hat. Das allein scheint für viele schon unvorstellbar und noch viel schwerer vorstellbar zu durchleben. Doch dabei bleibt es nicht, denn durch Rückblicke erfahren wir mehr über die Kindheit von Pia und bekommen ein erschreckendes Bild geliefert.

Mehr soll inhaltlich gar nicht verraten werden, da der Roman gerade durch die allmähliche Aufdeckung immer mehr Details und das Erkennen von Zusammenhängen gewinnt. Lind flechtet ungemein geschickt die Vergangenheit Pias mit der Gegenwart in ihrer kleinen Familie zusammen. Dabei entsteht ein Eindruck davon, wie stark uns selbst die eigene Kindheit prägt und in der Erziehung der eigenen Kinder einfließt.

Selten habe ich mit gleichsam so viel Interesse aber auch Furcht die Seiten eines Buches umgeblättert, da man nie vorausahnen konnte, welchen psycho(pathlogischen Abgrund die Autorin als Nächstes aus dem Hut zaubert. Das passiert bei ihr allerdings immer im Rahmen des Authentischen. Ein ganz leiser Psychothriller ist dieser Roman, der durch seine klare Sprache mehr als besticht. Mich hat er vollkommen in seinen Bann gezogen und ich konnte und wollte das Buch kaum aus der Hand legen.

Auf nur 250 Seiten fächert Jessica Lind hier gleich zwei Familiendynamiken auf. Die von Pia, ihrem Mann Jakob und ihrem Sohn Luca sowie der Ursprungsfamilie von Pia und wie diese sich von ihre Schwiegerfamilie (Jakobs Eltern und Schwester) unterscheidet. Großen Respekt habe ich davor, wie die Autorin in ihrem Roman verdichtet auf einzelnen Szenen dieses Familiengewebe beschreibt und gleichzeitig in die Psyche der Ich-Erzählerin Pia eintaucht.

Dafür gibt es von mir ein uneingeschränkte Leseempfehlung! Man braucht übrigens auch keine Trigger-Warnung bezüglich des eingangs erwähnten Vorkommnisses zwischen Luca und der Mitschülerin, da Lind sehr gekonnt um das Ereignis herum schreibt und keinerlei voyeuristischen Tendenzen nachgeht. Das hat mir zusätzlich sehr gut gefallen.

5/5 Sterne

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Veröffentlicht am 25.03.2024

Der Aufstieg und Fall eines einfachen Mannes

Die Geschichte eines einfachen Mannes
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In seinem Erstlingswerk verfolgt Timon Karl Kaleyta die Bemühungen eines von sich zu sehr überzeugten Ich-Erzähler in die Höhen seiner Schaffenskraft aber auch wieder zurück nach unten.

Der Ich-Erzähler ...

In seinem Erstlingswerk verfolgt Timon Karl Kaleyta die Bemühungen eines von sich zu sehr überzeugten Ich-Erzähler in die Höhen seiner Schaffenskraft aber auch wieder zurück nach unten.

Der Ich-Erzähler ist dabei auch meiner Sicht total unsympathisch angelegt in seiner überbordenden Eingenommenheit und Egozentrik und trotzdem ist die Lektüre nicht im Entferntesten ärgerlich oder ätzend. Nein, sie ist unglaublich amüsant auf hohem intellektuellem Niveau. Der Plot, die Figur als auch die Geschehnisse sind sehr humorvoll beschrieben. Dabei musste ich durchaus sprachlich an ältere Formen aus den Zwanziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts denken. Mal schelmenhaft, mal Hinterfragen (Aufstieg und Scheitern) des eigenen vorbestimmten gesellschaftlichen Strukturen, mal undefinierbar. Toll.

Wie soll ich beschreiben, dass dieses Schwanken des Protagonisten zwischen schlechten Charakteräußerungen - er gesteht es zwischenzeitlich sogar selbst ein: "Undank und Arroganz, Blasiertheit und Überheblichkeit, Ablehnung und Flucht" - und Verdrängen dieser Einsichten, die für ihn hoffen lassen, ein ums andere Mal immer wieder, indem er von seinem Selbst und seinem Talent dermaßen eingenommen ist, dass er andere nur vor den Kopf stoßen kann, wirklich sehr unterhaltsam zu lesen ist? Es ist ein Auf und Ab, mitunter innerhalb von nur einer Buchseite.

Ich bin total begeistert von diesem gleichsam intelligenten und unterhaltsamen Roman, der sprachlich herausragend geschrieben ist. Ein grandioses Debüt.

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