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Veröffentlicht am 15.01.2025

Warum in die Ferne schweifen?

Mein Schwaben
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Mit Vincent Klink bin ich bereits durch Paris (Ein Bauch spaziert durch Paris), Venedig (Ein Bauch spaziert durch Venedig) und Wien (Ein Bauch lustwandelt durch Wien) flaniert. Habe eigene Reiseeindrücke ...

Mit Vincent Klink bin ich bereits durch Paris (Ein Bauch spaziert durch Paris), Venedig (Ein Bauch spaziert durch Venedig) und Wien (Ein Bauch lustwandelt durch Wien) flaniert. Habe eigene Reiseeindrücke im Nachhinein Revue passieren oder mich von dessen sehr persönlichen Impressionen inspirieren und offenen Auges durch die Städte führen lassen. Mit „Mein Schwaben kehrt der Sternekoch im Ruhestand nun aber den touristischen Hotspots den Rücken und schaut sich stattdessen nicht nur in seiner, sondern seit Studienzeiten auch in meiner Heimat um. Und da gibt es unendlich viel zu entdecken.

Landschaftliche Highlights wie die Wacholderheiden der Schwäbischen Alb oder das Donautal rund um Sigmaringen. Urzeitfunde aus der Vogelherdhöhle bei Niederstotzingen, wie das 3,7 cm kleine Mammut, die älteste Tierdarstellung der Menschheitsgeschichte, mittlerweile in die geschichtsträchtige Uni-Stadt Tübingen umgezogen. Außergewöhnliche Kunstwerke, zu finden in Kirchen, aber auch in der Stuttgarter Staatsgalerie. Kritische Köpfe, die wir kennen, Schiller, Wieland und, nicht zu vergessen, die schwäbischen Tüftler und ihre bahnbrechenden Erfindungen.

Klinks verbindet in diesem lesenswerten Buch seine Ausfahrten ins Umland nicht nur mit allerlei Wissenswertem um die Kulturgeschichte Schwabens, sondern taucht auch tief in die schwäbische Seele ein, die für Außenstehende auf den ersten Blick zwar bruddelnd daherkommen mag, aber herzensgut ist und viel mehr als Kehrwoch‘ und Häusle bauen zu bieten hat.

Daneben ist dieses Buch, für alle, die sich dafür interessieren, eine wahre Fundgrube für Ausflugstipps. Und neben Futter für den Kopf gibt es natürlich auch jede Menge Empfehlungen für den Magen, falls einem unterwegs der Hunger plagt, was durchaus vorkommen mag. Deshalb werden sowohl in den Texten als auch im Anhang empfehlenswerte Gasthäuser genannt. Aber auch wer lieber selbst kocht, wird hier fündig, denn unter dem Titel „Sonntags Brötle und Salätle“ gibt es zum einen einen Überblick darüber, was die schwäbische Küche ausmacht und wo ihr Ursprung zu finden ist, zum anderen stellt Vincent Klink die Klassiker vor und liefert auf 25 Seiten die passenden Rezepte dazu.

Ein rundum gelungenes Buch nicht nur für Schwaben, vollgepackt mit wissenswerten Informationen zu Ländle, Leuten und Historie, präsentiert mit knochentrockenem Humor. Also genau so, wie wir es von ihm kennen und erwartet haben. Bleibt mir nur noch zu sagen: „Danke, Herr Klink, ma hots lesa könna!“

Veröffentlicht am 12.01.2025

Völlig losgelöst...

Umlaufbahnen
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Der erste Satz: „So einsam sind sie in ihrem um die Erde kreisenden Raumschiff und gleichzeitig einander so nah, dass ihre Gedanken, ihre individuellen Mythologien, bisweilen zusammenfinden“.

Eine Raumstation. ...

Der erste Satz: „So einsam sind sie in ihrem um die Erde kreisenden Raumschiff und gleichzeitig einander so nah, dass ihre Gedanken, ihre individuellen Mythologien, bisweilen zusammenfinden“.

Eine Raumstation. An Bord vier Astronauten, zwei Kosmonauten. Ein internationales Team aus Neulingen und alte Hasen auf engstem Raum, jede/r mit einer individuellen Aufgabe betraut. Beobachtungen, Experimente, Forschung in der Petrischale. Schwerelosigkeit und ihre Auswirkungen, lang- und kurzfristig. Jedes Ergebnis dokumentierend.

Vierundzwanzig Stunden, ein Tag und eine Nacht, getaktet in sechzehn Umlaufbahnen, von denen jede neunzig Minuten dauert. Eineinhalb Stunden in Dauerschleife, in denen die Sonne auf- und untergeht. Völlig losgelöst in grenzenloser Unendlichkeit, den Blick gerichtet auf Mutter Erde lassen wir uns treiben.

Samantha Harveys „Umlaufbahnen“, ausgezeichnet mit dem Booker Prize 2024, setzt sich aus individuellen Reflexionen und Beobachtungen zusammen, die in weiten Teilen völlig unspektakulär daherkommen. Gespeist aus Gegenwärtigem und Vergangenem. Den Aufgaben, die es täglich zu erledigen gilt, den Gefühlen, die bei den Blicken aus den Fenstern geweckt werden, aber auch den persönlichen Erinnerungen, Erfahrungen und Sehnsüchten. Manchmal profan, aber über weite Strecken all jene Punkte thematisierend, die die Existenz des blauen Planeten gefährden und dessen Schutz geradezu unumgänglich einfordern. Sehen Dunkel und Licht, Wetterphänomene und eine Welt ohne Grenzen, spüren Hilflosigkeit, persönliche Betroffenheit aber auch wissenschaftliches Interesse. Tauchen ein in die Köpfe der Besatzung, folgen deren Fluss der Gedanken, teilen und würdigen staunend ihre Beobachtungen.

Ganz großes Kino. Lesen!

Veröffentlicht am 31.12.2024

Ein Unrechtssystem – entlarvt!

Unschuldig
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„Unschuldig“ ist kein fiktiver Roman sondern ein Sachbuch über das amerikanische (Un-)Rechtssystem, in dem John Grisham und John McCloskey die Schicksale von zehn Menschen beleuchten, die Opfer von Fehlurteilen ...

„Unschuldig“ ist kein fiktiver Roman sondern ein Sachbuch über das amerikanische (Un-)Rechtssystem, in dem John Grisham und John McCloskey die Schicksale von zehn Menschen beleuchten, die Opfer von Fehlurteilen wurden.

John Grisham ist nicht nur erfolgreicher Autor spannender Justizthriller sondern auch Anwalt. Und dass er ein Kritiker der amerikanischen Justiz ist, wissen wir aus seinen zahlreichen Romanen, die sich immer wieder mit dubiosen Schuldsprüchen auseinandersetzen. Man erinnere sich z.B. an „Die Wächter“ (Co-Autor McCloskey stand übrigens Pate für die Figur des Cullen Post) oder „Der Gerechte“, beides Romane über Fälle bzw. Gerichtsverfahren, in denen Beweise ignoriert, Fakten verdreht und so von vornherein die Verurteilung des Angeklagten feststeht.

Jim McCloskey hingegen setzt sich seit seinen Studienjahren (Theologie) in Princeton gemeinsam mit der von ihm gegründeten gemeinnützigen Organisation Centurion für Unschuldige ein, die in dubiosen Gerichtsverfahren zu lebenslanger Haft oder zum Tode verurteilt wurden.

Eine nicht unwesentliche Rolle spielen in solchen Fällen a) oft schlampige Ermittler oder Gutachter, die ihre vorgefasste Meinung bestätigt sehen wollen und Ergebnisse entsprechend verbiegen, b) Medien, die mit ihren sensationslüsternen Berichten den Blutdurst der Öffentlichkeit aufheizen, c) Richter, deren Interesse an ihrer Wiederwahl größer als ein fairer Prozess ist, d) Pflichtverteidiger, die mangels Erfahrung nur halbherzig bei der Sache sind, e) erpresste Geständnisse und, nicht zu vergessen, weil gerade in den Vereinigten Staaten nicht unwesentlich, f) die Hautfarbe des Beschuldigten.

Grisham und McCloskey sensibilisieren in diesen zehn Geschichten ihre Leser und Leserinnen. Sie fordern zum Hinterfragen auf, zeigen zehn Schicksale, in denen Ignoranz, Korruption, Lügen und Rassismus Menschenleben zerstören oder auslöschen und die wahren Schuldigen ungeschoren davonkommen. Und das ist nur die Spitze des Eisbergs. In der Fülle nicht nur empörend, sondern auch zutiefst deprimierend und kaum zu ertragen. Und dennoch, oder gerade deshalb, nachdrücklich empfohlen!

Veröffentlicht am 29.12.2024

Ein berühmtes Foto und seine Geschichte

Ihr kennt mich nicht
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Ein Augenblick, für immer festgehalten von Robert Capa. Ein Foto, das unter dem Namen „La Tondue de Chartres“ (Die Geschorene von Chartres) um die Welt geht:

16. August 1944. Eine junge Frau, die Stirn ...

Ein Augenblick, für immer festgehalten von Robert Capa. Ein Foto, das unter dem Namen „La Tondue de Chartres“ (Die Geschorene von Chartres) um die Welt geht:

16. August 1944. Eine junge Frau, die Stirn gebrandmarkt mit einem Hakenkreuz, der Kopf kahlgeschoren, in den Armen ihr Kleinkind. Eine aufgebrachte Menschenmenge, die sie erbarmungslos durch die Straßen ihrer Heimatstadt Chartres treibt.

Wer war Simone Touseau? Und was hat sie in einer Zeit, in der die Menschen unmissverständlich in die Kategorien Freund und Feind eingeteilt wurden, dazu bewogen, sich mit einem deutschen Soldaten einzulassen? Dieser Frage geht Julie Héraclès in ihrem mehrfach prämierten Roman „Ihr kennt mich nicht“ nach, in dem sie uns durch Simones Augen auf diese unsichere Zeit und die öffentliche Meinung blicken lässt, die schlussendlich zu deren Verurteilung und öffentlichen Demütigung geführt hat.

Héraclès wertet und verurteilt nicht, hält die Position einer neutralen Beobachterin, die die Licht- und Schattenseiten ihrer Protagonistin im Blick hat und diese in ihrer Komplexität beschreibt. Mit der gebotenen Objektivität richtet sie ihren Blick auf die junge Frau, deren Streben nach Freiheit jenseits der Konventionen. Intelligent, sprachbegabt und fasziniert von der Ideologie der Besatzer, arbeitet sie mit ihnen ab 1941 zusammen, wird zu deren Übersetzerin. Zudem hat Simone noch eine Liebesbeziehung mit einem deutschen Soldaten, und als sie Anfang 1943 Mitglied in der französischen PPF wird, der Partei, die zur Zusammenarbeit mit den Nationalsozialisten aufruft, wird sie bereits hinter vorgehaltener Hand der Kollaboration bezichtigt. Ihr Geliebter fällt bei seinem Einsatz an der Ostfront, das gemeinsame Kind kommt im Mai 1944 zur Welt.

Simone Touseau hat ein Leben voller Widersprüche gelebt, war eine Frau mit Ecken und Kanten, die sich nicht brechen ließ, unbeirrt ihren Weg ging. Ihr Schicksal war kein Einzelfall, sondern steht stellvertretend für die „L’Épuration sauvage“, während der nicht nur politische Kollaborateure kurzerhand liquidiert sondern auch unzählige Frauen, die Beziehungen zu den Besatzern unterhielten, kahlgeschoren durch die Straßen der französischen Dörfer und Städte getrieben wurden. Ein dunkles Kapitel der Geschichte, das Julie Héraclès mit ihrem Roman in Erinnerung ruft. Lesen!

Veröffentlicht am 11.12.2024

Mein Kochbuch des Jahres

Ottolenghi Comfort
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In „Comfort“, Yotam Ottolenghis neuem Kochbuch, dreht sich diesmal alles um Wohlfühl-Rezepte, die mit den Aromen, für die dieser Ausnahmekoch steht, einmal mehr für Geschmacksexplosionen sorgen.

Aber ...

In „Comfort“, Yotam Ottolenghis neuem Kochbuch, dreht sich diesmal alles um Wohlfühl-Rezepte, die mit den Aromen, für die dieser Ausnahmekoch steht, einmal mehr für Geschmacksexplosionen sorgen.

Aber was ist ein Wohlfühl-Essen? Auf diese Frage gibt keine allgemeingültige Antwort, denn jede/r, abhängig vom kulturellen Hintergrund und persönlichen Erfahrungen, wird sie anders beantworten. Ganz gleich ob Pasta, Frittiertes oder Süßes, es sind in erster Linie individuelle Erinnerungen, die wir mit den gefüllten Tellern verbinden. Nicht nur an Orte, sondern vor allem an Menschen, die diese Gerichte zubereitet oder mit denen wir sie genossen haben.

Seine langjährigen Mitarbeiterinnen schwelgen mit ihm in Erinnerungen aus der Kindheit oder von Reisen und steuern gleichfalls ihre eigenen Wohlfühl-Rezepte bei, die aber, wie es nicht anders zu erwarten war, durch ungewöhnliche Zutaten, oft aus dem Gewürzregal oder Vorratsschrank, einen besonderen Kick erhalten.

Wie gewohnt gibt es viele Rezepte, bei denen Gemüse die Hauptrolle spielt. Ich habe bisher die in Butter geschmorten Kohlrabi mit Oliven-Chimichurri sowie den im Backofen gerösteten Spitzkohl mit Miso-Butter nachgekocht. Und was soll ich sagen? Eine absolute Geschmacksexplosion, die diese Alltagsgemüse auf eine ganz neue Stufe hebt und die Vorfreude auf die anderen Gerichte schürt, die ich mir markiert habe.

Die Rezepte sind durchgehend einfach nachzukochen. Sie benötigen manchmal etwas mehr Zeit, aber das lässt sich verschmerzen, wenn das Ergebnis so lecker wie hier ist. Und auch die Beschaffung der Zutaten sollte kein Problem sein, sind diese doch üblicherweise in gut sortierten Supermärkten oder türkischen Lebensmittelgeschäften erhältlich.

Schaut es euch an, blättert es durch, lasst euch inspirieren und merkt, wie euch der Mund wässrig wird. Für mich ist „Comfort“ ohne Zweifel das Kochbuch des Jahres, und ich empfehle es nachdrücklich zur Anschaffung.