Anfangs amüsant, später etwas lahm
REZENSION – Die Idee, eine alte Geschichte modern und zeitgemäß zu erzählen, ist nicht neu und in manchen Fällen auch interessant. Doch sich anlässlich des Doppeljubiläums ausgerechnet den vor 100 Jahren ...
REZENSION – Die Idee, eine alte Geschichte modern und zeitgemäß zu erzählen, ist nicht neu und in manchen Fällen auch interessant. Doch sich anlässlich des Doppeljubiläums ausgerechnet den vor 100 Jahren veröffentlichten Roman „Zauberberg“ des vor 150 Jahren geborenen Thomas Mann (1875-1955) vorzunehmen, den selbst dieser für eher nobelpreiswürdig hielt als seine frühen „Buddenbrooks“, ist schon ein enormes Wagnis. Deshalb ist es wohl ratsamer, den im November beim Rowohlt Verlag veröffentlichten Roman „Zauberberg 2“ von Heinz Strunk (62), der mit früheren Werken bereits zweimal für den Deutschen Buchpreis nominiert war, nur als das zu nehmen, als was er gedacht ist – als Hommage an den berühmten Nobelpreisträger.
Natürlich spielen beide Romane in einem von der Welt abgeschiedenen Privatsanatorium für psychisch Kranke und im heutigen Protagonisten Jonas Heidbrink sowie seinen Mitpatienten sind Charaktere ähnlich jenen aus Manns Roman wiederzuerkennen. Doch liegen nicht nur zwischen den Davoser Alpen (Mann) und der vorpommerschen Tiefebene (Strunk) Welten. Manns „Meisterwerk der Moderne“ inspirierte andere Autoren durch seine intellektuelle und philosophische Tiefe, während Strunk seine Geschichte als satirische Betrachtung unserer heutigen Kommerzgesellschaft mit ihren gelegentlichen Absurditäten in lockerer, gelegentlich auch vulgärer Sprache erzählt.
Jonas Heidbrink ist ein wohlhabender Dreißiger, der sein erfolgreiches Start-up-Unternehmen schon vor Jahren verkauft hat. Ohne Ziel und Sinn für sein weiteres Leben leidet er unter Angstzuständen und schwerer Depression. Deshalb weist er sich selbst in ein Privatsanatorium für Psychosomatik ein, das mitten in einer Sumpflandschaft der vorpommerschen Einöde liegt. Hier trifft er auf Menschen, die alle auf unterschiedliche Weise mit ihrem Leben nicht mehr klarkommen. Als anfangs unwilliger und auf seine Weise überheblicher Patient, der seine Misanthropie pflegt, im Speisesaal allein am Sechsertisch sitzt, auf Ärzte und Klinikmitarbeiter ebenso wie auf Mitpatienten überheblich herabblickt, akzeptiert er diese doch nach längerer Anwesenheit als seine neue Welt, in die er sich mehr und mehr einlebt und letztlich wohlfühlt. Da stört es ihn, den Patienten mit der längsten Aufenthaltsdauer, am Ende kaum noch, dass mit zunehmender Unrentabilität der Privatklinik statt der versprochenen Erweiterungs- und Sanierungspläne ein Nebengebäude geschlossen, die Personalstärke allmählich abnimmt und die Mahlzeiten nur noch als Fertiggerichte aus der Mikrowelle kommen.
Ein direkter Vergleich des neuen Romans „Zauberberg 2“ mit dem von Thomas Mann verbietet sich aus meiner Sicht. Intellektueller Anspruch und Sprache sind nicht vergleichbar. Während Mann tiefgründig über den Sinn des Lebens, die Rolle des Individuums in einer sich wandelnden Gesellschaft, die Bedeutung des Todes und die Auseinandersetzung mit der Krankheit als Teil des Lebens philosophiert und sich gleichzeitig intensiv mit den politischen Spannungen seiner Zeit und den beginnenden Veränderungen in Europa auseinandersetzt, bleibt Strunk obeflächlich und befasst sich am Beispiel seiner stellenweise stark überzeichneten Charaktere mit den Eigenheiten und Absurditäten unserer Gesellschaft als mit den ernsthaft existenziellen Fragen unserer Zeit. Wo Mann Sexuelles nur andeutet, spricht Strunk es aus. Sein Humor ist scharfzüngig, oft makaber, die Stimmung insgesamt ironisch und oft überzogen, was in starkem Kontrast zu Manns eher düsterer Atmosphäre steht.
Verzichtet man aber auf einen direkten Vergleich mit dem literarischen Vorbild, verspricht der Roman „Zauberberg 2“ zunächst dank seiner humorigen, oft satirischen Erzählweise eine amüsante Lektüre zu werden. Wir lernen Heidbrink in seinem Selbstmitleid und alle anderen Patienten in diesem so lebensfernen Klinikalltag mit Arztgesprächen, Gruppentherapie und niveaulosem Kulturangebot als urige Typen kennen. Doch mit jedem neuen Patienten wird der Witz zur Wiederholung. Später erlahmt die Handlung des ohnehin mit 280 Seiten recht kurzen Romans mit ihrem „Langzeit-Open-End-mal-sehen-was-noch-so-alles-kommt-Patienten“ Heidbrink. Doch sehr lange kommt leider nichts. Erst gegen Ende nimmt der Roman wieder etwas Fahrt auf und vermittelt einen Hauch von Spannung.
Freunde der Werke Thomas Manns mag „Zauberberg 2“ zum literarischen Vergleich anregen. Auch begeisterte Leser früherer Romane Strunks dürften Gefallen an seinem neuen Buch finden. Doch wem der Name des Autors noch nichts sagt, sollte wohl besser mit einem anderen seiner Romane beginnen.